Kulturwissenschaft(en): Bilanz und Perspektiven. Eugen Kotte, Didaktik der Geschichte / Neuere und Neueste Geschichte, Universität Vechta, 06.11.2015–08.11.2015.
Reviewed by Christine Kaiser
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2016)
Kulturwissenschaft(en): Bilanz und Perspektiven
An der Universität Vechta fand unter Beteiligung zahlreicher kulturwissenschaftlich ausgerichteter Vertreter/innen verschiedener Disziplinen von diversen deutschen und ausländischen Hochschulen sowie zahlreicher Gäste aus dem In- und Ausland die neunte Jahrestagung des vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderten Netzwerks „Kulturwissenschaft(en) als interdisziplinäres Projekt“ statt. Zielsetzung der Tagung war es, nach einem Vierteljahrhundert neuer kulturwissenschaftlicher Forschung in Deutschland sowohl eine kritische Bilanz zu ziehen wie auch innovative Perspektiven auszuleuchten.
Wie der intensive Austausch auf der Tagung zeigte, besteht erheblicher Diskussionsbedarf angesichts der in den letzten Jahren noch einmal verstärkt zu beobachtenden Unbestimmtheit und Polyphonie innerhalb der Kulturwissenschaft(en), so dass einerseits zwar eine durchaus willkommene Vielfalt in einem offenen Diskursraum entstanden ist, andererseits aber Unschärfen und Beliebigkeiten generiert werden, die letztlich sogar die Studierbarkeit gefährden. So betonte die Kulturhistorikerin SILVIA SERENA TSCHOPP (Augsburg) in ihrem Eröffnungsvortrag zwar erhebliche Erkenntniszuwächse durch Wiederaufnahme und Weiterentwicklung kulturgeschichtlicher Ansätze mit Blick auf die sprachliche Bedingtheit kultureller Erscheinungen, die Aussagekraft visueller Artefakte und die Bedeutung performativer Praktiken, wies aber auch auf den drohenden Verlust der mit diesen Erfolgen einhergehenden Konvergenzen und Übereinkünfte durch in den letzten Jahren zunehmende Diffusionen hin. Für die British Cultural Studies führte dagegen der Anglist DIRK WIEMANN (Potsdam) aus, dass der hier durchaus feststellbare „harte Kern“ aus Inhalten, Konzepten und Methoden erfolgversprechende und anhaltende Perspektiven eröffnet habe. Der Germanist JÜRGEN JOACHIMSTHALER (Marburg) nahm verschiedene kulturwissenschaftliche Einführungen in den Blick mit dem ernüchternden Ergebnis, dass diese Literatur die selbstgesetzten Ansprüche keineswegs erfülle. Der Politikwissenschaftler PETER NITSCHKE (Vechta) schließlich übte in seinem Vortrag massive Kritik an einem totalitären Kulturbegriff und hinterfragte die Professionalität kulturwissenschaftlicher Diskussionen unter Verweis auf die einzeldisziplinäre Herkunft der am kulturwissenschaftlichen Austausch Beteiligten.
Die Romanistinnen MARIA LIEBER und REBECCA SCHREIBER (beide Dresden) stellten im zweiten, den Perspektiven gewidmeten Teil der Tagung am Beispiel eines Projekts zu Gian Giorgio Trissino die These auf, dass Digitalität eine neue lingua franca im kulturwissenschaftlichen Diskurs darstellen könne. In eine ähnliche Richtung wies der Vortrag der Kulturwissenschaftlerin MARIA HERMES (Bremen), die aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht praxisbezogen digitale Möglichkeiten für die Kulturwissenschaft(en) aufzeigte, dabei aber auch die Notwendigkeit eines stärkeren Engagements der Einzelwissenschaften formulierte. Für die historische Kulturwissenschaft zeigte der Historiker JÖRG HACKMANN (Szczecin) die Effizienz des seit einigen Jahren genutzten verflechtungsgeschichtlichen Ansatzes auf, den er am Beispiel der Geschichte des mitteleuropäischen Raumes demonstrierte.
Die Frage nach den Perspektiven der Kulturwissenschaft(en) schließt zwangsläufig auch Probleme ihrer Vermittlung ein, die durch den Geschichtsdidaktiker WOLFGANG HASBERG (Köln) explizit beleuchtet wurden. Während Hasberg innerhalb neuerer geschichtsdidaktischer Konzeptionen erhebliche kulturwissenschaftliche Einflüsse feststellte, die indes nicht zu einem Paradigmawechsel führten, wählte der Geschichtsdidaktiker EUGEN KOTTE (Vechta) die komplementäre Blickrichtung: Auch er konstatierte erhebliche kulturwissenschaftliche Impulse in den Didaktiken einzelner Fächer, aber nur sehr zaghafte Vorstöße in die Richtung einer umfassenden „Kulturdidaktik“. Der Historiker STEFFEN WIEGMANN (Bremen) zeigte am Beispiel des Umgangs mit komplexen gesellschaftlichen Vorgängen wie der Migration in Museen die Erfordernis einer stärkeren Abstimmung von musealer Sammlungstätigkeit und universitären Forschungsaktivitäten auf.
Die Diskussionen auf der Tagung wurden einerseits durch Zweifel an einem zu umgreifenden Kulturbegriff und anderseits durch ein gewisses Unbehagen gegenüber einer zu weitgehenden Unbestimmtheit hinsichtlich zentraler Gegenstände, Begriffe und Methoden der Kulturwissenschaft(en) geprägt. Dabei wurden auch die oftmals von Studierenden geäußerten Probleme in kulturwissenschaftlichen Studiengängen, die durch eine offensichtliche Orientierungslosigkeit bedingt seien, thematisiert.
Eine Herausforderung des kulturwissenschaftlichen Diskurses wurde in dem Umstand identifiziert, dass viele beteiligte Wissenschaftler/innen sich weniger als Kulturwissenschaftler/innen sehen denn als kulturwissenschaftlich orientierte Vertreter/innen der Einzeldisziplinen. Die Zweckmäßigkeit der Gründung von Berufsverbänden im Rahmen der Kulturwissenschaften wurde vor diesem Hintergrund am Beispiel der Ausführungen von GABRIELE DÜRBECK (Vechta) zur Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft e. V. kontrovers diskutiert.
In den Diskussionen klang immer wieder der Ruf nach deutlicherer Abgrenzung und klareren Formulierungen an. Eine Möglichkeit, mit der Vielstimmigkeit und der Unbestimmtheit der Kulturwissenschaft(en) umzugehen, wurde in der Identifikation von Schnittflächen zwischen unterschiedlichen Fächern gesehen, aus deren Zusammenschau möglicherweise ein deutlicher Kern an Gegenständen und Methoden gewonnen werden könnte. Die Bilanz nach einem Vierteljahrhundert neuer kulturwissenschaftlicher Forschung fiel ambivalent aus, indem neben unbestreitbaren Erfolgen auch deutliche Verfallserscheinungen aufgezeigt und diskutiert wurden. Dabei zeigten sich aber auch Perspektiven, die unter anderem in den Möglichkeiten der Digitalisierung wie auch in einer didaktischen reflektierten Vermittlung kulturwissenschaftlicher Themen liegen.
Konferenzübersicht:
Silvia Serena Tschopp (Augsburg): Die Neue Kulturgeschichte: (Noch einmal) Eine Bilanz
Dirk Wiemann (Potsdam): Grenzen des Kulturellen – Grenzen der Kulturwissenschaften?
Jürgen Joachimsthaler (Marburg): Theorie ohne Gegenstand? Zum Stand kulturwissenschaftlicher Einführungen
Peter Nitschke (Vechta): Alles Kultur – oder was? Zur typologischen Aussagekraft der Kulturwissenschaften
Maria Lieber / Rebecca Schreiber (Dresden): Neue lingua franca in den Geisteswissenschaften? Digitalität als innovativer Wissensraum: Der Fall der Romanistik
Maria Hermes (Bremen): Digitale Quellen: Perspektiven von Retrodigitalisierung für historisch arbeitende Kulturwissenschaften
Jörg Hackmann (Szczecin, Polen): Transnationale Verflechtungen in der Geschichte Ostmitteleuropas
Wolfgang Hasberg (Köln): Didaktik der Geschichte, des Geistes, der Kultur? Eine kulturwissenschaftliche Umschau in dialektischer Absicht
Gabriele Dürbeck (Vechta): Zur Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft e.V.: Ziele, Sektionen, Perspektiven (Vorstellung der Organisation)
Eugen Kotte (Vechta): Ist eine Didaktik der Kulturwissenschaften möglich?
Steffen Wiegmann (Bremen): Die Bewahrung des kulturellen Erbes der Migration – Sammlungsstrategien und Museumspraxis
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Christine Kaiser. Review of , Kulturwissenschaft(en): Bilanz und Perspektiven.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2016.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=46024
Copyright © 2016 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


