4. Ost- Westeuropäische Gedenkstättenseminar. Kreisau (Krzyzowa): Stiftung Kreisau (Krzyzowa), Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Ber-lin), Zentrums für Zeithistorische Forschung (Potsdam) und Evangelischen Akademie (Berlin), 10.05.2006-13.05.2006.
Reviewed by Ronny Heidenreich
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2006)
4. Ost- Westeuropäische Gedenkstättenseminar
Vom 10. bis zum 13. Mai fand in Kreisau (Krzyzowa, Polen) das inzwischen 4. Ost-westeuropäische Gedenkstättenseminar statt. Erneut trafen sich auf Einladung der Stiftung Kreisau (Krzyzowa), der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Berlin), des Zentrums für Zeithistorische Forschung (Potsdam) sowie der Evangelischen Akademie (Berlin) über dreißig Vertreter von Gedenkstätten, Museen und Aufarbeitungsinitiativen aus Polen, der Ukraine, Russland, Belarus, Dänemark und Deutsch-land zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch. Im Fokus des diesjährigen Seminars standen die polnisch-ukrainischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, die oftmals von Spannungen und Unverständnis geprägt waren. Die Annäherung der beiden Staaten durch die Aufarbeitung der konfliktreichen Vergangenheit war damit Schwerpunkt der Veranstaltung.
Das erste Pennal befasste sich mit der gemeinsamen und getrennten Erinnerung in Polen und der Ukraine. Das Auftaktreferat hielt Dr. Roman Zinkevic (Polytechnische Universität/Nacional’nyj Universytet L’vivs’ka Politechnika, L’viv), der einen ereignisgeschichtlich ausgerichteten Abriss der polnisch-ukrainischen Nachbarschaft bot. Die ukrainische Perspektive in den Vordergrund stellend, betonte er vor allem die Probleme und Friktionen, die sich aus den ukrainischen Staatswerdungsversuchen nach dem Ersten Weltkrieg ergaben. Schwerpunkt seines Referates war die Entwicklung der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) in der damals zu Polen gehörigen Westukraine und ihres späteren militärischen Arms der Ukrainischen Auf-standsarmee (UPA) während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Zinkevic führte aus, dass das Ziel beider Organisationen eine ukrainische Eigenstaatlichkeit gewesen sei, die sich in Verteidigung ihrer Interessen sowohl gegen die Besatzungsmächte Deutschland und Sowjetunion als auch gegen die Nationalitätenpolitik der Alliierten befand. Die Auseinandersetzungen zwischen Polen und Ukrainern während des Bürgerkrieges in Wolhynien 1943/44 aber auch die Deportation der ukrainischen Bevölkerung in Polen im Rahmen der Aktion „Wisla“ 1947 seien daher in diesem Kontext zu verstehen.
Vor allem mit den diskursiven Elementen der Wolhynien-Trägodie beschäftigte sich anschließend Grzegorz Motyka (Warszawa). Die gegenseitige Wahrnehmung von Polen und Ukrainern sei vor allem vor dem Hintergrund dieses Ereignisses sowie den Bevölkerungstranfers der Nachkriegszeit noch immer stark emotional geprägt, betonte Motyka eingangs. Die langjährige Tabuisierung habe eine Atmosphäre des „Wartens auf die Wahrheit“ geschaffen, die erst nach 1989/92 langsam aufgebrochen werden konnte. Dabei waren die Ausgangsvorrausetzungen in Polen und der Ukraine durchaus verschieden. So standen jeweils die eigenen nationalen Leidenserfahrungen im Vordergrund, die allerdings durch die Aneignung und Anerkennung der eigenen Tätergeschichte durch die andere Seite konterkariert wurde. Schließlich habe sich jedoch in beiden Ländern die „liberale Schule“ durchgesetzt, die in Polen vor allem durch die publizistische Arbeit von Jerzy Giedroyc geleistet wurde. Die umfassende gesellschaftliche Debatte um Wolhynien und die Aktion „Wisla“ setzte in beiden Staa-ten in der ersten Hälfte der 1990er Jahre ein. Zur Jahrtausendwende wurden beide Ereignisse Gegenstand der offiziellen Nachbarschaftspolitik, die mit gegenseitigen Bedauernsäußerungen der damaligen Staatschefs Kwasniewski und Kucma eine Annäherung herbeiführte. Trotz aller gegenläufigen Entwicklungen und Rückschläge habe die Debatte letztendlich einen versöhnlichen Höhepunkt mit der Einweihung einer Gedenkstätte für die Opfer der Wolhynien-Tragödie in Pavlivka (Ukraine) aus Anlass des 60. Jahrestages 2003 gefunden, so Motyka.
Oleksandr Sv’etlov (Char’kiv) befasste sich anschließend mit der identitätsstiftenden Bedeutung des Zweiten Weltkrieges vor dem Hintergrund der polnisch-ukrainischen Beziehungen. Er konstatierte eingangs, dass vor allem die sowjetische Besatzungspolitik zwischen 1939 und 1941 den Nährboden für die ethnischen Konflikte in der Westukraine schuf. So verfestigte die sowjetische Nationalitätenpolitik, die die polnische Bevölkerung durch Terror und Deportation stigmatisierte, das ukrainische Bild Polens. Die Außerkraftsetzung moralischer Normen und Werte durch sowjetische und deutsche Besatzungspolitik schuf damit die Vorraussetzungen für die ethnischen Säuberungen. Die Konstruktion einer eigenen ukrainischen Identität gestaltete sich indes schwieriger und war auch nach der Unabhängigkeit 1992 kaum Gegenstand der gesellschaftlichen Debatten. So gab es keine Renaissance der Ukrainisierung wie in den 1920er oder 1960er Jahren in der Sowjetunion. Die sprachliche Zweiteilung des Landes in einen ukrainischsprachig geprägten Westen und einen russischsprachigen Osten seien symptomatisch für diesen Befund, so Sv’etlov. Allerdings gäbe es trotzdem eine gewachsene ukrainische Identität. Die in der Außenwahrnehmung oft angeführte Spaltung sei ein vor allem von russischen Medien konstruiertes Problem, das überwunden werden müsse. Deshalb ist die Betonung der Zugehörigkeit der Ukraine zum westlichen Kulturkreis, wie sie vor allem seit der Orangenen Revolution 2004 diskutiert wird, ein wesentlicher Schritt in diese Richtung. Die polnisch-ukrainischen Beziehungen hätten sich vor diesem Hintergrund in den letzten Jahren stark verbessert, was die Unterstützung der damaligen demokratischen Opposition durch Polen manifestierte. Für die weitere Entwicklung der gegenseitigen Beziehungen plädierte Sv’etlov für eine Orientierung an den polnisch-deutschen Debatten, die zu einer Überwindung bestehender Ressentiments beigetragen haben.
Das zweite Pennal am Nachmittag war der „Konkurrenz der Opfer“ im Spannungsfeld von Kommunismus und Nationalsozialismus gewidmet. Wilfried Jilge (Geisteswissenschaftliches Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, GWZO, Leipzig) referierte die Bedeutung von Holocaust und Zweitem Weltkrieg in der ukrainischen Erinnerungskultur seit 1991. Die sowjetischen und deutschen Okkupationen zwischen 1939 und 1944 seien ein konstitutives Element der ukrainischen Nationalidentität und daher vor allem auf eine homogene Narration ausgerichtet. Vor der nationalen Unabhängigkeit sei eine kontroverse Thematisierung nicht erfolgt, da sie eine offene Infragestellung der Legitimität der Sowjetukraine bedeutet hätte. Mit der nationalen Unabhängigkeit kam es vor allem in den westlichen Gebieten zu einem Denkmalsturz sowjetischer Mythen, dessen Lücke durch die Erinnerung an den ukrainischen Widerstand der UPA geschlossen wurde. Die Akzeptanz dieser umstrittenen Umwertung nimmt jedoch in den ostwärts gelegenen Gebieten weiter ab. Jilge verwies darauf, dass diese Ablehnung nicht pauschal als prosowjetisch zu interpretieren sei. Vielmehr seien regional beschränkte historische Erfahrungen auf diese Beobachtung zurückzuführen. Jenseits dieser Frage sei erneut eine generelle Tendenz zu Homogenisierung der Opfer des Krieges zu beobachten, die auf die Schaffung eines einheitlichen nationalen Opfernarratives abziele. Die Wahrnehmung des Holocaust an den ukrainischen Juden stehe stellvertretend für diese Entwicklung. So führe das „Beschweigen“ dieses Ereignisses zu einer Entfremdung der heutigen Bevölkerung vom Holocaust, dessen Hauptschauplatz in der Ukraine gelegen habe, so Jilge. Vor allem in der Westukraine führe die Erinnerung an die OUN und UPA, deren ideologische Affinität zum Nationalsozialismus unterstrichen wurde, in Extremfällen zur Überbauung von Schauplätzen des Judenmordes mit Gedenkzeichen für die Aufstandsarmee. Die Zusammenführung der westukrainischen Besatzungserfahrungen mit dem Holodmor in den übrigen Landesteilen führte so zur Konstruktion eines „ukrainischen Holocaust“, der vor allem die Bewahrung des eigenen, identitässtiftenden, Opferstatus bezwecke. In seinem Resümee sprach Jilge von einer „Erinnerungspathologie“ in der Ukraine, die durch die besondere Aufarbeitung einzelner Verfolgungsschicksale andere zu überdecken versuche.
Stefan Troebst (GWZO, Leipzig) befasste sich unter dem Titel „Holodmor oder Holocaust“ mit den konfligierenden Erinnerungskulturen in Europa. Unter Berufung auf die Europavorstellung von Oskar Halecki, teilte er den Kontinent in vier wesentliche Regionen, die von West nach Ost die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges zwischen Sieg der Demokratie, Befreiung, Besatzung, und militärischem Sieg verarbeitet haben. Diese Trennung sei in den letzten Jahren vor allem in den Debatten um eine gespaltene Erinnerung Europas an den Holocaust und den Gulag als Erinnerungsimperative zu beobachten gewesen. Er machte darauf aufmerksam, dass die jeweiligen regionalen Gewichtungen nicht nur von der historischen Erfahrung sondern auch von der Ausgestaltung des politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesses abhängig seien. Dabei gebe es nicht nur die oft thematisierten Defizite im Osten Europas, auch in den westlichen Demokratien seien Verwerfungen in der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zu konstatieren. Letztendlich läge damit ein „Patchwork europäischer Erinnerungskulturen“ vor.
Zum Ausklang des ersten Seminartages wurde von Svitlana Kocerhina (Historisches Museum/L’vivs’kyj Istorycnyj Muzej, L’viv) der in den 1970er Jahren in der Sowjetunion entstandene Film „Acht Takte Todesmusik“ (Vosem taktov zabytoj musiky) gezeigt. Die kurze Dokumentation setzt sich mit der Vernichtung der Juden im damaligen Lemberg auseinander, ohne dabei die Opfergruppe zu benennen. Er verdeutlichte damit noch einmal, dass das von Jilge beschriebene Beschweigen des Holocausts in der Ukraine kein Phänomen der letzten Jahre ist.
Der Vormittag des zweiten Tages war der Vorstellung einzelner Museen und Gedenkstätten gewidmet. Den Auftakt für dieses Pennal machte Irina Flige (Memorial St. Petersburg), die das Projekt des virtuellen Gulag-Museums (Virtual’nyj Muzej Gulaga, www.gulagmuseum.org) referierte. Eingangs verwies sie auf die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Erbe des sowjetischen Lagersystems, die nach einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema zu Beginn der 1990er Jahre heute fast vollkommen zum Erliegen gekommen sei. Die Gründe machte Flige vor allem in der Unfähigkeit eine adäquate Sprache der Erinnerung zu finden, aus. Sie verwies darauf, dass die hauptsächlichen Zeugnisse dieses Verbrechens die Überlieferungen der Täter seien, deren Sprache zu einer Entfremdung zwischen dem tatsächlich Erlebten und dem heute Erinnerten führe. Das virtuelle Gulag-Museum versucht daher einen neuen Zugang, in dem vor allem die materiellen Zeugnisse und deren Gebrauch im Lagerkontext bekannt gemacht werden sollen. Damit bietet sich die Möglichkeit, den Gulag vor allem aus der Perspektive der Insassen zu erfahren. In dem Vorhaben, an dem mehr als achtzig Institutionen und dreihundert Initiativen aus fast allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Polen beteiligt sind, werden Artefakte und persönliche Zeugnisse abgebildet, beschrieben und kontextualisiert. Sie verwies auf die enormen Schwierigkeiten, die bei der Umsetzung zu verzeichnen sind. So entstanden vor allem an den abgelegenen Orten der Lager kleine Museen und Ausstellungen, die kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Überdies besitzen viele staatliche Museen Zeugnisse der Lager, ohne dass diese als solche in den Ausstellungen und Depots gekennzeichnet sind. Neben dem Auffinden dieser Artefakte ist damit die Präsentation und Vermittlung des Wissens um den Gulag eines der wesentlichen Ziele dieses Projektes. Daneben sei die Beschäftigung mit dem Thema äußerst komplex und reiche von einer affirmativen Darstellung bis zur Präsentation des Leidens der Opfer. Die Resonanz auf die bisher im Internet veröffentlichten Ergebnisse sei überaus positiv und habe in einigen Fällen zur Entstehung neuer Initiativen beigetragen. Erklärtes Ziel sei letztendlich die Schaffung eines Ver-bandes der Gulag-Museen, um die Erinnerung an dieses schreckliche Kapitel europäischer Geschichte zu bewahren.
Ein weiteres Museum wurde mit dem Haus der Begegnung mit der Geschichte (Dom Spotkan z Historia) von Michail Svetlik (Warszawa) vorgestellt. Die am 1. März 2006 eröffnete Einrichtung bietet eine umfassende Ausstellung zur Geschichte des Totalitarismus im Europa des 20. Jahrhunderts. Die Entstehung des Museums ist vor allem der Bemühungen des Karta-Institutes zu verdanken, in dessen Trägerschaft die Einrichtung befindet. Obwohl auf die polnische Vergangenheit fixiert, erhebt es den Anspruch, durch eine gesamteuropäische Kontextualisierung von supranationaler Bedeutung zu sein. Unter Berücksichtigung der historischen Territorialentwicklung Po-lens ist sie in polnischer, russischer, deutscher und englischer Sprache erschließbar. Dabei wird mit Rückgriff auf alternative Ausstellungskonzepte und den Einsatz audiovisueller Medien, der Zugang vor allem auf der Ebene individueller Biografien zum Thema versucht. Daneben stehen in Zukunft auch eine Bibliothek, ein Archiv sowie Seminarräume zur Verfügung. Ein noch in diesem Jahr zu realisierendes Vorhaben ist die Fertigstellung eines Nekrologes der Opfer des Totalitarismus, der Teil der Dauerausstellung werden wird.
Einen westeuropäischen Zugang zur Aufarbeitung des Kommunismus bot die Vorstellung des in Gründung begriffenen Kalten-Krieg-Zentrums (Center for Cold War Stu-dies) in Dänemark durch Thomas Friis (København). Das an der süddänischen Uni-versität angesiedelte Institut ist Ergebnis gesellschaftlicher und historischer Debatten um die Rolle Dänemarks während des Kalten Krieges nach 1989. Friis führte aus, dass die dänische Gesellschaft bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit im Wesentlichen in zwei Lager gespalten sei, die durch eine affirmativ-sozialistische und konservative Interpretation gekennzeichnet ist. Das insbesondere auf die Beziehungen zur DDR fixierte Interesse an der Geschichte des Kalten Krieges sei dabei 15 Jahren gleich bleibend groß. Zur Erforschung des Kalten Krieges wurden bislang nur staatliche Kommissionen unter Beteiligung von einigen unabhängigen Historikern eingesetzt, deren Ergebnisse in der Öffentlichkeit allerdings kaum rezipiert werden konnten. Das Institut verfolgt deshalb neben der Etablierung einer Forschungsgemeinschaft auch die Aufklärung der dänischen Öffentlichkeit über den Kalten Krieg. Inhaltlich werden fünf Forschungsbereiche geschaffen, die von politikwissenschaftlichen Ansätzen, über die Geschichte der Arbeiterbewegung, Kulturbeziehungen, Geheimdienst- und Militärgeschichte bis hin zu Handelsbeziehungen und einzelnen Area Studies reichen.
Das vierte Penal war einzelnen Projekten gewidmet. Mariusz Zajaczkowski (Institut des Nationalen Gedächtnisses/Instytut Pamieci Narodowej IPN, Lublin) referierte die Arbeit des IPN im polnisch-ukrainischen Grenzraum. Dabei stand insbesondere die Beschäftigung mit der Wolhynien-Trägodie in den letzten Jahren im Vordergrund. So wurde ein trinationales Forschungsprojekt von polnischen, ukrainischen und slowakischen Historikern durchgeführt, das sich mit dem Verhältnis der jeweiligen Sicherheitsdienste zur ukrainischen Widerstands- und Unabhängigkeitsbewegung befasste. Daneben entstand eine Ausstellung zur polnisch-ukrainischen Nachbarschaft, die in Kreisau zu sehen war. Für den schulischen Bereich wurden Bildungsmappen und Handreichungen für Lehrer erarbeitet und erfolgreich eingesetzt. Doch nicht nur die Wolhynien-Tragödie wurde thematisiert. Das IPN Lublin konzipierte daneben Exkursionen für polnische Schüler an die Schauplätze der Aktion „Wisla“, die mit oral history Befragungen verbunden werden. Außerdem entsteht zurzeit in Zusammenarbeit mit einem Fernsehsender eine Dokumentation über die Zusammenarbeit zwischen dem volkspolnischen Geheimdienst und der sowjetischen Geheimpolizei NKVD in den Nachkriegsjahren.
Oksana Kulyk vom Institut für Kirchengeschichte an der Theologischen Universität L’viv (Instytut cerkovnoi istorii, L’viv) referierte zum Abschluss des Tages die Tätigkeit ihrer Einrichtung, die sich unter anderem mit der Verfolgung der griechisch-katholischen Kirche in der Westukraine befasst. Seit 1992 werden dort Zeitzeugenberichte und Archivalien gesammelt, die die Verfolgung dieser Glaubensgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren. Auf Grundlage dieser Arbeit soll in Zukunft ein Museum entstehen. Kulyk führte aus, dass das Verbot der griechisch-katholischen Kirche und die Zwangsunion mit der Orthodoxie 1946 trotz massiver Repressionen nicht das Verschwinden der Glaubensgemeinschaft zur Folge hatte. Obwohl tausende Priester verfolgt und in die Lager des Gulag verschickt worden waren, wurden im Verborgenen auch weiterhin Gottesdienste gefeiert. Nach der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine entstand die griechisch-katholische Kirche erneut und ist heute wesentlicher Bestandteil einer westukrainischen Identität.
Da sich unter den Teilnehmern noch Vertreter weiterer Institutionen befanden, die ihre Arbeit präsentieren wollten, wurde kurzfristig am Morgen des letzten Seminartages noch ein weiteres Penal eingeschoben. Svitlana Kocerhina erläuterte die Arbeit des Historischen Museums in L’viv, das eine Dauerausstellung zur sowjetischen und deutschen Okkupation in der Westukraine beherbergt. Zurzeit ist eine Ausstellung über die Geschichte des deutschen Vernichtungslager Janiv geplant, wofür das Museum noch Kontakte zu einschlägigen Institutionen sucht. Viktor Fedušcak von der Organisation Pošuk (L’viv) präsentierte noch kurz das ukrainische Pendant zum virtuellen Gulag-Museum (www.gulag-museum.org.ua). Die auf der Internetseite zusammengetragenen Informationen sind Bestandteil des internationalen Vorhabens, vertiefen jedoch durch ausgewählte Quellen und Beiträge die ukrainische Perspektive auf dieses Thema.
Auch das diesjährige Treffen wurde von den Teilnehmern positiv resümiert. Dabei hat sich gezeigt, dass die Kombination von historiographiediskursiven Beiträgen und der Vorstellung konkreter Projekte fruchtbar für die Diskussionen sind. Besonders erfreulich war, dass sich der Austausch kontinuierlich intensiviert und so die Annäherung zwischen Wissenschaftlern und Praktikern vorangetrieben wird. Dem Anliegen des Seminars, Plattform und Netzwerk zu sein, wurde sich so 2006 wieder ein Stück angenähert. Für das Frühjahr 2007 wird das 5. Ost-Westeuropäische Gedenkstättentreffen vorbereitet.
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Citation:
Ronny Heidenreich. Review of , 4. Ost- Westeuropäische Gedenkstättenseminar.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2006.
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