Foucault in den Kulturwissenschaften. Essen: Kulturwissenschaftliches Institut, Essen, in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen und der Universität Bielefeld, 03.02.2005-05.02.2005.
Reviewed by Kai Reinhart
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2005)
Foucault in den Kulturwissenschaften
Michel Foucault ist einer der umstrittensten aber auch der anregendsten Denker des 20. Jahrhunderts, der viele Neuansätze in den Kulturwissenschaften angeregt hat. Seinem Werk widmen sich zahlreiche Sammelbände und Monografien. Beschäftigten sich viele der anlässlich seines 75. Geburtstages im Oktober 2001 und seines 20. Todestages im Juni 2004 abgehaltenen Tagungen vorwiegend mit foucault-philologischen Problemen und Fragen der Deutung seiner Texte, so ging es diesmal gerade nicht darum, den zahlreichen Konferenzen zu Foucault selbst noch eine weitere hinzuzufügen. Ziel war es vielmehr, eine Bestandsaufnahme der vielfältigen und umfangreichen Rezeption und Wirkung seines Werkes für das gesamte kultur- und sozialwissenschaftliche Fächerspektrum zu unternehmen und darüber hinaus zu fragen, was für zukünftige Forschungen noch mit Foucault zu tun bleibt.
Ziel der unter wissenschaftlicher Leitung von Clemens Kammler (Duisburg/Essen) und Rolf Parr (Bielefeld) abgehaltenen Konferenz war es also, einen Einblick in zentrale Bereiche der vielschichtigen und weitgefächerten Rezeption Foucaults im geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächerspektrum zu bieten und dadurch ihre Vernetzung über die Grenzen der einzelnen Disziplinen hinaus zu stärken. Dazu waren Referenten aus den unterschiedlichsten Disziplinen ins „Kulturwissenschaftliche Institut“ des Landes Nordrhein-Westfalen in Essen geladen worden. Dass die produktive Nutzung des vielbeschworenen foucaultschen „Werkzeugkastens“ Studenten und Wissenschaftler zugleich umtreibt, zeigte sich an den Anmeldezahlen, die dreimal höher lagen als es die Organisatorin, Elke Reinhardt-Becker, erwartet hatte.
Nach Begrüßungsworten von Jörn Rüsen, dem Präsidenten des Kulturwissenschaftlichen Instituts, eröffnete Clemens Kammler (Duisburg/Essen) die Tagung mit einem kurzen Überblick über das Werk Foucaults, dessen Leitmotiv er über alle Brüche hinweg in der Frage nach der Subjektivierung des Menschen sieht. Foucaults provokante These aus den 60er-Jahren vom „Tod des Subjekts“ habe sich gegen transzendentalphilosophische oder ontologische Theorien des Menschen gerichtet, an deren Stelle er seine historischen Objektivierungsformen und Möglichkeitsbedingungen erforschte. Vor diesem Hintergrund unterscheidet Kammler vier Phasen des foucaultschen Denkens. Zunächst habe er die Geschichte der Humanwissenschaften analysiert, dann die Heuristik der Diskursanalyse entwickelt und schließlich eine Analytik der Macht erarbeitet. In seiner letzten Lebensphase habe er sich Fragen der Ethik und der Lebenskunst zugewandt. Kammler beschließt seinen Vortrag mit der Frage, ob diese Wendung Foucaults zur Möglichkeit von Autonomie in unserer Zeit, trotz der Omnipräsenz zeitgenössischer Machtverhältnisse, überzeugen könne.
Friedrich Balke (Köln) stellte einen entscheidenden Gedanken der foucaultschen Geschichtstheorie infrage. Er legte Georges Dumézils Schema der Trifunktionalität zu Grunde, nach dem sich alle indoeuropäischen Gesellschaften in drei Bereiche einteilen lassen: die Herrscherfunktion („Jupiter“), die Kriegerfunktion („Mars“) und die wirtschaftliche Funktion („Quirinus“). Als Historiker habe Foucault versucht, sich diesem Schema zu entziehen, um statt einer „jupiterischen“ Siegergeschichte eine Analyse der Macht zu entwickeln. Doch auch Foucault habe sich nicht aus der Verbindung von Macht und Wissen, die am Anfang unserer Kultur stehe, ausklinken können. Vielleicht müsse man Petrarcas Frage, was in der Geschichte eigentlich nicht zum Ruhme Roms geschieht, die Foucault wiederholt habe, mit einem lapidaren „Nichts“ beantworten.
Am Nachmittag des ersten Tages stand weiterhin die Geschichtswissenschaft im Mittelpunkt. Michael Maset (Köln) versuchte eine Bestandsaufnahme der Foucault-Rezeption. In Deutschland führe die Historische Sozialwissenschaft als das hegemoniale Forschungsparadigma ein Rückzugsgefecht gegen die von Foucault inspirierte Kulturgeschichte. Im Gegensatz zu anderen Ländern könne man erst seit Ulrich Brielers Studie über Foucault als Historiker (1998) von einer wissenschaftlichen Rezeption sprechen. Inzwischen zierten Begriffe wie „Diskurs“ oder „Gouvernementalität“ zwar so manche Einleitung, es mangele aber noch an systematischer Durchdringung der foucaultschen Analysetechnik und an der Reflexion erkenntnistheoretischer Probleme. So enthielten drei neuere Arbeiten (Landwehr 2001, Sarasin 2003 und Epple 2003) zwar eine gezielte Auswahl von foucaultschen Analyseelementen, aber keine Diskursanalyse in seinem Sinne. Darüber hinaus greife die Konzentration auf normative Vorstellungen, die leicht aus den Texten extrahiert werden könnten, zu kurz. Stattdessen müsste, wie in einer Studie von Mommertz (1996), die Verflechtung von Diskursivem und Nicht-Diskursivem stärker berücksichtigt werden. In der lebhaften Diskussion wurde u. a. darauf hingewiesen, dass Foucault selber sein Diskurs-Konzept erweiterte und im Begriff des „Dispositivs“ auch nicht-diskursive Praktiken integrierte.
Geschichtsschreibung im „Empire“ war das Thema von Ulrich Brieler (Leipzig), der feststellte, dass die Beschäftigung mit dem „Imperium“ als einem globalgeschichtlichen Deutungsmuster in der Geschichtswissenschaft wieder Konjunktur habe: So z. B. in dem Buch „Empire – Die neue Weltordnung“ von Hardt/Negri (2002), in dem Überlegungen Foucaults aus den 1970er und 1980er Jahren eine zentrale Rolle spielten. Wichtige Erkenntnisse der beiden Autoren, etwa zur biopolitischen Produktion, zur Auflösung der nationalstaatlichen Souveränität und zur Entstehung neuer Subjektivitäten, basierten auf der Arbeit des französischen Philosophen, was überrasche, da Foucaults historische Praxis von einer globalen Perspektive weit entfernt sei. Bei der Suche nach einer Genealogie des Empires verfolgte Brieler drei Fragen: Lässt sich mit Foucault eine andere Geschichte des (National-)Staats, eine Geschichte der Bio-Macht, sowie eine kritische Genealogie der neuzeitlichen Subjektivität schreiben? Seine ausführlich debattierte aber sicher noch nicht abschließend zu beantwortende Frage lautete, ob Foucaults Werkzeuge nicht Anregungen für eine globale Geschichtsschreibung liefern könnten, auf den Spuren der historisch verschränkten Verhältnisse von Bio-Macht, Subjektivität und Staatlichkeit.
Der Vormittag des zweiten Tages war der Literaturwissenschaft gewidmet. Obwohl sich Foucault immer wieder von der Literaturwissenschaft distanziert habe, hätte sie in den letzten Jahren doch wichtige Impulse aus seinen Arbeiten gewinnen können, so Achim Geisenhanslüke (Regensburg). Der Versuch Arne Klawitters (2003), allein aus Foucaults Sprachontologie die Diskursanalyse zu begründen, führe allerdings in Aporien, die auch Foucault dazu gedrängt hätten, seine frühe Auffassung vom Sein der Sprache zu korrigieren. Andere Ansätze, wie die Interdiskursanalyse, die Historische Diskursanalyse, die Medientheorie und die Kulturwissenschaft gingen daher über Foucaults Literaturbegriff hinaus. Einige kulturwissenschaftlichen Ansätze (u. a. Baßler 2001) in der Literaturwissenschaft beriefen sich aber zu Unrecht auf Foucault. Es handele sich lediglich um eine Erweiterung intertextueller, nicht aber diskursanalytischer Methoden. Ihr Gegenstand sei das kulturelle Feld, nicht die „Leerstelle“ des Diskurses. Dabei ginge der innovative und subversive Gehalt Foucaults verloren. Die Aktualität Foucaults zeige sich daher besonders in seinen Widerständen gegen die kulturwissenschaftlichen Ansätze.
Nach Eva Erdmann (Erfurt) hat Foucault nicht nur die Literaturtheorie inspiriert, sondern auch eine neue literarische Figur evoziert – den „Foucaultianer“. Er entstamme hauptsächlich der amerikanischen Literatur und sei ein kulturtheoretisch beschlagener Typ, dessen lebensweltliche Defizite sich allerdings zur Karikatur eigneten. Entsprechend sei er besonders in den Campus-soaps zu Hause (u. a. bei D. Lodge: Changing Places, 1993; J. Franzen: The Corrections, 2001), aber auch als Satire auf die „french intellectual elite“ im gesellschaftskritischen Roman (P. Roth: The human stain, 2000) zu finden. Allerdings handele es sich nicht um eine völlig neue Erfindung, sondern eher um eine „reinventio“ in der Tradition der Wissenschaftsromane à la Flauberts „Bouvard und Pécuchet“ (1881). Ob sich dieser bekannte Typus des postmodernen Intellektuellen aber wirklich direkt mit Foucault verbinden lässt, blieb unter den Teilnehmern umstritten.
Der Nachmittag begann mit einem gemeinsamen Vortrag von Rolf Parr (Bielefeld) und Matthias Thiele (Dortmund) über die Foucault-Rezeption in den Medienwissenschaften. Obwohl sich Foucault selbst nie dezidiert zu den Medien geäußert habe, seien viele seiner operativen Begriffe in den Medienwissenschaften präsent. Insbesondere die Möglichkeit der Kopplung von diskursiven Elementen mit der Materialität der Technik machten seine Theorie für die Medienwissenschaft interessant, die Verwendung des foucaultschen Begriffsinstrumentariums sei dabei aber teilweise durchaus problematisch. Parr/Thiele unterscheiden dementsprechend eine unkritisch-naive Adaption, die Beibehaltung der foucaultschen Begriffe bei gleichzeitiger Umwandlung in andere Konzepte und schließlich eine kritische Weiterentwicklung entsprechend der spezifischen Fragestellung der Medienwissenschaften. Kopplungspunkte zwischen Foucault und den Medienwissenschaften bestünden vor allem in den Komplexen Archiv und (Medien)archäologie, im Begriff des Dispositivs, in der Idee des Panopticons und in dem Komplex Macht/Wissen/Körper. Produktive Möglichkeiten mit Foucault weiterzudenken sehen Parr/Thiele vor allem für die Fernsehwissenschaft. So hätte die Auflösung der Instanzen von Autor, Werk und Subjekt bei Foucault doch eigentlich geradezu einladen müssen, die fernsehwissenschaftliche Kategorie ›flow‹ darauf zu beziehen, man denke nur an die Zerstreuung durch Zappen, überleitende Programmverbinder und im Weiteren die tendenziell interdiskursiven Paratexte des Fernsehens überhaupt. Gerade für Letztere wäre mit einer Foucault weiterdenkenden Interdiskursanalyse in den Medienwissenschaften noch eine Menge zu tun. Ähnliches gelte für die Frage nach der Serialität, dem Verständnis von Technik als Diskursen. Einen letzten großen weißen Fleck auf der Foucaultkarte der Medienwissenschaften bilde schließlich der späte Foucault und seine ›Ethik/Ästhetik des Selbst‹. Medienethik boome zurzeit regelrecht, aber ohne Foucault.
Norbert Ricken (Bremen) lenkte den Blick der Tagung auf die Erziehungswissenschaft. Verspätet und weitgehend unabgeschlossen sei die bisherige pädagogische Rezeption Foucaults. In den 1980er-Jahren habe besonders das Konzept der Disziplinarmacht Aufmerksamkeit erregt, wobei die Diskussion zwischen der Annahme des Konzepts und seiner vehementen Zurückweisung geschwankt habe. Inzwischen zeichneten sich neue Lektüren ab, die sich besonders auf das Problem der Subjektivation konzentrierten. Es zeige sich immer deutlicher, dass dichotome Beschreibungsmuster von Erziehungspraktiken die komplizierten Verflechtungen von Macht, Wissen und Subjektivität ausblendeten. Lineare Analysen des Subjekts als Selbst- oder Fremderzeugnis seien der Komplexität des Selbst nicht angemessen. Das Konzept einer relationalen Subjektivität (vgl. Kierkegaard 1992) und interaktionistische Einsichten (vgl. Mead 1962) führten zu einer dreidimensionalen Subjektivität aus Gegebenem, Aufgegebenem und Entzogenem. Diesen Dimensionen ließen sich jeweilige Machtpraktiken zuordnen. Außerdem bedeuteten sie, dass die Aufgehobenheit/Selbstbestimmung angesichts gegenwärtiger Pastoralstrategien ohnmächtig blieb und stattdessen über das Kritikpotenzial von Entzogenheit nachgedacht werden müsse. Die Figur der dreidimensionalen Subjektivität stünde allerdings, so Ricken, im Widerspruch zu Foucaults Aussage, dass Machtverhältnisse keine Sinnverhältnisse seien (Foucault 1978, 29). Der Entwurf von Ricken wurde im Plenum kontrovers diskutiert und von einigen Teilnehmern als „zu weich“ zurückgewiesen.
Ein mit Spannung erwarteter Höhepunkt der Tagung war sicher der Vortrag „König Ödipus und das Gesetz“ von Philipp Sarasin (Zürich), der als öffentlicher Vortrag auch ein breiteres Publikum anzog. Sarasin stellte eine Linie vor, die Foucaults gesamtes Werk durchzogen habe; die Suche nach einer Alternative zur psychoanalytischen Subjekttheorie von Freud und Lacan. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung stehe der Ödipus-Mythos und damit verknüpft die Frage nach dem Gesetz. Die ahistorische, psychische Grundstruktur, die Psychoanalytiker in Sophokles Drama sahen, dechiffriere Foucault als ein verdrängtes Machtverhältnis, das den Einsperrungs- und Therapiepraktiken der modernen Psychiatrie selbst entsprungen sei. Diese historische Kritik habe für ihn auch die Abkehr von einer strukturalistischen Sprachtheorie bedeutet, die in der sprachlichen Ordnung das Grundgesetz der menschlichen Existenz sehe. Die Wirkung der Macht sei nicht mit dem aus dem Ödipus-Mythos abgeleiteten juridischen Modell des Gesetzes zu fassen, das zwischen erlaubt/verboten unterscheide, sondern mit dem Begriff der Norm, die zwischen normal/pathologisch eine Grenze ziehe. In seiner Vorlesung „Hermeneutik des Subjekts“ (1982) habe Foucault dann versucht zu zeigen, dass Widerstand gegen die modernen Normalisierungsmächte möglich sei, man also ein Subjekt sein könne, ohne sich der Norm zu unterwerfen. Der Schlüssel zur Selbstkonstitution liege in den antiken Praktiken der Lebenskunst, wie z. B. in Senecas Stoizismus, die aber von der christlichen Theologie vereinnahmt worden seien. Dementsprechend versuche Foucault, Selbsttechniken und Religion bzw. Sprache/Gesetz wieder zu trennen. Für einen Historiker sei aber eine Gesellschaft ohne Sprache/Gesetz nicht denkbar. Es müsse daher stets berücksichtigt werden, in welchen symbolischen Systemen die Kämpfe um die Macht stattfänden und wie sie auf die symbolischen Systeme zurückwirkten.
Am dritten und letzten Tag ging es um die soziologische und politikwissenschaftliche Rezeption Foucaults. Thomas Lemke (Frankfurt/M.) verfolgte die beiden Rezeptionslinien des Konzepts der Biopolitik. Eine Linie, die in Philosophie und allgemeiner Soziologie zu Hause sei, beschäftige sich vor allem mit der Frage „Was ist Politik?“ und kämen dabei teilweise zu konträren Ergebnissen (u. a. Agamben 2002, Hardt/Negri 2002, Giddens 1991). Eine andere Linie, die ihren Ausgangspunkt in Wissenschafts- und Techniksoziologie sowie Geschlechterforschung habe, interessiere sich besonders für die Frage „Was ist Leben?“ und greife auf neue biowissenschaftliche Erkenntnisse zurück (u. a. Flitner 1998). Überraschenderweise knüpfe aber keine dieser Richtungen an Foucaults Konzept der Gouvernementalität an und auch Foucault selbst habe den Zusammenhang zwischen Biopolitik und Gouvernementalität nie erläutert. Lemke möchte in Zukunft versuchen, beide Konzepte zu Verklammern und so eine neue Analysedimension eröffnen. Dadurch könnte zum einen den historischen Artikulationsformen zwischen physischem Sein und moralisch-politischer Existenz nachgegangen und zum anderen die politische Qualität von biotechnologischen Innovationen stärker berücksichtigt werden.
Der Vortrag von Anne Waldschmidt (Köln) führte die Tagungsteilnehmer zunächst in das in Deutschland noch weitgehend unbekannte Feld der Disability Studies, die in den 1980er-Jahren vornehmlich in der angelsächsischen Welt entstanden sind. Sie markierten einen Perspektivenwechsel auf das Phänomen der „Behinderung“, der eine klare Absage an den klinischen Blick der Rehabilitationswissenschaften erteile. Ähnlich wie „Geschlecht“ in der Gender-Forschung werde „Behinderung“ als soziales Produkt begriffen und körperliche, geistige und seelische Differenzen als Dimensionen der conditio humana erforscht. In Foucaults Werk sähen die Disability Studies rückblickend eine ihrer Quellen und in Studien zur Normalisierungsgesellschaft und dem „behinderten“ Körper oder in der Institutionenkritik käme der foucaultsche Werkzeugkasten zum Einsatz. Die Rezeption erfolge allerdings noch längst nicht systematisch, sondern habe zuweilen eher fragmentarischen Charakter.
Den Abschluss der Tagung bildete ein zweiter öffentlicher Vortrag, diesmal von Jürgen Link (Dortmund), der den schwer zu fassenden Dispositivbegriffs mit Anschlüssen an die von ihm vertretene Interdiskurstheorie im Dreieck von Foucault, Bourdieu und Luhmann entfaltete. Ein Dispositiv enthalte einen „disponierenden“ und einen „disponierten“ Pol. Subjekte am „disponierenden“ Pol eines Dispositivs (z. B. Therapeuten) könnten mit Hilfe einer Klaviatur von Optionen über die „disponierten“ Subjekte (z. B. Patienten) verfügen, zu der diese selbst keinen Zugang hätten. Ein Dispositiv bestehe also aus den beiden Achsen des Wissens („horizontal“, Luhmann: funktionale Differenzierung) und der Macht („vertikal“, Luhmann: Stratifikation). Während Bourdieu sich z. B. mit dem Habitusbegriff stärker an der vertikalen Dimension orientiere, seien Luhmanns „Teilsysteme“ und Foucaults „Diskurse“ eher auf der horizontalen Ebene angesiedelt. Neben diesen Diskursen, die Link als „Spezialdiskurse“ bezeichnet und die durch eine Kluft getrennt seien, gebe es „Interdiskurse“, die zwischen den verschiedenen Spezialdiskursen vermittelten. Die Interdiskurse seien auch vertikal gegliedert von einer hohen „intellektuelle“ Stufe zu einer niedrigen „populären“ (ohne damit schon eine Wertung zu verbinden!). Durch den engen Kontakt dieser Stufen entstehe eine gegenseitige Bereicherung, die Link als „Kreativzyklus von elementarer und elaborierter Kultur“ bezeichnet. Klassen bildeten sich innerhalb eines Dispositivs durch die Tendenz zum Zusammenschluss disponierender (Experten) und disponierter (Laien) Subjekte. Dieselbe Tendenz bestehe auch auf der horizontalen Achse durch die relative Geschlossenheit der Spezialdiskurse. Die Interdiskurse hingegen böten die Möglichkeit der Spezialdiskurse übergreifenden Kopplung, Umwertung und Resistenz, da sie grenzüberschreitend, komplexitätsreduzierend und subjetbezogen seien.
Insgesamt vermittelte die Tagung einen ganz hervorragenden Einblick in die unterschiedlichsten Bereiche der Foucault-Rezeption im gesamten Feld der Kultur- und Geisteswissenschaften. Potenziale aber auch Grenzen des foucaultschen „Werkzeugkastens“ wurden ausgelotet. Dabei wurde deutlich, welche Vielfalt unterschiedlicher Ansätze sich aus den verschiedenen Phasen seines Denkens und in den verschiedenen Einzeldisziplinen entwickelt hat. Auch für geschulte Hörer war es dabei nicht immer leicht, den Verästelungen eines „Spezialdiskurses“ zu folgen. Aber gerade deshalb zeichnete sich die Tagung durch ein breites Interesse der Teilnehmer für alle Themenbereiche aus. In angenehmer Atmosphäre wurde über die Fächergrenzen hinweg intensiv diskutiert, nachgefragt und so ein vertieftes Verständnis für das Werk Foucaults ermöglicht. In den Diskussionen der öffentlichen Vorträge zeigte sich aber auch, dass noch ein „Interdiskurs“ fehlt, der Foucault „populärer“ machen könnte. Ein Tagungsband soll folgen, der noch um einige Beiträge zu weiteren Fächern erweitert werden soll. Damit könnte dann ein hochinteressantes Kompendium vorliegen, das die Breite der kulturwissenschaftlichen Foucault-Rezeption zum erstenmal an einem Ort exemplarisch darstellt.
Literatur
Agamben, Giorgio: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt/M. 2002.
Balzer, Nicole: Von den Schwierigkeiten, nicht oppositionell zu denken. Linen der Foucault-Rezeption in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft. In: Norbert Ricken/Markus Rieger-Ladich (Hrsg.): Michel Foucault: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden 2004.
Baßler, Moritz (Hrsg.): New Historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur. Tübingen 2001.
Brieler, Ulrich: Die Unerbittlichkeit der Historizität. Foucault als Historiker. Köln, Weimar, Wien 1998.
Epple, Angelika: Empfindsame Geschichtsschreibung. Eine Geschlechtergeschichte der Historiographie zwischen Aufklärung und Historismus. Köln, Weimar, Wien 2003.
Flitner, Michael (Hrsg.): Konfliktfeld Natur. Opladen 1998.
Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978.
Foucault, Michel: Hermeneutik des Subjekts. Frankfurt/M. 2004.
Giddens, Anthony: Modernity and Self-Identity. Self and Society in the Late Modern Age. Stanford 1991.
Hardt, Michael/Negri, Antonio: Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt/M. 2002.
Kierkegaard, Sören: Die Krankheit zum Tode. Gesammelte Werke Abt. 24/25. Hrsg. Von Emanuel Hirsch und Hayo Gerdes. Gütersloh 1992.
Klawitter, Arne: Die ‚fiebernde Bibliothek’. Foucaults Sprachontologie und seine diskursanalytische Konzeption moderner Literatur. Heidelberg 2003.
Landwehr, Achim: Geschichte des Sagbaren. Einführung in die Historische Diskursanalyse. Tübingen 2001.
Mead, George Herbert: Mind, Self and Society from the Standpoint of a Social Behaviorist. Chicago, London 1962.
Mommertz, Monika: ‚Ich, Lisa Thielen’. Text als Handlung und sprachliche Struktur – ein methodischer Vorschlag. In: Historische Anthropologie 4 (1996), S. 303-329.
Sarasin, Philipp: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse. Frankfurt/M. 2003.
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Citation:
Kai Reinhart. Review of , Foucault in den Kulturwissenschaften.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
March, 2005.
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