Politische Kontroversen um Karten. Themen und Methoden der Analyse. Leipzig: Leipziger Kreis. Forum für Wissenschaft und Kunst, Leipzig, 14.09.2007-14.09.2007.
Reviewed by Markus Lammert
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2007)
Politische Kontroversen um Karten. Themen und Methoden der Analyse
Die Erforschung des Raumes hat Konjunktur. In den historisch arbeitenden Disziplinen hat der Raumbegriff seit den 1990er-Jahren einen Aufschwung erfahren und spätestens seit sich 2004 auf dem Historikertag eine Sektion dem Thema „Kommunikation und Raum“ widmete, liegt Raum als konstitutive Kategorie historischen Denkens auch in Deutschland im Trend. Karten nehmen in der Hinwendung der Geschichts- und Kulturwissenschaften zum Raum einen zentralen Platz ein. Atlanten, Landkarten und Stadtpläne treten als legitime Quellen neben die bisher dominierenden Textdokumente. Kartographen und Geographen sind zu bevorzugten Partnern der interdisziplinären Zusammenarbeit geworden und haben in ihren Disziplinen ihrerseits einen „cultural turn“ ausgerufen.
Bisher sind allgemeine Ausführungen über die sich neu bietenden Möglichkeiten allerdings schneller geschrieben worden, als fundierte Analysen auf der Grundlage klar umrissener Quellenbestände. Die Auswertung von Karten als Quellen stand daher im Mittelpunkt eines internationalen Kolloquiums, das der Leipziger Kreis – Forum für Wissenschaft und Kunst in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Stiftung am 14. September 2007 in Leipzig veranstaltete. Ziel der Organisatoren CHRISTIAN LOTZ und CHRISTIN RETTKE war es, Wissenschaftler verschiedener Disziplinen zu Wort kommen zu lassen, die an Forschungsprojekten arbeiten, in denen Karten die Quellengrundlage darstellen. Drei Problemkomplexe bildeten die Schwerpunkte in den Vorträgen der Panels und stellten sich zudem als die dominanten Diskussionslinien während der Tagung heraus: Karten als Gegenstand politischer Kontroversen, Karten als Quellen von Raumvorstellungen und Methoden der Kartenanalyse.
STEVEN SEEGEL (Worcester/Massachusetts) eröffnete das erste Panel (Moderation: KATJA NAUMANN, Leipzig) mit einem Beitrag über die politisch motivierte Konstruktion von Nationalitäten auf und durch Karten. Entscheidend für die Entwicklung der Kartographie in Ost-Mitteleuropa Mitte des 19. Jahrhunderts seien die Interessen der politischen Akteure in den umstrittenen Grenzgebieten gewesen. Wissenschaftler im Staatsdienst der multiethnisch geprägten Habsburger Monarchie und des Russischen Zarenreiches seien die Hauptproduzenten von Karten gewesen, in denen Ostmitteleuropa nach konstruierten ethno-linguistischen Entitäten geordnet wurde. Während diese staatlichen Karten an eine kleine Funktionselite in der Verwaltung der Imperien gerichtet waren, hätten z.B. polnische „Amateur-Kartographen“ „patriotische“ Karten hergestellt, um in der Öffentlichkeit für die Herstellung eigener Staatlichkeit zu werben.
Anschließend an Seegels transnational angelegten Beitrag stellte PETRA SVATEK (Wien) erste Forschungsergebnisse eines diachronisch vergleichenden Projektes zur Entwicklung von Kartographie und Raumforschung in Österreich von 1918 bis 1945 vor. In den Mittelpunkt stellte Svatek die Frage nach den politischen Implikationen des „Anschlusses“ an das Deutsche Reich in der universitären Kartenproduktion Österreichs. Mit Beginn der NS-Herrschaft seien ältere, bereits vorhandene Tendenzen in Forschung und Darstellung verstärkt worden. So müsse der 1941 herausgegebene Burgenland-Atlas in die nationalsozialistische Grenzlandforschung zur Vorbereitung der Aussiedlung deutscher Volksgruppen aus Südosteuropa eingeordnet werden. Deutsche Sprachinseln in Ungarn seien im Burgenland-Atlas systematisch überzeichnet worden, um das Gewicht des „Auslandsdeutschtums“ zu erhöhen.
Die Funktion von Karten als Austragungsort für politische Konflikte im Nachkriegseuropa thematisierte CHRISTIAN LOTZ (Leipzig/Warschau) in seinem Vortrag zum deutsch-polnischen Streit um die Darstellung der polnischen Westgebiete nach 1945. Bisher, so Lotz, habe die Forschung lediglich solche westdeutschen Karten analysiert, die bis in die 1970er-Jahre hinein die Reichsgrenze von 1937 abgebildet hätten, um den Anspruch der Bundesregierung auf die deutschen Ostgebiete zu unterstreichen. Unberücksichtigt seien dabei jedoch Karten geblieben, die zur Verwendung im Ausland – z.B. für den Tourismusbetrieb – hergestellt wurden. Diese westdeutschen Karten hätten mit polnischen Karten bei der Darstellung der deutschen Ostgebiete/polnischen Westgebiete in Konkurrenz gelegen. Die deutsche Darstellung sei von Polen, aber auch von westlichen Nachbarn der Bundesrepublik unter anderem mit dem Verweis auf den von deutscher Seite begonnenen Zweiten Weltkrieg kritisiert worden. Auf polnischen Landkarten sei dieses Argument unter anderem mit der Einzeichnung der Orte nationalsozialistischer Konzentrationslager auf dem Gebiet Polens visualisiert worden. Im Ergebnis der Kontroverse seien die Reichsgrenze von 1937 bzw. die gesamten Ostgebiete aus den westdeutschen Auslandskarten verschwunden.
In der Diskussion des ersten Panels dominierten methodische Fragestellungen. DIRK HÄNSGEN (Leipzig) verwies auf die funktionale Differenzierung in der Kartenherstellung, an der eine Vielzahl von Akteuren beteiligt sei. Lotz betonte den hypothetischen Charakter von Interpretationen, die politische Motive in Kartenwerken analysierten. Wichtig sei es daher, auch Textdokumente wie Begleithefte oder Leseanleitungen in die Untersuchung einzubeziehen. INES PRODÖHL (Heidelberg) erinnerte an die Reproduktion nationaler Narrative in der Kartographie, die ihren Aufstieg im 19. Jahrhundert nicht umsonst gleichzeitig mit der Durchsetzung des Nationalstaatsmodells erlebt habe.
Als fruchtbare Horizonterweiterung für die Tagung erwies sich die interdisziplinäre Zusammensetzung der Teilnehmer, die einen Dialog zwischen Praktikern und Analysten der Kartographie ermöglichte. Einen „geographischen Blick“ auf Karten warfen im zweiten Panel (Moderation: THOMAS KLEMM) DIRK HÄNSGEN und BRUNO SCHELHAAS, die am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig an verschiedenen Projekten arbeiten. Hänsgen (Leipzig) eröffnete sein Referat mit der Feststellung, dass die Forschungsergebnisse von kritischer Geographie und Raumforschung in der von den Kulturwissenschaften angestoßenen Hinwendung zum Raum bisher noch nicht ausreichend genutzt worden seien. So böten die Ergebnisse der empirischen Kartographie ertragreiche Ansätze zur Rezeptionsanalyse von Karten. Für die wissenschaftliche Analyse von Karten als Quellen historischer Forschung sei zudem eine Beschäftigung mit der jeweils verwendeten Kartensprache unerlässlich. Gestaltungsmethodik und Funktionsmechanismen moderner Kartenwerke erläuterte Hänsgen am Beispiel des in Frankreich für die ikonische Abbildung komplexer Strukturen und Prozesse entwickelten Geodesigns. Stilbildend hätten hier die Arbeiten des französischen Geographen Roger Brunot (geb. 1931) zur Entwicklung einer chorematischen Kartensprache gewirkt.
Schelhaas lenkte am Beispiel von Petermanns Geographie-Werkstatt im Gothaer Verlagshaus Perthes die Aufmerksamkeit auf die Ebene der Kartenherstellung als sozialen, technischen und kulturhistorischen Prozess. Mit dem Kartographen August Petermann und der von ihm geleiteten Fachzeitschrift „Petermanns Geographische Mitteilungen“ sei das Verlagshaus Perthes in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der führenden Kartenproduzenten Europas aufgestiegen. Der Erfolg des „Systems Petermann“ rührte aus der Investition in explorative Forschung, aktuelle und exklusive Berichterstattung der Forschungsergebnisse mit einer maximalen Informationsverwertung und dem Mut zu Neuerungen wie der Anfertigung von „vorläufigen“ Karten, die die Ungesichertheit ihrer Informationen zugaben und die Leser somit in Echtzeit an der Forschungsdiskussion teilhaben ließen. Die Diskussion drehte sich vor allem um die Übersetzungsmöglichkeiten und -probleme zwischen Text und Zeichen. Klemm wies darauf hin, daß diese Probleme nicht nur im Umgang mit Landkarten aufträten, sondern daß die Auseinandersetzung mit der semiotischen Perspektive auch einen Kernaspekt im Rezeptionsprozeß von zeitgenössischer Kunst sei.
MANUEL SCHRAMM (Chemnitz) gab im dritten Panel (Moderation: Christian Lotz) eine Einführung in die Darstellung und Wahrnehmung von Umwelt durch westdeutsche und US-amerikanische Kartographen im 20. Jahrhundert. Ließen sich noch für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts klar distinkte Traditionslinien in der deutschen und amerikanischen Kartographie nachweisen, so sei es seit den 1960er-Jahren zu einem gegenseitigen transatlantischen Austausch und Wissenstransfer gekommen. Der in beiden Gesellschaften aufkommende ökologische Diskurs habe unter anderem zu einer wachsenden Thematisierung von Umweltverschmutzung in Karten geführt. Als einen um 1970 transatlantisch einsetzenden Trend beschrieb Schramm die Produktion von Satellitenkarten. Mit einer Privilegierung der Vegetation gegenüber dem Gelände und dem Ausblenden menschlicher Spuren dienten sie unter anderem als Leitmedium für die Umweltbewegung. Dabei verbinde sich eine romantische Ökologievorstellung mit der Illusion einer scheinbar realistischen Darstellung der Erde „aus dem All“. Schramm hob abschließend die Bedeutung der technischen Entwicklungen in der Kartenproduktion hervor, die seit 1960 in einer zunehmenden Dynamik zu innovativen Ansätzen in der Kartographie geführt habe.
Ein Beispiel für solch einen innovativen, durch die Entwicklung der neuen Medien ermöglichten Ansatz stellten TOMAS ORŠULÁK und Pavel RAŠKA (Ostrava/Brno) im Abschlussvortrag der Tagung vor. Die tschechischen Forscher präsentierten ein Projekt, in dem mit Hilfe historischer Landkarten die Landschaft einer „ihrer historischen Identität beraubten“ Region rekonstruiert werden soll. Als Beispiel wählten sie die nordböhmische Stadt Klášterec nad Ohri (Klösterle an der Eger), die, so Orsulak/Raska, durch die demographischen Umwälzungen in Folge von Zweitem Weltkrieg und Flucht und Vertreibung einen Identitätsbruch erlitten habe. Die Ergebnisse des Projektes, das auf ganz Tschechien ausgeweitet werden soll, sollen einen mehrdimensionalen historischen Atlas ermöglichen und unter anderem in der Stadt- und Regionalplanung verwendet werden. In der anschließenden Diskussion stieß vor allem das Konzept, historische Landkarten des 17. und 18. Jahrhunderts als „politisch unproblematische Karten“ (Orsulak/Raska) zur Rekonstruktion der Vergangenheit zu verwenden, auf Kritik. Die Diskussionsteilnehmer betonten den generellen Konstruktionscharakter von Karten, wenngleich den Referenten zugestanden wurde, daß Karten des 17. und 18. Jahrhunderts von nationalen Kategorien weit weniger geprägt seien, als Karten des 19. und 20. Jahrhunderts.
In der Abschlussdiskussion erwies sich, dass die verschiedenen vorgestellten Zugänge zu Karten als Quellen historischer Untersuchung nicht in eine einheitliche Formel zu bringen sind. Als ein wiederkehrender Schwerpunkt zeigte sich die Frage nach einem angemessenen quellenkritischen Umgang mit Karten – eine Beobachtung, die auf die relativ rezente (Wieder-)Entdeckung von Karten durch die Geschichtswissenschaft hinweist.
Dass mit der räumlichen Schwerpunktsetzung auf Ostmitteleuropa einige Aspekte der historischen Forschung an und über Karten ausgeklammert wurden, ist angesichts der begrenzten Referentenzahl des Kolloquiums zu begrüßen. Eine stärkere Einbindung postkolonialer Forschungsergebnisse hätte allerdings einen Zugewinn für die Diskussion geben können. Beachtenswert erscheinen dabei sowohl die Entgrenzung und Überschreibung von Kategorien und Begriffen wie map, mapping und cartography in den cultural/postcolonial studies, als auch die Vielzahl, im Rahmen einer koloniale Diskurse dekonstruierenden Forschung entstandenen, Studien zur imperialen Kartenproduktion in den kolonialen Metropolen. Insbesondere die Frage nach der Übertragbarkeit von Ansätzen und Ergebnissen aus der Analyse von „Kolonialkarten“ auf Ostmitteleuropa hätten hier eine Bereicherung darstellen können. Insgesamt sind aber die große thematische Spannweite und die gelungene internationale und interdisziplinäre Zusammensetzung der Tagung festzuhalten. Das Kolloquium des Leipziger Kreises hat bewiesen, dass eine Anzahl junger Forscher bereits dabei ist, den mittlerweile zum Topos gewordenen Ruf nach einer praktischen Anwendung der theoretischen Hinwendung zum Raum auch tatsächlich umzusetzen. Auf eine Fortsetzung und Weiterführung des gelungenen Veranstaltungskonzeptes im nächsten Jahr ist zu hoffen.
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Citation:
Markus Lammert. Review of , Politische Kontroversen um Karten. Themen und Methoden der Analyse.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2007.
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