100 Jahre Sexualwissenschaft - was bindet uns? Berlin: Akademie für Sexualmedizin e. V.; Gesellschaft für Praktische Sexualmedizin; Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin, 24.05.2006-27.05.2006.
Reviewed by David Goecker
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2006)
100 Jahre Sexualwissenschaft - was bindet uns?
„Was bindet Menschen einander? Hormone? Persönliche Erfahrungen? Wie ist die Sexualmedizin an ihre historischen Wurzel gebunden?“ Über diese und weitere Fragen diskutierten über 180 Sexualwissenschaftler – überwiegend Mediziner und Psychologen – an der Berliner Charité.
Vor 100 Jahren hat der Berliner Mediziner und Universalgelehrte Iwan Bloch in seinem auch für heutige Verhältnisse noch modernen Werk „Das Sexualleben unserer Zeit“ Programm und Begriff der Sexualwissenschaft begründet. Bernhard Egger (Mediziner und Sozialwissenschaftler, Bonn) betonte die Liberalität, Humanität und Interdisziplinarität in Blochs Denken und Handeln und verwies auf seinen auch heute noch unverändert aktuellen Ansatz, die Sexualität des Menschen als ein sowohl biologisches, als auch psychologisches und soziales Phänomen zu begreifen.
1919 gründete Magnus Hirschfeld in Berlin das erste deutsche Institut für Sexualwissenschaft. Bereits 2 Jahre später fand unter seiner Leitung der erste internationale sexualwissenschaftliche Kongress im heute denkmalgeschützten Hörsaal des Langenbeck-Virchow-Hauses statt. Die Sexualwissenschaft ist daher eine echte Berliner Wissenschaftstradition, welche von jüdischen Ärzten gegründet wurde. Elke-Vera Kotowski (Politik-, Geschichts- und Literaturwissenschaftlerin, Potsdam) skizzierte das Lebensgefühl Berliner Juden um 1900 und führte die Gründung der Sexualwissenschaft durch Juden u.a. auf folgende zwei Punkte zurück: 1. Freierer Umgang mit Sexualität im Judentum im Vergleich zum Christentum, 2. Juden blieb damals der Zugang zu vielen Berufen verwehrt, daher gab es einen hohen Anteil jüdischer Ärzte und bei diesen bestand ein besonderes Interesse an wissenschaftlichen Spezialgebieten.
Mit Beginn der Naziherrschaft fand die Sexualwissenschaft in Deutschland ein jähes Ende und konnte sich hiernach, wie so viele wissenschaftliche Disziplinen, vor allem in Amerika weiterentwickeln. Erwin Haeberle (Amerikanist, Sexualwissenschaftler, Berlin) erläuterte, dass großer Teile der auf deutsch verfassten sexualmedizinischen Literatur zwar in die USA gelangten, dort jedoch aufgrund der Sprachbarriere nur bedingt genutzt werden konnten.
Karl Raff (Physiologe, Berlin) rundete den geschichtlichen Teil der Tagung mit einem Überblick über die Anfänge der Hormonforschung ab, welche ebenfalls in Berlin zu finden sind.
Maureen Cronin (Medizinerin, Berlin) referierte über die Auswirkungen von Hormongaben auf die Sexualität. Sie betonte die angstmindernde und damit lustfördernde Komponente der hormonellen Kontrazeption für die partnerschaftlicher Sexualität - beide Partner müssen auf diese Weise nicht fürchten ein Kind zu zeugen.
Neben psychologischen Faktoren könne sexuelles Verlangen bei beiden Geschlechtern jedoch auch über biologische Mechanismen reguliert werden, z.B. durch den Einfluss von androgen wirkenden Hormonen. Cronin wies allerdings darauf hin, dass eine Hormongabe zur Behandlung sexueller Funktionsstörungen nur sinnvoll sei, wenn tatsächlich ein Hormonmangel vorliege. Auch dann stelle die Hormonbehandlung jedoch immer nur einen Teilaspekt der Behandlung dar – Hormone nützten nichts, wenn das Paar nichts miteinander anfangen könne, d.h. keine ausreichende Bindung bestehe.
Franziska Götz (experimentelle Endokrinologin, Berlin) referierte über die Aufnahme hormonaktiver Substanzen mit der Nahrung. Sie verdeutlichte, dass Xenoestrogene, d.h. Umweltchemikalien mit inhärenter Estrogenaktivität, im Zusammenhang stehen mit dem Rückgang der Spermienqualität, mit Störungen der Embryonalentwicklung, aber auch mit Störungen der Lernfähigkeit und der Entstehung von Tumoren, insbesondere Brustkrebs.
Gerald Hüther (Neurobiologe, Göttingen) beschrieb anschaulich, dass in viel stärkerem Maße als bisher angenommen, neuronale und synaptische Netzwerke durch soziale Erfahrungen herausgeformt werden und damit unser Denken, Fühlen und Handeln und letztlich auch die Gestaltung unserer Beziehung zu einem Partner beeinflussen.
Andreas Bartels (Neurobiologe, Tübingen) referierte neuste Forschungsergebnisse zur Bedeutung des Neurotransmitters Oxytocin für die Paar- sowie Mutter-Kind-Bindung und verwies auf Parallelen zwischen Säugetieren und Menschen. Mittels der heute verfügbaren bildgebenden Verfahren könne man jedoch allenfalls erahnen, wie sich Bindungserleben und -verhalten im Gehirn organisieren. Trotz unserem „tierischen Erbe“ könne das menschliche Bindungsverhalten nicht losgelöst von
gesellschaftlichen und individualpsychologischen Prozessen gesehen werden.
Jens Asendorpf (Persönlichkeitspsychologe, Berlin) knüpfte inhaltlich an den Vortrag von Herrn Hüther an und unterstrich die Bedeutung von Lernerfahrungen im Kindesund Jugendalter für spätere Beziehungsstile im Erwachsenenalter.
Die Bindungsforscher Hüther, Bartels und Asendorpf waren sich erstaunlich einig über ein bio-psycho-soziales Model der Bindungsentstehung und -gestaltung, trotz ihrer Herkunft aus verschiedenen Fachdisziplinen.
Der Wunsch nach (sexueller) Bindung ist ein universelles menschliches Bedürfnis und kann sich auch auf ungeeignete Partner, z.B. Kinder, richten. Sexueller Kindesmissbrauch kann einerseits auf einer pädophilen Neigung beruhen, d.h. es bestehen sexuelle Impulse auf Kinder gerichtet, teilweise verbunden mit dem unrealistischen Wunsch mit einem Kind eine gleichberechtigte Beziehung
einzugehen. Andererseits kann sexueller Kindesmissbrauch auch dann erfolgen, wenn Erwachsene sich zwar sexuell zu anderen Erwachsenen hingezogen fühlen, jedoch mit diesen aus verschiedenen Gründen keine (sexuelle) Beziehung realisieren können und sich dann ersatzweise Kindern zuwenden. Laut Hartmut Bosinski (Sexualmediziner, Pädiater, Kiel) ist sexueller Kindesmissbrauch oftmals nur schwierig zu diagnostizieren, sowohl für Eltern als auch Therapeuten und Ärzte, weil er eine Vielzahl oft unspezifischer Symptome zur Folge hat. Sexueller Kindesmissbrauch führt neben körperlichen Verletzungen noch viel öfter zu psychischen Wunden, welche mitunter ein Leben lang nicht heilen können. Aus diesem Grund bietet das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Berlin eine präventive Therapie für pädophile Männer an, um vorzubeugen, bevor etwas passiert. David Goecker (Sexualmediziner, Berlin) berichtete, dass sich nach einer Medienkampagne im Laufe der letzten 12 Monate über 370 Männer beim Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin gemeldet und um Hilfe gebeten haben. Er erläuterte das Konzept einer Gruppenbehandlung für eigenmotivierte pädophile Männer.
Von einer ganz anderen Seite beleuchtete Kirsten von Sydow (Psychologin, Hamburg) das Thema Kind(er) und Sexualität: Welchen Einfluss hat die Schwangerschaft und die Zeit nach der Entbindung auf die Sexualität der Eltern? Die meisten Paare praktizieren im letzten Schwangerschaftstrimester und 2-3 Monate nach der Geburt keinen Geschlechtsverkehr, obwohl dies in den meisten Fällen aus medizinischen Gründen nicht erforderlich ist. Eine abschließende Antwort gab es nicht auf diese Frage, vermutet wird jedoch ein Einfluss der gerade entstehenden Mutter-Kind-Bindung auf die partnerschaftliche Sexualität der Eltern.
Der Wunsch nach eigenen Kindern geht in den Industrieländer für immer mehr Paare nicht in Erfüllung. Daher wird immer häufiger die in-vitro-Fertilisation von kinderlosen Paaren in Anspruch genommen. Heribert Kentenich (Reproduktionsmediziner, Berlin) widerlegte die Befürchtung, die Besonderheiten der assistierten Reproduktion könnten sich sowohl auf die physische und psychische Entwicklung der Kinder als auch der Eltern-Kind-Beziehung auswirken. Mütter scheinen nach in-vitro-Fertilisation im Vergleich zu anderen Müttern lediglich „überprotektiv“ zu sein.
Kurt Loewit (Sexualmediziner, Innsbruck) zog zur Reproduktionsmedizin jedoch kritisch Stellung: Nur in Verbindung mit dem bewussten Erleben der Sexualität als Verkörperung der Beziehung könne das aus der Fortpflanzungsfunktion der Sexualität entstehende Kind zur „Frucht der Beziehung“ werden, könne aus „einem Kind“ oder „meinem/deinem Kind“, „unser Kind“ werden.
Neben den zahlreichen Vorträgen wurden insgesamt 12 verschiedene Seminare zu unterschiedlichen sexualwissenschaftlichen und sexualmedizinischen Themen angeboten, u.a. zu „Geschlechtsidentitätsstörungen“. Verschiedene Selbsthilfegruppen kritisierten jedoch den Begriff „Störung“ und taten ihren Unmut vor dem Tagungsort kund. An alle Beteiligten ergingen Einladungen zu einem späteren Meinungsaustausch. Der mittlerweile erfolgte Austausch zeigte eine große Schnittmenge der Standpunkte und wurde von beiden Seiten als Bereicherung erlebt.
Neben dem geschichtlichen Rückblick und aktuellen Forschungsergebnissen richtete sich der Blick aber auch nach vorne - auf die Weiterentwicklung der Sexualwissenschaft in Deutschland, welche im Vergleich zu anderen westlichen Ländern in der Wissenschaftslandschaft unterrepräsentiert ist und lediglich an drei anderen Universitäten vertreten ist (Franfurt am Main, Hamburg und Kiel). In den Tagungsablauf eingebettet war ein Festakt zur Gründung der Wilhelm von Humboldt Stiftung, die sich auf der Basis von Humboldts zukunftsweisendem Verständnis menschlicher Geschlechtlichkeit zum Ziel gesetzt hat, die Bearbeitung sexualwissenschaftlicher Fragestellungen in Forschung, Lehre und Klinik zu unterstützen.
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Citation:
David Goecker. Review of , 100 Jahre Sexualwissenschaft - was bindet uns?.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2006.
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