Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1933. Berlin: Wolfgang Hardtwig mit Unterstützung der Thyssen-Stiftung, 18.11.2004-20.11.2004.
Reviewed by Moritz Föllmer
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2005)
Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1933
Die Formel "Ordnungen in der Krise" bezeichnet einen Grundzug der politischen Kulturgeschichte Deutschlands zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus: Deutungsmuster und Ordnungsmodelle, die sich im 19. Jahrhundert etabliert hatten, verloren nun zunehmend an Akzeptanz und orientierungsstiftender Kraft. Das führte teils zu defensiven Reaktionen, wurde aber auch von Reformern und Revolutionären zu radikalen Neuentwürfen genutzt. Dieser von Offenheit und Gestaltungsfreiheit bestimmte Übergangszustand lässt sich analytisch als Krise charakterisieren. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass "Krise" ein verbreitetes zeitgenössisches Schlagwort mit jeweils unterschiedlicher Stoßrichtung war, das nicht unbesehen in die historiographische Beschreibungssprache übernommen werden sollte. Eine solche konstruktivistische Distanz ermöglicht es, stärker als bisher die Gegenwartsdeutungen und Zukunftsentwürfe der Zeitgenossen zu historisieren.
Diesem Spannungsverhältnis zwischen dem Geltungsverlust älterer und der Konjunktur neuer Deutungsmuster ging eine Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin nach, die von Wolfgang Hardtwig organisiert und von der Thyssen-Stiftung gefördert wurde. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Wahrnehmung von Raum und Zeit, auf Geschlechterbildern, Gewalt, Wissen und Wissenschaft, dem Verhältnis von Individualität und Kollektivität und der Medialität der modernen Gesellschaft. Diese Themenbereiche wurden auf politische Institutionen, Praktiken und Deutungen bezogen, was auch dazu anregte, über mögliche konzeptionelle Erweiterungen der politischen Kulturgeschichte nachzudenken. Daneben war es das Ziel der Tagung, Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Ansätze aus Deutschland, den Vereinigten Staaten und Großbritannien zusammenzubringen und den wechselseitigen Austausch voranzutreiben. Die ca. 25 Papiere für die sechs Sektionen waren zuvor gelesen worden und wurden nur noch durch die Kommentatoren vorgestellt, wodurch viel Raum für intensive und produktive Diskussionen blieb.
Eine erste Sektion war dem Status von Bildlichkeit im frühen 20. Jahrhundert gewidmet. Im Einzelnen ging es um den kosmopolitischen Kunstsammler Wilhelm Uhde, der seine Förderung der Avantgarde in ein älteres Kunstverständnis einbettete (Bernd Roeck), die sensible Wahrnehmung des italienischen Faschismus bei Aby Warburg (Jost-Philipp Klenner), das humanwissenschaftliche Interesse an "primitiven" Formen von Subjektivität, das diese keineswegs immer als deviant ausgrenzte und einschlägige Impulse aus der Kunst aufgriff (Doris Kaufmann), das defensive Verhältnis von Kunstreformern und Avantgardisten zur modernen Reklame, deren Vertreter in den 1920er Jahren immer selbstbewusster auftraten (Alexander Schug), sowie die zögerliche Reaktion Weimarer Politiker auf neue visuelle Möglichkeiten, die dann von den Nationalsozialisten effizient genutzt wurden (Thomas Mergel). Kommentator Andreas Daum sowie verschiedene Diskutanten regten an, verstärkt Wechselbeziehungen zwischen bürgerlicher und kommerzieller Kultur in den Blick zu nehmen, andere Aspekte der politischen Kultur (Straßenpolitik, Totenfeiern von Rathenau oder Stresemann, Postkarten sowie nationale Grenzen) und der Ideengeschichte (Lebensphilosophie, Degenerationsdebatte, Geschichtspessimismus, Expressionismus und Sachlichkeit) einzubeziehen sowie den Untersuchungszeitraum so zu erweitern, dass der moderne Zusammenhang zwischen Kunst und Konsum sowie zwischen der Inklusion von Männern und der Exklusion von Frauen sichtbar werden könne.
Thema der zweiten Sektion waren Zeitwahrnehmungen und Zeitentwürfe. Peter Fritzsche beschrieb die radikale Absage an das Alte und die verbreitete Wahrnehmung einer oberflächlichen, kontingenten und mobilen Gegenwart, Rüdiger Graf wies auf das verbreitete Gestaltungsbewusstsein hin, das gegenüber Verzweiflung und Pessimismus die Oberhand behielt, Martin H. Geyer betonte die Suche nach Gleichzeitigkeit und Synchronität in der Weimarer Kultur seit Mitte der 1920er Jahre und dann in der nationalsozialistischen Vision der "Volksgemeinschaft", während Kay Wenzel die Erzählungen von den Befreiungskriegen analysierte, die in verschiedenen Lagern verbreitet waren, aber dann von Hitler durch eine beliebige Verwendung historischer Versatzstücke ersetzt wurden. Kommentator Gangolf Hübinger fragte nach dem Verhältnis von Zeitwahrnehmungen und institutionellen, traditionalen und charismatischen Ordnungen und erinnerte an Kosellecks Theorie der Zeitschichten sowie an Lepsius' Charakterisierung der Krise der späten Weimarer Republik. In der Diskussion wurde auf die Verbindung des Krisen- und Zeitbewusstseins in der Weimarer Republik mit religiösen Erzählungen, populären Geschichtsphilosophien à la Spencer, der Dichotomisierung von männlicher Zukunftsfähigkeit und weiblicher Passivität, mit Handlungsanweisungen für die politische Praxis, der Erfahrung von Hunger und Knappheit sowie dem Gegensatz zwischen Europa und Übersee hingewiesen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung lag auf der Kategorie Raum. Während Klaus Tenfelde in seinem Festvortrag zum 60. Geburtstag von Wolfgang Hardtwig dem Zusammenhang von Quartierbildung und sozialer Segregation in deutschen Städten seit dem späten 19. Jahrhundert nachging, wandte sich die dritte Sektion zeitgenössischen Raumentwürfen zu. Konkret wurden die Ideengeschichte der Landschaft zwischen Kontinuitätsgarant und Gestaltungsraum für eine andere Moderne (Thomas Rohkrämer), die Versuche der Heimatbewegung, sich gegen die Konsumgesellschaft und die faktische Marginalisierung im primär an Expansion und Neuschaffung orientierten "Dritten Reich" zu wehren (Willi Oberkrome), das Nebeneinander einer Außenpolitik, die seit Mitte der 1920er Jahre zumindest offiziell die völkerrechtliche Legitimität von Grenzen anerkannte, und eines vielfältigen revisionistischen Grenzdiskurses unter starker Beteiligung von Wissenschaftlern (Vanessa Conze) sowie die Rolle Afrikas als Projektionsfläche für Raumvorstellungen auch und gerade im kolonialnostalgischen Deutschland nach 1918 (Dirk van Laak) behandelt. In seinem Kommentar verwies Andreas Wirsching auf längerfristige Kontinuitäten, aber auch auf den Bruch von 1918/19, als der Zusammenbruch der monarchischen Großreiche neue Raumkonzepte florieren ließ, die jedoch zur Enttäuschung ihrer Verfechter vor und zum Teil auch nach 1933 nicht durchgesetzt werden konnten. Verschiedene Diskutanten fragten nach der religiösen Dimension des Kolonialismus und nach Kontinuitäten zum Holocaust, nach der Rolle von Wissenschaft und Utopie für Raumvorstellungen und nach dem Verhältnis von Region, Landschaft und nationalsozialistischer "Volksgemeinschaft".
Das Verhältnis von Individualität und "Massengesellschaft" stand im Mittelpunkt der vierten Sektion. Die Beiträge widmeten sich der Erfahrung großstädtischer Anonymität und den Versuchen populärer Charakterologen, Subjekte erkennbar zu machen (Per Leo), den Konstruktionen des Individuums zwischen Flexibilität und Authentizität in der Berliner Boulevardpresse (Moritz Föllmer) sowie Gerichtsreportagen in liberalen Zeitungen der 1920er Jahre, die eine verständnisvolle Thematisierung der sozialen Ursachen von Kriminalität mit konstruktiver Justizkritik verbanden (Daniel Siemens). Kommentator Lutz Raphael fragte nach dem politischen Gehalt der behandelten Diskurse; ferner regte er an, zwischen der spezifisch urbanen Herausbildung des Einzelnen, der Definition des Individuums durch Exklusion (Luhmann) sowie dem Zusammenhang zwischen Individualität und der Wahrnehmung des Fremden (Simmel, Schütz) zu unterscheiden und in Anlehnung an Hans Ulrich Gumbrecht Individualität und Kollektivität als Codes zu analysieren, die in der Weimarer Republik zusammenbrachen und wieder rekonstituiert wurden. In der Diskussion wurde auf das Problem der Sichtbarkeit von Individualität, auf den problematischen Status von persönlicher Authentizität, auf Kontinuitäten zum bürgerlichen Persönlichkeitskonzept sowie auf die Entlastungsfunktion der zeitgenössischen Typologisierungsversuche hingewiesen.
Die fünfte Sektion behandelte die zeitgenössischen Deutungen und Praktiken von Gewalt. Martina Kessel zeigte, wie deutsche Soldaten in Form von Witzen die Erfahrung und Ausübung von Gewalt umschrieben, aber durchaus auch benannten, Martin Baumeister identifizierte die Restaurierung verletzter Männlichkeit als gemeinsamen Grundzug unterschiedlicher Kriegsthematisierungen im Theater der Weimarer Republik, Thomas Hippler arbeitete die Anfänge des Bombenkriegs bei der Bekämpfung kolonialer Aufstände durch britische, französische und italienische Truppen heraus und wies auf den Zusammenhang zu einem demokratischen Verständnis von "Volk" hin, während sich Sven Reichardt kritisch mit Andreas Wirschings Interpretation des Nationalsozialismus als totalitärer Bewegung auseinandersetzte, der er einen praxeologischen Faschismusbegriff entgegensetzte. In seinem Kommentar fragte Dieter Langewiesche nach der "Normalität" von Gewalt und gewaltsamer Ordnungsstiftung; er schlug vor, stärker nach sozialen Milieus zu differenzieren und wies darauf hin, dass die verbreitete Gewalt nach 1918 nur in geringem Maße in der Kontinuität zur Vorkriegszeit gestanden habe und auch nicht primär eine Fortsetzung der Kriegserfahrung gewesen sei, sondern sich als spezifische Nachkriegsgewalt im Kontext des Zerfalls und der Neubildung von Staaten interpretieren lasse. In der Diskussion wurde auf die Besonderheiten des deutschen Soldatenhumors, auf die Thematisierung von Geschlechterbeziehungen in den Theaterstücken, auf Kontinuitäten zum Weltkrieg in den Aktionsformen und in der Sozialisation der SA-Mitglieder sowie zu Volkskriegskonzepten des 19. Jahrhunderts im Konzept des "moral bombing", schließlich auf den Gegensatz zwischen Totalitarismus- und Faschismusbegriff eingegangen.
Geschlechterbeziehungen und Emotionen wurden in der sechsten Sektion thematisiert. Dabei ging es um die neue Sprache der politischen Partizipation nach 1918, an der auch und gerade Frauen mitwirkten und die sich konzeptionell mit dem Citizenship-Begriff erfassen lässt (Kathleen Canning), um den Antifeminismus, der seit dem späten 19. Jahrhundert die Frau als Ausgleich für die Härten der Moderne konstruierte, bis in der späten Weimarer Republik rein männerbündische Entwürfe in den Vordergrund rückten (Ute Planert) sowie um Hass als diskursives Konstrukt, das die Entlastung durch das individuelle Gewissen voraussetzte und sich viel eher auf nationale Feinde wie die Engländer im Ersten Weltkrieg als auf Juden bezog (Benjamin Ziemann). Kommentator Roger Chickering und verschiedene Diskutanten gingen auf den Begriff citizenship ein, der sich einerseits nicht direkt ins Deutsche übersetzen lasse, auch von den Zeitgenossen in den USA nicht verwendet worden sei und möglicherweise eine Rückprojektion aus dem Politikverständnis seit den 1970er Jahren darstelle, andererseits die neuen Partizipationsansprüche und die geschwächte Definitionsmacht des Staates in den Nachkriegsjahren treffend erfasse. Diskutiert wurde ferner das Konzept der bürgerlichen Gesellschaft im Hinblick auf Bedeutungsverlust und Revitalisierungstendenzen sowie auf den Status der Familie. Schließlich wurde nach konservativen und katholischen Frauen, nach der Existenz eines genuin weiblichen Politikverständnisses sowie nach der Adäquatheit des Traumabegriffs für die Erklärung des zeitgenössischen Männlichkeitskults gefragt.
Welche übergreifenden Schlussfolgerungen wurden aus diesen im Einzelnen sehr unterschiedlichen Beiträgen, Kommentaren und Diskussionen gezogen? Wie Wolfgang Hardtwig in einem Resümee betonte, ist die "Krise" nicht zuletzt als rhetorisches Instrument zu interpretieren, das unter den Bedingungen eines allgemeinen Zwangs zur Sinnstiftung eingesetzt wurde. Wird der Krisenbegriff auf diese Weise relativiert, wird eine Welt neuer Ansprüche, optimistischer Grundhaltungen und vielfältiger Umgangsweisen mit Kontingenz sichtbar. Ferner verwies Hardtwig auf die Proliferation unterschiedlicher Raumvorstellungen, auf die neue "Massengesellschaft" bei gleichzeitigem Fehlen eines konsensfähigen Gesellschaftsbildes sowie auf die prinzipielle Legitimität von Krieg und Gewalt bei den Zeitgenossen. Von verschiedenen Diskutanten angesprochen, aber nicht abschließend geklärt wurden das Verhältnis älterer Mentalitäten und Orientierungen insbesondere bei der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung zur verbreiteten Dramatisierung des Aufbruchs, die Beziehungen zwischen den in den Beiträgen vorrangig thematisierten Diskursen und institutionellen Ordnungen wie materiellen Erfahrungen, schließlich auch das Verhältnis von europäischen Zwischenkriegsgesellschaften und deutschen Spezifika sowie einer längerfristig angelegten Geschichte der Moderne und den kurzfristigen Umbrüchen besonders der Nachkriegsjahre. Die behandelte Epoche erscheine einerseits amorpher und die Beziehungen zum Nationalsozialismus unklarer als früher, andererseits sei bei aller Pluralität die Zeit reif für neue integrative Darstellungen der Epoche.
Insgesamt gelang es, das Spektrum einer politischen Kulturgeschichte Deutschlands zwischen 1900 und 1933 erheblich zu erweitern bzw. verschiedene Ansätze in dieser Richtung zusammenzuführen und gemeinsam weiterzutreiben. Seit den 1990er Jahren sind vorrangig Kriegserfahrung und -erinnerung sowie sozialmoralische Milieus mit wichtigen Ergebnissen erforscht worden. Nun lag es nahe, den Schwerpunkt auf Ideen und Entwürfe, auf mediale, intellektuelle wie künstlerische Repräsentationen zu legen und damit diskurshistorische Ansätze stärker als bisher in die politische Kulturgeschichte zu integrieren. Dabei wurde durchaus auf die Frage nach Kontinuitäten zum Nationalsozialismus eingegangen, ohne jedoch die Zeit zwischen Jahrhundertwende und frühen 1930er Jahren ausschließlich auf 1933 hin zu lesen, wie es noch immer verbreitet ist. Die Pluralität unterschiedlicher Themen und Wahrnehmungen, die bereits die Zeitgenossen immer wieder reflektierten (wenn auch in den wenigsten Fällen zu akzeptieren bereit waren) musste zunächst einmal wirklich sichtbar werden. Deshalb war es sinnvoll, den pauschalen Integrationsbegriff der "Krise" nicht vorschnell durch eine andere Großkategorie zu ersetzen. Es gilt jetzt, sowohl die noch keineswegs abgeschlossene Untersuchung zeitgenössischer Diskurse fortzusetzen, als auch die Verbindung mit erfahrungs-, institutionen- und sozialgeschichtlichen Phänomenen und Ansätzen zu verfolgen. Ferner sollten die Befunde zur Kulturgeschichte Deutschlands zwischen 1900 und 1933 vermehrt diachron wie vergleichend eingeordnet werden. Die Tagung gab dazu wichtige Anregungen, und sie ließ etwas von der Faszination einer Epoche aufscheinen, die die Geschichtswissenschaft immer aufs Neue herausfordert.
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Citation:
Moritz Föllmer. Review of , Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1933.
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January, 2005.
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