Geschichtswissenschaft und Verlagswesen in der Krisenspirale? Trier: Deutsches Historisches Institut London und Universität Trier, 05.03.2004-06.03.2004.
Reviewed by Gabriele Lingelbach
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2004)
Geschichtswissenschaft und Verlagswesen in der Krisenspirale?
Geschichtswissenschaft und Verlagswesen in der Krisenspirale? Eine Inspektion des Feldes in historischer, internationaler und wirtschaftlicher Perspektive
Steckt das geschichtswissenschaftliche Buch in einer Krise? Einiges spricht dafür: Historiker klagen zunehmend darüber, dass sie für ihre Manuskripte keine Verlage mehr finden oder horrende Druckkostenzuschüsse einwerben müssen, um die Publikation doch noch zu ermöglichen. Und die Verleger leiden angesichts sinkender Absatzzahlen ihrer historiographischen Produkte. Aber war das jemals anders, gehört Jammern nicht einfach zum Geschäft? Und wenn wir es tatsächlich mit einer Krise, vielleicht auch mit einer neuartigen Krise zu tun haben – wie kann man dieser begegnen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich am 5. und 6.3. in Trier eine vom Londoner Deutschen Historischen Institut und der Universität Trier veranstaltete Tagung, die von Olaf Blaschke (Universität Trier) hauptverantwortlich organisiert worden war. Eingeladen waren Vertreter beider Akteursgruppen, also sowohl Historiker universitärer Provenienz als auch Verleger, Lektoren, Verlagsmitarbeiter, auch ein Literaturagent und ein Bibliotheksdirektor nahmen teil.
Die Vorträge und Diskussionen gruppierten sich um drei Themenbereiche: Der erste Block war historisch ausgerichtet, um der Frage nachzugehen, inwieweit die Branche nicht schon früher mit Krisen zu kämpfen hatte und wie mit diesen umgegangen worden ist. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und Verlagen in Deutschland in den letzten 100 Jahren entwickelt? Christoph Cornelißen (Universität Kiel) demonstrierte anhand des Beispiels von Gerhard Ritter, wie man vor rund einem halben Jahrhundert historiographische Bestseller produzierte (und wie sich ein Historiker gegen Forderungen seines Verlegers nach mehr Marktkonformität erfolgreich zur Wehr setzen konnte). Alexandra Fritzsch (Universität Leipzig) zeigte anhand der Auseinandersetzungen zwischen universitären Historikern und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels um 1900, dass es schon früher Konflikte zwischen Wissenschaftsautoren und Verlegern gegeben hat. Im Zentrum dieses so genannten Bücher-Streits stand die vom Börsenverein durchgesetzte Ladenpreisbindung, die mit einer Abschaffung von Rabatten für Wissenschaftler einherging – ein Streit, den, wie wir wissen, der Börsenverein gewann. Der Börsenverein stand auch im Mittelpunkt des Beitrages von Hans Altenheim (Historische Kommission des Börsenvereins), der die geschichtswissenschaftlichen Publikationen dieser Institution beleuchtete. Florian Triebel (BMW Historisches Archiv) analysierte anhand des Beispiels des Eugen Diederichs Verlags in den Jahren 1930 bis 1933, wie ein Verlagsunternehmen sich trotz doppelter Krise (allgemeiner Wirtschaftskrise sowie Generationswechsel in der Führungsspitze) mithilfe innovativer, Trends setzender Programmgestaltung behaupten kann.
Dass Buchmärkte national sehr unterschiedlich ausgestaltet sein können, wurde anhand des zweiten Themenblocks deutlich, in welchem die Verhältnisse in anderen Ländern beleuchtet wurden. So diente beispielsweise Frankreich als Kontrast- und Vergleichsfolie zu den deutschen Gegebenheiten. Lutz Raphael (Universität Trier) erklärte einen Teil des mittlerweile verblassten Erfolges der nouvelle histoire durch deren geschickte Institutionalisierung von Editions- und Verlagsunternehmen, durch deren Infiltration der traditionsreichen Verlage sowie durch deren gekonnt initiierte Medienpräsenz. Nicole Reinhardt (Maison des sciences de l’homme Paris) stellte die Besonderheit der französischen Verlagslandschaft heraus, indem sie auf die dort so dominante Lehrbuchproduktion hinwies: Da das französische Kultusministerium viele Monate vor den staatlichen Examensprüfungen deren Themen bekannt gebe, konzentriere sich ein Teil der Verlagsproduktion auf schnell gemachte, thematisch durch das Kultusministerium bestimmte Lehrbücher. Der vergleichsweise schwache Zwischenbuchhandel sowie die sehr spärlichen Bibliotheksetats führten ebenfalls zu großen Unterschieden zum deutschen Buchmarkt. Insgesamt sei die französische historiographische Produktion schmaler als die deutsche, was auch anhand der Übersetzungen sozial- und geisteswissenschaftlicher Literatur aus dem Englischen und Deutschen nachweisbar sei, die bis heute eine quantité négligeable darstellen. Die Unterschiede zwischen zwei nationalen Buchmärkten strich auch Olaf Blaschke in seiner Gegenüberstellung der deutschen und der englischen Geschichtspublikationen in den letzten fünf Jahrzehnten heraus. Englische Geschichtsbücher hätten sich vor allem in den letzten Jahrzehnten bessere Abschatzchancen erarbeiten können als deutsche, zudem sei der auch für ein breiteres Publikum schreibende gentleman historian ein verbreiteteres und weniger verpöntes Phänomen als der deutsche Amateurhistoriker.
Der dritte und größte Teil der Beiträge und Diskussionen beschäftigte sich mit den gegenwärtigen Problemen und den Perspektiven des Marktes für historische Bücher in der BRD. Hier hörte man sowohl pessimistische als auch optimistische Einschätzungen bezüglich der aktuell zu beobachtenden Entwicklungen. Zu den Krisenphänomenen des Buchmarktes wurden von den Vertretern der Verlage die sinkenden Auflagenzahlen historischer Bücher, die angeblich zu konstatierende Leseunlust bei den jüngeren Generationen sowie der Relevanzverlust des Buches als bildungsbürgerliches Distinktionsmerkmal genannt. Hinzu komme der Niedergang des qualifizierten Sortimentsbuchhandels inklusive der wachsenden Dominanz der Buchhandelsketten mit ihrer nur schmalen Angebotspalette. Auch der Konzentrationsprozess im Verlagswesen und die Entwicklung hin zum „Verlag ohne Verleger“ (Wulf D. von Lucius, nach einem Buchtitel von André Schiffrin) wurden beklagt. Außerdem führte man die steigenden Rabattforderungen von Internetbuchhandlungen sowie die gesetzgeberische Tätigkeit der Bundesregierung etwa hinsichtlich des Copyrights an. Aber auch die Historiker kamen nicht ungeschoren davon: So beklagten Verlagsvertreter das fehlende stilistische Können besonders des historiographischen Nachwuchses ebenso wie die Überhand nehmende Spezialisierung der historischen Forschung, die an den Publikumsinteressen vollständig vorbei ginge. Die fehlende Neigung zur Erzählung wirke sich ebenso nicht gerade verkaufsfördernd aus. Die Tendenz der Historiker, fußnotengeschwängerte, theoriegesättigte Spezialstudien von mehr als 800 Seiten zu verfassen, ignoriere die Unmöglichkeit, solcherlei Werke auch an den Leser/die Leserin zu bringen. Der Appell richtete sich an die Akademiker, beim Verfassen ihrer Schriften nicht nur ausschließlich an ihre peers zu denken, sondern auch die Bedürfnisse des Lesepublikums im Auge zu behalten. So wünschte sich Detlef Felken vom Beck Verlag mehr Historiker, die ‚mittlere Bücher’ – also solche zwischen populärwissenschaftlichem Sachbuch und Spezialstudie – schrieben, auch, um der Aufgabe der Historiker, das kulturelle Gedächtnis zu bewahren, mithin zur Identitätsstiftung beizutragen, gerecht zu werden.
Aber es gab auch optimistische Stimmen: Andreas Fahrmeir (Universität Frankfurt) betonte, dass das Engagement eines Verlages auch schwierigere Titel zu Verkaufserfolgen führe könne. Walter H. Pehle vom Fischer Taschenbuchverlag konnte anhand der so genannten ‚Schwarzen Reihe’ zum Nationalsozialismus belegen, dass sich ein anfangs defizitäres Unterfangen durch eine gewisse Beharrlichkeit auf die lange Sicht gesehen durchaus lohnen kann. Ernst Schulin (Universität Freiburg) machte für zeitgeschichtliche Bücher und solche, die sich einer internationalen Perspektive widmen, einen Zukunftsmarkt aus. Diethard Sawicki vom Schöningh Verlag sah angesichts der Verschulung der universitären Lehre in den textbooks einen Zukunftsmarkt: Richte man die Einführungen in bestimmte Themenbereiche oder Studiensegmente inhaltlich und gestalterisch an den Bedürfnissen der Studierenden aus und gewönne man Historiker als Autoren, die diese Bedürfnisse auch ernst nähmen, so könne man durchaus absatzstarke Werke für den sogenannten ‚Nachmittagsmarkt’ konzipieren. Dietrich Kerlen (Universität Leipzig) sah einen möglichen Ausweg in der verstärkten Nutzung des Internets für die Publikation und den Verkauf von historiographischen Texten. Dieser Vorschlag traf allerdings nicht auf ungeteilte Zustimmung: So wies Olaf Blaschke darauf hin, dass die Funktionsmechanismen der akademischen Reputationsvergabe einer Anerkennung und Durchsetzung dieser Publikationsform deutliche Grenzen setzten.
An solchen und anderen Punkten traten unterschiedliche Anschauungen zu Tage, die verdeutlichten, dass nicht nur zwischen den beiden Akteursfeldern Historiker und Verlegern, sondern insbesondere auch unter den Verlegern selbst durchaus differierende Interessenlagen ausfindig gemacht werden können: Qualifikationsarbeiten-Verlage, die auf dieser Tagung etwa durch Jürgen-Matthias Springer von Peter Lang vertreten waren, Richtungsverlage wie Klartext (vertreten durch Ludger Claßen), junge, aufstrebende Verlage wie die Meidenbauersche Verlagsbuchhandlung oder alteingesessene Unternehmen wie Beck und Fischer verfolgen je spezifische Strategien und haben gegenüber ihren Autoren auch je eigene Erwartungshaltungen. Und dass Literaturagenten wie etwa Ernst Piper (Berlin) dem Produktionsfeld ein neues Element hinzufügen, wurde nicht von allen Verlegern als Bereicherung angesehen.
Dass sich die angeregten Diskussionen auf dieser Tagung nie zu Konflikten steigerten, zeigt deutlich, wie hoch der gegenseitige Gesprächs- und Informationsbedarf bei den Produzenten historiographischer Manuskripte und Bücher ist. Diese Tagung kann als ein erster Versuch gewertet werden, vor allem den beiden Akteursfeldern Verleger/Verlagsmitarbeiter einerseits, Historiker andererseits die Funktionsmechanismen, Handlungszwänge, Interessen und Optionen des jeweils anderen Feldes zu erläutern und näher zu bringen. Und kommunizieren müssen sie miteinander, haben sie doch dasselbe Ziel: Geschichtsbücher an möglichst viele Leserinnen und Leser zu bringen. Dem geplanten Tagungsband ist jedenfalls zu wünschen, dass er dieses Ziel erreicht.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Gabriele Lingelbach. Review of , Geschichtswissenschaft und Verlagswesen in der Krisenspirale?.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
April, 2004.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=27156
Copyright © 2004 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


