Europa schreiben. Methoden, Perspektiven, Themen einer europäischen Geschichtsschreibung (Sommerkurs des Berliner Kollegs für Vergleichende Geschichte Europas). Berlin: Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, 27.08.2006-01.09.2006.
Reviewed by Valentina Leonhard
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2006)
Europa schreiben. Methoden, Perspektiven, Themen einer europäischen Geschichtsschreibung (Sommerkurs des Berliner Kollegs für Vergleichende Geschichte Europas)
Europa hat bereits seit geraumer Zeit in der Geschichtswissenschaft Konjunktur – und dies nicht zuletzt infolge des verstärkten politischen Europäisierungsprozesses seit 1989/90 und der Osterweiterung der Europäischen Union. Vor allem seit Mitte der neunziger Jahre ist die Anzahl an Veröffentlichungen, die Europa im Titel führen, rasant gestiegen. Zahlreiche Tagungen und Konferenzen wurden zu diesem Thema veranstaltet und auch eine zunehmende akademische Institutionalisierung ist zu beobachten. Angesichts dieses „Europa-Booms“ ist oft eine bisher nur unzureichend erfolgte inhaltliche und methodische Reflexion bemängelt worden. Die Frage, wie eine Geschichte Europas geschrieben werden kann bzw. soll, hat sich in verschiedener Hinsicht als problematisch erwiesen und eine Reihe an Fragen aufgeworfen: Welche Begriffe, Kategorien und analytischen Konzepte könnten hierbei als Leitlinien fungieren? Haben sich spezielle europäische Narrative oder sogar ein „Königsweg“ der europäischen Geschichtsschreibung herausgebildet? Wie ist überhaupt europäische Geschichtsschreibung und generell der Begriff „Europa“ zu definieren?
Mit diesen und anderen Fragen setzte sich der Sommerkurs auseinander, der vom Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas (BKVGE) vom 27. August bis zum 1. September 2006 veranstaltet wurde. Unter dem programmatischen Titel „Europa schreiben. Methoden, Perspektiven, Themen einer europäischen Geschichtsschreibung“ waren 36 fortgeschrittene Studierende, Doktoranden und Postdoktoranden aus verschiedenen europäischen Ländern eingeladen worden. Ihnen wurde hier die Möglichkeit geboten, ausführlich aktuelle Ansätze, Möglichkeiten und Chancen, aber auch Grenzen einer konkreten Umsetzung europäischer Geschichtsschreibung anhand von Vorträgen zu diskutieren sowie ihre eigenen Projekte zu präsentieren. Ein erster positiver Impuls für eine praktizierte Europäisierung war dabei schon das breite geographische Herkunftsspektrum der Teilnehmer aus insgesamt 11 Ländern (vornehmlich der EU), die neben Deutschland aus Polen, der Tschechischen Republik, Italien, Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Österreich, Schweden, Litauen und der Ukraine stammten. Finanziell ermöglicht und gefördert wurde die Veranstaltung durch die Gerda Henkel Stiftung, die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius sowie die Marga und Kurt Möllgaard-Stiftung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.
Nach einer begrüßenden Ansprache durch Arnd Bauerkämper (Berlin), der als Geschäftsführender Leiter des BKVGE kurz die veranstaltende Institution vorstellte und dabei besonders ihre wissenschaftlichen Zielsetzungen im Bereich einer europäisch vergleichenden Geschichtsforschung betonte, legte Bernhard Struck (Berlin) als Organisator in seinem Einführungsvortrag noch einmal ausführlich die konkreten Ziele und Leitfragen der diesjährigen Sommerschule dar. Dabei spannte er einen weiten Bogen von inhaltlich-thematischen Aspekten zu methodischen Perspektiven, die diskutiert, problematisiert und zur Suche nach möglichen Neuansätzen für einer Geschichtsschreibung Europas fruchtbar gemacht werden sollten. Ausgehend von den sich in der bisherigen europäischen Historiografie ergebenden Problemstellungen akzentuierte er zwei zentrale Leitthemen, von denen ersteres definitorischer Art war und sich auf den Begriff „Europa“ selbst richtete. Struck verwies hier auf die komplexen räumlichen und zeitlichen Definitionsvarianten, in deren Rahmenkoordinaten eine europäische Geschichte immer gedacht werden müsse. Europa sei deshalb nicht als objektive Größe, sondern vielmehr als ein sich ständig wandelnder pluraler Wahrnehmungsraum zu verstehen. Als weiteres Kernproblem bislang entwickelter Ansätze benannte er die vorherrschende Fragmentierung in nationalstaatliche Perspektiven bzw. eine weiterhin dominante Ost-West-Teilung. Struck warf damit die Frage nach Konzepten und Methoden zu ihrer konstruktiven Überwindung auf.
Entlang dieser Linien entwickelten sich im Wesentlichen auch die Vorträge der insgesamt elf Referenten, die in den Folgetagen in einer gelungenen Mischung aus methodischen und konkreten Ansätzen Perspektiven für das Schreiben einer Geschichte Europas aufzeigten. Vor allem die morgenfüllenden Sektionen mit Seminarcharakter boten die Möglichkeit zu ausführlichen und vertieften Diskussionen.
Als erster hatte Hartmut Kaelble (Berlin) als einer der Direktoren des BKVGE und maßgeblicher Wegbereiter einer europäischen Geschichtsschreibung in Deutschland das Wort. In seinem breit angelegten Vortrag präsentierte er einen sehr umfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand, mögliche Konzepte und Problemstellungen einer europäischen Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts: von den verschiedenen Optionen einer europäischen Meistererzählung zu unterschiedlichen Ansätzen west- und osteuropäischer Historiker bis hin zum Verhältnis von europäischer Geschichte und global history. Zentrale Aspekte, die auch in den anschließenden Diskussionsbeiträgen zum Tragen kamen, waren die Frage nach Verflechtung bzw. Entflechtung als besonderer Spezifika einer europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sowie das Problem der teleologischen Perspektive auf Europa und der damit verbundenen Positionierung des Historikers. Neben der bisherigen Verständigung zwischen west- und osteuropäischen Historikern, wie sie unter anderem auch vom BKVGE betrieben wird, postulierte Kaelble insbesondere auch eine Intensivierung des Nord-Süd-Dialogs.
Mit einem spezielleren, aber ebenfalls grundlegenden und in den vergangenen Jahren unter Einfluss von spatial und iconic turn sehr produktiven Forschungsfeld setzte sich Georg Kreis (Basel) in seinem Beitrag zu „Grenzen und Grenzräumen als Gegenstand der europäischen Geschichte“ auseinander. Nach einführenden Betrachtungen zur Grenze als wissenschaftlichem Gegenstand, als Kategorie und als Typenvariante vertrat Kreis in Bezug auf Europa vor allem die unwidersprochene These, dass hier seit 1945 Grenzen weniger verändert als relativiert worden seien. Dies bilde ein zentrales Merkmal europäischer Nachkriegsgeschichte. Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft in diesem Prozess sah er nicht als „zudienende Legitimationsproduzentin“, sondern vielmehr in ihrer analytisch-dekonstruierenden Funktion.
Der zweite Tag wurde mit einem von Michael Werner (Paris) und Phillip Ther (Frankfurt/Oder) geleiteten Seminar zu „Konzepten transnationaler Historiografie. Vergleich, Transfer, histoire croisée eröffnet, das sich dem Thema „Europa schreiben“ auf methodischer Ebene näherte. Michael Werner erläuterte zunächst nochmals die Grundgedanken von Vergleich, Transfer und insbesondere des von ihm gemeinsam mit Bénédicte Zimmermann entworfenen Konzepts der histoire croisée, letzteres vor allem in Hinblick auf die grundlegende Unterscheidung zwischen Gegenstands- und methodologischer Ebene. Für ihre Applikation auf die europäische Geschichtsschreibung konstatierte Werner nicht nur eine Multiplizität von Beobachterpositionen, Instrumenten, Sprachen oder disziplinären Definitionen, sondern folgerte geradezu eine „Explosion des erkenntnistheoretischen Problems“, das europäische Geschichte zu einem utopischen bzw. nur in Ansätzen möglichen Unterfangen mache. Als möglichen Lösungsweg schlug er mit dem „Prinzip der Polyphonie“ einen Ansatz vor, der in einem selbstreflexiven Forschungsprozess flexibel auf die sich durch Interaktionen ergebenden Rückkopplungseffekte und Veränderungen der Vergleichseinheiten reagiere.
Phillip Ther fragte nach der konkreten Anwendbarkeit der histoire croisée auf die ost(mittel) europäische Geschichte. Nachdem er zunächst die Selbstbezogenheit einer in Westeuropa mit Bezug auf die westeuropäische Geschichte erfolgten Theoriedebatte kritisierte, befürwortete er deren Anwendung in der osteuropäischen Geschichtsschreibung aber entschieden. Er wandte sich damit gegen eine ungeprüfte Übertragung heutiger nationalstaatlicher und -geschichtlicher Kategorien als Makroeinheiten insbesondere auf die Vergangenheit sogenannter Vielvölkerstaaten. Stattdessen forderte er eine stärkere Berücksichtigung der Beziehungshaftigkeit als Grundkonstante in der Geschichtsschreibung, die Europa aus der Sicht der zeitgenössischen Akteure (z.B. durch Netzwerkanalysen und andere Konkretisierungen in der Kulturtransferforschung) in Großräumen als historische Strukturregionen begreift.
Während die methodischen Überlegungen und die Strukturierung Europas als Wahrnehmungs-, Erfahrungs-, Vernetzungs- und Kommunikationsraum ein sehr positives Echo fanden, stieß Thers Kritik an der nationalen Verfasstheit als Vergleichseinheit auf der Makroebene in ihrer Vehemenz doch auf einige Skepsis. Darüber hinaus wurde nach der Erfolgsgeschichte der histoire croisée in den einzelnen Ländern Europas gefragt und daran die Möglichkeiten und Grenzen in der Europäisierung wissenschaftlicher Konzepte erörtert.
Als Auftakt der Nachmittagssektion referierte Etienne François (Berlin) zu Europa als (gemeinsamem) Erinnerungsraum und dem bereits viel diskutierten Projekt europäischer lieux de mémoire. Vgl. u.a. das Symposium des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz unter dem Titel „Europäische lieux de mémoire?“, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 3 (2002), S. 3-100. Auch wenn das ursprünglich von Pierre Nora für Frankreich entwickelte Modell bereits durch Übernahme in zahlreichen Ländern einen gewissen Europäisierungsgrad aufweise, sei noch keine befriedigende Antwort zur Kanonisierung europäischer lieux de mémoire gegeben worden. Für das bisherige Scheitern machte François einerseits das weitere Vorherrschen des nationalen Rahmens, anderseits die mit Erweiterung des Bezugsrahmens multiplizierten Schwierigkeiten verantwortlich. Als möglichen Weg einer Annäherung schlug er die Suche nach drei alternativen Formen von lieux de mémoire im europäischen Gedächtnis vor: erstens nach gemeinsamen, zweitens nach geteilten/grenzüberschreitenden (zunächst auf bilateraler, dann europäischer Ebene) und schließlich drittens nach indirekten bzw. impliziten europäischen Erinnerungsorten, die zunächst nur konstitutiv für einen nationalen Rahmen erscheinen, darüber hinaus aber Bezüge zu höheren Ebenen aufweisen. Damit stand erneut die konkrete Applikation eines Konzeptes der Nationalstaatsforschung auf europäischer Ebene im Zentrum des Interesses. Dazu äußerten einzelne Diskutanten Zweifel; andere vermuteten ein implizites Fortschreiben nationaler Dimensionen und Fragestellungen. Daneben wurde auch die Rolle des Historikers zwischen Analyse und normativer Konstruktion einer europäischen Identität intensiv diskutiert.
Im Anschluss daran regte Riccardo Bavaj (St. Andrews) mit Überlegungen zur Gestaltung und Periodisierung des „Phänomens einer europäischen Moderne“ die Teilnehmer dazu an, Ideen und Impulse aus den Kulturwissenschaften und der Soziologie auf einen möglichen Erkenntniswert für die eigenen Arbeiten hin zu prüfen. Zunächst führte er hierzu kurz allgemein zum Begriff der „Moderne“ und in die Modernisierungstheorie ein, um darauf aufbauend unter den Topoi von der „Ambivalenz der Moderne“ und der multiple modernities (S. Eisenstadt) die Hauptkritikpunkte früherer Theoriedebatten zu referieren. Abschließend zeigte er als Perspektiven für die Periodisierung der Moderne zum einen das Stufenmodell nach Heinz Dieter Kittsteiner auf, das zwischen einer Phase der evolutiven Moderne (1770-1880) und einer heroischen Moderne (1880-1945) unterscheidet, sowie das von Friedrich Jäger vertretene Konzept, das sich wesentlich durch seine Differenzierung zwischen Moderne und Revolution auszeichnet. Der Aufforderung diese Ansätze auf die eigenen Projekte zu beziehen kamen die Teilnehmer weniger nach, stattdessen standen vielmehr Fragen nach der teleologischen Relevanz des jeweiligen Moderne-Begriffs sowie Erweiterungsvorschläge im Zentrum der Diskussionsbeiträge.
Der dritte Tag nahm Europa aus der Makro- und Mikroperspektive in den Blick. In dem morgendlichen Seminar betonte als einziger nicht-europäischer Vortragender Dipesh Chakrabarty (Chicago) die Notwendigkeit, die Geschichte Europas auch immer zur außereuropäischen Geschichte bzw. global history in Beziehung zu setzen. Auch wenn er hierbei weniger als erwartet in programmatischer Hinsicht auf seine bekannte Forderung „Europa zu provinzialisieren“ Chakrabarty, Dipesh: Provincializing Europe. Postcolonial Thought and Historical Difference, Princeton 2000. einging, sondern vielmehr ihren Hintergrund mit der Entstehungsgeschichte der colonial studies im Kontext von Modernisierungsparadigmen und dem Bedeutungsabstieg des Marxismus beleuchtete, wurde im Vortrag und den anschließenden Diskussionsbeiträgen sehr deutlich, wie gewinnbringend gerade auch für die Entwicklung einer europäischen Geschichtsschreibung die Abkehr von einer vorwiegend eurozentrischen Prägung und ein Perspektivenwechsel ist, der auch die Außenwahrnehmung in die Analyse einbezieht. Vgl. auch Conrad, Sebastian; Randeria, Shalini (Hgg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002.
Nach dieser Blickerweiterung über die engeren Grenzen Europas und der europäischen Geschichte hinaus forderte Milos Reznik (Chemnitz) gewissermaßen in umgekehrter Richtung zur verstärkten Binnendifferenzierung auf, indem er neuere Forschungsansätze zur Regionalgeschichte als sinnvolle Alternative zum Nationalstaatsparadigma thematisierte. Dabei machte er zunächst deutlich, dass die Definition von Region sehr offen, in der Regel als ein Konstrukt und letztlich als Wahrnehmungskategorie zu fassen sei, die – wie er anhand der grenzüberschreitenden Kommunikationsprozesse aus dem sächsisch-böhmischen Grenzbereich beispielhaft zeigte – sich im Kontext einer europäischen Geschichtsschreibung insbesondere zur verstärkten Untersuchung alltags- und mikrogeschichtlicher Themen anböten.
Der vierte Tag war ganz den Forschungsprojekten der Teilnehmer vorbehalten, die in drei Gruppen vorgestellt und diskutiert wurden. Das weite thematische Spektrum der Projekte aus den Bereichen der transnationalen, der vergleichenden und der Transfergeschichte in einem europäischen Kontext reichte zeitlich von „Europaideen in der Frühen Neuzeit“ (Christiane Coester) über „Antiklerikalismus als europäisches Phänomen“ (Lisa Dittrich) bis zu „Europe of regions“, einer Fallstudie der transsylvanischen Region seit den neunziger Jahren (Oleksandr Svytlov). Ein besonderer räumlicher Schwerpunkt lag dabei, vermutlich nicht zuletzt aufgrund der Ausrichtung der veranstaltenden Institution, auf Osteuropa; ein zeitlicher u.a. auf dem 20. Jahrhundert und der Zeitgeschichte, die damit ihre Ankunft in der Europageschichtsschreibung erneut unter Beweis stellte. Vgl. das entsprechende Themenheft „Europäisierung der Zeitgeschichte?“, in: Zeithistorische Forschungen 1 (2004), 3. Die Diskussion der einzelnen Projekte wurde dabei immer wieder an die eingangs genannten Großfragen rückgebunden, wobei sich je nach Zusammensetzung der Gruppen feine Nuancen ergaben; weitgehender Konsens herrschte darüber, dass europäische Geschichte sich noch nicht per se aus einem vergleichs- oder transfergeschichtlichen Projekt ergibt, das zwei oder mehr europäische Staaten, Nationen, Regionen oder anderen Untersuchungseinheiten einbezieht. Hierfür sei vielmehr entscheidend, sich am konkreten Projekt zu fragen, ob und welchen „Mehrwert“ eine europäische Dimension in Bezug auf den Erkenntnisgewinn erbringen kann.
Am Abschlusstag wurden noch einmal drei konkrete Forschungsgebiete und -projekte aus dem Bereich der europäischen Geschichte präsentiert. Jakob Vogel (Berlin) und Morgane Labbé (Paris) widmeten sich den Dimensionen einer europäischen Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Labbé führte in die neueren methodischen und konzeptionellen Entwicklungen der Wissenschaftsgeschichte ein, die ausgehend von einem stark konstruktivistischen Begriff von Wissen als soziokultureller Praxis dessen Zeitgebundenheit betont und sich der historischen Kontextualisierung durch verstärkte Hinwendung zur Mikrogeschichte widmet. Demgegenüber konkretisierte Vogel diese Ausführungen exemplarisch an Leben und Wirken des Elsässer Agrarwissenschaftlers und Chemikers Jean Baptiste Boussingault (1802-1877), eines nationalen Heroen der französischen Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhundert. Anhand der sogenannten europäischen Düngemittelkontroverse konnte er die enge Verzahnung der nationalen, regionalen, lokalen, aber auch europäischen Ebene in der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts aufzeigen. Als idealen Ansatz zur Untersuchung dieser transnationalen, auf Kontakten basierenden, wechselseitigen Zirkulation von Ideen in der Wissenschaft, der im 19. Jahrhundert Europa als wichtiger Legitimationsraum diente, hob er die histoire croisée hervor.
In der abschließenden Sektion stellte Hagen Schulz-Forberg (Florenz/Berlin) die bisherigen empirischen Ergebnisse des auf europäischer Ebene angelegten, interdisziplinären Forschungsgroßprojektes EMEDIATE zur Erforschung von Medien und Ethik in der europäischen Öffentlichkeit vor. Ausgehend von der Hypothese, dass in Momenten der Krise Werte in einer Gesellschaft neu verhandelt und Legitimationsdiskurse geführt werden, sollte damit nach dem diskursiven Wandel von Europa als zentralem Referenzsystem in bestimmten Krisensituationen in den einzelnen Ländern gefragt werden. Neben zahlreichen konzeptionellen Problemen verdeutlichte Schulz-Forberg sehr anschaulich konkrete Schwierigkeiten und den großen Arbeitsaufwand einer solchen europäischen Forschungszusammenarbeit – und stieß mit seiner selbstkritischen Einordnung eines europageschichtlichen Projektes auf lebhaftes Interesse.
Christoph Boyer (Salzburg) präsentierte im Schlussvortrag einige Überlegungen und Perspektiven eines Forschungsprogramms zur europäischen Zeitgeschichte, in der Elemente aus Makro- und Mikrogeschichte für einen Gesellschaftsvergleich miteinander kombiniert werden. Zunächst zeichnete er hierzu die Entwicklung der beiden wesentlichen dynamischen Makromodelle, Keynesianismus und Staatssozialismus, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa nach, wobei er Unterschiede, aber auch Ähnlichkeiten in West und Ost besonders betonte. Die determinierenden Länderspezifika ergäben sich nach Boyer durch das entscheidende Zusammenwirken von diesen Makrosystemen mit der Mikroebene (wie Familien und Gemeinden), die gewissermaßen in überkreuzten Vergleichsmöglichkeiten analysiert werden können. Auch wenn Boyer mit Verweis auf die „Dialektik der Moderne“ selbst vor dem zwangsläufigen Schreiben einer Erfolgsgeschichte sowie dem Abgleiten in Essentialismus warnte, wurde insbesondere seine Ansalyse der in Ost- und Westeuropa aufgespaltenen Makrosysteme als Fortschreibung der Blockbildung sehr kontrovers diskutiert.
In der resümierenden Abschlussdiskussion hoben die Teilnehmer im Hinblick auf die Organisation und den Verlauf des Sommerkurses vor allem den Fokus auf Probleme und Aspekte des pragmatischen Schreibens und die methodologisch-konzeptionelle Diskussion als besonders hilfreich für die eigenen Projekte hervor. Dabei wurde betont, dass es keinen eigentlichen „Königsweg“ zum Schreiben einer europäischen Geschichte gibt, sondern vielmehr viele Wege „Europa zu suchen“ – unter denen transnationale und vergleichende Projekte sicherlich weiterhin als Grundbausteine dienen werden. Nicht zuletzt wurde diese Vielzahl möglicher Pfade auf die Polyvalenz und Komplexität von Europa in der Geschichtsschreibung selber zurückgeführt. Definitiv konnte hier das Bewusstsein für diese unterschiedlichen Dimensionen Europas erheblich geschärft werden, das als Wahrnehmungs-, Erfahrungs-, Vernetzungs-, Kommunikations- und Diskursraum, als Bezugsrahmen und Referenzsystem und nicht zuletzt als heuristisches Konzept (Bauerkämper) definiert und diskutiert wurde. Ein ständig wiederkehrendes Thema stellte auch die normative Aufladung dieses vielgestaltigen Europabegriffs dar. Dabei wurde einerseits vor allem aus der Perspektive der ost(mittel)europäischen Geschichte gegen seine Westzentrierung argumentiert, die Integration Südeuropas aber kaum thematisiert. Andererseits ging es um die Rolle und das Selbstverständnis von Historikern, wobei mit Verweis auf die „Treitschke-Falle“ wiederholt vor der Problematik eines teleologisch angelegten, vom heutigen (politischen) Europa ausgehenden Europabegriffs gewarnt wurde. Vgl. Jarausch, Konrad: Einleitung, in: Zeithistorische Forschungen 1 (2004), 3, S. 338. Ein drittes wichtiges Themenfeld bildete der Paradigmenwechsel in der Schwerpunktsetzung, der ausgehend vom Konstruktivismus des Nationsbegriffs Europa bzw. seine Regionen, aber auch die globale Geschichte als Untersuchungseinheiten verstärkt in den Blickpunkt rückte. Auch wenn die Skepsis gegenüber der Nation als vorherrschende historiografische Kategorie geteilt wurde, waren sich die Teilnehmer einig, dass man als Reaktion auf die Hypostasierung der Nation nicht in eine beliebige Transnationalisierung und Europäisierung (Dominik Rigoll) verfallen dürfe, sondern der Sinn einer europäischen Geschichtsschreibung sich vor allem auf Basis des Erkenntniswertes für das konkrete Projekt ergeben müsste. Insgesamt haben die Erfahrungen des Sommerkurses damit wesentlich die Erkenntnis gestärkt, dass europäische Geschichtsschreibung ein außerordentlich komplexes, aber keineswegs unmögliches Unterfangen ist und Europa für die Geschichtsschreibung mit Sicherheit keine Sackgasse, aber auch nicht immer den goldenen Weg darstellt. In diesem Sinne lassen die vorgestellten Projekte und Vorträge auf eine weitere konstruktive Annäherung an eine europäische Geschichtsschreibung hoffen – und hierzu dürfte der intensive Austausch von Studierenden und Forschenden auf europäischer Ebene, der im Rahmen dieses internationalen Sommerkurses möglich war, sich in jedem Fall fördernd auswirken.
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Citation:
Valentina Leonhard. Review of , Europa schreiben. Methoden, Perspektiven, Themen einer europäischen Geschichtsschreibung (Sommerkurs des Berliner Kollegs für Vergleichende Geschichte Europas).
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
October, 2006.
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