'Kontrolle der Gewalt'. Bielefeld: Prof. Heinz-Gerhard Haupt Prof. Wilhelm Heitmeyer Dipl.-Sozialwirtin Andrea Kirschner, MA Dipl.-Soz.-Wiss. Barbara Kaletta, 17.10.2007-20.10.2007.
Reviewed by Barbara Kaletta
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2008)
'Kontrolle der Gewalt'
Schulamokläufe, terroristische Attentate, Gewalt im Zusammenhang mit „fragiler“ Staatlichkeit – die nicht zuletzt durch die Medien in den Blick gerückte Allgegenwärtigkeit von Gewalt legt die Vermutung nahe, dass die Kontrolle von Gewalt trotz weitreichender Überwachungsmechanismen und Präventionsbemühungen immer schwerer wird. Nehmen diese Gewaltphänomene also immer bedrohlichere Ausmaße an und sind damit Ausdruck eines weitreichenden Kontrollverlustes über Gewalt oder handelt es sich hierbei um eine aus Angstdiskursen genährte Wahrnehmung, während wir im historischen Vergleich tatsächlich eher Kontrollgewinne zu verzeichnen haben? Diskussionen über diese Frage anzuregen war Ziel der internationalen Tagung, die im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld mit Unterstützung der Thyssen-Stiftung vom 17. bis 20. Oktober 2007 stattfand und den Auftakt für die interdisziplinär zusammengesetzte Jahresforschungsgruppe „Kontrolle der Gewalt“ am ZiF bildete.
Die Grundmuster des hierbei zugrunde gelegten Konzeptes stellte WILHELM HEITMEYER (Universität Bielefeld) in seiner Einführungsrede vor, wobei er insbesondere auf die Ambiguität des Gewaltbegriffs und die Ambivalenz des Kontrollparadigmas einging. Den unterschiedlichen Ansätzen zur Konzeptualisierung unterschiedlicher Gewaltformen müsse von der Forschungsgruppe Rechnung getragen werden, wobei im Zentrum aber ein Gewaltverständnis der direkten physischen Gewalt stünde, die auf Schädigung, Verletzung oder Tötung abzielt, also manifest und meistens auch intendiert ausgeübt wird. Kontrolle sei eine höchst ambivalente Kategorie, indem sie zugleich immer auch eine Quelle von Gewalt sein könne. Der Effekt von Kontrolle kann also in beide Richtungen weisen, sowohl zur Begrenzung von Gewalt dienen als auch der Ausgangspunkt für deren Ausweitung sein. Die These des Kontrollverlustes beziehe sich nun auf die Annahme, dass sich gegenwärtige Gesellschaften durch eine zunehmende und gleichsam vagabundierende Gewalt auszeichneten, die von den jeweiligen Kontrollregimen, wie Polizei, staatlichen Überwachungsinstitutionen, nationalstaatlichen Repressionsapparaten, internationalem Recht, nicht mehr hinreichend eingehegt werden könnten.
Da die These des Kontrollverlustes – nicht zuletzt aufgrund der Komplexität der ihr zugrunde
liegenden Kategorien – nur mittels interdisziplinärer Analysen sinnvoll bearbeitbar erscheint, beleuchtete der erste Vortrag von JÜRGEN KOCKA (Wissenschaftszentrum Berlin) über „Konstellationen der Interdisziplinarität“ die unterschiedlichen Möglichkeiten einer solchen interdisziplinären Zusammenarbeit. Dabei setze er sich einerseits damit auseinander, aus welchen Antrieben interdisziplinäres Arbeiten stattfindet (z.B. nicht Lösbarkeit bestimmter Probleme durch ausschließlichen Rückbezug auf die eigene Disziplin oder eine disziplinübergreifende Abhängigkeit von Ideen und Institutionen). Andererseits betonte er, welche Chancen – nämlich eine gesteigerte Nützlichkeit wissenschaftlicher Forschung für den gesellschaftlichen Kontext sowie die Ermöglichung des Fortschritts innerhalb der beteiligten Disziplinen – mit dieser Art des Zusammenwirkens verbunden sind.
Wie sinnvoll ein interdisziplinärer Zugang ist, um zu einem differenzierten Verständnis von „Kontrolle“ zu gelangen, zeigte sich bereits in der Diskussion im Anschluss an den Einführungsvortrag von HEINZ-GERHARD HAUPT (Universität Bielefeld zur Zeit Europäisches Hochschulinstitut Florenz), der darin nochmals die These des Kontrollverlustes aus historischer Perspektive beleuchtete. Fragen, die dabei aufkamen bezogen sich bspw. darauf, ob Kontrolle eher klassische Überwachungs- und Abschreckungsmechanismen meine oder ob darunter auch Präventionsmaßnahmen fielen, die auf die längerfristige Veränderung von Strukturen angelegt sind. Unterschiedliche Zeithorizonte und Akteure seien damit zugleich von Bedeutung für die Kontrolle von Gewalt. Die mannigfaltigen Gebrauchsweisen und Konzeptualisierungen des Kontrollbegriffs mit je eigenen Implikationen für mögliche Kontrollverluste und -gewinne ergeben sich jedoch nicht nur aus den einzelnen disziplinären Zugängen, sondern werden auch durch das jeweils betrachtete Gewaltphänomen nahegelegt. Dies wurde mit den Vorträgen zu den drei zentralen Gewaltphänomenen – Gewalt im Kontext „fragiler“ Staatlichkeit, Terrorismus und Schulamokläufe – deutlich.
Ausgehend von der These, dass die Existenz eines funktionierenden (national-) staatlichen Gewaltmonopols sowohl in historischer Perspektive als auch geographisch eher die Ausnahme als die Regel darstelle, stand in der Präsentation von THOMAS RISSE (Freie Universität Berlin) über „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ die Frage nach den unterschiedlichen Akteuren, Formen und Modi von Kontrolle bzw. governance im Vordergrund. Kontrolle müsse – ebenso wie governance – nicht notwendigerweise auf den Staat und seine Sicherheitsakteure beschränkt sein, sondern beziehe auch nicht-staatliche Akteure mit ein, die sowohl in Konkurrenz- als auch Kooperationsbeziehungen zu staatlichen Akteuren stehen können. Entsprechend vielfältig sind auch die Modi der Kontrolle bzw. von governance, indem etwa die oftmals „hybriden“ privat-öffentlichen Kooperationsformen eher auf nicht-hierarchischen und „weichen“ Steuerungsmodi basierten.
Das Thema der Ambivalenz von Kontrolle wurde insbesondere von JITKA MALEČKOVÁ (Russel Sage Foundation New York) in ihrem Vortrag „Control of Terror –Terror of Control“ aufgegriffen. So seien Versuche der Kontrolle von terroristischer Gewalt in der Regel mit Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten verbunden. Malečková stellte zudem heraus wie der Betonung des „Neuheitscharakters“ des heutigen Terrorismus – zunehmende Verdrängung politischer durch religiöse und ökonomische Zielsetzungen, damit verbundene höhere Zufälligkeit sowie größere Opferzahlen vor allem unter „Unbeteiligten“ – gewisse historische Kontinuitäten in den Erklärungsmustern – „Irrationalität“, Rückführung auf psychische „Defekte“, Armut, schlechte Bildung etc. – gegenüberstünden, obgleich Letztere in zahlreichen Studien bereits in Frage gestellt worden seien.
KATHERINE NEWMAN (Princeton University) konzentrierte sich in ihrer Präsentation über “The social roots of school shootings” auf eine präventive Form der Kontrolle von Schulamokläufen, die durch eine stärkere Vernetzung und einen besseren Informationsaustausch „Kontrollakteuren“ wie Lehrern, Schulpsychologen, Sozialarbeitern, Eltern etc. untereinander als auch mit den Schülern ermöglicht werden soll. Dabei sind peers laut Newman die ersten Personen gegenüber denen der potenzielle Täter eine auffälliges Verhalten an den Tag legt, während er sich gegenüber Erwachsenen meist als sozial konform präsentiert. Einerseits betrachtet Newman somit die Aufmerksamkeit gegenüber auffälligen Verhaltensweisen von Schülern und die Kommunikation hierüber als wirksames Mittel zur Verhinderung von Schulamokläufen. Andererseits betont sie gleichzeitig den ambivalenten Charakter einer solchen sozialen Kontrolle, indem kleinstädtische Strukturen mit ihrem hohen Grad an sozialer Vernetzung und der damit häufig einhergehenden Sorge, zum Thema des „Kleinstadttratschs“ zu werden, oftmals gerade nicht dazu beitrügen dass Kinder, die mit sozialen und psychischen Problemen zu kämpfen haben, diese auch offen artikulierten.
In dem Panel „The role of the religion“ wurde die Frage erörtert, ob und wie ein Vorherrschen religiöser Normen und Werte die Kontrollierbarkeit von Gewalthandeln beeinflusst. In diesem Zusammenhang erhellte HANS KIPPENBERG (Max-Weber-Kolleg Erfurt) in seinem Vortrag „Reading Religious Violence in Terms of Theories of Social Action“, welche eskalierenden Effekte religiöse Skripte hervorrufen können, wenn sie als Grundlage zur Interpretation einer Konfliktsituation herangezogen werden.
In dem Panel „Regimes of Control“ stand die Frage nach den Normen, Regeln und Erscheinungsformen von Kontrolle durch unterschiedliche Akteure und Institutionen im Vordergrund. Während THILO MARAUHN, Universität Gießen, dabei auf mögliche Entwicklungstendenzen des legitimen Gewaltmonopols des Nationalstaates einging, setzte sich der zweite Vortrag von KIRSTI STUVØY (Universität Tromsø) mit einem spezifischen Typ nicht-staatlicher Kontrollregime auseinander.
Welche Rolle spielen die Medien im Hinblick auf die Möglichkeit Gewalt zu kontrollieren oder zu verhindern? Machen es allgegenwärtige Gewaltdarstellungen zunehmend schwerer, Gewalthandeln entgegenzuwirken? Können umgekehrt die Medien dazu beitragen, Gewalthandeln einzuhegen, indem sie in ihrer Funktion investigativ tätig zu sein, rechtsfreie, gewalthaltige Räume aufzeigen? Diesen Fragen gingen JÜRGEN GRIMM, Universität Wien, und HOLGER NEHRING (University of Sheffield) im Panel „The role of the media“ nach.
Das Panel „Self control and violent action“ konzentrierte sich mit den Vorträgen von CHARLES TITTLE (North Carolina State University) und AXEL T. PAUL (Universität Freiburg) auf die Frage nach Zusammenhängen zwischen Selbstkontrolle und aggressivem Verhalten, wobei beide Redner die ambivalente Rolle von Selbstkontrolle im Hinblick auf ihr gewaltregulierendes Potential betonten. In MICHEL WIEVIORKAS Keynotevortrag standen Aspekte der Gewaltforschung aus einer subjektzentrierten Perspektive im Vordergrund. Er beleuchtete hierbei sowohl die Opfer- als auch die Täterseite. So thematisierte er einerseits aus Opfersicht mögliche Arten des Umgangs und der Auseinandersetzung mit vergangenen Gewaltereignissen. Bezogen auf die Täterseite stellte Wieviorka den Entwurf einer Akteurs-Typologie vor und identifizierte hierbei fünf idealtypischen Kategorien. Bezogen auf die leitende Fragestellung der Tagung ließ sich hieraus schlussfolgern, dass Ansätze zur Kontrolle und Einhegung von Gewalt solch unterschiedlichen Täter-Subjektivitäten und ihren jeweiligen Kombinationen und Überlappungen im konkreten Fall Rechnung tragen müssen – wobei die Erfolgschancen je nach Subjektkonstellation erheblich variieren dürften – ebenso wie sie die spezifischen Umgangsweisen der Opfer mit erlebter Gewalt stärker zu berücksichtigen haben.
Neben einem Ausblick auf Inhalte und Fragen, die es während des Forschungsjahres zu erörtern gilt, ermöglichte die Konferenz ebenfalls einen offenen Austausch über weitere zu diskutierende Fragestellungen im Hinblick auf eine (Un-)möglichkeit der Kontrolle von Gewalt und zeigte darüber hinaus mögliche Anschlussstellen zwischen den aus unterschiedlichen Disziplinen stammenden und auf unterschiedlichen Methoden basierenden Einzelprojekten der Forschungsgruppenmitglieder auf. Insgesamt weckte sie ein großes Maß an Vorfreude auf den wissenschaftlichen Austausch, der im Rahmen des Forschungsjahres der Wissenschaftlergruppe „Kontrolle der Gewalt“, stattfinden wird.
Konferenzübersicht:
Jürgen Kocka, Berlin: Constellations of Interdisciplinarity
Thomas Risse, Berlin: Governance in Areas of Limited Statehood – New Modes of
Governance?
Jitka Malečková, New York: Control of Terror – Terror of Control
Katherine Newman, Princeton: The social roots of school shootings
Michel Wieviorka, Paris: Giving an end to violence
Panel 1: The role of religion
Hans G. Kippenberg, Bremen: Reading religious violence in terms of theories of social action
Panel 2: Regimes of Control
Thilo Marauhn, Giessen: The erosion of the state monopoly of violence
Kirsti Stuvøy, Tromsø: Constraints and capabilities of control regimes: The Case of Non-State Crisis Centres for Women in Russia
Panel 3: The role of the media
Jürgen Grimm, Wien: Media logic and its impact on a loss of aggression control
Holger Nehring, Sheffield: Phantasies of power – phantasies of control. The imagination of lawless spaces in the mass media and the lack of control, 1968-1982
Panel 4: Self control and violent action
Charles R. Tittle, Raleigh: Self-Control and the Management of Violence
Axel T. Paul, Freiburg: Modern Barbarism and the Prospects of Civilization. Eliasian Themes in an African Context
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Citation:
Barbara Kaletta. Review of , 'Kontrolle der Gewalt'.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2008.
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