Johannes Gerhardt. Der Erste Vereinigte Landtag in Preussen von 1847: Untersuchungen zu einer ständischen Körperschaft im Vorfeld der Revolution von 1848/49. Quellen und Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, vol. 33. Berlin: Duncker & Humblot, 2007. 310 pp. Illustrations. EUR 87.80 (paper), ISBN 978-3-428-12379-7.
Reviewed by Markus J. Prutsch (European University Institute Florence)
Published on H-German (May, 2009)
Commissioned by Eve M. Duffy (University of North Carolina Chapel Hill)
Landtagsgeschichte als Neue Politikgeschichte
Johannes Gerhardts 2007 im renommierten Berliner Verlagshaus Duncker & Humblot publizierte Buch nimmt sich eines in der älteren wie jüngeren Forschung zur preußischen Geschichte vernachlässigten Untersuchungsobjektes an, namentlich des Ersten Vereinigten Landtages Preußens. Dieser tagte vom 11. April bis zum 22. Juni 1847 im Berliner Stadtschloss und kann--ungeachtet seines nur recht kurzen Bestehens--in der Tat als Kulminationspunkt der Entwicklung des vormärzlichen preußischen Parlamentarismus gedeutet werden, der nicht unerhebliche Auswirkungen auf dessen Fortentwicklung nach 1848 zeitigte.
Ausgehend von der Prämisse, daß "sehr viel Neues über den Landtag gesagt werden kann", sowohl bezüglich der Frage nach der "politischen Grundkonstellation" auf dem Landtag, als auch mit Blick auf den "sozialen Ort Landtag in verfassungs-, sozial- und kulturgeschichtlicher Hinsicht" (S. 13), ist das Erkenntnisziel des Autors ein doppeltes: zum einen will Gerhardt anhand der preußischen Verfassungsfrage im Jahr 1847 die Abgrenzungsproblematik der Begriffe liberal und konservativ kritisch betrachten; zum anderen ist es seine Ambition, die Körperschaft Landtag als einen sozialen Ort politischer Eliten zu verstehen, wobei dessen Strukturen und sein elitendominierter Arbeitsalltag mit den Beziehungen, Konflikten und Kompromissaushandlungen der Landtagsakteure im Mittelpunkt stehen.
Die Gliederung der Arbeit folgt diesem doppelten Forschungsinteresse und ist folglich weniger an strikt chronologischen, als analytischen Gesichtspunkten orientiert. Während der erste Hauptteil (S. 48-111) die Diskussionen um die preußische Verfassungsfrage im Jahre 1847 in den Mittelpunkt des Interesses stellt, ist der zweite Hauptteil (S. 112-266) dem Ersten Vereinigten Landtag als einem sozialen Ort von politischen Eliten gewidmet. Beide Teile, insbesondere aber der zweite, sind weiter untergliedert in eine Reihe von Haupt- und Nebenkapiteln. Voraus geht diesen beiden zentralen Abschnitten der Studie eine recht ausführliche Einleitung (S. 13-47), ihnen nach folgen knapp gehaltene "Schlussbemerkungen" (S. 267-276), das Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 277-302) und ein Personenregister (S. 303-310).
Bestimmendes Moment im ersten Hauptteil ist das Bemühen Gerhardts, den Landtag als ein Forum der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen konservativen Gruppierungen darzustellen. Indem er für ein "situationsspezifisches Konservatismusverständnis" (S. 21) plädiert, nach dem all jene, die in den preußischen Verfassungsdebatten der 1840er Jahre eine "geschichtlich-organische Problemsicht" (S. 25) vertreten hatten, als konservativ zu charakterisieren seien, gelangt Gerhardt zu der überraschenden Einsicht, dass der Erste Vereinigte Landtag ausschließlich aus solchen Mitgliedern bestand. Diese werden in die drei Hauptgruppen reaktionär, status-quo-konservativ und reformkonservativ unterteilt, wobei letztere Gruppe weiter differenziert wird in "pragmatisch-ständisch", "historisch-ständisch" und "neuständisch" (S. 27). So ambitioniert und mutig diese Interpretation auch sein mag, die im Widerspruch zur verbreiteten Forschungsmeinung von der Dominanz liberaler Abgeordneter steht, so überzeugt sie doch nicht restlos. Dies gilt, zumal es--wie schon Dieter Langewiesche in seiner ansonsten durchaus zustimmenden Rezension von Gerhardts Werk bemängelt [1]--für deren Plausibilität einer vergleichenden, über den engen Rahmen des Landtages hinausgehenden Analyse bedurft hätte.
Vor diesem Hintergrund liegt die Stärke der Arbeit weniger im ersten, sondern vielmehr zweiten Hauptteil begründet, in dem der Autor den Vereinigten Landtag minutiös als "soziale Versammlung" zu rekonstruieren versteht. Unter konsequenter Bemühung der politischen Kulturforschung und ganz auf der Linie der Neuen Politikgeschichte [2] schreibt Gerhardt dem Landtag ein Eigenleben zu, wobei er zu tiefschürfenden Ergebnissen hinsichtlich der Dynamik von Verständigungs- und Selbstverständigungsprozessen im parlamentarischen Arbeitsalltag gelangt. Fußend auf einer breiten Basis gedruckter und ungedruckter Quellen wird unter anderem der Blick auf die ständische und konfessionelle Zusammensetzung und auf das Zusammenwirken des Königs und seiner Minister im Umgang mit den Abgeordneten gerichtet. Daneben werden ausführlich Faktoren politischer Zusammenschlüsse beleuchtet und neben der provinzialen Herkunft der Abgeordneten auch Versammlungs- und Kommunikationsräume, wie etwa private Unterkünfte, thematisiert. Nicht zuletzt untersucht der Autor die durch hierarchisch-autoritäre Strukturen geprägte Arbeit in den insgesamt 17 Abteilungen, die erstmals einer präzisen Analyse unterzogen werden. Im Ergebnis entsteht ein abwechslungsreiches und, eingedenk der gewählten Perspektiven, in mancherlei Hinsicht erfrischend neues Bild der Tätigkeit einer parlamentarischen Körperschaft im deutschen Vormärz.
Angesichts des unverkennbaren Innovationsgehalts von Gerhardts Studie, die sich darüber hinaus durch einen flüssigen Stil auszeichnet, erscheinen einzelne kleinere Schwächen weitgehend vernachlässigbar. Zu diesen wären etwa zu zählen, dass der Übersichtlichkeit der Arbeit eingedenk des Nebeneinanders von verschiedenen Gliederungsschemata (alphabetisch, römische Ziffern, arabische Ziffern) kein guter Dienst erwiesen ist, und dass der zuweilen hohe Detailreichtum gerade den zweiten Hauptteil an einzelnen Stellen etwas langatmig wirken lässt.
In Summe bleibt der Eindruck einer ausgewogenen, sprachlich ansprechenden Abhandlung, die sich gleichermaßen wertvoll für das Verständnis des vormärzlichen politischen Systems Preußens, des Anspruchs und der praktischen Grenzen des monarchischen Konstitutionalismus von Friedrich Wilhelm IV. sowie des deutschen Parlamentarismus im 19. Jahrhundert erweist.
Notes
[1]. Dieter Langewiesche, Rezension von: Johannes Gerhardt: Der Erste Vereinigte Landtag in Preußen von 1847. Untersuchungen zu einer ständischen Körperschaft im Vorfeld der Revolution von 1848/49 (Berlin: Duncker & Humblot 2007), in sehepunkte 8 (2008), Nr. 3 [15.03.2008], URL: .
[2]. Zum Konzept einer "Neuen Politikgeschichte" in der deutschen Historiographie vergleiche unter anderem Ute Frevert und Heinz-Gerhard Haupt, hrsg., Neue Politikgeschichte: Perspektiven einer historischen Politikforschung, Historische Politikforschung, Band 1 (Frankfurt/Main; New York: Campus, 2005); und Hans-Christof Kraus und Thomas Nicklas, hrsg., Geschichte der Politik: Alte und neue Wege, Historische Zeitschrift, Beiheft 44 (München: R. Oldenbourg, 2007).
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Citation:
Markus J. Prutsch. Review of Gerhardt, Johannes, Der Erste Vereinigte Landtag in Preussen von 1847: Untersuchungen zu einer ständischen Körperschaft im Vorfeld der Revolution von 1848/49.
H-German, H-Net Reviews.
May, 2009.
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