Hans Henning Hahn, Elena Mannová. Nationale Wahrnehmungen und ihre Stereotypisierung: Beiträge zur Historischen Stereotypenforschung. Frankfurt am Main: Peter Lang/Frankfurt, 2006. 535 S. $76.95 (broschiert), ISBN 978-3-631-50445-1.
Reviewed by Maciej Górny
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2009)
H. Hahn u.a. (Hrsg.): Nationale Wahrnehmungen
Der anzuzeigende Band geht auf eine deutsch-slowakische Konferenz aus dem Jahre 2001 zurück. Den größten Unterschied zwischen dem Programm der Tagung in Bratislava und dem Inhaltsverzeichnis des Bandes bildet ein methodischer Einführungsaufsatz zur Stereotypenforschung von Hans Henning Hahn, der die Stereotypenforschung als eine konkrete Variante der Mentalitätsgeschichte beschreibt und als eine Grundlage für die einzelnen Texte des Buches zu verstehen ist. In Weiterentwicklung seiner vor mehr als 10 Jahren formulierten Thesen Hans Henning Hahn (Hrsg.), Historische Stereotypenforschung. Methodische Überlegungen und empirische Befunde, Oldenburg 1995. betont der Autor die diskursive Rolle von Stereotypen, sowie deren gruppenbildende Funktion und Bedeutung für die Selbstdefinition der jeweiligen Gruppe. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die im Band gesammelten Aufsätze im Rahmen dieser Definition bleiben, wobei in einigen wenigen Fällen die Tragfähigkeit des Konzeptes der historischen Stereotypenforschung etwas überstrapaziert erscheint.
Neben der methodologischen Einheitlichkeit soll die Interdisziplinarität des Sammelbandes unterstrichen werden. Bei den analysierten Quellen finden sich, neben den historiographischen Texten und Lexika (die zu den beliebtesten Materialien der Stereotypenforschung gehören) auch Kochbücher, Reiseführer, Presse, Architektur, Karikaturen und sogar Stickbilder. An den behandelten Themen kann man die verschiedenen wissenschaftlichen Ecken erkennen, denen die einzelnen Autoren entstammen: unter ihnen sind HistorikerInnen, aber auch Sprach- und LiteraturwissenschaftlerInnen und EthnologenInnen.
Letztlich ist in diesem Sammelband auch die relativ große Zahl vergleichend angelegter Beiträge bemerkenswert, obwohl die Herausgeber es sich nicht als ihr primäres Ziel setzten, an einer komparativen deutsch-slowakischen Stereotypengeschichte zu arbeiten. Es wurde auf die Ungleichheit der Perspektiven hingewiesen (Deutschland und die Deutschen spielen in den Vorstellungen der Slowaken eine viel größere Rolle als umgekehrt), wie auch auf die handwerklichen Schwierigkeiten bei Umsetzung einer solchen Perspektive in der Forschungspraxis.
Unter den mehr als zwanzig Beiträgen finden sich sowohl Texte, die vor allem deskriptiv die Funktionsweise des Stereotyps in verschiedenen Umfeldern dokumentieren, als auch Aufsätze, die darüber hinaus auf theoretische Überlegungen abheben. In der zweiten Gruppe ist vor allem der Einführungstext von Hahn zu erwähnen, ein Versuch „über die Beschreibung und eventuelle Widerlegung von Stereotypen hinauszugehen und sich die Aufgabe zu stellen, die Mechanismen ihrer Benutzung und ihrer Wirkung zu erforschen und bewusst zu machen sowie nach den (politischen, sozialen und mentalen) Funktionen von Heterostereotypen und Autostereotypen zu fragen“ (S. 23-24). Auch Birgit Bruns geht von der Analyse der Judenstereotype in enzyklopädischen Wissenssammlungen des 18. Jahrhunderts zur theoretischen Problematik des Rationalismus der Aufklärung über, indem sie zeigt, wie die historischen Judenstereotypen einerseits in die enzyklopädische Literatur hineingehen, andererseits durch die neueren „aufgeklärten“ Vorstellungen über Juden ergänzt oder ersetzt werden. Im Text von Jens Breder dient die facettenreiche Analyse des deutschen und sowjetischen wissenschaftlichen Geschichtsdiskurses als Mittel dazu, dessen Mechanismen aufzudecken und die mythischen Denkstrukturen zu dekonstruieren. Rainer Grübel geht (auf über fünfzig Seiten) von den theoretischen Überlegungen zur Typologie der Stereotypen zur Genderanalyse des Deutschlandbildes des russischen Intellektuellen Vassili Rozanov über. (Interessant dabei wäre auch die komparative Betrachtung des deutschen Slawendiskurses, um die Verbindung zwischen Völkerpsychologie und Ideen der Weiblichkeit deutlicher zu zeigen). Schließlich werden in einem wichtigen Text von Eva Hahn die Unterschiede zwischen den Osteuropabildern von Eugen Lemberg und Arnold Toynbee skizziert. Die Autorin anlysiert die Entwicklung der ideologischen Grundlagen der völkischen Ostforschung zur Nachkriegssowjetologie. Zu unterstreichen ist, dass die Autorin sehr klar das Spannungsfeld zwischen Geschichtsschreibung und stereotypem Denken identifiziert. Dass es in den Werken von Historikern Stereotype gibt, unterliegt keinem Zweifel und wäre als Entdeckung eher von zweiter Frische. Doch die Autorin zeigt, wie unterschiedlich der Umgang damit in der wissenschaftlichen Arbeit sein kann und beschreibt die traditionellen Denkstrukturen, unter deren Bann sich die analysierten Texte befinden. In diesem Sinne unterliegen die Stereotype einer historischen Untersuchung, die tatsächlich zur Bereicherung des Wissens über Historiographiegeschichte führt.
Das Stereotyp gehört ohne Zweifel zu den inflationär benutzten wissenschaftlichen Begriffen. Es gehört zum Instrumentarium mehrerer Wissenschaftszweige, wobei seine Definition folgerichtig schwankt. Darüber hinaus sind nationale, soziale und Geschlechterstereotypen ein Teil des öffentlichen Diskurses. Es mangelt nicht an Institutionen und Akteuren des öffentlichen Lebens, die die Stereotypen bekämpfen oder widerlegen wollen. Die Initiative des Sammelbandes, die Vielfalt der Begriffsdefinitionen zu ordnen und die Anwendbarkeit der Stereotypenforschung auf verschiedene Medienarten und Diskurse zu dokumentieren, ist zu begrüßen. Dabei betonen die Autoren die Relevanz von Heterostereotypen für die Formulierung von Gruppenidentitäten (die Verbindung zwischen Heterostereotyp und Autostereotyp). Die Stereotype informieren über Vorstellungswelten der Gesellschaft, in der sie funktionieren. Ob sie dabei der Wirklichkeit entsprechen – anders gesagt – ob in den Stereotypen ein „wahrer Kern“ steckt, ist eine Frage, die die Stereotypenforscher eindeutig vermeiden. Die Stereotypen lassen sich – wie Hahn feststellt – einfach nicht falsifizieren. Darin sind sie einseitig: sie projizieren die Vorstellungen einer gesellschaftlichen Gruppe auf andere Gruppen. Doch man kann die Stereotype erforschen. Wie es Hahn formuliert: „Dabei kann es nicht um die Herstellung einer historischen Kausalität der Stereotypen und damit um ihre nachträgliche geschichtswissenschaftliche Rechtfertigung gehen, sondern um eine historische Kontextualisierung, durch die die Genese dieser spezifischen Stereotypen verständlich bzw. erklärbar wird“ (S. 466).
Die Einseitigkeit des Stereotyps schließt dabei nicht aus, dass die Stereotypen von Gruppe zu Gruppe „wandern“. Wie von Hahn am Beispiel des kommunistischen Propagandabildes von den USA gezeigt, wurden in Polen und in der Tschechoslowakei in den 1950er Jahren die Feindbilder der Nazis auf die Amerikaner übertragen. Es kam zu einer Evolution von Stereotypen, wie auch zu Veränderungen von deren Trägern und Objekten. Zu erwähnen wäre noch die – in einigen komparatistischen Aufsätzen dieses Bandes illustrierte aber nicht theoretisch problematisierte – Diskursivität der Stereotype. Bei der Lektüre einiger Texte stellt sich nämlich die Frage, inwieweit die Heterostereotype einer Gesellschaft auf die Auto- und Heterostereotype der anderen Gesellschaft gewirkt haben. Besonders im Text von Rainer Grübel, der die deutschen Vorstellungen über die Weiblichkeit des russischen Nationalcharakters in Verbindung mit den russischen intellektuellen Debatten setzt, ist diese Perspektive zu beobachten. Das deutsche Stereotyp der „weiblichen“ Slawen spiegelte sich in den intellektuellen Konstruktionen der russischen Autoren wider, es kommt also auch zum Transfer und zur Verflechtung von Gruppenbildern und Stereotypen. Die Berücksichtigung dieser Dynamik scheint – neben der vergleichenden Perspektive – eine andere Erweiterungsfläche der Stereotypenforschung zu sein.
Der von Elena Mannová und Hans Henning Hahn herausgegebene Band ist also als ein Beitrag zum Verstehen eines wissenschaftlichen Begriffes zu sehen. Ohne Ansprüche an normative Formulierungen zeigt sich seine Vielseitigkeit und Nutzbarkeit an den konkreten Fällen aus der Geschichte Ostmitteleuropas, wie auch an den Versuchen, die allgemein akzeptierte Basis zu schaffen, auf der sich die Vertreter verschiedener Zweige der Geisteswissenschaft treffen und verständigen können, die den Begriff benutzen. Für einen Konferenzband ist es schon sehr viel.
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Citation:
Maciej Górny. Review of Hahn, Hans Henning; Mannová, Elena, Nationale Wahrnehmungen und ihre Stereotypisierung: Beiträge zur Historischen Stereotypenforschung.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2009.
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