Anton Pelinka, Hubert Sickinger, Karin Stögner. Kreisky - Haider: Bruchlinien österreichischer Identitäten. Wien: Wilhelm Braumüller Universitätsverlag, 2008. 250 S. (broschiert), ISBN 978-3-7003-1644-2.
Reviewed by Cornelius Lehnguth
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2009)
A. Pelinka: Kreisky - Haider
Bruno Kreisky und Jörg Haider – zwei der einflussreichsten Politiker der Zweiten Republik Österreich stehen auch für österreichische Identitätskonzepte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite der Sozialdemokrat Bruno Kreisky, der aus einer jüdisch-großbürgerlichen Familie stammte, in der Zwischenkriegszeit in Wien politisch sozialisiert wurde und in der Zweiten Republik als langjähriger Bundeskanzler die österreichische Politik bestimmte, auf der anderen Seite der Rechtspopulist Jörg Haider, der im deutschnationalen Milieu der Nachkriegszeit in Oberösterreich aufwuchs und als FPÖ-Politiker mehr polarisierte als zusammenführte.
Anton Pelinka, Hubert Sickinger und Karin Stögner haben sich anhand von Fallstudien zu Kreisky und Haider auf die Suche nach dem Verhältnis zwischen österreichischen Identitätsmustern und der NS-Vergangenheit Österreichs begeben. Stögner und Sickinger haben jeweils die Studien zu Kreisky und Haider verfasst, Pelinkas einführender Beitrag zur österreichischen und jüdischen Identität stellt die thematische Klammer des Buches dar. Hinsichtlich beider Identitäten geht er zunächst „von einer – zumindest scheinbaren – Widersprüchlichkeit“ (S. 1) aus: Einerseits baue die österreichische Identität nicht a priori auf einer religionsspezifischen oder ethno-nationalen In- und Exklusion auf, andererseits sei die Geschichte des österreichisch-jüdischen Verhältnisses von derart vielen Brüchen gekennzeichnet, dass diese einer theoretisch doch so logischen Vereinbarkeit in der Praxis widersprächen. Dabei käme dem Antisemitismus die entscheidende Rolle zu, denn dieser problematisiere die an für sich unproblematische Synchronität österreichischer und jüdischer Identität und lehne wie der Nationalismus und andere Fundamentalismen das Modell von Mehrfachidentitäten ab.
Im Fall der europäischen Juden begann sich Ende des 19. Jahrhundert der christlich konnotierte Antisemitismus in einen postreligiösen Rassenantisemitismus zu wandeln, welcher fortan biologistisch argumentierte und eine jüdische „Rasse“ konstruierte, um diese aufgrund vermeintlich rassischer Merkmale aus der Nation oder „Volksgemeinschaft“ auszuschließen. Nach Pelinka war der Zionismus, also das Bekenntnis zu einer postreligiösen jüdischen Identität, „die jüdische Antwort auf einen Antisemitismus, der […] Juden zum Judentum zwingt“ (S. 4). Doch das zionistische Angebot war für die meisten Juden in Österreich „nur bedingt attraktiv“ (S. 5), viel häufiger versuchte man sich über den Weg der Assimilation an den herrschenden Identitätsangeboten zu orientieren. Diejenigen, die das Konzept der Assimilation verfolgten, lehnten den Zionismus als Option nicht zuletzt deshalb ab, weil auch dieser – als Gegenstück zum Antisemitismus – sie zu einer Identität als Juden zwang. Oft genug suchten sie ihr Heil beim Sozialismus. In Österreich fungierte der Austromarximus laut Pelinka „als eine Art Ersatzreligion, die […] Juden über den real erfahrenen Antisemitismus ebenso hinweg half wie über den Verlust religiös definierter jüdischer Identität“ (S. 11). Neben Zionismus und Assimilation gab es auch das übernationale Österreich-Moment, das viele Juden für sich als Identitätsklammer nutzbar machen wollten – insbesondere als Gegenmotiv zum aggressiven Deutschnationalismus. Dieser Weg war mit dem Zusammenbruch des Habsburger-Reiches nach 1918 vollends versperrt, die Perspektive quer durch alle Parteien war nunmehr der Anschluss an Deutschland. Dass das Gros der österreichischen Juden nach 1933 zu „pragmatischen Österreich-Patrioten“ (S. 16) und Unterstützern des autoritären Ständestaats wurde, überrascht nach der Machtübernahme Hitlers kaum, immerhin gewährleisteten Dollfuß und Schuschnigg temporär Sicherheit. Nach der Shoah identifizierten sich die meisten überlebenden Juden mit dem opportunen Österreich-Patriotismus. Schließlich war damit offiziell eine Absage an den Nationalsozialismus verbunden, wenngleich der Antisemitismus weiter fortbestand.
Den Beitrag über Bruno Kreisky setzt Karin Stögner in der Verschränkung zwischen österreichischer und jüdischer Identität an. Dieses Identitätsgeflecht versucht sie mit dem Begriff der „Ambivalenz“ (S. 25) zu fassen, denn Kreisky hat zwar einerseits niemals seine jüdische Herkunft verleugnet und häufig das Judentum als „Schicksalsgemeinschaft“ bezeichnet, der er sich trotz seiner Areligiösität zugehörig fühlte, andererseits jedoch hielt er auch angesichts der Shoah zeitlebens am Konzept der Assimilation fest. Kreisky thematisierte zwar auch antisemitische Diskriminierungen, die ihm als junger Mensch – nicht zuletzt durch die antikapitalistische Hintertür – auch innerhalb der Sozialdemokratie widerfahren waren, doch als Bundeskanzler behauptete er regelmäßig, dass es Antisemitismus in Österreich nicht mehr gäbe bzw. zumindest er sich davon nicht gemeint fühle. Stögner verweist in diesem Zusammenhang auf die Opfer-Täter-Umkehr, der sich auch Kreisky in seiner Argumentation implizit bediente, indem er das Verdikt der Mehrheitsgesellschaft übernahm, demzufolge die Schuld für Antisemitismus bei den Opfern selbst zu finden sei (S. 35). Zeitlebens unterstrich Kreisky die Differenz seiner jüdischen Identität zu den „Ostjuden“, gegen die er regelmäßig polemisierte. Nicht zuletzt dadurch scheint der Konflikt mit dem aus Galizien stammenden Simon Wiesenthal als „Stereotyp des Anderen“ (S. 73) in den 1970er-Jahren – beinahe – vorprogrammiert.
Kreisky stellte sich in der Öffentlichkeit stets als sehr bewusster Österreicher dar. Nach Stögner spielte hierbei wohl immer die Furcht mit, „in Österreich in den Verdacht der doppelten Loyalität zu geraten“ (S. 83). Dadurch wird auch seine äußerst Israel-kritische Haltung erklärbar: Zwar stellte Kreisky zu keinem Zeitpunkt das Existenzrecht Israels infrage, doch sein Antizionismus war so stark ausgeprägt, dass er nicht nur das Konzept eines „jüdischen Volkes“ ablehnte, sondern sich hinsichtlich des Nahost-Konflikts zuweilen zu abstrusen Vergleichen Israels mit dem NS-Regime verleiten ließ (S. 87).
Stögner nennt Kreisky zu Recht „eine Schlüsselfigur der österreichischen Identität in der Zweiten Republik“ (S. 64): Mit seinem radikalen Versöhnungsdiskurs, der Verdrängung und Verleugnung der österreichischen Mittäterschaft zur Folge hatte, stand er exemplarisch für den genuin österreichischen Zugang zur NS-Zeit. Die Österreicher dankten es ihm, indem sie ihn dreimal hintereinander mit der absoluten Mehrheit ausstatteten. Als „Sonnenkönig“ verehrt sahen viele in ihm den „Entlastungs- und Alibijuden“, der das offen sagte, was man ansonsten nur im semiprivaten Raum aussprach. Kreisky gab den Österreichern das, „was sie suchten: die Legitimation ‚aus erster Hand’ zur Abwehr von Erinnerung und Verantwortung“ (S. 66).
Auch Jörg Haider betrieb zeitlebens Erinnerungsabwehr. Allerdings operierte er dabei nicht im Rahmen der vom deutschnationalen Lager abgelehnten Opferthese, sondern bediente sich paranazistischer Erzählweisen. Sickinger zeichnet in seiner Studie den vergangenheitspolitischen Weg Haiders nach, der durch sein nationalsozialistisches Elternhaus die entscheidenden Impulse für seine politische Identität erhielt. Für Haider war die österreichische Geschichte genuin Teil der deutschen Geschichte. Insofern hatte er „auch keine Probleme, auf einer sehr allgemeinen Ebene die volle Mitverantwortung von ÖsterreicherInnen an NS-Verbrechen zu postulieren“ (S. 222f.), wenngleich er sich bei deren Konkretisierung nur verharmlosende Allgemeinplätze entlocken ließ, die oft genug mit Aufrechnungsstrategien verknüpft waren. Ob sein Lob für die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ 1991 – infolge dessen er als Kärntner Landeshauptmann vom Landtag durch ein Misstrauensvotum abgesetzt wurde –, sein Hoch auf den „anständigen Charakter“ der Wehrmachts- und SS-Angehörigen im Jahr 1995 oder seine teilweise völkisch konnotierte Anti-Ausländer-Politik, Haider blieb dem Identitätskonzept seines Milieus – trotz aller öffentlicher Distanzierungen – stets treu verbunden.
Sickinger beleuchtet sämtliche geschichtsrevisionistische Grenzüberschreitungen und findet es infolge dessen „eher bemerkenswert“, dass Haider – trotz aller Hinweise auf seinen „verschämten Antisemitismus“ – es bis 2001 unterließ, antisemitische Reflexe zu bedienen (S. 212). Im Gegenteil, als "jüdisches Feigenblatt" installierte er 1996 den Journalisten Peter Sichrovsky als Spitzenkandidaten für das Europa-Parlament und ernannte ihn 2000 zum FPÖ-Generalsekretär. Diese vermeintliche Hinwendung zum Judentum und Israel sollte sich aber nicht bezahlt machen – genauso wenig die ab Mitte der 1990er-Jahre eingeleiteten Bemühungen, sich als ideologiefreier Reformer amerikanischen Stils zu verkaufen. Als nämlich die ÖVP nach den Nationalratswahlen mit der FPÖ im Jahr 2000 eine Koalition einging, wurde Österreich von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union unter Quarantäne gestellt; Israel belegte Haider sogar mit einem Einreiseverbot. Ohne nunmehr weiterhin Rücksichten nehmen zu müssen, griff Haider während des Wiener Landtagswahlkampfes Anfang 2001 erstmals auf antisemitische Ressentiments als Wahlkampfinstrument zurück. Auch sein Image als modern-proamerikanischer Politiker führte er durch seine häufigen Besuche bei Saddam Hussein und der Übernahme dessen antiamerikanischer und antizionistischer Ansichten völlig ad absurdum.
So unterschiedlich Kreisky und Haider waren, so exemplarisch lassen sich anhand beider die Möglichkeiten und Grenzen österreichischer Identitäten nachzeichnen. Beide Studien haben dies in überzeugender Weise getan, auch wenn der Neuigkeitswert aufgrund der bereits erschienenen Literatur zu Kreisky und Haider nicht immer gegeben ist. Die Zusammenfassung ist leider ein wenig zu schmal ausgefallen; eine abschließende Gegenüberstellung beider Identitätskonzepte wäre wünschenswert gewesen.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Cornelius Lehnguth. Review of Pelinka, Anton; Sickinger, Hubert; Stögner, Karin, Kreisky - Haider: Bruchlinien österreichischer Identitäten.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2009.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=23846
Copyright © 2009 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.




