Christopher Baxter, Andrew Stewart. Diplomats at War: British and Commonwealth Diplomacy in Wartime. Leiden: Brill Academic Publishers, 2008. 304 S. $138.00 (cloth), ISBN 978-90-04-16897-8.
Reviewed by Dominik Geppert
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2009)
C. Baxter u.a. (Hrsg.): Diplomats at War
Diplomaten seien nur bei schönem Wetter nützlich, pflegte Charles de Gaulle zu spotten. Sobald es zu regnen beginne, ertränken sie in jedem Tropfen. Christopher Baxter und Andrew Stewart wollen in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband über Diplomaten im Krieg herausfinden, ob das stimmt. In zwölf Fallstudien lassen sie untersuchen, wie sich diplomatische Vertreter Großbritanniens und der Commonwealth-Staaten während verschiedener Kriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verhalten haben. Als Autoren haben sie ausgewiesene Experten der Geschichte der internationalen Beziehungen aus Großbritannien, Kanada und Australien gewonnen. Ihr Band ist in der im vergangenen Jahr begonnenen Reihe „History of International Relations, Diplomacy, and Intelligence“ erschienen, die es sich zum Ziel setzt, die traditionelle Diplomatiegeschichte um Fragen von Kultur, Rasse, Geschlecht, Sexualität, Umwelt und Geheimdienstaktivitäten zu erweitern.
Zeitlich erstrecken sich die Beispiele vom russisch-japanischen Krieg 1904/5 bis nach 1945. Dabei wird der metaphorische Kalte Krieg ebenfalls als militärischer Konflikt gewertet, denn der letzte Beitrag ist in der ersten heißen Phase des Ost-West-Gegensatzes von 1946 bis 1952 angesiedelt. Den Schwerpunkt bildet der Zweite Weltkrieg, dem sieben Beiträge gewidmet sind. Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen Großbritanniens zu den Dominions, vor allem Australien (das in drei Aufsätzen behandelt wird), aber auch Neuseeland und Südafrika, während Kanada unberücksichtigt bleibt. Hinzu kommt das Verhältnis Londons zu neutralen Staaten wie den USA (bis 1917) und den Niederlanden im Ersten, der Türkei im Zweiten Weltkrieg. Außerdem werden die britischen Botschafter bei wichtigen Verbündeten bedacht: in Japan (1904/5), Frankreich (1914-18) und den Vereinigten Staaten (1941-46). Ein Beitrag zu den imperialen Prokonsuln von der Karibik über Afrika bis nach Südasien geht über bilaterale Beziehungen hinaus und richtet den Blick auf das Britische Empire als globales Netzwerk von Kolonien, Protektoraten und Stützpunkten.
Die Leitfragen, die Baxter und Stewart in ihrer Einleitung formulieren, legen es nahe, ihren Band als Beitrag zu einer Diplomatiegeschichte im klassischen Sinn zu lesen: Wie hilfreich waren die untersuchten Botschafter, Gesandten, Hohen Kommissare und Gouverneure für die Kriegsanstrengungen ihres Mutterlandes? Wie konnten sie sich in die politischen Entscheidungsprozesse der Länder einbringen, in denen sie stationiert waren? Welche Handlungsspielräume besaßen sie unter den erschwerten Bedingungen des Krieges? Die meisten Autoren geben positive Antworten auf diese Fragen. Sir Cecil Spring-Rice, den Zeitgenossen während des Ersten Weltkriegs und auch spätere Historiker oft für einen ineffizienten britischen Botschafter in Washington hielten, wird von Keith Nielsen teilweise rehabilitiert. Ähnliches gilt für seinen Nachfolger während des Zweiten Weltkrieges, Lord Halifax, den Greg Kennedy einen „guten Botschafter“ (S. 125) nennt und den er gegen den Vorwurf in Schutz nimmt, nur ein fügsamer Anhänger von Chamberlains Appeasementpolitik gewesen zu sein. Kent Fedorowich charakterisiert den britischen Hohen Kommissar in Südafrika, Lord Harlech, als nimmermüdes Energiebündel, dessen unverblümte Berichte für die Entscheidungsfindung des britischen Kabinetts „von unschätzbarem Wert“ (S. 224) gewesen seien.
Obwohl derartige Urteile sorgfältig aus den Quellen gearbeitet sind, stellen sich doch Zweifel ein, weil manche Autoren allzu sehr den privaten Nachlässe der Diplomaten vertrauen. Kennedy gelangt zu seiner freundlichen Würdigung Lord Halifax’ fast ausschließlich auf der Grundlage von dessen Kriegstagebuch. Ob der Einfluss des britischen Botschafters auf Präsident Roosevelt tatsächlich so groß gewesen ist, wie dieses Selbstzeugnis glauben macht, hätte man gern durch Einschätzungen von amerikanischer Seite bestätigt gesehen. Auch bei anderen Gradmessern diplomatischen Einflusses bleibt ein Rest von Skepsis. Andrew Stewart bemisst den Erfolg Sir Harry Batterbees als britischer Hoher Kommissar in Neuseeland nicht zuletzt anhand der knapp 130.000 Soldaten, welche die Inselgruppe in den Zweiten Weltkrieg entsandte. Tatsächlich hatte Neuseeland prozentual zu seiner Einwohnerzahl so viele militärische Kriegsopfer zu beklagen wie sonst nur noch die Sowjetunion. Aber kann man das dem diplomatischen Vertreter Großbritanniens in Wellington anrechnen? Und beweist die Tatsache, dass Lord Harlechs Berichte aus Südafrika häufiger dem Kriegskabinett in London vorgelegt wurden als diejenigen seiner Amtskollegen, tatsächlich die Brillanz dieser Depeschen, wie Fedorowich behauptet? Oder spiegelt sich darin schlicht die besondere Gefährdung Südafrikas wider, wo es im Gegensatz zu anderen britischen Dominions eine beträchtliche Minderheit gab, die mit dem Deutschen Reich sympathisierte?
Keith Hamilton und Christopher Baxter gelangen denn auch zu ambivalenteren Urteilen. Der britische Botschafter in Paris während des Ersten Weltkrieges, Sir Francis Bertie, erscheint in Hamiltons Darstellung eher als Hindernis für eine wirkungsvolle Organisation der britisch-französischen Kriegsanstrengung denn als diplomatische Stütze der militärischen Kooperation. Sir Hughe Knatchbull-Hugessen, britischer Botschafter in der Türkei Anfang der 1940er-Jahre, wird von Baxter als Vertreter einer überholten Diplomatie alter Schule charakterisiert, der langatmige Berichte nach London schickte und übersah, dass sein eigener Butler für den deutschen Sicherheitsdienst spionierte und geheime Unterlagen fotografierte, die Hugessen sorglos in seinen Privaträumen herumliegen ließ. Insgesamt bieten die Beiträge somit ein recht ausgewogenes Bild erfolgreicher und gescheiterter, geschmeidiger und schrulliger, durchsetzungsfähiger und einflussloser Vertreter des Diplomatenhandwerks.
Zusammen gelesen sind sie jedoch mehr als die Summe der analysierten Einzelschicksale: nämlich ein bemerkenswerter Längsschnitt durch die Entwicklung des britischen Weltreiches über ein halbes Jahrhundert, von der noch relativ unangefochtenen Ausnahmestellung um 1900 bis zur beginnenden Dekolonisierung fünfzig Jahre später. Durch die Konzentration auf Kriegszeiten tritt die strategische Überdehnung des Empires in zwei globalen militärischen Konflikten besonders deutlich hervor. In dem Maße, in dem das britische Weltreich unter der Kriegslast zu wanken begann, veränderten sich die Bedingungen, unter denen seine diplomatischen Vertreter operierten. Die Abgesandten der Dominions traten in London immer selbstbewusster auf, verlangten größere außenpolitische Mitsprache oder zumindest umfassendere Informationen, während sich die britischen Vertreter in Übersee mehr und mehr in eine um Zustimmung werbende Rolle gedrängt sahen, die ihren Vorgängern zu Zeiten Palmerstones oder Salisburys demütigend vorgekommen wäre. Institutionell schlug sich dieser Wandel in der Entsendung Hoher Kommissare als Quasi-Botschafter nach Australien, Neuseeland und Kanada nieder, die neben die Generalgouverneure traten. Während letztere als Vertreter der britischen Krone die Überordnung des Mutterlandes repräsentierten, unterstrichen erstere den zunehmend gleichberechtigten Status der weißen Dominions.
„Diplomats at War“ ist überdies eine Fundgrube für eine noch zu schreibende Sozial- und Kulturgeschichte der Diplomatie im 20. Jahrhundert, die dort ansetzen könnte, wo Markus Mößlang und Torsten Riotte kürzlich mit ihrem Band zur „Welt der Diplomaten“ im langen 19. Jahrhundert aufgehört haben. Markus Mößlang / Torsten Riotte (Hrsg.): The Diplomats’ World: A Cultural History of Diplomacy, 1815–1914, Oxford 2008. Das beginnt mit der Beharrungskraft überkommener Auswahlmechanismen für die Aufnahme in den diplomatischen Dienst: Unter den Lebenswegen dominierten bis weit ins 20. Jahrhundert diejenigen, die in prestigesträchtigen Privatschulen wie Eton oder Harrow begannen und über die Universitäten von Oxford und Cambridge in eine überseeische Mission führten. Selbst diplomatische Vertreter der Dominions hatten oft an einer altehrwürdigen Universität des Mutterlandes studiert und von dort ihren Weg ins britische Establishment gefunden. Auch die Lebensgewohnheiten und die Freizeitgestaltung der – häufig immer noch aus der Aristokratie stammenden – Diplomaten änderten sich nur langsam. Noch Anfang der 1940er-Jahre nahm Lord Halifax an einer Jagdgesellschaft in Pennsylvania teil, womit er sich heftige Kritik der amerikanischen Presse ob dieses elitären Gebarens einhandelte.
Auf der anderen Seite lassen sich aber auch Triebkräfte tief greifender Veränderungen des Diplomatenberufs ausmachen. Dazu gehörte der Umgang mit der Presse und anderen Medien, der im Berufsalltag auch und gerade im Krieg immer größeren Raum einnahm, wie in beinahe allen Beiträgen des Bandes deutlich wird. Canberras erster Gesandter in den USA, Richard Casey, inszenierte Anfang der 1940er-Jahre sogar eine regelrechte Werbekampagne, um Australien in Amerika bekannter zu machen – bis hin zu dem (erfolglosen) Vorschlag an Walt Disney, neben Mickey Mouse und Donald Duck auch Känguru- und Koala-Figuren in dessen Comic Strips einzubauen. Nicht alle Diplomaten stürzten sich mit derartigem Nachdruck auf die Öffentlichkeitsarbeit. Aber Berties dezidierte Weigerung, irgendetwas mit Journalisten zu tun zu haben, repräsentierte doch ein Auslaufmodell. Was Carl Bridge in seinem Beitrag als „public“, „third track“ oder „soft diplomacy“ (S. 133) bezeichnet, befand sich unverkennbar auf dem Vormarsch.
Leider schenken sowohl die Herausgeber als auch ihre Autoren solchen Aspekten zu wenig systematische Aufmerksamkeit. Insofern lösen sie den Anspruch, die Beschäftigung mit den internationalen Beziehungen innovativ zu erweitern, nur in Ansätzen ein. Wer jedoch einen von ausgewiesenen Kennern der britischen Diplomatiegeschichte geschriebenen und mustergültig edierten Band lesen will, der Bewegungsspielräume individueller Diplomaten in den großen Kriegen bis Mitte des 20. Jahrhunderts auslotet und zugleich aus origineller Perspektive einen Überblick über den allmählichen Verlust der britischen Weltmachtrolle darbietet, dem sei „Diplomats at War“ durchaus ans Herz gelegt.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Dominik Geppert. Review of Baxter, Christopher; Stewart, Andrew, Diplomats at War: British and Commonwealth Diplomacy in Wartime.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2009.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=23802
Copyright © 2009 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.




