Gert von Pistohlkors, Matthias Weber. Staatliche Einheit und nationale Vielfalt: Festschrift für Prof. Dr. Michael Garleff zum 65. Geburtstag. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2005. 264 S. (gebunden), ISBN 978-3-486-57819-5.
Reviewed by Konrad Maier
Published on H-Soz-u-Kult (September, 2006)
M. Weber u.a. (Hrsg.): Staatliche Einheit und nationale Vielfalt
Von Festschriften erwartet man in der Regel einen Reigen von nicht einem gemeinsamen Rahmenthema zugeordneten Beiträgen zu Ehren einer verdienten Persönlichkeit. Mit dem hier vorliegenden Band gelingt den Herausgebern jedoch vorzüglich der Spagat zwischen dem im Titel aufgezeigten Thema und den Forschungsinteressen des Jubilars, wobei sich dessen Vorlieben und wissenschaftlichen Schwerpunkte recht deutlich in den Artikeln widerspiegeln: Minderheitenfragen im Baltikum im 19. und 20. Jahrhundert, Literaturgeschichte des Baltikums, Historiografie der baltischen Region. Ungewöhnlich erscheint die Eigenbeteiligung des zu Ehrenden mit einem Aufsatz zu Georg von Rauch (S. 207-223), doch macht die Lektüre des Bandes bewusst, dass gerade diese Ausführungen Michael Garleffs eine Dimension historiografischen Arbeitens verdeutlichen, die recht häufig in den Hintergrund gedrängt wird: die Rolle und Bedeutung einzelner Personen der Zeitgeschichte gilt es – auch mit gebührender Distanz und dem Bemühen nach objektiver Würdigung – ebenso in das Blickfeld zu rücken wie die Untersuchung von politischen, sozialen oder ökonomischen Systemen, Prozessen und Begrifflichkeiten. Und dies gelingt Garleff auf beeindruckende Weise.
Die Verdienste Garleffs um die deutsche Baltikumforschung herauszustellen, hieße Eulen nach Athen tragen. Allein der Blick auf sein beeindruckendes Schriftenverzeichnis (S. 225-257) lässt erkennen, mit welcher Energie das weite historische Feld einer europäischen Kulturregion bearbeitet wurde – und wird. Im Vorwort würdigt Gert von Pistohlkors Garleffs Lebenslauf und die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten. Pistohlkors ist auch der Autor des ersten, einführenden Beitrages, in dem er „Ursprung und Entwicklung ethnischer Minderheiten in der baltischen Region im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert“ (S. 13-34) untersucht und konstatiert, dass diese Minderheiten verfassungsrechtlich erst nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Unter mehrmaligem Rekurs auf Georg von Rauch und Reinhard Wittram werden die vier wichtigsten Einschnitte im Selbstverständnis der deutschbaltischen Ritterschaften im 19. Jahrhundert erläutert: die Konversionsbewegung von 1841, die zarischen Reformen der 1860er und 1870er-Jahre, der Disput Schirren-Samarin 1869 sowie die Reformbemühungen von 1905ff. begriffen als verspätete Reflexe auf grundlegende sozioökonomische Veränderungen. Seinem abschließenden Urteil, „bis 1914 [seien] die deutschbaltischen Politiker mit wenigen Ausnahmen entschiedene Gegner liberaler Reformen“ (S. 34) gewesen, lässt sich beipflichten: Die deutschbaltische Oberschicht in den russischen Ostseeprovinzen präferierte eine Wagenburg-Mentalität, aus der ihre führenden Vertreter keinen eigenständigen Ausweg mehr fanden. Erst nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung 1918ff. fanden einige die Kraft, die Rolle einer Minderheit anzunehmen und auszufüllen (ebenda).
Der Beitrag von Dietmar Willoweit („Minderheitenrecht und nationale Autonomie“, S. 35-46) gibt einen gut lesbaren Überblick zur Entwicklung und gegenwärtigen Diskussion dieses Forschungsfeldes, wobei ein Hinweis auf die Untersuchung von Cornelius Hasselblatt Hasselblatt, Cornelius, Minderheitenpolitik in Estland. Rechtsentwicklung und Rechtswirklichkeit 1918-1995. Hamburg 1996, 154 S. im Text schmerzlich vermisst wird. Auch Detlef Henning lässt gewohnt souverän die „Formen kultureller Autonomie in den baltischen Staaten“ (S. 47-68) Revue passieren und unterteilt seine Ausführungen in drei Phasen (1918-1940, 1940-1987, 1987-2004), die er mit reichhaltigem, wenn auch etwas lettisch zentriertem statistischen Material (vor allem für die dritte Phase) untermauert. Breiter ausgeführt wird die „Minderheitenpolitik in Lettland“ (S. 69-86) von Helena Šimkuva, die einiges an Hennings Informationen wiederholt und gerade angesichts der antideutschen Politik der 1930er-Jahre in Lettland konstatiert, dass kein Dialog der Kulturen mehr stattfand, sondern die Monologe von Subkulturen (S. 76).
Die Rolle von „Kirche, Staat und Minderheiten […] 1920-1940 und ihre Bedeutung für die Gegenwart“ (S. 86-114) zu untersuchen ist das Ziel von Heinrich Wittram. Leider beschränkt er seine Ausführungen auf Estland und Lettland; gerade Litauen mit seiner anderskonfessionellen Zusammensetzung hätte hier einen guten Vergleichsmaßstab ergeben. Ungemein informativ jedoch sind die Bemerkungen zu den Kirchenorganisationen (Lutherische Kirche, Katholiken, Orthodoxe) in den Perioden der Unabhängigkeit, der sowjetischen Annexion und der erneuten Selbständigkeit.
Der längste Artikel der Publikation („Ankunft in der Bundesrepublik. Archäologie und Dekonstruktion des kulturellen Erbes: Siegfried von Vegesack“, S. 115-151) stammt aus der Feder von Armin v. Ungern-Sternberg. Aus den durch zahlreiche (S. 221) Anmerkungen überfrachteten und mit Werksiglen stark durchsetzten Ausführungen wird die Tragik der Vegesackschen Dichtung und der Person des Dichters überdeutlich. Sein Werk kreist um den Begriff „Heimat“ (wo die Welt heil und ganz ist = Kindheit?), um Heimatverlust und Heimatsuche als ständiges Postulat, das heißt man bleibt immer auf der Suche, wenn die Heimat einmal verloren ist. Vegesacks ständiges Bemühen, als Chronist seiner Heimat die Vergangenheit zu beschreiben, wie sie in seiner Erinnerung war, gipfelt in seiner letzten Konsequenz: „Ein Mensch wird geboren, ein Mensch stirbt – und dazwischen liegt ein Leben.“ (S. 151) Dass Ungern-Sternberg wichtige Essenzen aus Vegesacks Werk herausfiltert, ist sein großer Verdienst; ebenso ist die bildreiche Sprache hervorzuheben – dass er dabei Textstellen und Zitate aus einzelnen Werkteilen, unabhängig vom Entstehungszeitpunkt Vegesackscher Gedanken, aneinanderreiht und sich als Kompilator von Satz-Collagen betätigt, lässt den Text jedoch nicht immer lesbarer werden (z.B. S. 117, 118, 123, 126 u.ö.).
Der historiografische Rück- und Gegenblick Tiit Rosenbergs auf die estnische Forschungslandschaft seit 1991 (S. 153-165) bietet eine gelungene Gesamtschau und zeigt die Entwicklung estnischer Geschichtsschreibung seit der Zwischenkriegszeit. Die estnische Geschichte im Kontinuitätsdilemma, die zwischen 1918 und 1940 als gelöst galt, brach spätestens seit der Sowjetzeit und verstärkt noch in der Gegenwart wieder auf, wobei Rosenberg die romantisierende nationale Mythologisierung der eigenen Geschichte kritisch beleuchtet und neue Ansätze der Frauen-, Kultur-, Alltags- und Erinnerungsgeschichte würdigt. Sein nachdenklicher Hinweis darauf, dass die Dekonstruktion von Mythen im Geschichtsbewusstsein der estnischen Allgemeinheit noch kaum vollzogen sei, ließe sich mühelos auch auf andere Historiografien Ostmittel- und Osteuropas (aber nicht nur dort) übertragen. Sein Plädoyer, die einseitige Interpretation des kulturellen Erbes aufzuheben, trägt erste Früchte: „Die Gesamtgeschichte Estlands [ist k]eine enge, nationale Geschichte, sondern […] Geschichte eines multinationalen Landes mit pluralistischer Kultur.“ (S. 165)
Angesichts der Kürze des Beitrags von John Hiden zu Paul Schiemann (S. 167-174), in der er die Theorie Schiemanns vom anationalen Staat sowie dessen Verständnis von ethnischer Selbstbestimmung auf personal-kultureller Ebene in knappen, treffenden Aussagen darlegt, sei verwiesen auf seine exzellente biografische Darstellung. Hiden, John, Defender of Minorities. Paul Schiemann, 1876-1944. London 2004; ausführlich besprochen von Karsten Brüggemann in: <www.history.ac.uk/review/paper/bruggemann.html>. Einen Höhepunkt der Festschrift bildet der Beitrag von Jörg Hackmann zu Werner Hasselblatt (S. 175-205), eine biografische Skizze zwischen dem positiven und destruktiven Potenzial von Minderheitenpolitik (S. 175). Nach einem ausgezeichneten Blick auf die aktuelle Quellen- und Forschungslage arbeitet Hackmann heraus, dass Hasselblatts Engagement sich an ständischen Kategorien orientierte, um die Lebenssicherung der Deutschen in Estland als Volkseinheit zu gewährleisten. Nicht eine „Verwirrung des Gemütes“ (wie Max Hildebert Boehm das Verhalten von Deutschbalten gegenüber dem Nationalsozialismus charakterisierte) kann Hackmann feststellen, sondern ein allmähliches, in den 1930er-Jahren zunehmendes Einschwenken Hasselblatts auf Hitlers Außenpolitik (z.B. beim Anschluss Österreichs oder der Annexion des Sudetenlandes; S. 190). Für Hasselblatt wurden „Volksgrenzen heiliger als Staatsgrenzen“; zwar lässt er sich nicht als „Vordenker der Vernichtung“ charakterisieren, doch seine Sicht von Nationalitäten unter dem Aspekt deutscher Beherrschbarkeit lässt längerwirkende Kontinuitätslinien in Hasselblatts Denken und Handeln (S. 204f.) aufscheinen. Eine umfassende biografische Studie zu Werner Hasselblatt bleibt ein Desiderat der Forschung, wenngleich Hackmann hier grundlegende Gedanken formuliert hat.
Doch ist in der Publikation nicht nur eitel Sonnenschein zu bemerken, denn auf den vorliegenden Band werden auch einige Schatten geworfen – und dies muss sich der renommierte Oldenbourg-Verlag ankreiden lassen: Ungewöhnlich unprofessionell sind die Behandlung von diakritischen Zeichen bei der Transliteration osteuropäischer Termini, die manuellen Trennungsumbrüche innerhalb der Texte, die uneinheitliche Zeilenhöhe bei den Anmerkungen, der fehlerhafte Seitenumbruch bei Text/Anmerkung (S. 47, 154 u.ö.), der leserunfreundliche Satzspiegel oder die (vor allem bei den Artikeln von Heinrich Wittram und Armin von Ungern-Sternberg) unübersichtliche Überschriftengestaltung. Das Ortsregister (2 Seiten) erscheint sehr dürftig, zumal knapp 40 Querverweise den Gehalt des Registers zusätzlich belasten. Zudem muss konstatiert werden, dass ein abschließendes Lektorat einige sprachliche und orthografische Stolpersteine aus dem Weg geräumt hätte. Zudem hätte man der nationalen Vielfalt im Baltikum, die im Titel des Bandes aufscheint, sicherlich noch etwas mutiger Rechnung tragen können, denn bisweilen erscheint die eigene ethnische Herkunft der Autoren doch allzu prägend für den Zugang zum Thema. Positiv hervorzuheben aber bleibt ein hohes Maß an Aktualität in Bezug auf die gegenwärtige Forschungsdiskussion, so dass dem Buch auch angesichts des günstigen Ladenpreises eine weite Verbreitung zu wünschen ist.
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Citation:
Konrad Maier. Review of von Pistohlkors, Gert; Weber, Matthias, Staatliche Einheit und nationale Vielfalt: Festschrift für Prof. Dr. Michael Garleff zum 65. Geburtstag.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
September, 2006.
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