Manfred Voigts. Wir sollen alle kleine Fichtes werden!: Der Judenfeind J. G. Fichte als Prophet der Kultur-Zionisten. Berlin: Philo Verlag, 2003. 232 S. ISBN 978-3-8257-0310-3.
Reviewed by Eleonore Lappin-Eppel
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2005)
M. Voigts: Wir sollen alle kleine Fichtes werden
In seinem Buch „Wir sollen alle kleine Fichtes werden!“ untersucht Manfred Voigts das von der Forschung bisher zwar wahrgenommene, aber noch nie näher analysierte Phänomen der Fichte-Rezeption durch den deutschsprachigen Kulturzionismus zwischen 1910 und der Mitte der 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Brisant ist dieses Thema einerseits deshalb, weil Fichtes Philosophie von Zionisten und Sozialisten ebenso wie von deutschen Nationalisten und Nationalsozialisten rezipiert wurde, andererseits wegen der darin enthaltenen offen judenfeindlichen Elemente, die Voigts klar nachweist. Um dieser komplexen Problematik gerecht zu werden, stellt Voigts die einschlägigen Thesen Fichtes sowie die unterschiedlichen, bisweilen aber erstaunlich ähnlichen späteren Rezeptionen vor. Ausgehend von der historischen Kontextualisierung des Werks Fichtes (1800-1814), beschreibt Voigts differenziert die frühe Rezeption anlässlich der Jahrhundertfeiern von 1862 und schließlich durch den Kulturzionismus in den Jahren 1900-1925 (S. 7). Trotz des breiten Spektrums der vorgestellten (Um-)Deutungen Fichtes sowie der sich daraus ergebenden Diskussionen behält Voigts sein eigentliches Thema, die kulturzionistische Rezeption, doch stets im Auge. Es gelingt ihm, seine Thesen klar zu entwickeln und zu argumentieren, was die Lektüre des Buchs durchaus informativ und anregend macht.
Voigts zeigt, dass Fichtes Verbindung von nationaler Begeisterung und Kosmopolitismus sowie sein Aufruf, das deutsche Volk durch edle Gesinnung und die Schaffung von etwas völlig Neuem seiner Bestimmung zuzuführen, die Kulturzionisten deshalb ansprach, weil auch sie eine radikale Erneuerung des jüdischen Volkes und des Judentums als Ziel des Zionismus und als Voraussetzung für die Erfüllung der messianischen Aufgabe der Juden ansahen. Fichtes Ansicht, die Deutschen müssten sich von den anderen Völkern trennen, um ihrer Bestimmung gerecht zu werden, entsprach der zionistischen Forderung nach „Entwurzelung“. Von Fichte übernahmen die Kulturzionisten auch die Auffassung des Seins als Prozess des Werdens, dessen Ziel die Vereinigung von Wahrheit und Realität durch das moralische Handeln des Menschen war. Ebenso griffen sie den Gedanken der Notwendigkeit einer „neuen Erziehung“ und „neuen Religion“ auf.
Voigts weist auf eine Fülle von Berührungspunkten hin, welche Fichte gerade für Juden und insbesondere für Kulturzionisten attraktiv machte. Gleichzeitig zeigt er, dass die inhaltliche Leere von Fichtes moralischem Idealismus sich dazu eignete, von unterschiedlichen Ideologien aufgefüllt zu werden. Nicht zuletzt seine ambivalente und schwankende Haltung zu Kosmopolitismus und Nationalismus erleichterte seine selektiver Aufnahme und Uminterpretation durch Zionisten ebenso wie durch Deutsch-Nationale. Die erstaunliche „Antisemitismus-Blindheit“ der jüdischen Rezeption führt Voigts überzeugend einerseits auf die weit verbreitete Auffassung von einer „Verwandtschaft“ zwischen Deutschen und Juden, andererseits auf die Radikalität der zionistischen Forderungen nach einer Veränderung der Juden zurück.
Weniger überzeugend erscheint der Rezensentin Voigts’ Behauptung einer kritiklosen Übernahme von Fichtes Militarismus gerade durch die Kulturzionisten (S. 29). Eine Analyse der zionistischen Presse oder der überaus beliebten Makkabäer-Feiern zeigt, dass verbaler oder tatsächlicher Militarismus keineswegs auf die Anhänger Fichtes beschränkt war. Dass Voigts die Kulturzionisten zu nationalistischen Scharfmachern erklärt, führt dazu, dass er ihr späteres Einschwenken auf eine Konsenspolitik mit den palästinensischen Arabern nur mit einem radikalen Gesinnungswandel und der Abkehr von Fichte zu erklären vermag und dabei die Kontinuität im Wandel übersieht.
Bei der als exemplarisch dargestellten Fichte-Rezeption von Martin Buber, Robert Weltsch, Salman Schocken, Nachum Goldmann, Hugo Bergmann und Hans Kohn arbeitet Voigts als Gemeinsamkeiten die Kritik an den orthodoxen und assimilierten Juden und am bürgerlichen Materialismus, die Hinwendung zum prophetischen Judentum sowie zum Kosmopolitismus und friedlichen, geistig-ethischen Nationalismus heraus, wobei er jedoch die beiden letzteren Aspekte als weitgehend inhaltsleere Schutzbehauptungen ansieht. Dieser Einschätzung sind die kulturzionistischen Publikationen entgegenzuhalten, die trotz völkischer Einflüsse und einem Hang zur Metaphysik Fichtes die Weltoffenheit und die Ablehnung eines engen jüdischen Nationalismus zeigen. So kamen in dem 1913 von Hans Kohn in Zusammenarbeit mit Hugo Bergmann, Robert Weltsch, Martin Buber und anderen Kulturzionisten herausgegebenen Sammelband „Vom Judentum“ auch nicht-zionistische Autoren zu Wort, was innerhalb der zionistischen Organisation auf erheblich Kritik stieß. Siehe dazu Herrmann, Leo, Aus Tagebuchblättern, in: Der Jude, Sonderheft 5 (1928), S. 162. In der in den Jahren 1916-1928 von Martin Buber in enger Kooperation mit den oben erwähnten Personen publizierten kulturzionistischen Zeitschrift „Der Jude“ erschienen von Anfang an Beiträge, welche friedliche jüdische Arbeit und soziale Gerechtigkeit als Lösung für die „Araberfrage“ propagierten und die Eroberung Palästinas durch diplomatische Verhandlungen und – ab der Balfour Deklaration – mit Hilfe der britischen Imperialmacht ablehnten. Siehe als frühe Beispiele: Gordon, Aharon David, Arbeit, in: Der Jude 1 (1916/1917), S. 37-43, Buber, Martin, Zion, der Staat und die Menschheit, in: Der Jude 1 (1916/1917), S. 425-433, Ders., Unser Nationalismus, in: Der Jude 2 (1917/1918), S. 1-3, Ders., Die Eroberung Palästinas, in: Der Jude 2 (1917/1918), S. 633-634. Daher war Max Brods 1918 erhobene Forderung nach einem neuen Begriff der „Nation“, da „die anderen Völker bei der zionistischen Konstruktion des Nationalismus in ihren Rechten angegriffen werden müssten“ (S. 214), nicht eine „frühe“ Einsicht, sondern reflektierte die Diskussion um einen nicht-aggressiven jüdischen Nationalismus, welche in der Zeitschrift „Der Jude“, an der Brod mitarbeitete, seit 1916 geführt worden war. Vgl. dazu Lappin, Eleonore, „Der Jude“ (1916-1928). Jüdische Moderne zwischen Partikularismus und Universalismus, Tübingen 2000, S. 242-274.
Voigts begründet die Abkehr der Kulturzionisten von Fichte mit der zunehmenden Bedeutung des Sozialismus nach dem Ersten Weltkrieg und führt u.a. Martin Bubers Abkehr von der Fichteschen „Begeisterung“ als Beispiel an (S. 207). Dabei lässt er unbeachtet, dass Bubers Überwindung der „Erlebnismystik“ und nicht zuletzt seiner Einschätzung des Kriegs als kathartisches Erlebnis auf den Einfluss des sozialistischen Fichteaners Gustav Landauer (S. 201) zurückging. Mendes-Flohr bezeichnet diesen Wandel als Bubers Abkehr von der Erlebnismystik. Siehe Mendes-Flohr, Paul, Von der Mystik zum Dialog. Martin Bubers Entwicklung bis hin zu „Ich und Du“, Königsstein 1979, siehe bes. S. 13-14 sowie S. 135-164. Landauers Einfluss auf Buber, Weltsch und andere Kulturzionisten wirkte auch nach seiner Ermordung 1919 nach und prägte deren „ethischen Zionismus“ und „religiösen Sozialismus“, der nicht zuletzt zu ihrem Eintreten für eine Konsenspolitik mit den palästinensischen Arabern führte. Bereits am XII. Zionistenkongress 1921 legten Buber und Weltsch als Vertreter der „Hitachdut“ Die 1920 in Prag geschaffene Vereinigung nicht-marxistischer sozialistischer Parteien in Palästina (Hapoel Hazair) und in der Diaspora (Zeire Zion). einen „Vorschlag einer Resolution zur arabischen Frage“ vor, in dem sie wirkliche Zusammenarbeit und Streben nach einem Konsens mit den palästinensischen Arabern zum Programm erheben wollten. Sie scheiterten, da die vom Kongress angenommene Resolution wenig mehr als ein Lippenbekenntnis war. Martin Bubers Kongress-Rede, in welcher der Einfluss Fichtes deutlich spürbar war, sowie die Resolution – versehen mit einem ausführlichen Kommentar des Herausgebers – finden sich in: Mendes-Flohr, Paul (Hg.), Martin Buber, Ein Land und zwei Völker. Zur jüdisch-arabischen Frage, Frankfurt am Main 1993, S. 73-96. Voigts Weizmann-Zitat von 1922, in dem er zurecht „die alten Argumente“ ausmacht, beweisen dieses Scheitern (S. 206). Der von ihm als Wendepunkt innerhalb der zionistischen Politik präsentierte Artikel von Robert Weltsch aus dem Jahr 1925 (S. 206f.) stellte jedoch lediglich einen weiteren – neuerlich vergeblichen – Versuch dar, die Ideen der Resolution von 1921 wieder zu beleben. 1928 bezeichnete Weltsch den „Zionismus als unendliche Aufgabe“ einer Volkserziehung zu einem ethischen, nicht aggressiven, sozialistischen Nationalismus, Weltsch, Robert, Zionismus als unendliche Aufgabe, in: Der Jude, Sonderheft 5 (1928), S. 33-41. was eine weitere Modifizierung und keineswegs eine Abkehr von Fichte zeigt. Trotz dieser Vorbehalte ist „Wir sollen alle kleine Fichtes werden!“ eine informative und anregende Studie.
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Eleonore Lappin-Eppel. Review of Voigts, Manfred, Wir sollen alle kleine Fichtes werden!: Der Judenfeind J. G. Fichte als Prophet der Kultur-Zionisten.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
April, 2005.
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