Patricia Falguières. Les chambres des merveilles. Paris: Bayard éditions, 2003. 140 S. (paper), ISBN 978-2-227-47094-1.
Reviewed by Naima Ghermani
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2004)
P. Falguières: Les chambres des merveilles
Sehr lang ist die Literaturliste über das im 16. Jahrhundert geborene Sammelphänomen seit dem berühmten Buch von Julius von Schlosser über die Kunst- und Wunderkammern geworden, das die Autorin am Schluss ihres Buches ausführlich kommentiert. Schlosser, Julius von, Die Kunst-und-Wunderkammern der Spätrenaissance, München 1978 (1. Auflage1908). Erforscht wurden zumal die Pioniere dieser fürstlichen Praxis, nämlich die Österreichischen Habsburger und die Fürsten von Sachsen, Bayern und anderer deutscher Territorien. Das merkwürdige und vielfältige Objekt der Sammlungen, die aus einer Mischung von Reliquien, Medaillen, monstruösen Geschöpfen, Goldschmiedewerken, seltenen Büchern, Mappen und Muscheln, kurz: aus allem, was wunderbar oder wunderlich war, bestand, hat sehr verschiedene Interpretationen hervorgerufen. Die Wunderkammer wurde entweder im Rahmen einer Wissenschaftsgeschichte als Versuch dargestellt, in einem Mikrokosmos den Makrokosmos zu rekonstruieren, seine Ordnung als eine Variation der ars memoriae interpretiert. Bolzoni, Lina, Das Sammeln und die ars memoriae, in: Grote, Andreas (Hg.), Macrocosmos in Microcosmos. Die Welt in der Stube. Zur Geschichte des Sammelns 1450 bis 1800, Berlin 1994, S.129-168. Sie wurde als ein Glied in der Kette zwischen Kunst und Natur angesehen Bredekamp, Horst, Antikensucht und Maschinenglauben. Die Geschichte der Kunstkammer und die Zukunft der Kunstgeschichte, Berlin 1993. oder als ein Mittel der Repräsentation des Fürsten und seiner Macht – eine spektakuläre Demonstration seines endlosen Wissens und der Monopolisierung dieses Wissens.
Das Interesse des kleinen, aber sehr dichten Buches von Patricia Falguières liegt in der Vereinigung dieser verschiedenen Blicke, wie sie sie schon in einem sehr schönen Artikel vor zehn Jahr skizziert hatte. Falguières, Patricia, La fondation du Théâtre ou méthode d'exposition universelle: les Inscriptions de Samuel Quicchelberg (1565), in: Les cahiers du musée national d'art moderne 40 (1992), S. 91-109. Wunder - die Übersetzung von mirabilia, was denkwürdig ist – wurden schon von Plinus dem Jüngeren in einer langen Liste inventarisiert. Weil sie aus mythischen Orten stammten, wurden diese mirabilia zu Loci oder topoi. Diese wurden bald in der Rhetorikpraxis absorbiert. Um lesbarer, fügsamer und leichter zu erinnern zu sein, wurden die Locilisten organisiert. Der Ursprung der Wunderkammer und damit des Museum gründet also auf den Prinzipien der Topik. Die Reichhaltigkeit dieser Topoi wiederum zwang zur Entstehung einer Methode: der Dialektik.
Das perfekte Beispiel dieser engen Beziehung zwischen Topik und Museum findet Falguières im Werk des Antwerpener Arztes Quicchelberg, dessen Meisterwerk Inscriptiones vel Tituli Theatri amplissimi dank einer jüngeren Übersetzung gut bekannt ist. Roth, Harriet, Der Anfang der Museumslehre in Deutschland. Das Traktat „Inscriptiones vel Tituli Theatri Amplissimi“ von Samuel Quicchelberg, Berlin 2000. Die Inscriptiones von 1565 entsprechen einem Auftrag des Herzogs von Bayern, der seiner Wunderkammer eine Ordnung geben wollte. Sie beschreiben eine ideale Sammlung, die in fünf Zimmer oder „Titel“ eingeteilt wurde. Quicchelberg war - hier liegt der spannendste Aspekt des Buches – ein Spezialist der Dialektik, der Klassifizierungsmittel, ja der „Methode“ des Theatrum des Wissens. Es war kein Zufall, dass der Fürst und der Dialektiker zusammenarbeiteten: Das Ende der 1560er-Jahre bedeutete den Triumph der dialektischen Methode im Reich und besonders in den großen Territorien. Die Dialektik, die durch die von Philipp Melanchthon und Johannes Sturm entwickelte Klassifizierungstafel popularisiert wurde, diente vor allem der Neuordnung des Rechts durch die Einführung des römischen Rechts und der Ausdehnung der fürstlichen Macht. Die Autorin schlägt eine Brücke zwischen der Ordnung des Rechts und der Ordnung des Wissens. Daneben ist es auch kein Zufall, dass sich zur selben Zeit die Etablierung von Genealogien in Bayern ebenso wie im ganzen Reich entwickelte.
Die Akkumulation von preziösen und seltenen Objekten führte, so Falguières, zu einer immer stärkeren Konkurrenz zwischen Kaiser und Fürsten, aber auch zwischen dem Kaiser und anderen europäischen Königen. Wenn die Autorin auch manchmal zu knapp und allusiv bleibt, so zeigt sich doch, dass die Galerie eine Verkörperung der Macht des Souveräns, ja sein „gloriöser Körper“ war (S. 94). Man hätte mehr Erklärungen über die politische Voraussetzung dieser Konstellation erwartet. Doch zeigt Falguières sehr überzeugend, wie sich die Machtsymbolik der Wundersammlung, wenn sie sich - wie bei Rudolph II. - als eine Form der Arcana Imperii abkapselt, von einem Ausdruck der Macht in ein Zeichen der Ohnmacht des Kaisers verwandeln konnte.
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Citation:
Naima Ghermani. Review of Falguières, Patricia, Les chambres des merveilles.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
August, 2004.
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