Dierk Hoffmann. Die DDR unter Ulbricht: Gewaltsame Neuordnung und gescheiterte Modernisierung. Zürich: Pendo Verlag, 2003. 246 S. EUR 9.90 (broschiert), ISBN 978-3-85842-563-8.
Reviewed by Siegfried Prokop
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2004)
D. Hoffmann: Die DDR unter Ulbricht
Angesichts der unüberschaubaren Fülle der Publikationen zur Geschichte der DDR muss jeder Ansatz für eine zusammenfassende Schau dieser Geschichte dankbar vermerkt werden. In der Einleitung zum Buch schränkt der Verfasser sein Vorhaben etwas ein, wenn er bemerkt, dass es nicht darum geht, eine Gesamtdarstellung der DDR-Geschichte in den 50er und 60er-Jahren zu präsentieren. In den Mittelpunkt rücke er vielmehr den Herrschaftsaufbau durch die SED, die von Walter Ulbricht maßgeblich geprägt und geleitet wurde. Ferner würden Kontinuitäten und Diskontinuitäten anhand einiger zentraler Themenfelder herausgearbeitet. Eine problemorientierte Darstellung zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werde dabei angestrebt. Dabei will der Verfasser vor allem die These überprüfen, ob Ulbricht in den 60er-Jahren reformfreundlicher und flexibler als Erich Honecker gewesen sei. Ralf Dahrendorf habe der DDR Ende der 60er-Jahre gar eine partielle Modernität attestiert, die der Verfasser zu problematisieren versuche. So entwickelt er bereits im Einleitungstext eine gewisse Spannung und weckt somit die Neugier des Lesers für sein Buch.
Der erste Teil behandelt, gestützt auf reichhaltiges empirisches Material, den durch die Forschung gut beleuchteten Ausbau der Führungsrolle der SED, ihre Etablierung als Hegemonialpartei von der DDR-Gründung über den Mauerbau bis zum Sturz Ulbrichts. Jedoch vermochte hier der Verfasser nicht durchgängig, den erreichten Forschungsstand aufzunehmen.
Die DDR-Gründung führt der Verfasser auf die „vermutliche Abstimmung“ (S. 16) zwischen der deutschen und der sowjetischen Seite zurück. Ausführlichere Protokolle von den Gesprächen in Moskau lägen nicht vor. Die Publikationen von Wladimir K. Wolkow, der die Aufzeichnungen der Gespräche Stalins mit Vertretern der Führung der SED im Zeitraum von 1947 bis 1952 im Präsidenten-Archiv der Russischen Föderation gründlich ausgewertet hat, werden weder in den Anmerkungen noch in der Bibliografie erwähnt. Wolkow belegte schlüssig, dass die Prozedur für die Bildung der Regierung der DDR faktisch schon im Dezember 1948 in einem Gespräch Stalins mit der SED-Führung festgelegt wurde.
Die Umbildung der Länder zu Bezirken im Jahre 1952 ist für den Verfasser bereits ein Indiz dafür, dass „letzte Reste der Ländertraditionen aufgehoben“ (S. 43) wurden. Die Länderkammer der DDR existierte aber noch bis 1958. Auch konnte die regionale Identität z.B. der Brandenburger, Mecklenburger, Sachsen und Thüringer mit der Bezirksbildung nie aufgehoben werden, was 1990 die Rekonstruktion der Länder erleichterte.
Die intellektuelle Opposition im Jahre 1956 wird vor allem auf den Anstoß durch den XX. Parteitag der KPdSU zurückgeführt. Erste Reformforderungen von Intellektuellen waren aber schon 1953 veröffentlicht worden. Diese Reformbestrebungen kamen auch durch den Ausnahmezustand nach dem 17. Juni nicht vollends zum Erliegen. Dass das Tauwetter 1956 in der DDR nur auf eine kleine Gruppe, nämlich Intellektuelle, beschränkt blieb (S. 68), stimmt nicht. Dazu gehörten außerdem, jedoch voneinander isoliert, die Opposition in der SED-Führung (Karl Schirdewan) und patriotische Kräfte in der NVA (Vincenz Müller). Reformziele werden vom Verfasser anhand Wolfgang Harichs „Plattform“, einem ersten Entwurf eines Artikels für die theoretische Partei-Zeitschrift „Einheit“, analysiert, obwohl inzwischen bedeutendere Dokumente bekannt wurden, z.B. Harichs Memorandum an Puschkin und Kurt Viewegs Agrarplan. Harich räumte der SED für die Herstellung der Einheit Deutschlands keineswegs eine „führende Rolle“ (S. 71) ein, wie der Verfasser meint. Harich ging vielmehr davon aus, dass die SED erst entstalinisiert und die DDR demokratisiert werden mussten, bevor es zwischen SED und SPD zu einer Verständigung über eine Aktionseinheit hätte kommen können.
Völlig zutreffend beschrieb der Verfasser die Ausuferungen des Stalinkults in der DDR, jedoch unterlief ihm ein Irrtum, wenn er behauptet, dass im Zuge dieses Kults aus Eisenhüttenstadt Stalinstadt (S. 19) wurde. Die zwischen Fürstenberg (Oder) und der Gemeinde Schönfließ gelegene Wohnstadt des entstehenden Eisenhüttenwerks erhielt 1953 den Namen Stalinstadt. Eisenhüttenstadt entstand erst im Jahre 1961 im Ergebnis der Fusion von Stalinstadt und Fürstenberg.
Im zweiten Teil geht der Verfasser auf den Charakter der gesellschaftlichen Transformation in der DDR ein, die er nicht einfach als Sowjetisierung verstanden wissen möchte. Dominanter dürften seiner Ansicht nach in diesem Bereich die Vorstellungen der deutschen Arbeiterbewegung bis 1933 gewesen sein, womit er eine Spezifik der DDR zutreffend beschreibt. Als Leistung der DDR-Wirtschafts- und Sozialpolitik hebt der Verfasser hervor, dass es gelang, das Potenzial der erwerbstätigen Bevölkerung zu einem im internationalen Vergleich hohen Prozentsatz auszuschöpfen. Hervorzuheben sind die Passagen zur Sozialgeschichte, die besonders gut gelungen sind.
Die eher zufällig eingefügten biografischen Skizzen der Mitglieder des SED-Politbüros hingegen erscheinen reichlich verkürzt, auch wird die Entstehung eines Risses in der SED-Führung – zwischen dem von Honecker geführten ZK-Sekretariat und dem von Ulbricht geführten Politbüro ab Mitte der 60er-Jahre - nicht beleuchtet. Der Sturz Ulbrichts erscheint lediglich als Ergebnis von Vorgängen in den Jahren 1970/71. Auch entging dem Verfasser, dass Alfred Neumann bereits 2001 verstorben ist. Unzutreffend beschrieben wurde die Politik der SED in der nationalen Frage im Zusammenhang mit der neuen Verfassung im Jahre 1968: „Die SED verabschiedete sich von der Einheit der deutschen Nation und kennzeichnete die DDR nunmehr als ‚sozialistischen Staat deutscher Nation’“. Der Satz ist in sich unlogisch: Die SED hielt an der Einheit der Nation fest, indem sie die DDR als sozialistischen Staat deutscher Nation sah. Erst im Zusammenhang mit der Verfassungsänderung 1974 verabschiedete sich Honecker von der Einheit der Nation.
Im Schlussteil fasst der Autor die Ergebnisse seiner Untersuchungen holzschnittartig zusammen. Die Reformvorhaben von 1963 seien kläglich gescheitert. Die angestrebte Modernisierung der DDR sei frühzeitig stecken geblieben. Die DDR habe immer der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung hinterher gehinkt. Die SED-Herrschaft stand auch in den 60er-Jahren auf „tönernen Füssen“. Der Sprung in die Dienstleistungsgesellschaft sei verpasst worden. Angesichts solcher Wertungen sei die Frage erlaubt, was wohl der Verfasser schreiben wollte, wenn er in einem zweiten Buch die Ära Honecker behandeln würde?
Die Wirtschaftsreform, die von Honecker, jedoch nicht von Ulbricht, beendet wurde, war jedoch keineswegs ergebnislos. Immerhin konnte dadurch er Rückgang des Wirtschaftswachstums Anfang der 60er-Jahre überwunden werden. Mit Zuwachsraten um die fünf Prozent gelang der DDR in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre auf nicht wenigen Gebieten der Sprung an die Spitze der RGW-Länder, was der Verfasser unschwer bei einem Blick in das Statistische Jahrbuch des RGW hätte feststellen können. 1970 erreichte die DDR die höchste Akkumulationsrate ihrer ganzen Geschichte. Das Land war fast schuldenfrei. Politisch mutierte die DDR vom bedingungslos abhängigen sowjetischen Besatzungsgebiet zum Juniorpartner der Sowjetunion, zu einem Land, das unmittelbar vor der weltweiten völkerrechtlichen Anerkennung stand. Dass die DDR den Sprung in die Dienstleistungsgesellschaft nicht vollzogen hat, stimmt bezogen auf ihre ganze Geschichte, kann aber nicht allein der Ära Ulbricht zugeordnet werden. 1971 hatte die Bundesrepublik den Sprung in die Dienstleistungsgesellschaft auch noch nicht vollzogen! Ralf Dahrendorfs These einer partiellen Modernität der DDR Ende der 60er-Jahre konnte der Verfasser nicht erschüttern.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Siegfried Prokop. Review of Hoffmann, Dierk, Die DDR unter Ulbricht: Gewaltsame Neuordnung und gescheiterte Modernisierung.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
May, 2004.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=18109
Copyright © 2004 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


