Detlev Mares. Auf der Suche nach dem "wahren" Liberalismus: Demokratische Bewegung und liberale Politik im viktorianischen England. Berlin: Philo Verlag, 2002. 373 S. EUR 52.00 (gebunden), ISBN 978-3-8257-0260-1.
Reviewed by Jörg Neuheiser
Published on H-Soz-u-Kult (September, 2003)
D. Mares: Auf der Suche nach dem "wahren" Liberalismus
Zu den Besonderheiten der englischen Geschichte im 19. Jahrhundert gehört das Fehlen einer politischen Partei der Arbeiterbewegung und der lange Schulterschluss zwischen Liberalen, radikalen Demokraten und gewerkschaftlichen Sozialreformern. Generationen von Historikern haben sich mit der Frage beschäftigt, warum es ausgerechnet in der am stärksten industrialisierten Gesellschaft Europas nicht früher zur Bildung einer politischen Arbeiterbewegung kam. Lange Zeit konzentrierte sich die Forschung dabei auf den vermeintlichen Bruch zwischen einer von sozialen Spannungen geprägten und politisch aufgeladenen ersten Jahrhunderthälfte und den Jahrzehnten nach 1850, in der die Enttäuschung über das Scheitern der Chartisten, ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung und eine ausschließlich auf Reformen in der Arbeitswelt ausgerichtete Gewerkschaftsbewegung eine politische Organisation der Arbeiter verhinderte. Im Zuge der englischen Revisionismusdebatte hat sich dagegen in den letzten zehn bis 15 Jahren ein neues Bild ergeben. Gegen weitgehend marxistisch orientierte Studien der Lage der Arbeiterschaft und ihrer Organisationen im viktorianischen England wandten sich Arbeiten, die mit am linguistic und cultural turn geschulten Methoden die langen, bis ins 18. Jahrhundert reichenden Traditionen des englischen Radikalismus betonten und zeigten, wie gerade die tiefe Verankerung der politischen Ziele der frühen Radikalen im politischen Bewusstsein und der Sprache reformorientierter Kräfte etwa eine auf sozialen Erfahrungen der Industriegesellschaft aufbauende klassenantagonistische Gesellschaftsanalyse erschwerten und zur Einbettung von Forderungen nach sozialen Reformen in einen breiten liberalen Diskus führten. Am Beginn dieser Entwicklung steht Stedman Jones, Gareth, Languages of Class, Cambridge 1983. Zum viktorianischen Liberalismus und Radikalismus vgl. Biagini, Eugenio, Liberty, Retrenchment and Reform. Popular Liberalism in the Age of Gladstone 1860-1880, Cambridge 1992; Belchem, John, Popular Radicalism in Nineteenth-Century Britain, London 1996.
Detlev Mares’ Dissertation zur demokratischen Bewegung in England in den Jahren nach der zweiten Wahlrechtsreform von 1867 gehört in den Kontext solcher revisionistischer Studien zum englischen Liberalismus und Radikalismus. Seine Arbeit konzentriert sich auf das weitverzweigte Netzwerk von kleinen, außerparlamentarischen Reform- und Protestorganisationen aus der Arbeiterschaft, die von London aus mit nationalem Anspruch für eine demokratische Umgestaltung der englischen Gesellschaft stritten und soziale Reformen einklagten. Dazu gehörten bekanntere Organisationen wie die von Gewerkschaftlern geprägte Labour Representation League von 1869, die von Karl Marx mitgegründete International Working Men’s Association, aber auch eine Vielzahl kleinerer republikanischer Clubs und Vereine, daneben Landreformer und Vereinigungen, die Internationalisten, Sozialreformer und politische Flüchtlinge vom Kontinent umfassten.
Anders als frühere Studien zu diesen Organisationen konzentriert sich Mares nicht auf die ideologischen Trennlinien und Brüche zwischen den einzelnen Vereinen und ihren Führern, sondern betont ihre Gemeinsamkeiten und die Verbindungslinien einer alle Organisationen umfassenden demokratischen Kultur.
Im ersten Teil seiner Arbeit untersucht er die Entwicklung der demokratischen Organisationen, die Ausprägung einer spezifischen Kultur und die inhaltlichen Motive des demokratischen Diskurses, um so das Bild einer zwar heterogenen, aber letztlich zusammengehörenden ‚demokratischen Bewegung‘ zu zeichnen. Gemeinsam stritten die Mitglieder der Vereine und Klubs für das Prinzip des „Government of the people, by the people, and for the people“ und kämpften für eine „democracy“, die allerdings noch alles andere als ein klar umrissenes, mit eindeutigen programmatischen Forderungen verbundenes Konzept war. Über alle inhaltlichen Differenzen verband die englischen Demokraten ein Ethos des rationalen Diskurses, der Diskussionen als Selbstzweck begriff und gerade über die kontinuierliche Auseinandersetzung über Ziele, Forderungen und Strategien immer wieder eine Bindung zwischen den beteiligten Akteuren erzeugte. Aus dem weiteren Feld des englischen Radikalismus ragten die Demokraten durch ihre strikte Betonung der Volkssouveränität hervor, andererseits standen sie inhaltlich und in ihrer politischen Symbolik ganz entschieden in der Tradition der frühen Radikalen des ausgehenden 18. Jahrhunderts und der Chartisten der 1830er und 40er Jahre. Forderungen nach politischer Partizipation und sozialen Reformen wurden so in der Tradition des civic humanism der frühen Radikalen formuliert und verbanden das Ideal einer Gesellschaft, die individuelle Entfaltung ermöglichte, mit dem Anspruch an jeden Einzelnen, seine Rechte durch Bürgertugend und Sorge für die Gemeinschaft zu rechtfertigen. Dabei empfanden sich die Demokraten nicht als Sprecher einer Klasse, sondern als Vertreter des ganzen ‚Volks‘.
Im zweiten Teil seiner Arbeit diskutiert Mares das Verhältnis der demokratischen Bewegung zur Liberalen Partei als Schlüssel sowohl für die innere Entwicklung der Bewegung selbst als auch für das Scheitern der Versuche, über die eher bescheidenen organisatorischen Ansätze hinaus zur Gründung einer eigenständigen politischen Partei zu gelangen. Zwei Thesen stehen dabei im Mittelpunkt: Zum einen bestreitet Mares, dass die demokratische Bewegung entlang klarer ideologischer Linien in einen dem Liberalismus nahe stehenden, moderaten und einen extremen, unabhängigen Flügel mit radikalerem Programm gespalten war. Gerade die Vielschichtigkeit liberaler Denktraditionen und die Schwierigkeiten einer klaren Definition inhaltlicher Positionen liberaler Politik ermöglichten eine prinzipielle Nähe der Demokraten zur Liberalen Partei, erzeugten aber auch eine grundsätzliche Spannung zwischen liberaler Parteipolitik und den Erwartungen der Demokraten an die von ihnen häufig unterstützten liberalen Politiker. Erst in der Auseinandersetzung mit der konkreten Politik der Liberalen ergaben sich Brüche und Spaltungen in der demokratischen Bewegung, die jedoch nicht durch ideologische Nähe oder Distanz zum Liberalismus entstanden, sondern aus der unterschiedlichen Einschätzung der Handlungsspielräume zur Durchsetzung demokratischer Ziele in Zusammenarbeit mit den Liberalen. Während inhaltliche Differenzen innerhalb der demokratischen Bewegung nicht entlang klarer Fronten diskutiert und im Diskurs immer wieder entschärft wurden, erzeugten Konflikte über die politische Strategie dauerhafte Bruchlinien zwischen politischer Nähe und Distanz zur Liberalen Partei.
Zum Anderen argumentiert Mares, dass die Nähe zwischen demokratischem und liberalem Diskurs immer wieder zu Versuchen der Demokraten führte, ihre eigene Identität über einen „wahren Liberalismus“ zu finden. Insbesondere aus Enttäuschung über ausbleibende Reformmaßnahmen zugunsten der sozialen und politischen Lage von Arbeitern nach der liberalen Regierungsübernahme von 1868 wuchsen Forderungen, dem „falschen Liberalismus“ der Partei einen demokratischen Liberalismus entgegenzusetzen. Mit dem Konzept eines eigenständigen Verständnisses von Liberalismus wurde es den Demokraten dabei zwar einerseits möglich, sich von der Liberalen Partei abzusetzen, andererseits aber verpflichteten sie sich gerade dadurch wieder den Traditionen des Liberalismus und erschwerten einen endgültigen Bruch mit der Liberalen Partei, der zu einer eigenständigen demokratischen Parteibildung hätte führen können.
Das so entstehende Bild einer zwischen Nähe und Distanz zur Liberalen Partei schwankenden frühen demokratischen Bewegung fügt sich ein in das weite Feld der Publikationen zum Liberalismus der Zeit Gladstones und die vielen Studien zum englischen Radikalismus und der frühen Arbeiterbewegung in England, die in den letzten Jahren die Diskussion zur englischen ‚popular politics‘ geprägt haben. Geschickt gelingt es Mares, die vielfältigen Studien und Ergebnisse der neueren Forschung zu bündeln und mit eigenen Untersuchungen zu einer neuen Argumentationslinie zu verbinden. Diese Stärke des Buchs erweist sich dabei gelegentlich auch als Schwäche: Bisweilen verliert sich die Darstellung in der Schilderung des sich aus der Forschung ergebenden komplexen Bilds des Feldes liberaler, radikaler und demokratischer Politik in England und lässt eine pointiertere Argumentation vermissen, etwa beim Blick auf die langen Traditionslinien radikaler und liberaler Diskurse. Insgesamt aber überzeugt Mares’ Argumentation, die die Demokraten der Jahre 1867 bis 1874 auf dem Weg zu einem neuen Selbstverständnis jenseits des Liberalismus zeigt, zugleich aber auf ihre Verbundenheit mit den langlebigen Traditionen englischer Reform- und Protestbewegungen verweist und aus den Strukturen ihrer Diskurse und politischen Praxis erklärt, warum ein früherer Bruch einer demokratischen Arbeiterbewegung mit dem Liberalismus in England scheitern musste.
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Citation:
Jörg Neuheiser. Review of Mares, Detlev, Auf der Suche nach dem "wahren" Liberalismus: Demokratische Bewegung und liberale Politik im viktorianischen England.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
September, 2003.
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