Dennis Deletant. Hitler's Forgotten Ally: Ion Antonescu and His Regime, Romania 1940-1944. New York: Palgrave Macmillan, 2006. x + 379 pp. EUR 36.00 (paper), ISBN 978-1-4039-9341-0.
Reviewed by Herwig Baum (Ludwig-Maximilians-Universität, München)
Published on H-German (November, 2006)
Zwischen Pragmatismus und Massenmord
Der Mangel an einer wissenschaftlichen Erfordernissen entsprechenden und auch die lange Zeit nicht zugänglichen sowjetischen und rumänischen Quellen mit einbeziehenden Biographie des wohl wichtigsten südosteuropäischen Verbündeten des Dritten Reiches ist mit dem vorliegenden Werk Dennis Deletants behoben. Bisherige Arbeiten neueren Datums, in denen die Person des Marschalls im Mittelpunkt stand, beleuchteten diese entweder nur aus bestimmten Perspektiven oder sind, was vor allem für innerhalb Rumäniens erschienene Werke gilt, stark apologetisch geprägt.[1] Der Vorwurf der Unausgewogenheit ist im übrigen auch zum Teil internationalen Publikationen zu machen; insbesondere gilt dies für die einzige neuere englischsprachige Biographie, die angeblich positive Aspekte des Regimes und der Persönlichkeit Antonescus betont und die Verantwortlichkeit des Diktators für die zahlreichen Verbrechen zu relativieren versucht.[2]
Auf die besonderen Schwierigkeiten der Thematik weist der Autor bereits zu Beginn seines Buches hin. Diese bestehen zum einen in der nicht einfach zu erschließenden Person Ion Antonescus, dessen Politik zuweilen durch eine ausgeprägte Ambivalenz gekennzeichnet war: Der Diktator hatte einerseits die Massenvernichtung von bis zu 300.000 Juden zu verantworten, andererseits rettete er durch seinen Einspruch eine noch wesentlich höhere Zahl jüdischer Menschen innerhalb Rumäniens vor dem vom deutschen Bündnispartner bereits konkret anvisierten Holocaust. Ein zweites Problem besteht in der extremen Politisierung, die um die Person Antonescus herum auch im heutigen Rumänien betrieben wird. Nach einer langen Phase, während derer die Sicht auf das Regime des Marschalls von marxistischen Primitivschemata geprägt war, begann in der Spätzeit der sich immer nationalistischer gerierenden Diktatur Ceaucescu die zunächst noch behutsam betriebene Rehabilitation Antonescus. Zum Durchbruch kam diese Entwicklung nach der Revolution von 1989: Insbesondere rechtsgerichtete Gruppen präsentierten nun die Regierung des Militärs unter Ausblendung der von dieser begangenen kriminellen Akte als auch für die heutige Zeit vorbildlich.
Das besondere Verdienst des vorliegenden Werkes ist es, einen Schwerpunkt auf die Involvierung des Marschalls in die Verfolgungsmaßnahmen, insbesondere gegen Juden und Roma, zu legen. Bereits in der Literatur hinreichend dargestellte Aspekte wie Antonescus persönlicher Werdegang, das kurzlebige und explosiv auseinandergebrochene Bündnis mit der religiös-faschistischen Eisernen Garde und der Weg in den Zweiten Weltkrieg werden eher kurz abgehandelt.
Vorangestellt wird diesen Kapiteln eine Darstellung der innen- und außenpolitischen Situation, die die Diktatur Antonescus ermöglichte. Von Bedeutung war hier die im Sog der Weltwirtschaftskrise produzierte Hochkonjunktur rechtsextremer und antisemitischer Vorstellungen in Teilen der Bevölkerung, die unter anderen zum Aufstieg der Eisernen Garde geführt hatte. Als Auslöser für den Sturz des seit 1938 autoritär regierenden Königs Carol II. erwies sich jedoch die dramatisch zugespitzte außenpolitische Lage, in die der Balkanstaat ab Beginn des Zweiten Weltkriegs geraten war. Nach der Erosion des als Folge des Ersten Weltkriegs geschaffenen Bündnissystems hatte das grandiose Scheitern der von Carol versuchten Neutralität zwischen den Kriegführenden zur erzwungenen Abtretung bedeutender Territorien des Balkanstaates an die teils unter Androhung von Gewalt die Revision der Pariser Vorortverträge fordernden Nachbarstaaten geführt. Als nationale Traumata empfunden wurden von weiten Teilen der rumänischen Bevölkerung der Verlust der Nordbukowina und Bessarabiens an die Sowjetunion, insbesondere aber die durch den Zweiten Wiener Schiedsspruch erzwungene Aufgabe Nordsiebenbürgens zugunsten Ungarns. Daß die Königsdiktatur, deren Ansehen durch diese Ereignisse irreparabel beschädigt war, durch Antonescu, dessen Herrschaftsvollmachten schließlich innenpolitisch kaum Einschränkungen ausgesetzt waren, ersetzt wurde, führt der Autor weniger, wie bisher in der Literatur häufig angenommen, auf deutsche Einflussnahme zurück. Vielmehr weist er auf die Aktivitäten mehrerer Mitglieder des im System Carols bedeutsamen Kronrats hin: Diese drängten massiv auf eine Berufung des Generals.
Nachdem er den König zur Abdankung zugunsten seines Sohnes Mihai gezwungen hatte, stabilisierte ein Bündel von Maßnahmen die Diktatur des als xenophob und antisemitisch, jedoch auch als begabt und korrekt geltenden Militärs: Auf das Scheitern eines Versuch hin, die wichtigsten demokratischen Parteien zur Mitbeteiligung an der Regierungsverantwortung zu bewegen, paktierte er mit der Eisernen Garde. Außenpolitisch stabilisierte er die Situation Rumäniens zum einen durch die Durchsetzung der dem Land auferlegten und z. T. noch nicht umgesetzten Verpflichtungen zu Gebietsabtretungen, wobei jedoch das Bemühen um deren Rückgängigmachen eine Konstante seiner Regierungspolitik bleiben sollte. Andererseits setzte er bedingungslos auf die deutsche Karte, eine Option, die zu diesem Zeitpunkt auch nicht der Rechten angehörenden politischen Beobachtern als die einzig gangbare Möglichkeit erschien. Das sich bald herausbildende persönliche Vertrauensverhältnis zu Hitler erleichterte ihm schließlich die Eliminierung seines ungeliebten innenpolitischen Bündnispartners, dessen anarchistisch geprägter Kurs auch bei den Vertretern des auf die Ölressourcen des Landes angewiesenen Dritten Reiches Besorgnis ausgelöst hatte; die Etablierung einer auf seine Person ausgerichteten Militärdiktatur war die Folge. Basis dieser Ordnung bildeten die oberen Ränge des Offizierskorps, innerhalb derer Antonescu zu Beginn seiner Regierung jedoch offenbar noch keinesfalls uneingeschränkte Zustimmung genossen hatte.
Ausgesprochen genau untersucht wird die Verantwortlichkeit des rumänischen Diktators für die Massenverbrechen, insbesondere gegen Juden und Roma. Insgesamt wird dieser Themenkomplex in fünf Kapiteln abgehandelt. Zunächst wird die Sicht Antonescus auf die Juden sowie die Verfolgungsmaßnahmen während der ersten, von der Zusammenarbeit mit der Eisernen Garde geprägten Phase seiner Diktatur aufgezeigt. Hierbei werden die Besonderheiten der politischen Vorstellungen des Militärs verdeutlicht: Ähnelte sein paranoide Züge tragendes antisemitisches Credo in vielerlei Hinsicht dem Hitlers (Juden galten ihm als "das Böse schlechthin" und wurden häufig mit Parasiten oder einer Krankheit verglichen, gleichzeitig erfolgte ihre Gleichsetzung mit Kommunismus bzw. Bolschewismus, die angeblich notwendige Auseinandersetzung mit dem Judentum hielt er für einen "Kampf auf Leben und Tod"), so bewogen ihn neben seinem Ordnungsdenken ein ausgeprägter Sinn für die politische Realität dazu, die ungeregelten Mordtaten der Gardisten an Juden und politischen Gegnern aus Rücksicht auf die internationale Reputation des Landes sowie auf wirtschaftliche Belange abzulehnen. Eine weitere, spezielle Nuance seiner Diktatur bestand darin, daß nicht nur die demokratische Opposition im Untergrund fortbestehen konnte-- deren Spitzenrepräsentanten wandten sich sogar regelmäßig in Memoranden an den Staatschef--sondern daß Wilhelm Filderman, dem Vorsitzenden der 1941 aufgelösten Föderation der jüdischen Gemeinden, trotz der antijüdischen Verfolgungsmaßnahmen ermöglicht wurde, einen gewissen Einfluss auszuüben. So war es u. a. auf dessen Einspruch zurückzuführen, daß der bereits ergangene Beschluß, auch für die Juden Altrumäniens die Pflicht zum Tragen des Davidsterns zu erheben, wieder rückgängig gemacht wurde.
Ebenfalls zwiespältig war, wie bereits angedeutet, der Umgang des Marschalls mit den sich in seinem Machtbereich befindlichen Juden hinsichtlich des Holocaust. So wurden die Angehörige dieser Minderheit in den bereits vor dem Ersten Weltkrieg rumänischen Gebieten, zusätzlich dem Banat und Südsiebenbürgen, zwar entrechtet, ausgegrenzt und wirtschaftlich ausgebeutet, aber physisch nicht vernichtet. Bereits mit dem deutschen Bündnispartner ausgehandelte Pläne, die den Abtransport dieser Menschen in die Vernichtungslager Ostpolens vorsahen, wurden im September 1942 durch das Veto Antonescus verhindert. Schlimmeres erwartete die Juden Bessarabiens, der Bukowina sowie der unter dem Namen Transnistrien rumänischer Verwaltungshoheit unterstellten Südwestukraine. Unter äußerst grausamen Begleitumständen wurden zunächst die als Angehörige der zu verfolgenden Gruppe definierten Personen aus den von der Sowjetunion zurückeroberten Territorien nach Transnistrien deportiert, um dort in Ghettos und Lagern gefangen gehalten zu werden; ein Schicksal, dass die ortsansässigen Juden mit ihnen teilen mussten. Hunger, Seuchen und Massaker, wobei im Rahmen der blutigsten Mordaktionen allein jeweils mehrere zehntausend Menschen getötet wurden, führten zu einer extrem hohen Opferzahl. Ebenfalls viele Tote forderte die Verschleppung bestimmter Gruppen rumänischer Roma, wenn auch hier weniger direkte Ermordungen, sondern die fürchterlichen Lebensbedingungen an den Deportationsorten ursächlich waren. Wurden die Leiden der Opfer dieser verbrecherischen Politik bereits an anderer Stelle detaillierter dargestellt, so kann es doch als Verdienst dieses Buches gewertet werden, die direkte Linie zwischen der Entscheidungsfindung des Diktators sowie seiner Regierungsgremien und der Behandlung der verfolgten Gruppen im Detail aufgezeigt zu haben.[3] So würde eine rein auf die Ergebnisse der Politik Antonescus den ihm verhassten Minderheiten gegenüber konzentrierte Betrachtung auf eine gewisse Launenhaftigkeit des Regimes schließen lassen und zu einer Überbetonung des Aspekts des Opportunismus verleiten, wie sie beispielweise in der älteren deutschen Literatur vorgenommen wurde. Erst ein Blick auf die persönlichen Beweggründe des Marschalls führt hier zu einer Erhellung: Antonescu wollte einerseits Juden und Roma, aber auch die Angehörigen anderer in seinem Machtbereich ansässigen Ethnien unbedingt "loswerden", dem stand aber sein Wille, die Souveränität seines Landes gegen den deutschen Bündnispartner zu wahren sowie der Versuch, trotz des bestehenden Kriegszustandes die Kluft zu den Westmächten nicht allzu tief werden zu lassen, entgegen. Insbesondere auf die letztgenannte Ursache war die Gewährung zunehmender Erleichterungen den nach Transnistrien deportierten Juden gegenüber gegen Ende der Besatzungsperiode in der Sowjetunion zurückzuführen.
Das Ziel, unter Nutzung der traditionellen Beziehungen zum Westen einen separaten Waffenstillstand für Rumänien zu erreichen, hatten mehrere unter Duldung des Staatschefs ab 1943 sowohl von Regierungsmitgliedern als auch Spitzenpolitikern der demokratischen Opposition ausgestreckte Friedensfühler in Richtung der Kriegsgegner. Letztendlich zum Scheitern verurteilt waren diese Initiativen aufgrund der Weigerung Antonescus, die als persönliches gegenseitiges Treueverhältnis zu Hitler und damit zum Deutschen Reich empfundene Beziehung zu brechen. Die Lösung aus dem für den Balkanstaat sich zunehmend katastrophal auswirkenden Bündnis wurde schließlich von anderer Seite veranlasst: Der durch die Diktatur zunächst völlig in der Hintergrund gedrängte König Mihai führte im Verbund mit demokratischen Politikern und den ständig an Macht gewinnenden Kommunisten einen Staatsstreich durch, der den Frontwechsel Rumäniens zur Folge hatte.
Gegen Ende seines Werkes befasst sich der Autor mit dem Schicksal Antonescus nach seinem Machtverlust: Auf der Basis sowjetischer Dokumente, die z. T. in neuerer Zeit in Rumänien herausgegeben wurden, sowie älterer Veröffentlichungen wird das Bild der durch die Sowjets erzwungenen Auslieferung des Marschalls, seiner Verbringung nach Moskau sowie schließlich seines Prozesses und seiner Hinrichtung in Rumänien entworfen. Das Abgleiten des Landes in eine neuerliche Diktatur stand zum Zeitpunkt der zuletzt erwähnten Abläufe bereits fest.
Abschließend bleibt festzuhalten, daß das Werk Deletants einen wesentlichen Beitrag zur Entmythologisierung Ion Antonescus leistet. Er wird als eine Person dargestellt, die zwischen seinen Vorstellungen, die maßgeblich von Nationalismus und Antisemitismus beeinflusst waren, und der gegebenen politischen Realität eigene Handlungsspielräume zu finden versuchte. Ein ausgeprägter Hang zur Selbstinszenierung, wie er sich beispielsweise bei der Zeugenaussage des Generals anläßlich des Prozesses gegen Corneliu Z. Cordeanu, der charismatischen Führungspersönlichkeit der Eisernen Garde, manifestierte, war dabei stets Teil seines öffentlichen Auftretens. Des weiteren darf es sicherlich als keine Schwäche des Buches gelten, auch darauf hingewiesen zu haben, daß zahlreiche an die Person Antonescus oder an wichtige Geschehnisse während seiner Regierungszeit geknüpfte Fragen auch anhand des bisher bearbeiteten Quellenmaterials noch nicht erschöpfend beantwortet werden konnten. So muß es zumindest teilweise offen bleiben, inwieweit die für die Durchführung der Verfolgungsmaßnahmen gegen die Roma maßgeblichen Vorstellungen des Diktators rassistischer Natur waren; ebenso schwierig erscheint eine Bestimmung seiner genauen Verantwortlichkeit für die Auslösung des enorm blutigen Pogroms von Iasi im Juni 1941.
Notes
[1]. Zum Beispiel Alex Mihai Stoenescu, Armata, Maresalul si Evreii, Cazurile Dorohoi (Bucharest: RAO, 1998).
[2]. Larry L. Watts, Romanian Cassandra: Ion Antonescu and the Struggle for Reform, 1916-1941 (Boulder: East European Monographs, 1993).
[3]. Zum Beispiel Radu Ioanid, The Destruction of Jews and Gypsies under the Antonescu Regime, 1940-1944 (Chicago: Ivan R. Dee, published in association with the United States Holocaust Memorial Museum, 2000).
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Citation:
Herwig Baum. Review of Deletant, Dennis, Hitler's Forgotten Ally: Ion Antonescu and His Regime, Romania 1940-1944.
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