Fritz Peter Knapp, JÖ¼rgen Miethke, Manuela Niesner, eds. Schriften im Umkreis mitteleuropÖ¤ischer UniversitÖ¤ten um 1400: Lateinische und volkssprachliche Texte aus Prag, Wien und Heidelberg: Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Wechselbeziehungen. Table of contents. Leiden and Boston: Brill, 2004. xxx + 314 pp. EUR 98.00 (cloth), ISBN 978-90-04-14053-0.
Reviewed by Frederik Felskau (Independent Scholar [Cologne])
Published on H-German (September, 2006)
Mitteleuropäischer Universitäten um 1400
Der aus einer Tagung am Internationalen Wirtschaftsforum Heidelberg im April 2002 hervorgegangene Band beschäftigt sich mit der mitteleuropäischen universitären Landschaft um 1400. Das Innovative an der Perspektive fäßt Jürgen Miethke in seinem Rückblick (S. 275-299) treffend zusammen, wenn er den "individualisierenden Zugang" und das übergeordnete Anliegen der Beiträge würdigt, dem "Textausstoß der Institution Universität innerhalb ihrer selbst und in Richtung auf ihre Umgebung nachgehen zu wollen". Kurzum: es geht weniger darum, die zumindest auf personaler Ebene verschiedentlich bereits herausgearbeiteten, methodisch gleichwohl schwer abzusichernden wechselseitigen Einflüsse eingehender zu beleuchten, als die Untersuchungsperspektive in Richtung auf die Wirkungsfelder des Lehrkörpers in die breitere, außeruniversitäre Gesellschaft hinein zu erweitern. Damit wird Fragestellungen ein Raum eröffnet, die der herkömmlichen Sicht auf das Hermetische mittelalterlicher Institutionen zuwiderlaufen und daraus ihren wissenschaftlichen Wert gewinnen. In diesem Sinne liest sich das, was Fritz Peter Knapp den Beiträgen voranstellt trotz seines bescheidenen Titels ("Fragenkatalog zum Thema der Tagung", S. ix-xxix) als ein exzellenter Forschungsüberblick samt der daraus abzuleitenden Desiderate.[1]
Am Anfang der in die zwei großen Themenbereiche lateinisches und volkssprachliches Schrifttum unterteilten Aufsätze beschäftigt sich Jana Nechutová mit "Konrad von Soltau: Lectura super caput firmiter" (S. 3-19). Dabei geht es ihr in erster Linie nicht um die Frage, ob und gegebenfalls auf welcher Grundlage der an der Prager und der Wiener Universität wirkende Gelehrte von den Zeitgenossen als Ketzer angesehen wurde. Vielmehr korrigiert die Autorin einige in der Literatur vorherrschenden Unschärfen und Präjudizien über seine Person anhand einer texthistorischen und -inhaltlichen Besprechung seines Kommentars zum ersten Teil des 1. Titels der Dekretalen Gregors IX. Zwar läßt sich die Abfassung besagter Schrift auch mit Zuhilfenahme der Kolophone und Explizite aller Textzeugen nicht sicher auf seine Prager Zeit bis 1387 eingrenzen, so daß nur die triftige Annahme bleibt, er habe wenigstens das weidlich ausgeschöpfte Werk seines Lehrers, die Questiones sententiarum Heinrich Totting von Ottas, dort bereits konsultiert. Jenseits solcher Detailspekulationen und für den akademischen Rang Konrads nicht minder bedeutsam, nimmt dann Nechutová den Theologen anhand einer Textanalyse, durch die sie dessen Lectura nicht nur als Dekretalenkommentar, sondern zugleich als "einmalige" Auslegung (S. 19) der Sentenzen des Petrus Lombardus entlarvt, gegenüber dem Verdikt schöpferischer Unselbstständigkeit überzeugend in Schutz. Sonach gibt sie ein gelungenes Beispiel für Erkenntnisgewinne, die sich aus textgenetischen Untersuchungen immer noch ziehen lassen, wenn es darum geht, das geistige Profil einer mittelalterlichen Persönlichkeit zu erfassen.
Dorothea Walz widmet sich im Anschluß daran dem Leben und Predigtwerk Konrads von Gelnhausen (S. 20-39). Auch sie vermag Korrekturen an den bisherigen Forschungserkenntnissen vorzunehmen oder diesen weitergehende Argumente hinzuzufügen, so etwa bezüglich Konrads theologischer Promotion in Paris (nach Inaugenscheinnahme eines Fragmentes aus der sogenannten Predigthandschrift A), seines wahrscheinlichen Aufenthalts am Prager Hofe Karls IV. oder seines das jeweilige Publikum berücksichtigenden Variationsvermögens im Predigtstil. Gerade die nach den biographischen Darlegungen vorgenommene Differenzierung seiner Predigten in "volkstümliche" und jene "vor akademischem Publikum Gehaltene", die sie an einem Heidelberger Korpus von sermones vornimmt, gehört zum Interessantesten, sicherlich aber Weiterführendsten ihres Beitrages. Daß Walz ihre durchaus aufschlußreichen Bemerkungen angesichts der Fülle an Fragestellungen, die sich in Hinblick auf Textstrategien und Gestaltungsvariablen auftun, recht knapp beläßt, mag in der Scheu begründet liegen, diesbezüglichen Ausführungen an anderer Stelle nicht vorgreifen zu wollen.[2]
Matthias Nuding begibt sich mit seinem Aufsatz "Geschäft und Moral: Schriften ‚De contractibus‘ an mitteleuropäischen Universitäten im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert" (S. 40-62) auf das Gebiet wirtschaftsethischer Literatur, indem er die inhaltliche Gestalt und Rezeption von insgesamt sieben, sich dem Thema des Wuchers und des gerechten Preises widmenden Texten mit universitärem Entstehungsumfeld beleuchtet. Das von der Forschung freilich ausgiebig beachtete Thema (die italienische Historiographie erfährt hier allerdings keine Berücksichtigung) darf indes nicht zur Annahme verleiten, es ließen sich keine neuen Einsichten über den akademischen Austausch mittels textkomparatistischer Untersuchungen beibringen. Nudings Textauswahl--es handelt sich um Schriften von Heinrich von Langenstein über Matthäus von Krakau bis Johannes Nider--mag zwar willkürlich erscheinen, unbestreitbar handelt es sich jedoch bei ihnen um thematisch "herausragende Äußerungen" (S. 47). Bedauerlich ist allein, daß der Autor erst kurz vor Ende seines Artikels, nach den für sich sehr verdienstvollen Auslassungen zu Inhalt und Entstehungskontext der einzelnen Traktate, dem Leser verdeutlicht, worauf er eigentlich hinauswill, nämlich auf die Stellung der Schrift De contractibus des Mätthäus von Krakau innerhalb dieser Textgruppe. In seiner Quintessenz, die dann eher weitergehenden Fragestellungen aufwirft, geht er fast beiläufig auf die den Schriften eigenen Textformen ein, selbige in die Gattungen Einzelquästion, Monographie (die an anderer Stelle, etwa S. 50, Gutachten heißt) und Manual unterscheidend. Zwar wird eingeräumt, der Textform komme konstitutive Bedeutung für Publikum, Verbreitung (von gelehrtem Umfeld bis hin zum praktischen, außeruniversitären Gebrauch) und volkssprachliche Übersetzung zu. Doch der Befund (S. 61), wonach zwischen der ausgewählten Schrift Niders und jener des Matthäus inhaltlich die engste Rezeptionsbeziehung herrsche, obwohl sie sich persönlich nie begegnet seien, erscheint in diesem Licht dann doch weniger "paradox" (S. 61). Ungeachtet dieser leichten Schwäche im Argumentativen liefert Nuding ein äußerst instruktives und lesenswertes Beispiel für die Beziehungsgeflechte an den Universitäten und deren Einflüsse auf Texterstellungen ab.
František Šmahel, ausgewiesener Kenner des vorhussitischen Böhmen und der Karolina, erörtert "Die Verschriftlichung der Quodlibet-Disputationen an der Prager Artistenfakultät bis 1420" (S. 63-91). Nach Erläuterungen zum Usus dieser, unter weitgehender Themenfreiheit stehender Disputationen an der Pariser und Wiener Hochschule wendet er sich den in Prag zu beobachtenden Gewohnheiten und Abläufen zu. Man hätte sich an der Stelle womöglich weiterführende Erörterungen zu Standards im interuniversitären Vergleich gewünscht, doch wird der Leser im Weiteren durch eine vorbildliche Darstellung der böhmischen Disputationspraxis von den 1390er Jahren bis zur Hussitischen Reformation mehr als entschädigt. Der praktische Nutzen wie die tiefe Durchdringung der Materie spiegelt sich nicht nur in den Ausführungen selbst, die übrigens in ein stilsicheres Deutsch übersetzt wurden. Mit den drei Tabellen (Tab. 1: nach nationes geschlüsselte Liste der Prager Quodlibeta, Tab. 2: namentlich bekannte Quodlibetarii mit Anzahl vorbereiteter Questiones und Teilnehmeranzahl, S. 73; Tab. 3: Parallelität der Vorbereitung nach gleichlautenden Questiones, S. 74) tritt der analytische Unterbau zu Tage, auf den sich Šmahel stützen kann. Ergänzt um zwei systematische Anhänge (Anh. 1: Verzeichnis der bekannten Prager Quodlibeten 1394-1417, S. 82-86; Anh. 2: Quodlibet des Heinrich von Ribenicz, S. 87-91), machen diese Qualitäten den Beitrag zu einer gewinnbringenden Lektüre, ja beinahe zu einem handbuchartigen Einstieg in die Thematik.
Ähnliches ließe sich über Christoph Flüelers "Ethica in Wien anno 1438. Die Kommentierung der aristotelischen ‘Ethik’ an der Wiener Artistenfakultät" (S. 92-138) sagen. Schließlich erlauben seine Anhänge--eine Listung der Wiener Ethikkommentare des 15. Jahrhunderts (S. 123-134) und eine Zusammenstellung aller Magister der Wiener Artistenfakultät, denen an den Fakultätssitzungen an St. Ägidien bis 1459 ein moralphilosophisches Werk zuteil wurde (S. 135-138)--einen schnellen Zugriff auf systematische und prosopographische Daten zum Thema seines Beitrages. Eingeführt wird dieser ebenfalls mit generischen Auslassungen, hier zur grundsätzlichen Stellung der aristotelischen Ethik an den abendländischen Universitäten. Anschließend wendet er sich den Kommentierungen an der Rudolphina zu, wobei ihm neben den universitären Statuten von 1389 auch zwei Reportationen, also Mitschriften der Ethik-Übungen des Magisters Thomas von Wuldersdorf von 1438/39 zur Verfügung stehen. Beide Quellensorten geben detailreich Aufschluß über Norm und gelebte universitäre Übungsform. Zwar sind die "mittelmäßigen Schulschriften" nicht als "philosophische Meisterwerke" (S. 120) anzusehen, doch gewinnen sie an Bedeutung vor allem dadurch, daß sie, gerade im Vergleich, Einblicke in Lehre und Rezeption des philosophischen Fundamentalwerkes aus Sicht und Feder zweier Bakkalaren ermöglichen. Gemeinsam mit den kenntnisreichen Ausführungen Flüelers zur Fakultät, ihren wichtigen Persönlichkeiten und Prozeduren, rundet sich so für den Leser ein facettenreiches Bild über das Ganze und Einzelne des universitären Betriebs bei den Wiener Artisten.
In "Princeps litteratus aut illitteratus? Sprachfertigkeiten regierender Fürsten um 1400 zwischen realen Anforderungssituationen und pädagogischem Humanismus" (S. 141-177), dem ersten Beitrag zum volkssprachlichen Schrifttum, diskutiert Wolfgang E. Wagner die weit gespannte Frage nach dem sprachlichen Bildungsniveau spätmittelalterlicher Fürsten. Mit der dichotomischen Fragestellung macht er es sich von vornherein allerdings nicht leicht. Einige Widrigkeiten, mit denen der Autor zu kämpfen hat, bürdet er sich selbst auf, andere sind bei der Behandlung des Themas in diesem Rahmen unvermeidlich und ihre Bewältigung umso begrüßenswerter. So muß sich der Ansatz, den er mittels fünf elementarer Anforderungssituationen für Mehrsprachigkeit--Prinzenerziehung, des Regenten Bemühungen um Sprachaneignung, der Umgang mit anderssprachigen Untertanen, der diplomatische Verkehr und die Kanzleifertigkeiten (S. 145)--analytisch untergliedert, notwendig auf ein recht ausgewähltes Untersuchungsmaterial beschränken. Freilich ist ihm zugute zu halten, daß eine Sichtung aller relevanten Quellen kaum, und schon gar nicht an diesem Ort zu gewährleisten gewesen wäre. Sonach handelt es sich um eine Diskussion des Exemplarischen, wozu Nachrichten über den hochgebildeten Karl IV., seinen Sohn Wenzel IV. und mehrere Pfalzgrafen gewählt werden. Wie dicht bei den Ausführungen analytischer Glanz und faktographisches Dilemma liegen können, ja müssen, beweist Wagner unverdrossen, wenn er die Verläßlichkeit der meist aus der Feder humanistisch gebildeter Chronisten stammenden Aussagen seinen eigenen, berechtigten und überzeugenden Zweifeln unterzieht. Ob Fürstenschelte oder -lob: Kommt, so fragt sich der Leser etwas verunsichert, der Historiographie und den Kanzleiartefakten überhaupt Aussagekraft für eine unanfechtbare Bemessung des fürstlichen Sprachstandes zu? Es wäre andererseits völlig ungerechtfertigt, dem Autor vorzuhalten, selbst für das Entgleiten seiner Erkenntnisziele gesorgt zu haben. Denn Wagners so sensible wie sichere Analyse der Quellen läßt nachvollziehbar keine andere als eben jene äußerst vorsichtige Schlußfolgerung zu, "die sprachliche Elementarbildung der Fürsten habe vor allem spätere Gelehrte interessiert, sei von diesen selbst aber nur in nachgeordnetem Maße ... geschätzt worden" (S. 177). Vermag man hier womöglich Anklänge zu gegenwärtigen Diskrepanzen zwischen dem Lob der Vielsprachlichkeit und der ungleich bescheideneren Wirklichkeit zu finden?
Den "Pastoraltheologischen Texten des Matthäus von Krakau" wendet sich Dietrich Schmidtke zu (S. 178-196). Hierbei beschränkt er sich auf eine in mehreren Fassungen erhaltene Beichtformel, dem einzigen deutschsprachigen, sicher Matthäus zuzuordnenden und dazu als Anhang edierten Text dieser Gruppe, sowie im Folgenden hauptsächlich auf die Übersetzungen des Dialogus rationis et conscientiae de crebra communione. Die detail- wie kenntnisreichen Erörterungen erfordern erhöhte, am Ende aber dankbar gewährte Konzentration, denn die ausführlicheren Hinweise auf Etappen der eigenen Forschung und die teils umfänglichen Bezüge auf die Sekundärliteratur, darunter die bislang ungedruckte Habilitationsschrift von Helmut Beifuss, zeigen, daß hier die Zwischenbilanz einer ricerca in atto gezogen wird, die noch nicht den ruhigen Atem letzter Erkenntnis trägt. Soviel nimmt der Leser dennoch mit: Die komplexe Überlieferungsgeschichte des Dialogs zerfällt in zwei, durch eine Prager und eine Breslauer Handschrift repräsentierte Gruppen, deren Autoren in den "üblichen" Kreisen, das heißt bei den "Bettelordensangehörige(n), Augustinerchorherren und vielleicht einmal ein(em) Angehörige(n) der stadtbürgerlichen Intelligenz" (S. 188) vermutet werden. Ähnlich spekulativ schließt der Autor, wenn er das Rezeptionsverhältnis zwischen Matthias und dem "Frömmigkeitstheologen" Johannes Gerson entgegen bisheriger Annahmen zugunsten des Ersteren umkehrt (S. 194). Wird man sich aber auf lange Sicht mit Lebensaltervergleichen und einer Referenz Gersons begnügen müssen?
Einen systematischen Zugriff auf "Lateinische und deutsche Predigten im Umfeld von Universität und Hof in Heidelberg um 1420" verfolgt Christoph Roth (S. 197-230). Schon mit seinen einleitenden Worten--es handele sich um eine "Phantomsuche"--macht er deutlich, daß der Handschriftenbestand der Palatina durchaus noch ausführlicherer Untersuchungen bedarf. Gleichermaßen stringent und schlüssig in Anlage und Argumentation--letzte allerdings nicht durchwegs im Stile eines leicht erschließbaren Fließtextes--gibt er zunächst einen Überblick über den Überlieferungslage, der im Anhang chronologisch sortiert nochmals zusammengefaßt ist, sowie eine ungemein nützliche tabellarische Übersicht über die Heidelberger Prediger bis 1430, um sich im Weiteren der gegen 1426 entstandenen Handschrift Cpg 61 eingehender zuzuwenden. Die Detailanalyse der in den Kodex eingegangenen Marienpredigten weiß intertextuelle Bezüge, insbesondere zu Bernhard von Clairvaux und seinem Schüler Guerricus, aber auch zu den hergebrachten Autoritäten wie Augustinus, sicher herauszustellen. Am Ende kommt der Autor zu dem Schluß, mit dem Korpus an Handschriften sei den Geistlichen eine gute Grundversorgung in der Hilfestellung für ihre Predigttätigkeit an die Hand gegeben worden. Der vereinzelte Eintritt von Predigten in die Sammlungen geistlicher Meditationstexte sei womöglich unter Vermittlung nordbairischer-ostfränkischer Frauenklöster erfolgt. Einen Grund dafür, daß es an darüber hinaus gehenden Bemühungen an literarischer Unterweisung gemangelt habe, vermutet der Autor in dem Fehlen von Reformklöstern im Umland und von entsprechenden Mäzenen aus dem Kreis der höheren fürstlichen Beamten. Wenn die überaus gediegene Darstellung überhaupt etwas zu wünschen übrig lassen sollte, dann allenfalls, Roth möge in Bezug auf seine abschließenden Annahmen vielleicht noch einmal nachlegen.
Václav Bok bespricht gemeinsam mit Freimut Löser eine für sich genommen sehr interessante, nichtsdestoweniger in "Vergessenheit geratene" Quelle aus den Anfängen der hussitischen Vorreformation, nämlich den "Widerruf des Peter von Uni?ov vor der Prager Universitätsgemeinde (1417)" (S. 231-250). Denn mit der Revokation des aus Mährisch-Neustadt stammenden Dominikanermönchs liegt ein Dokument vor, das wie kaum eine Anderes ein individuelles Schicksal in der Formierungs- und Durchsetzungsphase der religiösen Reformbewegung illustriert. Vorzüglich gelingt es denn auch beiden Autoren, die wahrscheinlich unter Folter erzwungene und wohl als öffentliches Spektakel inszenierte Abkehr des vordem als scharfer Gegner Husens auftretenden Predigers von seiner bis dahin rechtgläubigen Linie in die zeitnahen Vorgänge an der Prager Universität einzuordnen. Eine akkurate Textanalyse trägt das Ihrige dazu bei, die beteiligten Kräfte und Motive, die hinter dem lateinischen Text und seinen Übersetzungen ins Deutsche und Tschechische stehen, näher zu fassen. Der Widerruf und seine kundige Besprechung bieten insofern ein Lehrstück für die noch längst nicht erschöpfend diskutierte Frage, wie ‘Revolutionen--und speziell jene böhmische--gemacht werden’. Man darf von daher das Bedauern Boks und Lösers über die veralteten bzw. unvollständigen kritischen Edition dieser sowie zweier weiterer, in unmittelbarem Zusammenhang gehörender Schriften sehr wohl als Ermunterung verstehen, sich des Themas noch mal gründlicher anzunehmen.
Alfred Thomas wendet sich in "'Die Wyclifsche.' Frauen in der Hussitenbewegung" (S. 249-267) unter Einbezug der genannten Satire gegen die traditionelle, von Palacký bis Cisa?ová-Kolá?ová vertretene Ansicht, wonach der Hussitismus einen Zufluchtsort unabhängig denkender Frauen dargestellt habe (S. 253). Wenngleich seine prosaische Übersetzung der Satire, seine Erläuterungen zum sozialen und literarischen Ressentiment gegenüber aktiven Frauen in der mittelalterlichen ecclesia und viele Gedankengänge als verdienstvoll und stimmig zu loben sind, zeigt sich die Darlegung nicht frei von methodischen und terminologischen Schwächen. Dies betrifft weniger die weitläufigen Zitate (Dyan Elliott u.a.) und die recht selektive Wahrnehmung der jüngeren Literatur zur Textsorte.[3] Die Kritik richtet sich vielmehr auf die problematische Übertragung jüngerer Nomenklaturen oder aktueller, meist den gender studies entnommener Diskurse auf die mittelalterlichen Verhältnisse, etwa wenn die sich gegen Beginen wendenden Traktate als "anti-feministische Literatur" (S. 257) bezeichnet werden. Solcherart kann nur in einer ironischen Persiflage gipfeln, was über das komplexe Gefüge von "Frau--Kirche--Häresie" auch im hussitischen Böhmen zu sagen wäre. Überraschenderweise bleibt aber gerade in diesem Zusammenhang jedwede Erörterung der "realen" Stellung der hussitischen Frauen außen vor--abgesehen von dem Hinweis, in Prag hätten im Jahr 1415 mindestens 18 Beginenhäuser bestanden (S. 264). Sonach findet der Leser, der Thomas’ Deutungen der literarisierten Polemik als klerikale, misogyne Ängste in ihren Grundzügen durchaus zu folgen gewillt ist, den im Titel erhobenen Anspruch nur bedingt eingelöst.
Wenn man so will, treibt es Knapp mit seiner äußerst knapp geratenen Besprechung einiger "Liebeslieder im Universitätsmilieu" (S. 268-271) auf die Spitze der hier versammelten Forschungsperspektiven. Immerhin belegen die zitierten, einem Salzburger Mönch zugeschriebenen und in fünf Handschriften überlieferten Minnelieder deutscher Sprache, dann die Kontrafaktur einer französischen Chace sowie zwei weitere Lieder, daß nicht nur nüchterne Gelehrigkeit und akademische Sachlichkeit, sondern--und das macht diese Textgruppe für die Forschung so wertvoll--zugleich Sinnlichkeit und Erotik ihren Platz in der Welt zumindest einiger der Heidelberger, Wiener und Prager Scholaren hatten.
Eine Liste der abgekürzt zitierten Literatur und ein Personenregister runden den bemerkenswert niveauvollen, gut erschließbaren und zudem leider auch preislich gediegenen Band ab.
Notes
[1]. Zum Themenkreis etwa die Beiträge in: Kurt Mühlberger und Karl Kadletz, Hg., Die Universität Wien im Mittelalter: Beiträge und Forschungen von Paul Uiblein (Wien: Wiener Universitätsverlag, 1999); ferner: Jan Papiór, "Kulturkommunikation im Universitätsdreieck Kraków-Prag-Wien," in Kulturraum Schlesien. Ein europäisches Phänomen, hg. von Walter Engel und Norbert Honsza (Wroc?aw: Oficyna Wyd. ATUT, 2001), S. 201-220; jüngst: Karl Uhl, "Anspruch und Wirklichkeit: Die Anfänge der Universität Wien," in Mitteilungen des Österreichischen Instituts für Geschichtsforschung 113 (2005): S. 63-89.
[2]. Siehe im selben Band, Anm. 5, S. 21. Die Studie "Predigt im Kontext" ist bis dato allerdings noch nicht erschienen, obwohl das entsprechende Symposium bereits 1996 stattfand.
[3]. Es fehlen: Pavlína Rychterová, "Viklefice a její p?edch?dkyn? [Die "Viklefice" und ihre Vorgängerinnen]," in ?lov?k ?eského st?edov?ku (Der Mensch des tschechischen Mittelalters) hg. von František Šmahel und Martin Nodl, (Praha: FILOSOFIA, 2002), S. 109-132; Rychterová, "Frauen und Krieg in Chroniken über die Hussitenkriege," in: Geist, Gesellschaft, Kirche im 13.-16. Jahrhundert, hg. von František Šmahel (Prag: Centre for medieval studies, 1999), S. 127-144; Jana Nechutová, "Frauen um Hus. Zu den frauenfeindlichen Satiren der Hussitenzeit," in Jan Hus. Zwischen Zeiten, Völkern, Konfessionen hg. von Ferdinand Seibt (München: Oldenbourg, 1997), S. 73-79.
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Citation:
Frederik Felskau. Review of Knapp, Fritz Peter; Miethke, JÖ¼rgen; Niesner, Manuela, eds., Schriften im Umkreis mitteleuropÖ¤ischer UniversitÖ¤ten um 1400: Lateinische und volkssprachliche Texte aus Prag, Wien und Heidelberg: Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Wechselbeziehungen.
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September, 2006.
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