Margit Feischmidt. EthnizitÖ¤t als Konstruktion und Erfahrung: Symbolstreit und Alltagskultur im siebenbÖ¼rgischen Cluj. nster: LIT Verlag, 2003. 325 pp. EUR 30.90 (cloth), ISBN 978-3-8258-6627-3.
Reviewed by Daniel Ursprung (Abteilung für Osteuropäische Geschichte, Universität Zürich)
Published on HABSBURG (October, 2004)
Anthropologische Ethnizitaetsforschung im ostmitteleuropischen Kontext
Fragen der Ethnizität und des Nationalismus sind für den ostmittel- und südosteuropäischen Raum seit den späten achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt ins Interesse der Sozial- und Geisteswissenschaften gerückt. Mochte es nach dem Zweiten Weltkrieg scheinen, als hätten ethnisch bzw. national konnotierte Konflikte ihre Virulenz verloren, belehrten die im Zusammenhang mit dem Ende des Kalten Krieges an verschiedenen Orten des östlichen Europa ausbrechenden Unruhen und Konflikte im Namen ethnischer bzw. nationaler Gemeinschaften zumindest auf den ersten Blick eines Besseren. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse fand in den letzten Jahren eine intensive Forschungstätigkeit statt, welche sich grundlegender Fragen kollektiver Identitäten in diesem Raum widmete.[1]
Siebenbürgen war wegen der gewalttätigen Auseinandersetzungen von Mitte März 1990 in der Stadt Targu Mures (ung. Marosvasarhely) zusammen mit dem Kosovo eine der ersten Regionen, die als potentielle Konfliktherde in diesem Raum identifiziert wurden. Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich die Lage in Siebenbürgen insgesamt deutlich entspannt, wenn auch das Verhältnis zwischen rumänischer Mehr- und ungarischer Minderheit noch längst nicht spannungsfrei ist. Die von Außen betrachtet wenig spektakuläre Entwicklung bietet nichtsdestotrotz ein reiches Forschungsfeld.
Wenn man nationale Identitäten nicht im Grobraster darauf reduziert, eine Reaktion auf die Bedürfnisse der modernen Massengesellschaft darzustellen, sondern sie als komplexe kulturelle Phänomene versteht, eröffnen sich für die Forschung vor allem aus der Sicht von unten fruchtbare Perspektiven. Anthropologisch orientierte Arbeiten studieren kollektive Identitäten auf der Ebene des Individuums, womit nicht nur die vielschichtigen und dynamischen Prozesse sichtbar werden, die in ihrer Wechselwirkung erst ein Phänomen Nation möglich machen. Vielmehr erschließen sich so auch gegenläufige Tendenzen innerhalb einer Nation, können hybride Zustände, die jeder eindeutigen Zuordnung entgegenstehen und die Situativität bestimmter Verhaltensmuster erkannt werden. Nationen bilden in dieser Perspektive keine absoluten Größen mehr, sondern sind letztlich gedankliche Abstraktionen, die ihren Sinn erst aus einer großen Anzahl von individuellen Kontaktsituationen und in Abhängigkeit vom konkreten Kontext und den beteiligten Individuen erhalten und ständig aktualisiert werden müssen. Das so entstehende facettenreiche Bild liefert vertiefte Einsichten in die Mechanismen der Wechselwirkungen zwischen verschieden konstituierten Gruppen und trägt damit zum Verständnis interethnischer Konfliktsituationen bei.
Mit einiger Phasenverschiebung hat sich der Paradigmenwechsel von einem in erster Linie strukturellen sozial-ökonomischen hin zu einem mehr anthropologisch-kulturellen Verständnis des Nationsbegriffes auch in der wissenschaftlichen Diskussion im östlichen Europa selbst niedergeschlagen.[2] Mit vorliegender Arbeit, die 2002 als Dissertation an der Berliner Humboldt-Universität approbiert wurde, thematisiert die aus dem siebenbürgischen Cluj (ung. Kolosvar, deutsch Klausenburg) stammende Autorin die alltägliche Dimension von Ethnizität bzw. Nationalität in ihrer Heimatstadt. In einer dichten und kenntnisreichen Einleitung ordnet sie ihre Fallstudie in die theoretische Diskussion insbesondere der anthropologischen bzw. ethnologischen Ethnizitäts- und Nationalismusforschung ein. Diese Einleitung ist auch unabhängig vom übrigen Text als eigenständiger kurzer Überblick über neuere Ansätze dieser Forschungsrichtungen durchaus lesenswert.
Da sich die beiden Kategorien Nation und Ethnizität stark überlappen ist eine Trennung beider sehr schwierig. Oft werden sie auch in der Literatur nicht eindeutig auseinandergehalten und stehen nicht selten fast austauschbar nebeneinander. Dieser Schwierigkeit begegnet die Autorin, indem sie die Nation vor allem als Phänomen politischer Natur begreift, während Ethnizität für sie vor allem durch die alltägliche Praxis, die subjektive Sinnstiftung, die symbolische Repräsentation der Identität, bestimmt ist. Damit sind methodisch auch die beiden analytischen Ebenen festgelegt, auf denen sich die Arbeit der Problematik nähert. Prozesse auf der Makroebene, der politischen Repräsentation von Nation, werden mit solchen auf der Mikroebene, der alltäglichen Repräsentation von Ethnizität, verglichen und zu einer Synthese zusammenführt. Nur durch die gleichzeitige Betrachtung von Identitätsrepräsentation auf institutioneller Ebene (Medien, Politik etc.) wie auch auf individueller Ebene in der alltäglichen Praxis kann demnach das Phänomen adäquat erfasst werden.
Dieser theoretisch begründete Standpunkt zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Arbeit, die größtenteils auf Feldforschungen in Form von Interviews in den Jahren 1996 und 1997 und der Analyse des öffentlichen Diskurses basiert. Die Autorin stellt dabei fest, dass die mobilisierende Wirkung von nationalen Symbolen und Riten keineswegs gleichmäßig verteilt ist, sondern je nach Kontext variiert. Entscheidend für das Verständnis des konfliktbelasteten Verhältnisses zwischen der rumänischen Mehrheit und der ungarischen Minderheit Clujs sind daher die alltäglichen Formen der gegenseitigen Beziehungen und Interpretationsmuster, die erst durch ihre Rückwirkungen auf den öffentlichen Diskurs den politischen Rahmen der Konflikte unter nationalen Vorzeichen bestimmen.
Auf der Ebene der öffentlichen Repräsentation wird in einem ersten Schritt und zugleich einer historischen Rückblende die Entwicklung von symbolischen Konflikten um die Stadt als öffentlicher Raum seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts analysiert: der Streit um Denkmäler, die Gestaltung des Stadtbildes und die Erinnerungskultur. Gerade bezüglich letzterer konstatiert Feischmidt, dass der Konflikt in Cluj sich weitgehend auf den Kampf um die symbolische Repräsentation auf der Ebene von erfundenen Traditionen konzentriert, während Erinnerungen an reale gewalttätige Konflikte aus der Vergangenheit kaum präsent sind. Hier sieht sie einen grundlegenden Unterschied zu den multiethnischen Regionen des ehemaligen Jugoslawien, wo Erinnerungen an Gewalttätigkeiten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges noch sehr präsent sind. Hierin mag ein Grund dafür liegen, dass die Konflikte zwischen Ungarn und Rumänen zwar zu einer Polarisierung der beiden Gruppen beitragen, jedoch kaum in offene Gewalt umschlagen.
Durch die Analyse auf institutioneller Ebene (Bildungswesen, Markt, ethnische Organisationen wie Kirchen oder Medien) wird sodann festgestellt, dass das Verhältnis zwischen Rumänen und Ungarn weder als klare Segregation noch als eindeutige Integration gedeutet werden kann. Dem Fehlen von getrennten Wohnquartieren für die beiden Gruppen und der Unmöglichkeit, Zuordnungen aufgrund äußerer Merkmale zu treffen stehen die Tatsachen gegenüber, dass sich ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens innerhalb der eigenen Gruppe vollzieht. Diese institutionelle Isolierung findet nicht nur in Schulen, Glaubensgemeinschaften und den sprachlich getrennten Medien statt, sondern auch in gewissen Firmen, die in ethnisch klar strukturierten Netzwerken operieren. Daraus bzw. aus dem Fehlen von Institutionen, die beide Gruppen gleichmäßig erfassen, resultiert eine Art Parallelgesellschaft, die jedoch im Stadtbild kaum fassbar ist. Der öffentliche Raum bildet daher in den meisten Fällen eine Art neutralen Kontext, der nur durch gewisse, meist gezielte, Handlungen ethnisch konnotiert wird.
Die parallele Institutionenbildung von Mehrheit und Minderheit verleiht letzterer einen gewissen Status und ein Prestige, die konflikthemmend wirken. Zugleich zementiert dies jedoch die Separation, die vor allem bei der Elite stark ausgeprägt ist. Die unteren gesellschaftlichen Schichten der Minderheit dagegen sind eher bereit, zum Ziele des sozialen Aufstiegs eine Annäherung an die Mehrheit in Kauf zu nehmen. Daher sind bei diesen Bevölkerungsgruppen hybride Phänomene und die Gleichgültigkeit ethnischen Fragen gegenüber weit verbreiteter als bei den Eliten.
Die Untersuchung der Diskurse bezüglich Gemeinsamkeiten und Differenzen bringt an den Tag, dass diese im Wesentlichen bei beiden Gruppen auf gleichen Grundlagen ruhen und gleichen Mustern folgen. Stereotype, die sowohl Rumänen wie auch Ungarn geläufig sind, werden jedoch oft anders ethnisch aufgeladen. Stereotype Vorstellungen auf rumänischer Seite über regionale Unterschiede und die ländliche Bevölkerung haben ihre Parallele in der Vorstellungswelt der Ungarn. Dort jedoch wird der geographische bzw. soziale Kontext ethnisiert: die negativen Eigenschaften der Dorfbevölkerung oder von Zugewanderten aus den südlichen und östlichen Landesteilen werden hier als spezifisch rumänische Eigenschaften wahrgenommen. Feischmidt stellt jedoch auch fest, dass Ethnizität im Alltag in vielen Fällen kaum präsent ist, dass eine bedeutende ethnisch neutrale Sphäre die täglichen Kontakte und die Kommunikation bestimmt. Die Konflikte auf nationaler Ebene finden hier nur bedingt Widerhall.
Abschließend nähert sich die Untersuchung verschiedenen Mikrowelten des Alltags an und identifiziert dabei hybride Formen des interethnischen Kontaktes. Derartige zweifache Identitäten sind oft die Vorstufe zu einer Assimilation zur einen oder anderen ethnischen Gruppe. Interessanterweise ist das Thema der ethnischen Differenz unter Frauen weit weniger relevant als im Diskurs unter Männern.
In der englischsprachigen Zusammenfassung des Buches reflektiert die Autorin über eine Reihe von konkreten Maßnahmen im Sinne einer Politikempfehlung. Um die fehlende Kommunikation zwischen beiden Gruppen und die quasi-Segregation aufzubrechen, empfiehlt sie etwa eine Stärkung von integrativen multikulturellen Institutionen, etwa ethnisch gemischte Schulen.
Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Erforschung von Fragen der Ethnizität und Nationalität im östlichen Europa. Nicht nur liefert die Autorin eine detaillierte Fallstudie einer siebenbürgischen Stadt, sondern ordnet diese in übergeordnete Fragestellungen ein. Der stets präsente theoretische Rahmen der anthropologisch ausgerichteten Forschung und der Bezug auf Fallstudien aus anderen Weltgegenden machen die Arbeit und ihre Resultate auch für die vergleichende Forschung interessant.
Die breite theoretische Einbettung ist denn sicher eine der Stärken des Buches. Auf der anderen Seite mag man sich in Bezug auf das konkrete Fallbeispiel manchmal etwas mehr Tiefe wünschen. Methodologische Schwierigkeiten und potentielle Unzulänglichkeiten (Distanzierung von der eigenen Herkunft; Auswahl und Repräsentativität der Interviewpartner; asymmetrischer Zugang zur ungarischen und rumänischen Sichtweise etc.) legt Feischmidt zwar selbstkritisch und theoretisch fundiert offen. Doch werden Rumänen und Ungarn einander oft als dichotom entgegengesetzte Gruppen präsentiert und in diesem Raster analysiert. Mag dies auf der Ebene der nationalen Repräsentation durchaus berechtigt sein, ist doch fragwürdig, ob auf der Ebene der ethnischen Repräsentation, der alltäglichen Sinnstiftung, nicht feiner untergliederte Gruppen dem Phänomen angemessener gewesen wären.
So erfährt man etwa recht wenig über konkurrenzierende Tendenzen innerhalb der jeweiligen Sprachgruppen. Divergierende Interpretationen von Identitätsangeboten nationalisierender Staaten durch regional, konfessionell oder kulturell konstituierte Gruppen sind in der jüngeren Forschung als wichtige Katalysatoren der nationalen Debatte identifiziert worden.[3] Gerade im traditionell multikonfessionellen Cluj aber sind sprachliche und konfessionelle Grenzen keineswegs identisch. Die ungarischsprachige Bevölkerung verteilt sich auf Calvinisten, Unitarier und Katholiken, von kleineren Gruppen wie der evangelisch-lutherischen Glaubensgemeinschaft (synodal-presbyteriale Kirche) nicht zu sprechen. Dies legt eine, wenn auch weniger klar ausgeprägte, institutionelle Segregation selbst innerhalb der ungarischen Sprachgemeinschaft nahe. Es müsste also der Frage nachgegangen werden, ob die Existenz der beschriebenen Parallelgesellschaften innerhalb der ungarischen oder rumänischen Gemeinschaft eine Entsprechung findet.
Weiter wäre es äußerst aufschlussreich zu untersuchen, inwiefern konfessionelle, aber auch soziale und regionale (Alteingesessene vs. Zugezogene) Unterschiede zwischen Mitgliedern der gleichen Sprachgemeinschaft sich auf die Repräsentation von Ethnizität auswirken. Es ist davon auszugehen, dass die Diskurse der einzelnen Gruppen signifikant voneinander abweichen. Wenn aus diesem Spannungsverhältnis heraus dennoch eine gemeinsame Deutung von nationalen Symbolen innerhalb der Sprachgemeinschaft möglich wird, stellt sich natürlich die Frage warum dies nicht auch zwischen Ungarn und Rumänen möglich ist. Die Berücksichtigung dieser Frage hätte zu einem noch besseren Verständnis der Konfliktsituation zwischen Rumänen und Ungarn beitragen können.
Insgesamt ist der Autorin ein sehr ansprechendes Werk gelungen, das neben detaillierten Einblicken in das Fallbeispiel Cluj auch Impulse für vergleichende Forschungen weit über Siebenbürgen hinaus gibt. Indem sie das Phänomen von kollektiven Identitäten auf verschiedenen Ebenen analysiert, wird die komplexe interethnische Konstellation der Stadt augenfällig. Ohne den spezifisch lokalen Kontext zu vernachlässigen gelingt es der Arbeit dank der starken theoretischen Verankerung auch, Erklärungsansätze für übergeordnete Fragestellungen zu nationalen Konflikten im östlichen Europa gerade anhand eines Fallbeispiels ohne virulent gewalttätige Konfliktsituation zu liefern.
Anmerkungen
[1]. Siehe etwa: George W. White, Nationalism and Territory. Constructing Group Identity in Southeastern Europe. Geographical Perspectives on the Human Past (Lanham, Oxford: Rowman & Littlefield, 2000); Rogers Brubaker, Nationalism Reframed. Nationhood and the National Question in the New Europe (Cambridge: Cambridge University Press, 1996); Peter F. Sugar, ed., Eastern European Nationalism in the Twentieth Century (Washington, DC: American University Press, 1995); Irina Livezeanu, Cultural Politics in Greater Romania. Regionalism, Nation Building and Ethnic Struggle, 1918-1930 (Ithaca: Cornell University Press, 1995).
[2]. Von rumänischer Seite etwa: Sorin Mitu, Geneza identitatii nationale la romanii ardeleni (Bucuresti: Humanitas, 1997); deutsch: Die ethnische Identität der Siebenbürger Rumänen. Eine Entstehungsgeschichte. Studia Transylvanica 29 (Köln and Weimar: Böhlau, 2003); siehe die HABSBURG-Rezension http://www.h-net.org/reviews/showrev.cgi?path=43221079886494.
[3]. Siehe zusammenfassend: Oliver Zimmer, Nationalism in Europe 1890-1940. Studies in European History (Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2003), S. 45-49.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: https://networks.h-net.org/habsburg.
Citation:
Daniel Ursprung. Review of Feischmidt, Margit, EthnizitÖ¤t als Konstruktion und Erfahrung: Symbolstreit und Alltagskultur im siebenbÖ¼rgischen Cluj.
HABSBURG, H-Net Reviews.
October, 2004.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=9906
Copyright © 2004 by H-Net, all rights reserved. H-Net permits the redistribution and reprinting of this work for nonprofit, educational purposes, with full and accurate attribution to the author, web location, date of publication, originating list, and H-Net: Humanities & Social Sciences Online. For any other proposed use, contact the Reviews editorial staff at hbooks@mail.h-net.org.



