Michael Kraus, Mark MÖ¼nzel, Hrsg. Museum und UniversitÖ¤t in der Ethnologie. Marburg: Curupira Verlag, 2003. 249 S. EUR 12.50 (broschiert), ISBN 978-3-8185-0379-6.
Reviewed by Bettina Keß (Veitshöchheim)
Published on H-Museum (April, 2004)
Seit Mitte der 1990er besinnt sich die Ethnologie in Deutschland verstärkt auf ein etwas aus den Augen geratenes Gebiet: ihre Objekte. Auf mehreren Tagungen und Arbeitstreffen fragte sich die Disziplin wieder nach der Bedeutung und Geschichte der materiellen Kultur. Die Beschäftigung mit den "Dingen", die in öffentlichen Museen, Privatsammlungen oder auch in universitären Studiensammlungen verwahrt und präsentiert werden, lenkte den Blick auch auf das Verhältnis von Museum und Universität innerhalb der Ethnologie. Obwohl das eine ohne das andere nicht denkbar ist--das Fach kam quasi durch seine Museen und Sammlungen erst an die Hochschulen--ist der Antagonismus von Universität und Museum in der Ethnologie stark ausgeprägt. Drei Tagungen und Arbeitstreffen beschäftigten sich mit diesem Spannungsfeld in den Jahren 1999 bis 2002. Die Beiträge der letzten Tagung, die 2002 an der Philipps-Universität in Marburg stattfand, sind nun in dem von Michael Kraus und Mark Münzel herausgegebenen Band "Museum und Universität in der Ethnologie" nachzulesen.
Dass besonders in Marburg Museum und Universität im Falle der Ethnologie geschichtlich und institutionell nicht zu trennen sind, zeigt Mark Münzel, Professor am dortigen Institut für vergleichende Kulturforschung-Ethnologie, in seinem einführenden Beitrag: Marburgs Museen sind Universitätsmuseen, also Lehr- und Studiensammlungen in und mit denen akademische Lehre stattfand und -findet. Anders als in vielen Städten Deutschlands ist die Verbindung im Falle der Ethnologie und ihrer Studiensammlung dort nie abgerissen. Michael Kraus, ebenfalls Professor für Ethnologie in Marburg, zeigt in einem Rückblick auf das Wilhelminische Deutschland, dass das Ringen der "zwei Seelen" die Disziplin Ethnologie/Völkerkunde seit seinen Anfängen begleitet hat. In seiner Einleitung richtet er den Blick dagegen mehr auf Gemeinsames und führt Beispiele an, "wie die Trennung von Universität und Museum immer wieder in fruchtbaren Synthesen aufgehoben wird" (S. 8): z.B. durch Lehraufträge von Museumsleuten an Universitäten, gemeinsame Ausstellungsprojekte oder im Bereich der Forschung, durch das Verbinden von Erkenntnissen der materiellen "musealen" Ethnologie mit den "universitären" Gesellschaftsanalysen und -theorien. Die Marburger Tagung hatte zum Ziel, so Kraus, "ein Forum zu schaffen, um den notwendigen Dialog zwischen den Ethnologen an Museen und Universitäten über eine wechselseitige Positionierung und die Analyse der das wissenschaftliche Arbeiten bestimmenden institutionellen Eigenheiten zu vertiefen" (S. 11).
Viele Beiträge wählen den persönlichen Ansatz und werden zu Rückschauen auf die eigene Tätigkeit im und die persönliche Sicht auf den Kosmos "Völkerkundemuseum". So versucht Volker Harms (Universität Tübingen) eine Periodisierung und Charakterisierung der von ihm als "teilnehmender Beobachter" miterlebten letzten Museumsdekaden. Die 1970er Jahre sieht er im Zeichen der Solidarität mit der "Dritten Welt" und Minderheiten. Die 1980er Jahre wertet er als Zeit der Krise in der er die parteilichen und engagierten programmatischen Ziele des vorherigen Jahrzehntes gescheitert sieht. Auch die großen kulturvergleichenden Ausstellungen der Dekade konnten den schleichenden Rückgang der Besuchszahlen in deutschen ethnologischen Museen nicht verhindern. Die 1990er Jahre sind für Harms in erster Linie durch bewußte Kooperation mit den Herkunftsländern der Museumsexponate und der Umbenennungen gekennzeichnet. Die derzeitige finanzielle Krise sieht er auch als Chance, neue Angebote zu entwickeln. Das "Völkerkundemuseum"--das in den wenigsten Fällen noch diesen Namen trägt--entwickelt sich zum sozio-kulturellen Zentrum, das auch Kommerzielles nicht mehr ausschliessen kann. Harms äußert aber auch sein Unbehagen über die Rolle, die ethnologische Museen in der heutigen Erlebnisgesellschaft einnehmen, wenn sie etwa vorwiegend kommerziellen "Märkten" Platz bieten oder sich--wie im Rahmenprogramm einer Hexenausstellung geschehenen--der Esoterik-Szene öffnen, um sich ein Stück vom ökonomischen Kuchen zu sichern.
Till Förster, Professor an der Universität Basel, bietet ebenfalls eine persönliche Reflexion seiner beruflichen Tätigkeiten sowohl als Ausstellungsmacher als auch in universitären Einrichtungen. Die Differenzen zwischen Museumsethnologie und universitärer Ethnologie liegen für ihn u.a. in den unterschiedlichen Anforderungen bei der Vermittlung ihrer Erkenntnisse begründet. "Die Gräben, die von der einen oder anderen Seite gesehen und beklagt werden, sind jedoch nicht so tief, wie sie scheinen mögen", und seien durch "eine gemeinsame Praxis in der Kommunikation wie in der Arbeit" zu überbrücken (S. 38). Unter dem Titel "Inszenierte Glaubwürdigkeiten" gelingt es Förster am Beispiel zweier von ihm konzipierter Ausstellungen ("Paroles de devin" Paris 1988 und "Tuma be!" Berlin 1992 und Bayreuth 1997) die Pole zu verdeutlichen, zwischen denen sich Ausstellungsmacher bewegen, etwa die Schwierigkeit, anschauliche Inszenierungen mit dem eigenen Anspruch der Authentizität zu verbinden oder den unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen und Erwartungshaltung von "Fachpublikum" und "Laienpublikum" zu entsprechen. Dieser Problematik widmet sich auch Eva Ch. Raabe, Ozeanienkustodin am Frankfurter Museum der Weltkulturen, indem sie das Zusammenspiel von Text und Abbildungen, also von Lesen und Sehen, im Museum analysiert und dabei die unterschiedlichen Rollen von Wissenschaftlerin/Produzent und Besucherin/Konsument herausarbeitet. Auch der Leiter der religionshistorischen Sammlung der Universität Marburg Peter J. Bräunlein streift dieses Problemfeld. Die Rolle des Vermittlers des derzeit (gesellschafts-)politisch besonders relevanten Themenkomplexes "Religion" in einem Museum zu re-präsentieren, stellt vor spezielle Herausforderungen. Was passiert etwa, wenn der in der universitäreren Lehre und Forschung tätige Religionshistoriker vor wenigen Museumsexponaten "den Islam" oder "das Judentum" in schulgerechten 45 Minuten erklären soll?
Die Probleme der musealen Vermittlungsarbeit waren es auch, die Gundula Rentrop zu ihrer Untersuchung einer zu Beginn des 19. Jahrhunderts für das Bremische Städtische Museum zusammengetragenen Neuguinea-Sammlung (heute im Übersee-Museum) angeregt haben. Mit ihrer als Magisterarbeit vorgelegten Analyse hat sie quasi die ,ethnologische Büchse der Pandora' geöffnet: Inwiefern taugen in europäischen Museen verwahrte Objekte überhaupt als Sachzeugen für andere Kulturen? Welchen Grad an Authentizität für "das Leben in Neuguinea" können Gegenstände beanspruchen, die zum Teil nachweislich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts marktgerecht für den Verkauf an europäische Sammler produziert wurden? Wie müsste eine wirksame Quellenkritik der Museumsobjekte aussehen?
Auch Sol Montoya Bonilla, Professorin am Departamento de Antropología der Universidad de Antioquia in Medellín (Kolumbien) stellt die Frage nach der Authentizität von Museumspräsentationen: "Ist die Ethnographie einer Wirklichkeit treu? Spiegelt die Museumsausstellung eine Wirklichkeit wider?" (S. 77) Sie sieht Museumsausstellungen wie auch wissenschaftliche Texte als Übersetzung- und Interpretationsleistungen von Individuen, die in der Regel nur eine Sichtweise auf das Ausgestellte oder Analysierte präsentieren. Montoya Bonilla plädiert für eine "kulturelle Mehrstimmigkeit", die die Zähmung des Forschungs- oder Ausstellungsobjekts durch die "wilde Darstellung des Anderen, seiner Rituale oder seiner Artefakte und seiner Kulturen" aufhebt (S. 86).
Die in allen Beiträgen deutlich werdende Komplexität der im Museum von einer Ethnologin/ einem Ethnologen geforderten Fähigkeiten stellte Bernd Schmelz (Museum für Völkerkunde in Hamburg) für die Marburger Tagung in einem idealen "Leistungskatalog" zusammen . Der skizzierte "Museumssupermensch" vereint Sachkenntnis, mit Managementqualitäten und Kommunikationstalent, ist ebenso führungsstark wie teamfähig. Die Anforderungen sind so hoch, dass ihnen vermutlich niemand entsprechen und keine Universität alleine für dieses Leistungsprofil optimal ausbilden kann. Schmelz plädiert deshalb für eine stärker als bisher team- und projektorientierte Ausbildung angehender (Museums-)ethnologinnen und -ethnologen durch die Universitäten und betont die große Bedeutung des "learnig by doing" in einem Museumsvolontariat.
Mehrere Beiträge behandeln aktuelle und grundsätzliche Fragestellungen, die die ethnologische Museumswelt in Deutschland derzeitig beschäftigen: Sie zeigen Neuorientierungen, stellen Neukonzeptionen und aktuelle Museumsentwürfe vor. Anette Rein entwirft in einer Mischung aus Status quo-Beschreibung und Zukunftsvision ein ambitioniertes Leitbild für das Frankfurter Museum für Weltkulturen, das sie seit 2000 leitet: Ein für alle gesellschaftlichen Gruppen offenes Haus, das wissenschaftlichen und dokumentarischen besonders aber gesellschaftlich-bildungspolitischen Aufgaben gerecht wird, ein Museum als offene Lern- und Begegnungsstätte. Den Weg zum komplexen Kulturzentrum möchte auch das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum beschreiten, das im Zusammenhang mit einem geplanten Neubau ein "innovatives Ausstellungs- und Betriebskonzept" erarbeitet hat. Jutta Beate Engelhard präsentiert das für die Druckversion ihres Tagungsbeitrages auf den Stand Juni 2003 gebrachte Maximalkonzept. Das qualitativ wie quantitativ ambitionierte Ausstellungs- , Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm hat jedoch angesichts der auch in Köln prekären Finanzlage allenfalls in Teilen Aussicht auf Verwirklichung hat. Das Grassi-Museum in Leipzig stellt sich ebenfalls aufgrund räumlicher Veränderungen konzeptionellen Neuüberlegungen. Nach der Grundsanierung des Stammhauses soll bis 2006 die neue Dauerpräsentation des Völkerkundemuseums der Öffentlichkeit zugänglich sein. Direktor Claus Deimel bietet mit seinen "Fantasien zur Wiedereinrichtung des Museums für Völkerkunde in Leipzig" auch grundsätzliche Überlegungen zu den Aufgaben heutiger ethnologischer Museen. Dabei fordert er u.a. mehr Bereitschaft zu kontroverser und konstruktiver Auseinandersetzung mit den Leistungen des eigenen Hauses und der anderer Einrichtungen. Auch Dieter Kramer (Museum der Weltkulturen, Frankfurt a.M.) fragt sich nach der heutigen Relevanz von ethnologischen Sammlungen für Prozesse der Identitätsfindung und Kommunikation in der globalisierten Welt. Er stellt sich diesen komplexen Überlegungen im Zusammenhang mit der Idee eines Humboldt-Forums im Zentrum der bundesrepublikanischen Hauptstadt. Die Pläne, die Berliner völkerkundlichen Sammlungen und Museen weg vom randständigen Dahlem in einem großen Kulturzentrum ("Hühnersuppe mit allem, wie es einst beim Wienerwald hieß") auf den Berliner Schloßplatz zusammenzulegen, hat im Auf und Ab der Debatte um das Berliner Schloss mal mehr mal weniger Konjunktur.
Nur mit wenigen Texten verläßt der Tagungsband explizit den Blick auf die "eigene" Museumslandschaft. Bettina E. Schmidt berichtet unter dem Titel "Political Correctness vs. Wissenschaftlichkeit?" über "den gewandelten Umgang mit indianischen Kulturen im National Museum of the American Indian in New York". Georgia A. Rakelmann und Stella Rundle bieten einen Einblick in das Museumssystem im südlichen Afrika. Während Rakelmann (Universität Gießen) die Formen der Museen und ihr Selbstverständnis im Postkolonialen Zeitalter erläutert, zeigt Stella Rundle, Direktorin des Supa-Ngwao Museum Centre in Francistown/Nordost-Botswana, dass ihr Regionalmuseum viel direkter den Anforderungen eines multifunktionalen Kulturzentrums entsprechen muss, um auch die klassischen--von europäischen Vorstellungen-- geprägten Museumsziele (Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln) realisieren zu können: "We have never envisaged it to be limited to a museum but rather a cultural centre, which will eventually encompass a traditional village, an amphitheatre and a permanent exhibition" (S. 186).
Trotz des Buchtitels "Museum und Universität in der Ethnologie" konzentrieren sich die Beiträge auf die Institution des Museums, auf ihre vielfältigen Problem-, aber auch auf die anregenden Spannungsfelder, in dem sich Museumsethnologen und Universitätsethnologen begegnen. Wie häufig diese Begegnung in der eigenen Person stattfindet, zeigt ein Blick in die Kurzbiographien der Autorinnen und Autoren: Alle kennen Universität und Museum aus eigener Anschauung und die meisten wechselten in ihrer beruflichen Laufbahn mindestens einmal zwischen den beiden Arbeitsfeldern. Die Probleme zwischen den Systemen "Museum" und "Universität" scheinen wie so häufig "nur" eine Frage des eigenen Umdenkens zu sein.
Copyright (c) 2004 by H-Net, all rights reserved. H-Net permits the redistribution and reprinting of this work for nonprofit, educational purposes, with full and accurate attribution to the author, web location, date of publication, originating list, and H-Net: Humanities & Social Sciences Online. For other uses contact the Reviews editorial staff: hbooks@mail.h-net.msu.edu.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://www.h-museum.net.
Citation:
Bettina Keß. Review of Kraus, Michael; MÖ¼nzel, Mark; Hrsg., Museum und UniversitÖ¤t in der Ethnologie.
H-Museum, H-Net Reviews.
April, 2004.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=9149
Copyright © 2004 by H-Net, all rights reserved. H-Net permits the redistribution and reprinting of this work for nonprofit, educational purposes, with full and accurate attribution to the author, web location, date of publication, originating list, and H-Net: Humanities & Social Sciences Online. For any other proposed use, contact the Reviews editorial staff at hbooks@mail.h-net.org.

