Thomas Scharff. Die Kämpfe der Herrscher und Heiligen: Krieg und historische Erinnerung in der Karolingerzeit. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2002. 334 S. EUR 44.00 (gebunden), ISBN 978-3-534-15990-1.
Thomas Scharff. Die KÖ¤mpfe der Herrscher und der Heiligen. Krieg und historische Erinnerung in der Karolingerzeit. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2002. ix + 334 pp.
Reviewed by Joachim Schmiedl (Theologische Hochschule Vallendar)
Published on H-German (March, 2004)
Seit mehreren Jahren arbeitet an der Universität Münster/Westfalen ein Sonderforschungsbereich "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution." Formen der Kommunikation und Vermittlung von Werten sollen vor allem auf ihren Symbolgehalt, weniger auf ihre historische Faktizität untersucht werden. Die dahinter stehende These lautet: "Akte symbolischer Kommunikation werden nach unserem jetzigen Verständnis weniger aus festen, unveränderbaren Handlungsketten gebildet, sondern sind dadurch charakterisiert, dass einschlägige 'Bausteine' für unterschiedlichste Problemlagen zur Verfügung standen und je nach Anlass mehr oder weniger originell und virtuos zusammengefügt wurden." Diesem Arbeitsprogramm verdankt die vorliegende Studie, eine Münsteraner Habilitationsschrift, vieles von ihrem theoretischen Hintergrund.
Scharff beschäftigt sich mit den Kriegen des 9. Jahrhunderts. Nach dem Abschied von einer reinen Militärgeschichte hat sich die Forschung den kulturellen Auswirkungen von Kriegen zugewandt. Für die Mediävistik waren die Friedensthematik und der Zusammenhang von Krieg und Gewalt sowie die Regeln der Kriegsführung fruchtbare Forschungsfelder. Scharff platziert seine Arbeit in den gegenwärtigen Diskurs der Erinnerungskultur. Er fragt, "wie der Krieg von den Schreibenden in ihren Kosmos eingeordnet, mit Sinn gefüllt, der historischen Erinnerung, dem kulturellen Gedächtnis eingefügt wird" (S. 5). Der Autor möchte keine Auskunft darüber vermitteln, wie zur Zeit der Karolinger Krieg geführt wurde. Sein Interesse besteht in der Art und Weise der Aufzeichnung und Verarbeitung der Kriegsereignisse.
In einem ersten Hauptteil untersucht Scharff die Quellengattungen des 9. Jahrhunderts. Fürstenspiegel, Hagiographie, Panegyrik und Historiographie werden herangezogen, um dem gattungsspezifischen Diskurs über den Krieg nachzugehen. Für die Fürstenspiegel ist dabei charakteristisch, dass das Vertrauen auf Gott vor der soldatischen Stärke steht. Unterstützung geschieht durch den Klerus als "geistlichen Krieger." Ziel ist die Bewahrung des inneren Friedens, die auch durch einen ethisch regulierten gerechten Krieg gegen äußere Feinde erreicht werden kann.
Die religiöse Dimension der Kriegsführung zeigt sich auch in den Heiligenviten. Nicht nur werden in ihnen sehr ausführlich die Normannenkämpfe geschildert, die oft Anlass zu Reliquientranslationen und damit im Zusammenhang stehenden Wundern waren. Der äußere Krieg spiegelt sich auch in einem geistlichen Kampf wider. Die spirituelle Waffenrüstung dient dabei umgekehrt als Typologie für ein Herrscherideal.
Eine breite Verwendung kann Scharff für Kriegsdichtung nachweisen. Viele wurden zeremoniell oder liturgisch verwendet, gehören folglich in den Kontext der Selbstinszenierung der Herrscher. Das gilt auch für die Darstellung militärischer Handlungen, so dass der Wahrheitsgehalt der teilweise sehr genauen Schilderungen nicht immer leicht auszumachen ist.
Die historiographische Darstellung steht im Dienst der Rechtfertigung der Kriege der Karolinger. Die Herrscher zeigen ihre Führungsqualitäten durch militärische Erfolge. Bleiben diese aus, wie es durch die Normanneneinfälle immer häufiger der Fall ist, werden entweder die Schuldigen gesucht oder die Zeiten der Einheit des Reiches beschworen.
Im zweiten Teil der Untersuchung wendet der Autor die an den Quellengattungen gewonnenen Erkenntnisse auf vier Darstellungskategorien an. Er behandelt das Verhältnis von Krieg und Zeit, von Krieg und Raum, von Krieg und Herrschaft und von Krieg und Erinnerung.
Nach biblischem Vorbild diente der Krieg auch im Mittelalter zur Strukturierung der Herrschaftszeit. Verging ein Jahr ohne kriegerische Aktionen, so musste das in den Annalen eigens gerechtfertigt werden. Größere Kriege dienten der Markierung von Abschnitten in der Regierungszeit von Herrschern, wie etwa die Sachsenkriege im Fall Karls des Großen. So erscheinen Schlachten "als wiederkehrende zu erinnernde Ereignisse oder als Etappen innerhalb eines zeitlichen Ablaufs" (S. 120). Der Krieg findet im Ablauf des Jahres zwischen Frühjahr und Herbst statt. Seine Schilderung zeigt den Herrscher als im Dienst seiner Aufgabe stehend, was analog auch für die Jagd gilt: "So wie Kriegführung für richtige Herrschaft steht, steht auch die Jagd dafür, daß alles seinen normalen Lauf geht, die Herrschaft unangefochten ausgeübt wird" (S. 128).
Auch das mittelalterliche Raumverständnis spiegelt sich in der Kriegsliteratur. Ein wichtiges Movens für Kriegführung ist die Erweiterung der Christianitas. Wenn dabei von zu überwindenden Widerständen berichtet wird, etwa der von einer Stadtmauer gesetzten Grenze, so ist die Überwindung eines solchen Hindernisses gleichbedeutend mit einer Erweiterung des Machtbereichs. Auch die Verwüstung und Zerstörung, die vastatio, nimmt in den Schilderungen einen symbolischen Platz ein: die eigene Macht wird unter Beweis gestellt. Zentrale Bedeutung erhält der Raum, wenn durch die Feinde die "Sakraltopographie" (S. 146) gestört ist.
Zur Durchsetzung von Herrschaft bedienen sich die mittelalterlichen Quellen mehrerer Darstellungsweisen. So wird dem Ergebnis einer Schlacht der Charakter eines Gottesurteils zugesprochen. Die Qualifizierung von Personen wird an Hand ihrer gehaltenen oder gebrochenen Eide vorgenommen. Krieg findet in rechtlichen Formen statt, entweder als gerechter Krieg oder als Krieg gegen Tyrannen und Rebellen. Die Hilfe von Heiligen ist kriegsentscheidend, so wie auch der Widersacher und sein Einfluss spürbar sind. In den karolingischen Quellen stehen die Sicherung des Friedens und die erfolgreiche Kriegführung als hoheitliche Aufgaben gleichberechtigt nebeneinander.
An den Krieg wird schließlich auch nach seiner Beendigung erinnert. Nach einer Periode der mündlichen Überlieferung kommt es in der Karolingerzeit erstmals wieder zu einer Renaissance der Schriftlichkeit. Erinnert wird an Personen und Ereignisse, herausgestellt werden die Größe des Sieges und die Verluste der Gegenseite, wobei auch hier die Zahlensymbolik eine größere Rolle spielt als exakte Ziffern. Diese historische Erinnerung dient, so Scharff, in vielen Fällen der Memoria auf Epitaphen und der liturgischen Memoria, durch die Geschichte zum Teil der Heilsgeschichte wird.
Thomas Scharff hat mit seiner Habilitationsschrift einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des karolingischen Wertekosmos vorgelegt. Der Frage nach der Faktizität der von ihm dargestellten Phänomene misst er dabei keine große Bedeutung bei. Ihm kommt es darauf an, den symbolischen Gehalt der Kommunikation über Krieg und Frieden herauszuarbeiten. Das ist ihm sehr gut gelungen.
Das Buch ist in der gewohnt professionellen Lektorierung der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft angenehm zu lesen. Ein reichhaltiges Literaturverzeichnis und Register schließen den Band ab. Warum im Zeitalter des Computersatzes allerdings die annähernd 300 Fußnoten als Endnoten erscheinen, ist und bleibt ein leserunfreundliches Ärgernis.
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Citation:
Joachim Schmiedl. Review of Scharff, Thomas, Die Kämpfe der Herrscher und Heiligen: Krieg und historische Erinnerung in der Karolingerzeit and
Thomas Scharff, Die KÖ¤mpfe der Herrscher und der Heiligen. Krieg und historische Erinnerung in der Karolingerzeit.
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