Andrei Corbea-Hoisie. Czernowitzer Geschichten. Ö?ber eine stÖ¤dtische Kultur in Mittelosteuropa. Wien, KÖ¶ln, Weimar: BÖ¶hlau Verlag, 2003. 252 S. EUR 35,00 (gebunden), ISBN 978-3-205-77034-3.
Reviewed by Harald Heppner (Institut für Geschichte, Universität Graz)
Published on HABSBURG (September, 2003)
Czernowitzer Geschichte(n)
Czernowitzer Geschichte(n)
Czernowitz ist nicht nur eine Stadt in der heutigen Südwestukraine, die als ehemalige Hauptstadt des Kronlandes Bukowina in der Habsburgermonarchie bekannt geworden ist, sondern auch eine Metapher für "Mitteleuropa" im Osten, für gelebte Multikulturalität heterogener Völker usw. Nach dem Untergang Österreich-Ungarns rückte das komplexe Thema allmählich in den Hintergrund, weshalb daran zuletzt nur noch die "Deutschen" dachten, weil sie von dort 1940 ausgesiedelt worden sind, und die Juden, weil der Holocaust auch vor Czernowitz nicht Halt gemacht hat. Die Gewinner von 1918, die Rumänen, mussten es sich wegen sowjetischer Vorgaben versagen, nach 1944 ob des endgültigen Verlusts von Czernowitz und der Nordbukowina weiterführende Reflexionen anzustellen, und selbst die "Gewinner", die Ukrainer, hatten wenig Veranlassung, über Czernowitz ausgiebig abzuhandeln, waren sie bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion doch selbst nicht die Herren im "eigenen Hause".
Seit 1990/91 hat sich dies gewandelt: Das Interesse an Czernowitz hat zwar deutlich zugenommen, doch ist diesem Sujet dennoch kein innovativer Durchbruch gelungen, denn die gedanklichen Ansätze beruhen noch immer eher auf dem Wiederaufgreifen oder Fortführen früherer Fragestellungen als auf neuen stofflichen und methodischen Fundamenten. Umso mehr ist es berechtigt, in den vorliegenden Band große Erwartungen zu setzen, gibt es dafür doch mehrere Gründe: 1. Der Autor ist Rumäne und behandelt daher Blickwinkel, die zumal dem deutschsprachigen Leser im allgemeinen nicht geläufig sein müssen. 2. Des Autors Vorfahren stammen aus Czernowitz, wodurch nicht nur eine sachliche, sondern auch eine emotionale Berührung besteht, deren zweite insoweit einen Vorteil bietet, weil hierdurch Informationen zum Tragen kommen können, die allein in Quellen nicht zu finden sind. 3. Der Autor ist Germanist und vermag per officio Brücken zwischen dem Horizont seines Arbeitsplatzes (Universität Jassy/Nordostrumänien) und Zentraleuropa zu schlagen.
Corbea-Hoisie hat in den letzten Jahren eine Reihe von Studien über Czernowitz verfasst, die bereits anderswo erschienen und nunmehr in überarbeiteter Form in diesem Band zusammengefasst worden sind. Der Unterschied zu den Erstbearbeitungen liegt in kleineren Ergänzungen, vor allem aber in der Einbettung in den kulturwissenschaftlichen Diskurs postmoderner Prägung. Der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit liegt im Gesichtskreis deutsch-jüdischer Interferenzen, aber nicht einmal so sehr innerhalb von Czernowitz, sondern zwischen Czernowitz und der vor allem westlichen Außenwelt.
An Czernowitz interessiert den Verfasser vor allem das Mythisch-Ikonenhafte, jene "Konstruktion" aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, deren Charakter bzw. Pflege es zu klären gilt. Dies zeigt der Autor z.B. mit der Studie zu "Czernowitz: der imaginierte Westen im Osten" und erläutert, dass jener Topos schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts vorhanden war. Auch die Untersuchung über eine publizistische Schrift aus der Feder keines Geringeren denn Nicolae Iorga's aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg belegt, dass Czernowitz als fremde "Insel" im "Meer" vor allem rumänisch beschworener Ländlichkeit der Bukowina beschrieben und gedeutet worden ist. Demselben Zweck dient die Studie über die journalistischen Machenschaften Konrad Pekelmanns, der "Provinzkritik" an den Verhältnissen in Czernowitz geübt hat, um sich letztlich selbst hervorzutun.
Die meisten anderen Artikel sind literaturwissenschaftlichen Fragestellungen (z.B. über Karl Emil Franzos, Mihai Eminescu, Paul Celan) gewidmet, deren Zusammenhang zur Stadt Czernowitz als eher lose zu bezeichnen ist. Da er das Erstellen einer "Kultur-Geschichte" für fragwürdig und auch nicht wirklich lösbar hält, rückt Corbea-Hoisie dem Thema mit an einzelnen Personen festgemachten literarischen "Welten" zu Leibe und wählt--gemäß einer Tradition in der ehemaligen Hauptstadt der Bukowina--den Weg des "Geschichten"-Erzählens.
Dieses Kompendium hat seine Stärken und Schwächen. Zu ersteren zählen die große Sachkompetenz, die gut lesbare Sprache sowie die anregende Auswahl der Fragen; zu letzteren zählen jedoch der kulturwissenschaftliche Fachjargon, der eine Barriere allgemeiner Verständlichkeit erzeugt, und der Mangel an für das Thema innovativen Ansätzen. Der Untertitel erzeugt Unklarheiten: Am Umschlag lautet er "Über eine städtische Kultur in Mittel(Ost)-Europa" (??), am Titelblatt "Über eine städtische Kultur in Mittelosteuropa". Was hat sich der Verlag ob dieser Doppelgleisigkeit gedacht, und was bedeutet der ungeläufige Begriff "Mittelosteuropa"? Gibt es demzufolge auch "Westosteuropa" und "Ostosteuropa" und wenn ja, was gehört dazu? Auch der Ausdruck "städtische Kultur" deckt sich nicht mit dem Inhalt, denn von Czernowitz als urbanem Schauplatz ist in den Aufsätzen kaum die Rede, auch reicht "Kultur" doch weit über literarische Beziehungen zur Außenwelt und deren Reflexionen hinaus.
Angesichts dieser Fragen sei es, ohne dem Autor hiermit einen Vorwurf machen zu wollen, erlaubt, die wesentlichsten Desiderata zur Czernowitz-Forschung anzusprechen. Solange jene den Horizont nicht weit aufmacht, wird sie sich vieler Fragen entziehen, die es durchaus wert wären, aufgegriffen und geklärt zu werden. Das literargeschichtliche Erbe rund um Czernowitz ist sicherlich nicht klein, wirkt aber normierend, weil eine fortgesetzte Beschäftigung damit den Eindruck suggeriert, es gäbe sonst nicht genug Material. Die Vorstellung, Czernowitz sei eine Insel, deren auch kulturgeschichtlich relevanter Kontakt zu seinem Umfeld, der (auch nicht nur) ländlichen Bukowina, gering gewesen sei und daher keine Bedeutung habe, könnte ein Konstrukt sein, das es zu überprüfen gälte.
Eine ganz andere Fragestellung mit durchaus nicht geringem Gehalt auch für die Kulturgeschichte bezöge sich auf die zwischenethnischen Beziehungen im Alltag. Die Welt "kulturellen" Schrifttums ist letztlich ja eine Kulisse, vor der sich das "wirkliche" Leben abspielt, und solange kritisch gemeinte Fragen, ob das Leben der Völker in Czernowitz wirklich so harmonisch gewesen sei wie immer wieder behauptet und gelegentlich geradezu beschworen, nicht in konkrete Untersuchungen münden, sind sie wenig hilfreich.
Und noch etwas: Solange es keine systematische Zusammenarbeit mit den jetzigen "Besitzern" (Ukrainern) gibt, die einerseits offenbart, was an historischer Substanz im weitesten Sinn des Wortes noch immer in Czernowitz vorhanden und zu untersuchen ist, und die andererseits einbezieht, dass die Ukrainer zum ganzen Thema auch etwas zu sagen haben, bleibt es bei der Beibehaltung eines Mythos, bei dem es nie eine Rolle spielt, dass sich die Zeiten ständig ändern. In der Vergangenheit haben jenseits aller von Menschen stammenden Bilder und Meinungen ("Konstruktionen") im Zweifelsfall Sachzwänge regiert, und denen auch in Verbindung mit Czernowitz vermehrt Augenmerk zu schenken, wäre sicherlich recht aufschlussreich.
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Citation:
Harald Heppner. Review of Corbea-Hoisie, Andrei, Czernowitzer Geschichten. Ö?ber eine stÖ¤dtische Kultur in Mittelosteuropa.
HABSBURG, H-Net Reviews.
September, 2003.
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