Andreas Helmedach. Das Verkehrssystem als Modernisierungsfaktor. StraÖŸen, Post und Reisen nach Triest und Fiume vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zum Eisenbahnzeitalter. MÖ¼nchen: R. Oldenbourg Verlag, 2002. 549 S. EUR 64.80 (gebunden), ISBN 978-3-486-56524-9.
Reviewed by Marina Cattaruzza (Historisches Institut, Universität Bern)
Published on HABSBURG (August, 2003)
Verkehrssysteme im Spannungsfeld von Wirtschaft und Verwaltung
Verkehrssysteme im Spannungsfeld von Wirtschaft und Verwaltung
"Dort in Kakanien, diesem seither untergegangenen, unverstandenen Staat, der in so vielem ohne Anerkennung vorbildlich gewesen ist, gab es auch Tempo, aber nicht zuviel Tempo. So oft man in der Fremde an dieses Land dachte, schwebte vor den Augen die Erinnerung an die weißen, breiten, wohlhabenden Straßen aus der Zeit der Fußmärsche und Extraposten, die es nach allen Richtungen wie Flüsse der Ordnung, wie Bänder aus hellem Soldatenzwillich durchzogen und die Länder mit dem papierweißen Arm der Verwaltung umschlangen. Und was für Länder."
Diese berühmte Passage aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften über die Vorzüge Kakaniens dient Andreas Helmedach als incipit für den Schlussteil seiner Dissertation zum Ausbau eines Verkehrssystems in denjenigen Territorien des Habsburger Reiches, die Wien mit den zwei Freihäfen Triest und Fiume verbanden. In der Tat war der Ausbau des Verkehrswesens ein Teilaspekt derjenigen Reformen, die sich in der Habsburger Monarchie während des ganzen 18. Jahrhunderts (von Karl VI. über Maria Theresia zu Josef II.) durchzogen und die eine gleichmäßigere und stärker von der Zentrale ausgehende Administration sicherten, so dass am Ende dieses Prozesses "die Länder mit dem papierweißen Arm der Verwaltung" umschlungen werden konnten.
Die Arbeit basiert auf in verschiedenen Archiven in Wien, Budapest und Ljubljana gelagerten Quellen, die sich in erster Linie mit der Instandhaltung des Straßen- und Flusswesens, mit der Post und mit dem Handel zwischen dem Inneren und dem Küstenland in der Zeit nach der Einführung der Handelsintendenz (1749) befassen. Breiter ist die Wahl an gedruckten Quellen: enzyklopädische Werke, landeskundliche Abhandlungen und hauptsächlich Reiseberichte, vor allem verfasst in der Zeit von den 1780er Jahren bis Anfang des 19. Jahrhunderts.
Eine solche Wahl an gedruckter Literatur ergibt sich aus der Zielsetzung der Arbeit: Andreas Helmedach nimmt sich mit seiner Dissertation nämlich vor, Struktur- und Kulturgeschichte miteinander zu verbinden und den Verkehr auch in seinen kulturellen Implikationen zu fassen. In seiner Einführung visiert er Hans-Ulrich Wehler folgend vier Bereiche an, die es gälte, in ihrer jeweiligen Wechselwirkung historisch zu rekonstruieren: Politik und Herrschaft, auf Ungleichheit beruhende Sozialstruktur, Ökonomie und kulturelle Sinnstiftung. "Potentielles Untersuchungsobjekt soll dabei die gesamte vergangene menschliche Praxis des gesellschaftlichen Teilbereiches Verkehrswesen, Verkehrssystem sein" (S. 14). Dieser Anspruch sollte für eine verkehrsgeschichtliche Untersuchung neu sein, wie der Autor feststellt.
Was sich hier Andreas Helmedach vorgenommen hat, ist also nichts weniger als eine totale, interdisziplinär durchgeführte Geschichte des Verkehrswesens in einem Raum, der "von Wien über die 'deutschen' Erblande der Habsburger entlang der Südflanke der Ostalpen über das 'Litorale Austriaco' an der Adriaküste bis zur habsburgisch-osmanischen Grenze entlang von Una, Save und Donau" reicht (S. 16). Entsprechend hoch sind die Ansprüche des Autors in methodischer und disziplinärer Hinsicht: "Verkehrsgeschichte als Gesellschaftsgeschichte--das verlangt nicht weniger als eine theoriegeleitete, multiperspektivische, analytisch-sozialwissenschaftliche wie verstehend-hermeneutische Methoden verbindende historische Argumentation" (S. 17).
Dennoch bewegt sich dann der empirische Teil dieser Arbeit in weit traditionelleren Bahnen. Der Einleitung folgt eine breite Abhandlung über "den Strukturwandel eines Verkehrssystems", die den Kern dieser Monographie bildet. Sie setzt beim Ausbau und der Verbesserung des Verkehrsnetzes auf dem untersuchten Gebiet zu den Zeiten Karl VI. an, als Österreich nach dem Frieden von Rastatt und Passarowitz eine gewisse Festigung der inneren Staatsstruktur erreichte. Im Zuge eines (verspäteten) merkantilistischen Experimentes stellte Karl VI. die Weichen für die Bildung von Freihäfen in Triest und Fiume, wobei Kommerzialstraßen die Verbindung zwischen beiden Häfen und der Hauptstadt sichern sollten.
Mit einem kaiserlichen Patent aus dem Jahr 1726 wurden die Straßenstrecken von der Salzburgischen Grenze über den Tauernpass, Villach, den Wurzenpass nach Laibach, von Wien über Bruck, über Klagenfurt und den Loiblpass ebenfalls nach Laibach, von Bruck über Graz nach Laibach weiter nach Adelsberg und nach Triest und schliesslich die Abzweigung Adelsberg-Fiume zu "Hauptkommerzialstraßen" erklärt. Auch die anderen Hauptstraßen wurden erweitert und so ausgebaut, dass sie besser befahrbar wurden (sog. Chaussierung). In einer Wechselwirkung zwischen den jeweiligen Ständen und der souveränen Initiative wurden dann um die Mitte der 1730er Jahre die infrastrukturellen Grundlagen für die Bewerkstelligung des Handels über die beiden Seehäfen geschaffen.
Auch die Verkehrsverbindungen zwischen den beiden Hafenstädten wurden entsprechend ausgebaut, wobei allerdings hier der Seeweg Priorität genoss. Immerhin lagen seit 1752 für Reisende und Nachrichten Triest und Fiume nur eine "Tag-Reise" auseinander. Dennoch betraf diese Annäherung nur die Hauptzentren auf dem Verkehrsnetz: Rückständige und abseits liegende Gebiete wie Istrien profitierten weitaus weniger von solchen breit angelegten, infrastrukturellen Projekten. Dieser Teil der Arbeit wird von detaillierten Informationen zur Straßenfinanzierung, zum Stand der Ingenieure und zu den Arbeitsverhältnissen im Straßenbau und in der Straßeninstandhaltung ergänzt. Solche Dienste wurden meistens als Robotdienst (Straßenrobot) verrichtet. Die Last des Straßenrobots verursachte auch in den Jahren 1754-55 einen Bauernprotest in Oberösterreich.
Einen zweiten Schwerpunkt dieser Abhandlung bildet zu Recht der Ausbau des Postwesens, der sowohl mit den handelsfördernden Maßnahmen wie auch mit der Modernisierung des Staatsapparates und den Erfordernissen der Kommunikation zwischen den verschiedenen Stellen der Verwaltung zusammenhing. Auch das österreichische Postwesen richtete sich im 18. Jahrhundert nach denselben Prinzipien, die der Reform im Staatsapparat Pate standen: Die Post war mit dem österreichischen Beamtenapparat stark verflochten und ihre erhöhte Pünktlichkeit, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit dienten in erster Linie dem Funktionieren der Staatsmaschinerie.
Der dritte Teil dieser Studie ist der "Veränderung der Wahrnehmungs-und Erfahrungswelten" gewidmet, die infolge der engeren Vernetzung des Verkehrs eintrat. Andreas Helmedach hat dabei--in Anlehnung an die Kategorien von Pierre Bordieu--eine umfassende Mentalitätengeschichte im Sinne, die die in der Kultur und in der kollektiven Wahrnehmung infolge der Beschleunigung im Transportwesen eintretenden Veränderungen untersuchen soll. Die Quellengrundlage für eine solche Analyse bilden sechs (!) Reiseberichte, wobei der Autor freimütig zugibt, dass "man andere Berichte hätte auswählen können, die dann möglicherweise auch zu anderen Ergebnissen führen würden. Die Verallgemeinerung von Fallbeispielen bleibt immer schwierig" (S. 317). Was solche Reiseberichte gemeinsam haben, ist, dass all die Verfasser das in Frage kommende Gebiet wenigstens gestreift haben.
Gerne würde allerdings der Leser (bzw. die Leserin) etwas mehr zum bestehenden Korpus an Reiseberichten, die das Küstenland für die gewählte Zeitspanne behandeln, erfahren. Dies auch um die Repräsentativität dieser Quelle besser einschätzen zu können. Immerhin liefert der Autor eine exemplarische Auflistung an Reiseberichten für die österreichischen Territorien für die Zeit nach 1800.
Andreas Helmedach analysiert die Berichte mit dem inzwischen weit erprobten kulturwissenschaftlichen Instrumentarium, so dass sich daraus eine kleine Abhandlung zu verschiedenen Aspekten der Reisekultur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ergibt. Eine solche Lektüre kann durchaus vergnüglich und gewinnend sein, allerdings bleibt der Bezug zum gewählten Gebiet sowie zur allgemeinen Fragestellung (Auswirkungen der Beschleunigung und der Vernetzung der Infrastruktur) eher diffus.
In den Schlussfolgerungen liefert Andreas Helmedach dann einige wichtige Informationen zu den Beweggründen der Habsburger beim Ausbau des Straßen- und Postwesens, unter denen die Notwendigkeit, die Seehäfen mit der Hauptstadt zu verbinden, die ausschlaggebende Rolle gespielt haben soll. Hinzu käme auch das Streben, durch den Bau von "Kunststraßen", das Ansehen des Staates zu mehren. Diese Hypothese ist zweifellos interessant, allerdings basiert sie auf einem einzigen (und aus der Sekundärliteratur übernommenen) Zitat Karls VI. (vgl. S. 69).
Weitere Bemerkungen weisen keinen Bezug mit dem untersuchten Gegenstand vor und bleiben eher spekulativ (vgl. die aus dem Standardwerk Voigts übernommenen Überlegungen zur "Integration des Staates und der Gesellschaft", zur eintretenden Differenzierung im Gefolge der Marktgesellschaft sowie zur "bürgerlichen Öffentlichkeit" und zum Aufkommen des "Bildungsbürgertums", S. 488-90). Dass die Rolle des Staates im Prozess der Modernisierung des Verkehrssystems historisch kontingent sei (S. 15), mutet etwas seltsam an, dies umso mehr, da der Autor an anderen Stellen auf die Thesen Gerschenkrons zur Überwindung der relativen Rückständigkeit Bezug nimmt.
Alles in allem liefert die hier besprochene Monographie durchaus interessante und innovative Erkenntnisse zum Ausbau des Straßenverkehrs und des Postwesens zu den Zeiten Karls VI. und Maria Theresias (die im Titel angekündigte Zeitspanne wird dann in der Abhandlung nicht eingehalten). Der sehr breite und meines Erachtens überdimensionierte geschichtstheoretische Teil steht aber meistens in einem sehr losen Zusammenhang mit den empirischen Befunden, so dass zwischen beiden Aspekten der Arbeit Schlüssigkeit und Stringenz manchmal zu vermissen sind.
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Citation:
Marina Cattaruzza. Review of Helmedach, Andreas, Das Verkehrssystem als Modernisierungsfaktor. StraÖŸen, Post und Reisen nach Triest und Fiume vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zum Eisenbahnzeitalter.
HABSBURG, H-Net Reviews.
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