Harriet Roth, Hrsg. Der Anfang der Museumslehre in Deutschland: das Traktat "Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi" von Samuel Quiccheberg. Berlin: Akademie Verlag, 2000. 362 S. DM 125.00 (gebunden), ISBN 978-3-05-003490-4.
Reviewed by Marlies Raffler (Graz)
Published on H-Museum (July, 2002)
Die Druckfassung einer an der Berliner Humboldt-Universitaet approbierten Dissertation behandelt erstmals Samuel Quicchebergs richtungsweisenden Traktat "Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi...", erschienen 1565 in Muenchen, in seiner Gesamtheit. Die intensive Auseinandersetzung mit den umfangreichen und schwer zugaenglichen Quellen und der Sekundaerliteratur (u.a. im Rahmen eines Forschungsstipendiums am Getty Center) ermoeglichte es der Herausgeberin, eine vollstaendige Uebersetzung des Werkes vorzulegen und diese in einen biographischen und wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen. Auf diese Weise wird nun diese als erste museumstheoretische Schrift in Deutschland geltende Abhandlung einem breiteren wissenschaftlich orientierten Publikum zugaenglich gemacht. Eingebettet ist die Uebersetzung des Traktats zwischen einleitenden Bemerkungen zur Biographie Quicchebergs, einer ausfuehrlichen Erlaeuterung der ihm vorliegenden Schriften und Sammlungen mit besonderer Betonung der Vorbildwirkung von Giulio Camillos "L`Idea del Theatro" sowie einer Eroerterung seines Museumsbegriffs und einem ausfuehrlichen Kommentar zu "Ordnung und Methode in Quicchebergs Museumstheorie". Hier ist grundsaetzlich -wenn auch im nachhinein muessig - die Ueberlegung angebracht, ob anstelle dieser Dreiteilung nicht eine textkritische Edition mit ausfuehrlichem Anmerkungsapparat und integriertem Kommentar benutzerfreundlicher gewesen waere.
Teil I bietet zunaechst einen biographischen Abriss mit der Erfassung aller in den Quellen auftauchenden Schreibweisen des Namens des Gelehrten. Basierend auf Angaben des Biographen H. Pantaleon zeichnet die Verfasserin die Spur des gebuertigen Flamen ueber Antwerpen, Gent, Ingolstadt, Nuernberg, Augsburg, ueber Kontakte mit den Fuggern hin zu den Sammlungen Albrechts V. von Bayern nach. Die Muenchner Kunstkammer war, wie die Ferdinandeische in Ambras, eine der bestgeordneten Sammlungen, wofuer Quicchebergs Methodologie fuer die Gliederung eines "theatrum sapientiae" praktisch angewandt wurde. Aus den zahlreichen Reisen nach Florenz, Bologna, Padua und Rom lassen sich Inspirationen durch die musealen Einrichtungen eines U. Aldrovandi oder F. Calzeolari ableiten. Die "wissenschaftstheoretischen" Auseinandersetzungen um Klassifizierung und Ordnung der Natur, die letztlich auf die Konzeptionen des Aristoteles in seinen naturkundlichen Abhandlungen zurueckgingen, und bereits im Universalienstreit kulminierten, gewannen in der wissenschaftlichen Diskussion ueber die rechte Ordnung der Dinge und damit ueber den artifiziellen oder natuerlichen Charakter systematischer Kategorien immer staerker an Einfluss. Quicchebergs Ambitionen fuegen sich in eine Reihe mit den einschlaegigen Schriften Pier Andrea Mattiolis, Conrad Gesners, John Kentmanns, Scipione Maffeis, nicht zu vergessen Pierre Belons und Guillaume Rondelets.
Breiter Raum wird der bei Elisabeth M. Hajós (References to Giulio Camillo in Samuel Quicchelberg's "Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi". In: Notes and Documents. Bibliotheque d`Humanism et Renaissance 25, 1963, S. 207-211) nachgewiesenen Bedeutung Guilio Camillos auf die Kategorisierung der Objekte bei Quiccheberg gewidmet. Dieser ist - etwa zeitgleich mit Gesner und mit dessen Ordnungsprinzip konkurrierend - dem antiken System der Mnemesis verhaftet. Der Bologneser Gelehrte aus der ersten Haelfte des 16. Jahrhunderts realisiert auf der Suche nach einem System metaphysischer Merkorte (loci) ein mnemotechnisches Hilfsmodell in Form einer Theaterkonstruktion ("L'idea del Theatro" 1550). Die bei Roth fehlenden Beitraege von Barbara Keller (Mnemotechnik als kreatives Verfahren im 16. und 17. Jahrhundert. In: Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, hrsg. v. Aleida Assmann u. Dietrich Harth, Frankfurt a.M. 1991, S. 200-216) sowie von Guiseppe Olmi (Dal "Teatro del mondo" ai mondi inventariati: aspetti e forme del collezionismo nell' età moderna. In: Ders., L'inventario del mondo. Catalogazione della natura e luoghi del sapere nella prima età moderna, Bologna 1992 [=Annali dell'Istituto storico italo-germanico, Monografia 17], S. 165-209), der nur unvollstaendig in der Bibliographie zitiert ist, seien hier ergaenzend erwaehnt.
Zu Teil II: Trotz ausfuehrlicher Diskussion im Einleitungskapitel ist die Verfasserin kuehn genug, den vielschichtigen Ausdruck "theatrum" mit dem bedeutungsueberladenen deutschen Begriff "Theater" zu uebersetzen. Die im Kommentar [S. 260f] diskutierte Problematik beruecksichtigend und gleichzeitig doch den anachronistischen, aber synchron zu verwendenden Begriff des "Museum" umgehend, koennte man auch in der Uebersetzung "theatrum" stehenlassen und auf die Erklaerungen verweisen. Seit dem 16. Jahrhundert verbinden sich unter dem metaphorischen Begriff theatrum, theatrum mundi, theatrum humanae vitae, theatrum sapientiae, theatrum naturae enzyklopaedische Aufarbeitungen des Wissens unter dem Aspekt einer Disposition, einer speziell fuer die Sammlung konstruierten Ordnung. Der Topos des theatrum mundi als Titel enzyklopaedischer Werke wird in die humanistische Literatur uebernommen; theatrum mundi ist um 1600 bereits zu einer literarischen Metapher geworden (von Shakespeare und Cervantes bis hin zu Jean Bodin`s "Universae naturae theatrum" (1596); das Bild haelt auch Einzug in die Architektur; vergleiche ergaenzend Ann Blair (The Theater of Nature. Jean Bodin and the Renaissance Science, Princeton 1997, S. 153); Paula Findlen (Possessing Nature. Museums, Collecting, and Scientific Culture in Early Modern Italy, Berkeley 1994, bes. Kap. 1 "A World of Wonders in One Closed Shut" S. 17-47). Aus dieser Fehlinterpretation resultieren seltsame Uebersetzungs"blueten": so wird "pro ingenio fundatoris theatri" [S. 52f.] mit "dank der Begabung des Theatergruenders" uebersetzt; "varietas" [S. 36f] spricht wohl die Vielfalt der Schoepfung an, und gewiss nicht die Abwechslung.
Teil III, der von Harriet Roth praezise gearbeitete Kommentar zu "Ordnung und Methode", analysiert moegliche Intentionen der Abfassung des Traktats. Unter Beruecksichtigung umfangreicher Literatur und Arbeiten zu Parallelsammlungen werden die fuenf Klassen der "inscriptiones signum Mercurio" erlaeutert. Erstens die historische Abteilung, fussend auf theologischer, planetarischer und numerischer Ordnung, mit Ahnengalerie und Veduten; zweitens die artificialia, drittens die naturalia, viertens - in Anlehnung an die artes mechanicae - die artificialia und scientifica mit Hinweis auf Instrumente, Werkzeuge, Waffen sowie die sozialgeschichtlich und ethnologisch interessante Puppensammlung. Die fuenfte Abteilung umfasst die eigentliche Kunstgalerie. Daran reihen sich unter dem Titel "Musea et Officina" die Abhandlungen Quicchebergs ueber Gruendung, Auswahl und Aufstellungskonzept einer Bibliothek, konkret der Muenchner Hofbibliothek, die die Sammlung ergaenzen sollte, sowie zu Archiven und Werkstaetten. Eine zentrale Rolle spielen "Admonitio et Consilium", mit denen Quiccheberg die "optimale Benuetzung des Textes" (S. 259) zu gewaehrleisten sucht. Auch hier ist wieder der Plan eines alle Wissensbereiche umfassenden "theatrum" angesprochen. Fuer die Verfasserin bewegt sich Quicchebergs Gliederungsprinzip auf drei Ebenen: erstens auf der Ebene der Objekte, zweitens auf der Ebene der Texte sowie der Bibliothek, und drittens auf der Ebene des als die Bibliothek ergaenzenden Archivs interpretierten "promptuarium". Ratschlaege fuer die Sammelpraxis, die Bewahrung und Konservierung sowie das Tauschprinzip ergaenzen Quicchebergs Gebrauchsanleitung; in den "Disgressiones" werden schliesslich die in den "Inscriptiones" behandelten Bereiche erlaeutert.
Der letzte Abschnitt des Traktats fuehrt als "Exempla" eine Reihe von vorrangig aus dem deutschsprachigen Raum stammenden Sammlern an, die zu einer Sammlerrepublik zusammengefasst und von Harriet Roth weitgehend biographisch erschlossen werden. An der Spitze dieses hierarchischen Systems stehen die weltlichen und geistlichen Fuersten, Gelehrten sowie sammelnde Patrizier, an zweiter Stelle die Sammlungen am Hof und die "theatri sapientiae"; an dritter Stelle folgt - gleichsam als Spiegel einer regen Sammlertaetigkeit in der zweiten Haelfte des 16. Jahrhunderts - eine Auflistung vor allem regionaler Sammlungen, Kuenstler und Kunsthandwerker aus dem Raume Ingolstadt, Augsburg und Nuernberg. Ergaenzt wird dieser Abschnitt durch Bibelzitate und durch Lobgedichte auf den Universalgelehrten Quiccheberg selbst, welche nach Roths Vermutung von Albrecht V. in Auftrag gegeben wurden. Nicht zufaellig beginnt dieser Abschnitt mit der Verherrlichung Koenig Salomos und endet mit jener Quicchebergs.
Die urspruengliche Euphorie der Rezensentin ueber diese unbestritten verdienstvolle Arbeit wurde durch vermeidbare Fehler einigermassen getruebt. Ins Auge springen zwangslaeufig die unpraezisen oder schlichtweg falschen Erlaeuterungen zu Herrschern, ein Hinweis auf Fluechtigkeit und auf mangelnde Einsicht in die Struktur des "Heiligen Roemischen Reiches Deutscher Nation" sowie der Habsburgischen Laenderteilungen (Hausordnung 1554), zugleich, daraus resultierend, falsche Schlussfolgerungen ueber das Netzwerk von Gelehrten und Kuenstlern an europaeischen Hoefen. Als Beispiele seien aus dem Personenregister angefuehrt: Ferdinand I. (1556-1564) war nicht Kaiser von Oesterreich (Roth, S. 359, S. 100, Anm. 47, S. 169, Anm. 8); seine Position stuetzte sich auf die oesterreichischen Erblande, 1531 wurde der Erzherzog roemischer Koenig, nach der Abdankung Karls V. wurde er 1556 Kaiser des Heiligen Roemischen Reiches. Fehlinformationen finden sich auch bei Ferdinand II. oder bei Karl II. von Inneroesterreich, der am Grazer Hof eine Kunst- und Schatzkammer unterhielt und durch seine Heirat mit Maria von Bayern in enge Verbindung mit dem Muenchner Hof Albrechts V. - und damit in Quicchebergs Wirkungskreis - trat. Dies wird weder bei Karl noch Maria von Bayern (Roth, S. 135, Anm. 73) erwaehnt; Maximilian II. und Rudolf II. werden lapidar als "Kaiser" tituliert.
Insgesamt leidet die bemuehte Uebersetzung, wie die oben zitierten Beispiele zeigen, stellenweise (z.B. S. 51 ueber Gemmen und Muenzen) an sachlicher Praezision. Dennoch setzt Harriet Roth mit ihrer Arbeit einen museologischen Meilenstein, der zwar naturgemaess gerade aufgrund der Bemuehungen um vielseitige Beleuchtung angreifbar ist, aber dennoch einen idealen Arbeitsbehelf und eine Diskussionsgrundlage fuer die wissenschaftliche Weiterarbeit in die Hand gibt; ein Werk, ueber das man spricht und das viele Anstoesse bietet.
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Citation:
Marlies Raffler. Review of Roth, Harriet; Hrsg., Der Anfang der Museumslehre in Deutschland: das Traktat "Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi" von Samuel Quiccheberg.
H-Museum, H-Net Reviews.
July, 2002.
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