Landschaftsverband Rheinland. Verwandlungen durch Licht. Fotografieren in Museen und Archiven und Bibliotheken. Esslingen: Museumsverband Baden-Württemberg, 2001. 288 S. ISSN 09450327.
Reviewed by Thomas Overdick (Freilichtmuseum am Kiekeberg, Rosengarten-Ehestorf)
Published on H-Museum (July, 2002)
Im Juni 2000 hat das Fortbildungszentrum Abtei Brauweiler des Rheinischen Archiv- und Museumsamt zusammen mit der Saechsischen Landesbibliothek -Staats- und Universitaetsbibliothek Dresden und der Fachzeitschrift "Rundbrief Fotografie" die Tagung "Verwandlungen durch Licht" veranstaltet. Die Tagung widmete sich in Vortraegen, Diskussionen, Produktpraesentationen und Kursen dem weiten Komplex der Sammlungsfotografie, also dem "Fotografieren in Museen & Archiven & Bibliotheken" (so auch der Untertitel der vorliegenden Publikation). Im Mittelpunkt der Tagung stand dabei allerdings weniger, wie im Vorwort betont wird, die pragmatische "Auseinandersetzung mit dem schnellen gesellschaftlichen, kulturellen und technologischen Wandel und den sich (allzuoft einengend) aendernden kulturpolitischen Rahmenbedingungen", sondern vielmehr die "kritische Reflexion und Vergewisserung ueber die fachlichen Grundlagen der Sammlungsarbeit". Entsprechend wurden auch einige der eher technisch-handwerklichen Tagungsbeitraege bereits im Vorfeld im "Rundbrief Fotografie" veroeffentlicht, waehrend der vorliegende Tagungsbandes noch um weitere, eigens hierfuer verfasste Fallbeispiele erweitert worden ist. So praesentiert der Band ein beeindruckend vielfaeltiges Spektrum an Fragestellungen, die sich quellen- und medienkritisch mit den Prozessen der Informationsgewinnung, -verarbeitung und -nutzung auseinandersetzen, die das Medium Fotografie gerade im Bereich der musealen Sammlung eroeffnet. Praesent ist dabei stets die Erkenntnis, dass bei allem dokumentarischen Anspruch und Kern die Fotografie immer als "Archiv der Blicke" zu betrachten ist, die ihren Gegenstand in der "Deutung der Beobachtung" verwandelt. Diese "Verwandlungen durch Licht" scheinen angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der digitalen Bildverarbeitung an Aktualitaet gewonnen zu haben. Doch dass das Problem der Transformation und Verwandlung weniger ein Problem der Technik als vielmehr der Praxis ist, wird nach der Lektuere der verschiedenen Aufsaetze mehr als deutlich.
So betont auch Katharina Flügel in ihrem einleitenden Beitrag zur "Dokumentation als museale Kategorie" das reflexive Verhaeltnis zwischen "Erkennendem und Erkanntem". Die museale Dokumentation ist grundsaetzlich als "Ergebnis wissenschaftlicher, demnach forschender Taetigkeit" zu verstehen, und kann keineswegs auf eine wie auch immer geartete objektive Taetigkeit des Sammelns und Aufzeichnens von Informationen reduziert werden. Das Auswaehlen und Aufheben von Dingen ist zwingend mit einem Bedeutungswandel der Objekte verbunden: mit dem Wandel des Objekts zur Musealie, die als Dokument der Anschauung zum Traeger von Informationen und Werten wird. Bezogen auf die Fotografie bedeutet dies, dass das verstehende Sehen stets mit dem erkennenden Denken verknuepft ist. "Denn richtig sehen, heisst richtig bestimmen koennen."
Dieser museologische Grundsatz hat weitreichende Folgen fuer die Handhabung und Bewertung von Dokumentationskonzepten und -systemen fuer die Erschliessung von Sammlungsguetern. Harald Krämer verdeutlicht die Grenzen konventioneller Text- und Bilddatenbanken am Beispiel multimedialer Ensembles der zeitgenoessischen Kunst, deren haeufig prozessualer Charakter insbesondere die fotografische Dokumentation vor unloesbare Probleme stellt und im verstaerkten Masse einen kontextuellen Ansatz erfordert. Auf ganz anderer Ebene argumentiert Annegret Nippa, wenn sie die Diskussion um die unterschiedlichen Qualitaeten von zeichnerischer und fotografischer Dokumentation anhand ausgewaehlter Beispiele aus dem Staatlichen Museum fuer Voelkerkunde Dresden aufgreift. Welche Fragen sich beim Fotografieren im Museum im einzelnen stellen, zeigt Karin Plessing in ihrem Erfahrungsbericht aus ihrem Arbeitsalltag als Fotografin im Hamburger Museum der Arbeit auf. Die Beitraege von Ulrich Heß, Dorothee Haffner und Uta Simmons richten den Blick wiederum auf die datenbankgestuetzte Inventarisierung, Erschliessung und Einbindung von Bildbestaenden, waehrend Gerald Maier in seinem Beitrag von den Erfahrungen mit den Moeglichkeiten und Grenzen von Mikroverfilmung und Digitalisierung von Archivgut berichtet, die in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefoerderten Projekt zu "Digitalen Konversionsformen" gesammelt wurden. All diese Beitraege beleuchten wichtige Aspekte aktueller Ansaetze der Dokumentation, ohne die jeweils damit verbundenen offenen Fragen zu verschweigen.
Der zweite Themenblock des Bandes widmet sich verschiedenen Rueckblicken auf den Gebrauch der Fotografie in Zusammenhang mit Sammlungen und Dokumentationen. Hierbei unterstreicht gerade der Beitrag von Andreas Krase, wie schwierig und gleichzeitig auch spannend das Verstaendnis und die Bewertung historischer Sammlungsbestaende sein kann. Unter dem Titel "Sowohl Dokumentation als auch Kunst" verdeutlicht er am Beispiel der Rezeptionsgeschichte des Werkes des franzoesischen Fotografen Eugène Atget die historische Relativitaet in der Betrachtung eines fotografischen Sammlungsbestandes. "Es sind die Deutungshorizonte und Erkenntnisinteressen, die sich ändern, nicht die (fotografischen) Objekte." Dies schliesst auch stets den eigenen Standpunkt mit ein. Umso wichtiger ist es, das fotografische Dokument in seiner Historizitaet zu erkennen. Die Aufsaetze von Maren Gröning, Ruth Lindner und Dorothea Peters bilden dabei eindrueckliche Beispiele fuer eine medien- und praxiskritische Fotogeschichtsschreibung.
Der dritte Teil des Buches versucht einen Ausblick, oder besser gesagt ausgewaehlte Ausblicke auf die Rolle der Fotografie und ihrer Weiterentwicklungen im digitalen Zeitalter. Gleich zu Anfang stellt dabei Wolfgang Jaworek das Paradigma vom "Medienwechsel" zur Diskussion und fragt, ob man "nicht schon die Fotografie als den Beginn der virtuellen Aera bezeichnen" muesste? Geht es also tatsaechlich eher um Weiterentwicklung als um Ueberwindung, wenn man die analoge Fotografie der digitalen gegenueberstellt, zumal beiden als technisch erzeugte Bilder die Kennzeichen von Referentialitaet (kausaler Konnex zum Referenten) und Indexalitaet (Detailreichtum durch automatische Aufzeichnung) gemein sind? Einfacher gefragt: "Was hindert uns eigentlich daran, die digitale Bildverarbeitung als natuerliche Verlaengerung des Sehsinns zu akzeptieren?" Die hier dokumentierten Statements von Rolf Sachsse, Jens Schröter und Stefan Heidenreich geben zwar hierauf keine erschoepfenden Antworten, zeigen aber Perspektiven fuer zukuenftige Medienreflexionen auf.
Im Aufzeigen von Perspektiven und Fragen liegt auch insgesamt die Staerke des vorliegenden Bandes. "Verwandlungen durch Licht" schaerft v.a. den Blick fuer einen bewussteren und fragenderen Umgang mit der meist so selbstverstaendlich hingenommenen "Gattung" der Sammlungsfotografie, die in den meisten Museen, Archiven und Bibliotheken einen in der Tat erheblichen und fuer die wissenschaftliche Arbeit unverzichtbaren Sammlungsbestand bildet. Die medienkritische Reflexion wird allerdings in der alltaeglichen Arbeit allzuoft vernachlaessigt. Umso wichtiger erscheint die Moeglichkeit des Innehaltens, die die Dresdener Tagung geboten hat, und deren wichtige und nicht zuletzt auch anregenden Denkanstoesse hier nun in Ruhe jederzeit wieder aufgefrischt werden koennen.
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Citation:
Thomas Overdick. Review of Rheinland, Landschaftsverband, Verwandlungen durch Licht. Fotografieren in Museen und Archiven und Bibliotheken.
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