Verena Pawlowsky. Mutter ledig - Vater Staat: Das Gebär- und Findelhaus in Wien 1784-1910. Innsbruck: StudienVerlag, 2001. 340 S. EUR 33,00 (gebunden), ISBN 978-3-7065-1548-1.
Reviewed by Sabine Veits-Falk (Archiv der Stadt Salzburg)
Published on HABSBURG (June, 2002)
Ledige Mütter und ihre unversorgten Kinder
Ledige Mütter und ihre unversorgten Kinder
Das auf der Dissertation der Autorin und den Ergebnissen eines Forschungsprojekts basierende Buch setzt sich mit der Entwicklung des Wiener Gebär- und Findelhauses in einem Zeitraum von 126 Jahren auseinander. Den Begriff "Findelkind" verwendet Verena Pawlowsky im zeitgenössischen Sprachgebrauch, womit nicht nur weggelegte, sondern vor allem unversorgte Kinder gemeint waren. Eine zentrale These ihrer Arbeit lautet, dass es sich bei der Wiener Einrichtung - wie auch bei anderen Findelhäusern - um ein "europäisches Übergangsphänomen" handelt, "das eng mit der Entwicklung des modernen Staats zusammenhängt" (S. 14).
Josef II. rief im Zuge seiner groß angelegten Reorganisation des Wiener Gesundheitswesens das Wiener Gebär- und Findelhaus als eine der grössten europäischen Einrichtungen dieser Art ins Leben. Merkantilistischen Prinzipien verpflichtend sollte die Anstalt zum einen der Förderung des Wachstums der Bevölkerung und ihres produktiven Einsatzes zum Nutzen des Staates dienen, zum anderen zeugt die Gründung aber auch von einem neuen, rationalen Umgang mit dem Problem der unehelicher Geburt, die explizite Aufnahmebedingung in die neu geschaffene Anstalt war, und dem Kindsmord. Säuglings-und Kinderfürsorge wurde als zentrale Aufgabe des Staates definiert - und in logischer Konsequenz das Stillen propagiert und die Kuhpockenimpfung eingeführt. Gleichzeit fand auch die männliche Geburtshilfe Eingang in die akademische Medizin, für die Entbindungsanstalten als ideales Beobachtungs- und Experimentierterrain galten. Auch für die praktische Durchführung der Pockenimpfung war die Anstalt von großer Bedeutung, zumal die Findelkinder als Impfstofflieferanten dienten und daher auch das Schutzpockenhauptinstitut 1801 als Bestandteil des Findelhauses eingerichtet wurde. Das Nützlichkeitsdenken reichte vom ungeborenen bis zum toten Säugling: Kinderleichen - bis 1813 betrug die Sterblichkeit unglaubliche 97 Prozent - wurden der Prosektur zur Verfügung gestellt und dienten der Aus- und Fortbildung der Ärzte.
Als das Gebärhaus 1865 und das Findelhaus 1868 in die Verwaltung des Landes Niederösterreich übergingen, zeichneten sich erste Veränderungen in der Ausrichtung ab: Das Gebärhaus richtete sich nun auch an verheiratete Frauen, der Anteil an Dienstmädchen vergrösserte sich und das Problem der Armut der gebärenden Frauen trat immer deutlicher zu Tage.
Mit dem Einsetzen der österreichischen Sozialgesetzgebung in den 1880er Jahren spitzte sich die Diskussion über eine endgültige Ablösung des "alten Findelsystems" immer mehr zu, die dann in einer schrittweisen Trennung der Gebär- von der Findelanstalt resultierte, bis das Niederösterreichische Landes-Zentralkinderheim als Nachfolgerin der Findelanstalt (1910) errichtet wurde. Das vorrangige Aufnahmekriterium war jetzt nicht mehr ledige Mutterschaft mit ihren Konsequenzen, sondern die Bedürftigkeit der Mutter, und vor allem das Kind stand nun im Mittelpunkt des Interesses. Aus einer Institution für ledige Schwangere war eine in ihren Ansätzen präventiv ausgerichtete Sozialfürsorgeanstalt hervorgegangen.
Verena Pawlowsky geht in ihrer Studie von der Geschichte einer Wiener Institution aus, verleiht ihr dabei aber keineswegs den Charakter einer deskriptiven Verwaltungsgeschichte, sondern stellt immer wieder Bezüge zur Geschichte der Frauen, Kindheit, Familie, Unterschichten, Armut, Fürsorge, Medizin, Migration, Bevölkerungsentwicklung usw. her und zeigt Veränderungen auf, die in den Praktiken des Findelhauses ihren Niederschlag fanden.
Als Primärquelle dienten ihr die vollständig erhaltenen Aufnahmeprotokolle der Anstalt, die eine einmalige Massenquelle darstellen (Wiener Stadt- und Landesarchiv) und administrative Akten, als das Haus in die niederösterreichische Landesverwaltung übernommen wurde (Niederösterreichisches Landesarchiv). Die Jahrgänge 1799, 1857 und 1888 der Findelhausprotokolle, die typische Jahre einer typischen Phase in der Entwicklung der Doppelanstalt darstellen, zog die Autorin zur Erstellung einer Datenbank heran. Auf deren Auswertung basieren grossteils Pawlowskys Schlussfolgerungen sowie auch ihre Kommentare zur zeitgenössischen kontroversiellen Diskussion. Die Arbeit umfasst insgesamt acht schlüssig aufgebaute Kapitel und einen umfangreichen Anhang.
Die quantitative Auswertung der Aufnahmeprotokolle erlaubt Pawlowsky die Beschreibung "typischer" Mütter, die in der Anstalt ihr Kind zur Welt brachten und dann der weiteren Pflege überliessen. Sie waren Angehörige der Unterschicht - zum grössten Teil zugewanderte, ledige katholische Dienstmädchen im Alter von 20 bis 29 Jahren; die meisten kamen wegen der bevorstehenden Geburt oder schon früher als Migrantinnen aus den industriearmen Regionen des nördlichen Niederösterreichs, des südlichen Böhmens und Mährens. Wienerinnen waren unterrepräsentiert.
Die Anstalt trug so wie von den Zeitgenossen herauf beschworen anfangs tatsächlich zum Anstieg der Illegitimität in Wien bei. Nach der Eröffnung des Wiener Gebär- und Findelhauses stieg die Gesamtgeburtenzahl der Stadt Wien im Jahr 1785 um unglaubliche 15 Prozent an. Die Autorin verweist dabei auf die Interdependenzen zwischen hoher Illegitimitätsrate und großer Zuwanderung: "Anziehungskraft übte zuerst die Stadt und dann das Findelhaus aus" (S. 84). In den Folgejahren entsprach der Anstieg der unehelich Geborenen dem allgemeinen Trend, der im 19. Jahrhundert auch Gegenden ohne Findelhaus und vor allem ländliche Gebiete erfasste. Bis 1868 wurden 30 Prozent aller in Wien geborenen Kinder im Findelhaus abgegeben, um die Mitte der 1870er Jahre fiel die Quote.
Die Wiener Anstalt verpflichtete sich zur Geheimhaltung der Geburt, gewährte aber streng genommen keine echte Anonymität. "Schlachtopfer der Verführung" und "schamlose Frauendirnen" sollten den Gründungsprinzipien nach mit gleicher Menschlichkeit aufgenommen werden, das heisst ledige schwangere Frauen reduzierte man auf unschuldige Opfer und unmoralische Verführerinnen. Das Wiener Haus verfügte über keine Drehlade (eine Vorrichtung an der Tür zur anonymen Abgabe eines Säuglings), bot dafür den Hilfe suchenden Frauen eine in vier Klassen abgestufte Anonymität.
Die Entbindung wohlhabender Frauen, welche die höchste Taxe -auch für die weitere Verpflegung ihrer Kinder - entrichteten, blieb völlig anonym. Die Namen dieser Frauen, die verschleiert zum Gebären kamen, fanden keinen Eingang in die Protokolle. Die meisten Frauen wurden in der Gratisklasse aufgenommen, die zugleich Klinik der Wiener Universität war. Sie mussten aber für die weitere Verpflegung ihrer Kinder eine Leistung erbringen. Sie hatten dem Gebärhaus für den Geburtshilfeunterricht und danach als Amme zur Verfügung zu stehen, mussten verschiedene Arbeiten im Haus verrichten, und mittels Armutsnachweis der Anstalt ihren Namen bekannt geben. Niemand war aber berechtigt ihren Aufenthalt und die Tatsache der Geburt zu erfahren.
Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang auf die Widersprüchlichkeit der Aufnahme: Der persönlichen Anonymität, die die Schande der unehelichen Mutterschaft verheimlichen sollte, stand die Preisgabe des weiblichen Körpers durch das Gebären vor männlichen Ärzten und Studenten gegenüber. Deutlich wird am Beispiel des Findelhauses auch die "Klasseneinteilung" der Frauen jenseits der Kategorie Geschlecht nach ihren finanziellen und folglich sozialen Möglichkeiten.
Die wirtschaftliche Dimension des Findelwesens wird weiters an den zur Verfügung stehenden Pflegemüttern sichtbar. Säuglinge sollten im Idealfall so rasch wie möglich zu einer Pflegefrau auf das Land gegeben werden. 1799 lag beispielsweise die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Kinder in der Anstalt bei nur 8 Tagen. Im Jahr 1881 nahm das Findelhaus 9.624 Kinder neu auf, das bedeutete einen durchschnittlichen Bedarf von 26 neuen Pflegeplätzen pro Tag; insgesamt musste die Anstalt in diesem Jahr Pflegeplätze für 36.364 Findlinge zur Verfügung stellen.
Die Rekrutierung der Pflegefrauen erfolgte über das Pflegegeld. Das niedrige Kostgeld motivierte aber nur arme Bevölkerungsschichten, einen Säugling in Pflege zu nehmen und aufzuziehen (nur im Waldviertel, Westungarn und Südböhmen, wo der Taglohn sehr niedrig war, erwies sich die Übernahme eines Kindes als lukrativ). In der Betreuung der Kinder wird ein weiterer Widerspruch der Anstalt augenfällig: Das Findelhaus appellierte ausschliesslich an das ökonomische Interesse der Pflegefrauen, forderte aber, dass sie sich der Kinder aus Menschenliebe annahmen, und beklagte gleichzeitig das mangelnde emotionale Interesse.
1872, vier Jahre nachdem die Anstalt von der niederösterreichischen Landesverwaltung übernommen worden war, forcierte die Verwaltung die Übergabe der Findelkinder in ihre Heimatländer, das heisst in die Länder, nach denen die Mutter zuständig war, damit die Kinder in ihrer Muttersprache erzogen wurden. Etwa für drei Jahrzehnte prägte die "Entnationalisierungs-Debatte" das Findelwesen. Pawlowsky argumentiert, dass diese Vorgangsweise nicht nur nationalistisch zu interpretieren, sondern auch vor dem Hintergrund der Heimatgesetzgebung, des Kostenersatzes und pragmatischen Gründen zu beurteilen sei. Nach dem Austritt aus der Findelanstalt mit der Erreichung des jeweiligen "Normalalters" wurden die Kinder wieder in die Heimatgemeinden zurücküberstellt. Dann sollten sie zumindest die Landessprache beherrschen - wenn sie auch sonst schon keinerlei Beziehung zu ihrem Zuständigkeitsort hatten. Am Beispiel Findelhaus werden somit auch die großen Unzulänglichkeiten der geltenden Heimatgesetzgebung sichtbar.
Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die ursprüngliche Funktion des Findelhauses wandelte, nahmen immer mehr Mütter ihre eigenen Kinder zu sich und erhielten Pflegegeld. Verheiratete Frauen suchten verstärkt das Gebärhaus auf. Diese Veränderungen im Umgang mit Geburt und Mutterschaft fanden vor dem Hintergrund der sogenannten "Entdeckung der Mutterliebe" statt. Das Gefühl der Schamhaftigkeit der ledigen Mütter löste nun immer mehr die "Mutterliebe" ab.
Die Findelkinder selbst zählten aufgrund ihres sozialen Status zu den Unterschichten. Hauptsächlich von Unterschichten-Müttern geboren, wurden sie von Unterschichten-Pflegemüttern erzogen und mit den Attributen der Armut versehen. Sie trugen wie andere Kostkinder zum Einkommen der Unterschichten bei und stellten die ländlichen Arbeitskräfte der Zukunft dar. Verena Pawlowsky ging auch der Frage nach, ob Pflege-Buben bessere Überlebenschancen als Pflege-Mädchen hatten, konnte aber keine eindeutigen geschlechtsspezifischen Unterschiede feststellen.
Die Ausführungen über die Kinder fallen im Vergleich mit anderen Kapiteln wie etwa Organisation im Haus, ein wenig kurz aus, was aber in der Natur der Quellenlage begründet ist. Auch enthält das Buch nur sehr verstreute Informationen über die rechtliche Stellung der Findelkinder. Die Autorin geht zwar neben der Heimatzuständigkeit auch kurz auf die Frage des Vormunds oder der Namensgebung ein, eine etwas geballtere, ausführlichere Erörterung dieser Fragen wäre jedoch wünschenswert.
Leider liegen zum Findelwesen so gut wie gar keine Selbstzeugnisse von Müttern und Findelkindern vor, die als Quelle für die emotionale Dimension der Thematik herangezogen werden könnten. Helmut Bräuer hat sich jüngst mit diesem Problem auf historisch-belletristische Weise auseinandergesetzt, indem er aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Quellen schöpfend "Findelgeschichten" in Form von Miniaturen verfasste. [1] Verena Pawlowsky kann das Quellen-Manko naturgemäss nicht beseitigen, sie befasst sich dafür kritisch mit zeitgenössischen Diskussionen über Gefühle. Vielleicht hätte das Herausgreifen einiger weniger beispielhafter "individueller Schicksale" die Auswirkungen von Veränderungen auf Einzelpersonen veranschaulicht.
Das Buch hält was schon der Titel verspricht: Mutter ledig -Vater Staat ist eine fundierte, vielschichtige und ansprechende Auseinandersetzung mit einem umfassenden Thema.
Anmerkung:
[1] Helmut Bräuer, Findelgeschichten. Miniaturen aus Kursachsen im 18. Jahrhundert Beucha: Sax-Verlag, 2001.
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Citation:
Sabine Veits-Falk. Review of Pawlowsky, Verena, Mutter ledig - Vater Staat: Das Gebär- und Findelhaus in Wien 1784-1910.
HABSBURG, H-Net Reviews.
June, 2002.
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