Isabel Roeskau-Rydel, Hrsg. Deutsche Geschichte im Osten Europas: Galizien, Bukowina, Moldau. Berlin: Siedler Verlag, 1999. 543 S. DEM 128.00 (gebunden), ISBN 978-3-88680-206-7.
Reviewed by Harald Heppner (Institut für Geschichte der Universität Graz)
Published on HABSBURG (April, 2001)
Ausblick hinter die Karpaten
Ausblick hinter die Karpaten
Dass die deutschen Einfluesse ueber viele Jahrhunderte das Entwicklungsprofil der Geschichte im oestlichen und suedoestlichen Europa nachhaltig beeinflusst haben, bezeugen nicht nur immer noch zahlreiche Spuren in den betreffenden Laendern, sondern auch unzaehlige Quellen und Studien. Die Historiographie aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg fuehrte vor allem zwei Argumente ins Treffen, die erklaeren sollten, weshalb dieser Einfluss so bedeutend sei: zum einen laege es an politischen Organisationskraeften wie z. B. der Habsburgermonarchie, die dieses oestliche "Mitteleuropa" erst hervorgebracht habe, zum anderen aber an den Deutschen selbst, die in den Laendern des oestlichen und suedoestlichen Europa eingesiedelt waeren.
Das Zeitalter des Zweiten Weltkrieges schlug andere Toene an: Nun war es die Ueberlegenheit des Menschen deutsch-germanischer Herkunft, der durch sein Wirken bleibende Anerkennung verdient habe. Die Lage nach Ende des Zweiten Weltkrieges - die Desavouierung alles Deutschen infolge der nationalsozialistischen Politik sowie die Beseitigung des bodenstaendigen deutschen Bevoelkerungselements -verbat fuer lange Zeit, jenes Thema in wissenschaftlich-serioeser Weise aufzugreifen, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, und erst nach Ablauf von eineinhalb Generationen machte sich die Einsicht breit, dass ein solcher Schleier die Frage nach der Vergangenheit auf die Dauer nicht behindern duerfe.
Dennoch gab erst der Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989/91 den Anstoss, auch in der Historiographie eine Wende herbeizufuehren. Gleich einem Dammbruch tauchten nun auf dem Buechermarkt Werke zum Thema "Deutsche" im oestlichen und suedoestlichen Europa auf, und gar manche Publikation offenbarte, dass es nicht leicht sei, sich von aelteren historiographischen Bildern zu loesen und an die komplizierte und zugleich heikle Materie neuartig heranzutreten. Den Bemuehungen um Genauigkeit - und sei es der lokalen Unterschiede - blieb die Praxis aktuell, das Thema nach historischen Regionen zu erfassen, so auch in jenem Band, den es vorzustellen gilt.
So einleuchtend und praktikabel eine solche Vorgangsweise auch sein mag, ist "deutsche Geschichte" nicht gleich "Geschichte der Deutschen". Die hiermit erneut zum Ausdruck kommende Fixierung auf Bevoelkerungsgruppen als Mediatoren von "Deutschem" verhindert, das Typische "deutscher" Geschichte zu erkennen, draengt jedoch auch in den Hintergrund, dass Gruppen nicht nur kraft ihrer Existenz die Geschichte mitbestimmen, sondern auch kraft ihrer Rolle auf dem Schachbrett der Politik und kraft des nichtdeutschen gesellschaftlichen Umfeldes. Deshalb hat es bei der Erforschung des Gesamtthemas bislang immer an zwei Maengeln gekrankt: einmal kamen strukturelle Aspekte zu kurz, das andere Mal wurden jene Ethnien ungenuegend beruecksichtigt, in deren Nachbarschaft jene Deutschen gelebt haben.
Das Vorwort der Herausgeberin laesst daher aufhorchen, wenn sie auf die gestalterische Kraft der Habsburgermonarchie hinweist (vor einem guten Jahrzehnt waeren solche Worte noch kaum aussprechbar gewesen, ohne nostalgische oder gar revisionistische Assoziationen zu erwecken), doch offenbart das Inhaltsverzeichnis, dass dem nichtdeutschen Umfeld bestenfalls kulissenhaft Rechnung getragen wird. Allerdings kann dem entgegengehalten werden, dass es hierzu auch noch kaum Forschungen gibt und dass der Umfang jeglicher Ergebnisse dann um ein Vielfaches zunaehme. Die heranwachsende Generation von Historikern der Nichtdeutschen wird jedoch nicht umhin koennen, frueher oder spaeter zur genauen Rekonstruktion der geschichtlichen Ablaeufe und Wirkungen auch der "deutschen" Facetten der "eigenen" Geschichte zu schreiten.
Der vorliegende Band betrifft Galizien, die Bukowina und die Moldau, also Gebiete, die ausserhalb der Karpaten liegen, aber deshalb nicht zur selben kulturellen oder politischen Tradition gehoeren. Das Gemeinsame der Teilkapitel ist somit geographisch und nicht anders definiert. Isabel Roeskau-Rydel, die schon mehrere Arbeiten in diese Richtung vorgelegt hat, bearbeitete den Abschnitt ueber Galizien, wogegen Emanuel Turczynski, der gegenwaertige Nestor der deutschsprachigen Bukowina-Forschung, den Abschnitt ueber die Bukowina und Hugo Weczerka den Abschnitt ueber die Moldau verfasst haben. Im folgenden soll es nicht darum gehen, die Eigenheiten der drei Abschnitte hervorzukehren, sondern das Gemeinsame der "deutschen Geschichte" des ausserkarpatischen Raumes in den Vordergrund zu ruecken.
Roeskau-Rydel setzt mit der Annexion Galiziens durch die Habsburgermonarchie im Jahre 1772 ein, und Vergleichbares tut auch Turczynski, wenn er von der Einbindung der Bukowina in die Sicherheitsgemeinschaft des Habsburgerreiches im Jahre 1774 schreibt. Den Ansatz bildet also die Aufrichtung einer in jenem Raum bis dahin neuen Obrigkeit und nicht das deutsche Bevoelkerungselement, das als eine der Folgen Galizien und die Bukowina zu kolonisieren begann. Weczerkas Ausfuehrungen ueber die Moldau fungieren als Ergaenzung in geographischer, nicht jedoch in chronologischer Hinsicht, denn die deutschen Spuren im rumaenischen Fuerstentum Moldau gehen bereits auf das Spaetmittelalter zurueck, als einheimische Herrscher diejenigen Rahmenbedingungen schufen, die den Zuzug deutscher Kolonisten und vor allem das nun hochkommende Staedtewesen beguenstigt haben. Hierbei wird auch ersichtlich, dass "deutsche Geschichte" auch organisatorische Facetten haben kann, denn insbesondere das staedtische Recht, Handwerkspraktiken und aehnliches waren letztlich - auch wenn mit dem vorhandenen deutschen Bevoelkerungselement verbunden - ein struktureller Import. Der zeitliche Bogen der Deutsch-Moldauer endet in der fruehen Neuzeit, also noch vor jenem Zeitalter, in dem in der benachbarten Bukowina und in Galizien ein Neuanfang gemacht worden ist.
In der Darstellung der "deutschen Geschichte" im Falle Galiziens steht fuer die Zeit bis 1848 das steuernde Element von aussen - die Wiener Politik - stark im Vordergrund, und auch im Falle der Bukowina ist mehr von der deutschen "Ordnung" in der Region als von dem diese Ordnung mittragenden deutschen Bevoelkerungsteil die Rede. Zur Praezisierung des Spektrums, was "deutsche Geschichte" bedeutet, wird auch das juedische Element behandelt, das sich, obwohl konfessionell abgegrenzt, sukzessive der deutschen Kultur angenaehert hat und als zweites deutschsprachiges Element im Lande der "deutschen Geschichte" zu einer breiteren Basis verhalf. Dem Verlauf der Geschichte in den beiden benachbarten Provinzen entsprechend scheidet sich das historiographische Bild ueber die Zeit nach 1848, denn mit den erneuernden Massnahmen jenes Zeitalters geriet das deutsche Element in Galizien gegenueber dem polnischen allmaehlich ins Hintertreffen, wogegen die polyethnische Situation in der ungleich kleineren Bukowina der deutsch gepraegten Verwaltung, der deutschen Sprache und den Deutschen selbst eine gestaerkte Position verliehen hat.
Diese Prozesse sind, auch wenn hier mit neuerer Literatur unterfuettert, in grossen Zuegen bereits bekannt gewesen. Umso nuetzlicher ist jedoch die Darstellung der Zeit nach 1918, da jene in der bisherigen Geschichtsschreibung weit weniger praesent geworden ist. Als fuer die Zusammenhaenge wichtig kehrt Roeskau-Rydel den Ersten Weltkrieg hervor, waehrend dessen etliche Deutsche und Juden dem Lande den Ruecken kehrten und sich auch die Wiedererrichtung Polens anbahnte. Folgerichtig kommen danach zwei Kapitel ueber die Deutschsprachigen in Kleinpolen: das eine betreffs die Zeit bis 1939, das andere betreffs die Zeit bis 1945. Waehrend in ersterem hauptsaechlich die konfessionelle Schiene des Zusammenhalts der Restdeutschen zur Sprache kommt, enthaelt das zweite Kapitel die Aussiedlung der Deutschen sowie die Vernichtung der galizischen Juden unter der nationalsozialistischen Herrschaft.
Andere Akzente setzt Turczynski. Er beleuchtet die spaeten Jahrzehnte in der Donaumonarchie vor allem aus dem Blickwinkel organisatorischer Gesichtspunkte, die mit Deutschem (und nicht nur mit Deutschen) in Verbindung standen. Vor diesem Hintergrund wird der Entwicklungsbruch von 1918 verstaendlicher, weil nun nicht nur die Deutschen und Juden in einen prekaeren Minderheitenstatus gerieten, sondern auch die "deutsche Ordnung" im Lande insgesamt ihr Ende genommen hat.
Des Ansatzes, die beiden behandelten Regionen in puncto "deutscher Geschichte" nicht getrennt voneinander zu bearbeiten, bediente sich die polnische Germanistin Maria Klanska, die den bisher genannten Kapiteln einen Beitrag folgen laesst, der sich mit der deutschsprachigen Literatur in Galizien und der Bukowina auseinandersetzt. Als darstellerische Zaesuren figurieren die Jahre 1848 und 1918. Daraus ist zu entnehmen, dass nach 1772 erst langsam mit dem Wachstum deutscher Bildung auf ehemals polnischem Boden die Pflege deutscher Sprache und Literatur in Gang gekommen ist. Ein regelrechter Aufschwung zeichnete sich erst ab, als das juedische Element staerker in den Vordergrund rueckte und die Traegerschaft verbreiterte (Leopold von Sacher-Masoch, Karl Emil Franzos, Joseph Roth und viele andere). Besonders reich erwies sich die Zeit nach 1918 in der Bukowina, wo erst nach dem Hoehepunkt der politisch-wirtschaftlichen Bluete der literarisch-kulturelle Hoehepunkt der deutschsprachigen Literatur einsetzte und ein Echo erzeugte, das im Gegensatz zu frueheren Phasen der Literaturentwicklung bis ins 21. Jahrhundert angehalten hat (die juengst in Dresden uraufgefuehrte Oper Celan bezieht sich auf den bukowinischen Dichter Paul Celan/Ancel).
Fragt man nach dem Stellenwert dieses in solider Ausstattung (auch Bilder und Karten) erschienenen Teiles der Gesamtserie Deutsche Geschichte im Osten Europas, koennen zwei Antworten gegeben werden. Sieht man von der Bukowina ab, die aus verschiedenen Gruenden in den letzten Jahren mehr historiographische Aufmerksamkeit erregt hat, besteht das Verdienst des vorliegenden Bandes in dem verbesserten und aktualisierten Zugang zur "deutschen Geschichte" in Galizien und in der Moldau. Assoziiert man mit "deutscher Geschichte" jedoch etwas, das sich aus dem Vergleich mit andersartiger Geschichte ergibt, fehlt es sowohl am theoretischen Ansatz als auch an den forscherlichen Vorarbeiten. Allein diese Erkenntnis weist der Serie Bedeutung zu: Auch wenn das aeusserliche Volumen ziemlich unhandlich ist, fasst sie das Thema zusammen bzw. ergaenzt es da und dort, hinterlaesst jedoch den Eindruck, dass "deutsche Geschichte" auf einer Meta-Ebene neu aufzurollen sein wird.
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Citation:
Harald Heppner. Review of Roeskau-Rydel, Isabel; Hrsg., Deutsche Geschichte im Osten Europas: Galizien, Bukowina, Moldau.
HABSBURG, H-Net Reviews.
April, 2001.
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