Maria Heidegger. Soziale Dramen und Beziehungen im Dorf. Das Gericht Laudegg in der frÖ¼hen Neuzeit--eine historische Ethnographie. Innsbruck und Wien: Studien Verlag, 1999. 368 S. DM 54.80 (gebunden), ISBN 978-3-7065-1387-6.
Reviewed by Stephanie Marra (Historisches Institut der Universität Dortmund)
Published on (February, 2001)
Devianz im dörflichen Kontext der Frühen Neuzeit
Devianz im doerflichen Kontext der Fruehen Neuzeit
Als 1582 im Dorf Serfaus in Tirol die alljaehrliche anteilige Verlosung von Kaese und Schmalz stattfand, konnte niemand aus dem Dorf erahnen, dass sich daraus ein fuer zahlreiche EinwohnerInnen schwerwiegender Konfliktfall mit langfristigen Auswirkungen entwickeln wuerde. Der Kaeseanteil des bei der Verlosung nicht anwesenden Peter Pranndvogl wurde von einer/einem der Anwesenden unerlaubt an sich genommen und kam nicht mehr zum Vorschein. In Verdacht geriet die aus einem anderen Ort zugezogene Anna Kirschnerin, die den Kaeseanteil angeblich fuer den Abwesenden in Empfang genommen, ihn jedoch nicht an ihn abgeliefert hatte. In einem engen Geflecht aus Vorwuerfen, Bezichtigungen, Ehrabschneidungen und "Augenzeugenberichten" gelangte der undurchsichtige Fall vor Gericht. Das ueberlieferte Quellenmaterial praesentiert zwar schlussendlich nicht den wahren Taeter bzw. die wahre Taeterin und auch nicht den verlorenen Kaeseanteil, als vielmehr einen Einblick in die verschiedenen miteinander verwobenen Konfliktebenen und Schauplaetze der doerflichen "Buehne", die die Plattform fuer dieses singulaer beschriebene fruehneuzeitliche "Sozialdrama" bildet. Der Konflikt, der sich von der Alm in die doerflichen Gassen und Haeuser und schliesslich in den Gerichtssaal verlagerte, zeigt neben der Marginalisierung von im Dorfgefuege nicht gefestigten Personen vor allem auch die potentiellen und realen Raeume und Ebenen der Konflikte auf, die sich in der Enge der Doerfer, der Nachbarschaft und der Familie sowie innerhalb der geschlechtsspezifischen Handlungsfelder abspielten.
Dieses und zahlreiche weitere "dicht beschriebene" Fallbeispiele, die den potentiellen Konfliktraeumen Ehe, Verwandschaft, Nachbarschaft und Gemeinschaft entnommen sind, werden in Maria Heideggers 1998 als Dissertation und 1999 als Publikation vorgelegten Studie vorgestellt. Die Arbeit versteht sich nach Bekunden der Verfasserin als Mikrostudie ueber den Tiroler Gerichtsbezirk Laudegg in den Jahren zwischen 1581 und 1595. Die Zugangsweisen der Historischen Anthropologie und der Historischen Ethnologie fuehren die Verfasserin dicht an die sozialen Handlungsraeume und alltaeglichen Konfliktfelder von Frauen und Maennern heran.
Der erste Abschnitt dieser in zwei groessere Teile gegliederten Publikation befasst sich mit der theoretischen Verortung der Arbeit an der Schnittstelle zwischen Anthropologie, Soziologie und Ethnologie. Auch wenn die theoretische Konzeptionalisierung eine interessante Einfuehrung in die genannten Bereiche bietet, irritieren doch ein wenig die von den Fallbeispielen im zweiten Buchteil isolierten theoretischen Grundlagen. Hier waere beispielsweise eine Straffung der seit einigen Jahren eigentlich als bekannt vorauszusetzenden Informationen zur Historischen Anthropologie sicherlich sinnvoller gewesen. [1]
Im Anschluss an die ausfuehrliche Darstellung der verschiedenen miteinander verbundenen Zugangsweisen skizziert die Verfasserin anhand von Reiseberichten und Landschaftsbeschreibungen des 18. und 19. Jahrhunderts die soziale Landschaft des Niedergerichts Laudegg. So interessant und nutzbringend diese Ausfuehrungen und Einblicke in die "Beschreibungen und Panoramen der 'Wirklichkeit'" (S. 42) auch sind, muss dennoch festgestellt werden, dass gerade dieses Uebermass an Informationen dem Verstaendnis und dem inhaltlichen Aufbau der Publikation abtraeglich ist - zu sehr wird die Leserin/der Leser von dem eigentlichen Untersuchungsbereich entfuehrt. Fuer das nachfolgend weitestgehend demographisch orientierte Kapitel "Die soziale Landschaft Gericht Laudegg in der Fruehen Neuzeit" (S. 52-124) sind diese Informationen allerdings von grosser Wichtigkeit. Hier nimmt die Verfasserin zwei Orte der zwischenmenschlichen Interaktion, die "Gemeinde" und die "Nachbarschaft" dezidiert in den Blick, um die sozio-oekonomischen Rahmenbedingungen fuer die nachfolgenden Fallgeschichten im zweiten Teil ihrer Publikation auszuloten.
Erst im vierten und letzten Kapitel des ersten Teils, das der Verfasserin zufolge als "eine Art Gelenkstelle zwischen den zwei groesseren Abschnitten dieser historischen Ethnographie" fungiert, richtet sich ihr Blick eher beilaeufig und kursorisch auf die Quellenbasis ihrer Untersuchung, die sich aus Gerichtsakten der niederen Gerichtsbarkeit zusammensetzt. Es folgt ein "Blick zurueck" auf das bisher Gesagte - eine wichtige Zusammenfassung fuer die Leserin/den Leser, die/der mitunter dazu neigen mag, den Faden der Untersuchung zu verlieren.
Im zweiten grossen Abschnitt der Studie befasst sich die Autorin mit den zahlreichen konkreten sozialen Konfliktfaellen, die sich um 1600 in den elf Gemeinden des Niedergerichts Laudegg abgespielt haben. Das Spektrum reicht, neben weiteren Themen, von Ehekonflikten, familiaeren Auseinandersetzungen, hin zu geschlechtsspezifisch verorterter Devianz in Form von Schadenszauber und Raufhaendeln. Die Fallbeispiele werden in einer dicht beschriebenen Abfolge vorgestellt und hinsichtlich der Zugangsweisen und der im ersten Teil der Untersuchung erarbeiteten Thesen analysiert. Die sich daraus ergebende Rekonstruktion des doerflichen Alltags sowie des Beziehungsgeflechts zwischen den Menschen, den Geschlechtern, zwischen Obrigkeiten und den vielzitierten "kleinen Leuten" vermittelt einen spannenden, detailreichen und erstaunlich tiefen Einblick in das soziale Handlungsumfeld und in die Interaktionsebenen des Untersuchungsraumes. [2]
Zusammenfassend laesst sich festhalten, dass die umfangreiche Publikation von Maria Heidegger eine Fuelle an detailliert beschriebenen Fallbeispielen umfasst - die Autorin vermochte es, die in die Konfliktsituationen involvierten Personen "sprechen" zu lassen. Dass sie dabei nicht nur rein deskriptiv vorgeht, sondern die "Sozialdramen" einer sorgfaeltigen und kritischen Analyse unterzieht, haengt natuerlich auch mit ihrer methodischen Zugangsweise zusammen, die sich an der Schnittstelle zwischen Historischer Anthropologie und Historischer Ethnologie bewegt. Paradoxerweise sind die Staerken des Buches auch gleichzeitig seine groessten Schwaechen - die Publikation vermittelt aufgrund der Informationsfuelle auch den Eindruck einer nur geringfuegig ueberarbeiteten Version der Dissertation fuer die Drucklegung.
Im wahrsten Sinne deplaziert wirken jedoch die "Stimmen zu diesem Buch", die noch vor der Inhaltsuebersicht der Publikation gewissermassen als Vorweg-Rezensionen positioniert sind. Hier werden die durchweg positiven Meinungen der fachlichen Betreuer und akademischen LehrerInnen der Verfasserin zitiert, denen sich die Rezensentin gleichwohl in weiten Teilen anschliessen kann. Dennoch muss angemerkt werden, dass solche "Vorschusslorbeeren" - zumal zu Beginn einer Arbeit - befremdlich wirken, da sie den Rezensionsfluss hemmen und vor Augen fuehren, welche positiven Aspekte der Publikation einer potentiellen mitunter auch negativen Kritik gegenueberstehen. Die letztgenannte kritische Anmerkung soll natuerlich nicht ueber die Vorzuege dieser qualitativ und quantitativ anspruchsvollen Publikation hinwegtaeuschen.
Anmerkungen:
[1]. Vgl. beispielsweise den kuerzlich erschienenen zusammenfassenden Ueberblick von Richard van Duelmen, Historische Anthropologie. Entwicklung - Probleme - Aufgaben (Koeln-Weimar-Wien: Boehlau, 2000).
[2]. Aehnlich tiefe Einblicke in den Bereich des alltaeglichen Lebens- und Konfliktumfeldes vermittelten in den 1980er und 1990er Jahren verschiedene Arbeiten. So z.B. die Habilitationsschrift von Regina Schulte, Das Dorf im Verhoer. Brandstifter, Kindsmoerderinnen und Wilderer vor den Schranken des buergerlichen Gerichts. Oberbayern 1848-1910 (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1989) sowie die Dissertationen von Olivia Hochstrasser, Ein Haus und seine Menschen 1549-1989. Ein Versuch zum Verhaeltnis von Mikroforschung und Sozialgeschichte (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universitaet Tuebingen 80, Tuebingen: Tuebinger Vereinigung fuer Volkskunde, 1993), Sabine Kienitz, Sexualitaet, Macht und Moral. Prostitution und Geschlechterbeziehungen Anfang des 19. Jahrhunderts in Wuerttemberg. Ein Beitrag zur Mentalitaetsgeschichte (Zeithorizonte 2, Berlin: Akademie-Verlag, 1995) und Ralf-Peter Fuchs, Um die Ehre. Westfaelische Beleidigungsprozesse vor dem Reichskammergericht 1525-1805 (Forschungen zur Regionalgeschichte 28, Paderborn: Schoeningh, 1999).
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Stephanie Marra. Review of Heidegger, Maria, Soziale Dramen und Beziehungen im Dorf. Das Gericht Laudegg in der frÖ¼hen Neuzeit--eine historische Ethnographie.
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