Julien Reitzenstein. Himmlers Forscher: Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im „Ahnenerbe“ der SS. Paderborn: Schöningh, 2014. 415 S. (gebunden), ISBN 978-3-506-76657-1.
Reviewed by Sören Flachowsky
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2016)
J. Reitzenstein: Himmlers Forscher
Am 22. Dezember 1942 informierte der Anatom Prof. Dr. August Hirt seine vorgesetzte Dienststelle über die unter seiner Leitung durchgeführten Lost-Versuche im Konzentrationslager Natzweiler, die einen Tag zuvor ihr erstes Todesopfer gefordert hatten. „Die Versuche in Natzweiler“, so Hirt, seien „jetzt im Gange. Der neue Stoff hat nun endlich gefunkt und zwar überraschend gut. Die Bilder sind schon toll.“ (S. 141) Der Empfänger dieses Schreibens war Wolfram Sievers, Geschäftsführer jener Dienststelle, die seit dem Nürnberger Ärzteprozess als Synonym für die Medizinverbrechen der NS-Zeit steht und die der Gegenstand der hier vorzustellenden Arbeit ist – des „Ahnenerbe“ der SS.
Reitzenstein befasst sich in seinem Buch, das auf eine Dissertation an der Universität Düsseldorf zurückgeht, mit der Genese des „Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ (IWZ), das aus dem „SS-Ahnenerbe“ hervorging, und stößt damit in das bisher weitgehend unbekannte Zentrum einer entgrenzten Wissenschaft vor. Während das „Ahnenerbe“ in den letzten Jahrzehnten immer wieder im Fokus der Forschung stand, fehlte in der Tat bislang eine Untersuchung des IWZ. Erinnert sei nur an die unübertroffene Studie von Michael H. Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS 1935–1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, 3. Aufl. München 2001 (1. Aufl. Stuttgart 1974).
Zu Recht verweist Reitzenstein auf Mängel in der Forschungsliteratur. Wenn er aber damit sein Vorgehen begründet, seine Untersuchung „beinahe ausschließlich aufgrund von Quellen zu erarbeiten und ein „Kompendium“ vorzulegen, „in welchem sämtliche verfügbaren Quellen Berücksichtigung“ finden (S. 9), formuliert er einen nur schwer einzulösenden Anspruch.
Obwohl sich nur ein kleiner Teil des Buches der Entstehung und Struktur des „Ahnenerbes“ widmet, kann Reitzenstein hier neue Befunde vorlegen. So wird die immer wieder aufgestellte Behauptung widerlegt, dass Reichsbauernführer Darré zu den Gründungsmitgliedern des Vereins gehörte (S. 26). Vor allem weist Reitzenstein im Hinblick auf die Finanzierung des „Ahnenerbes“ nach, dass es einen Großteil seiner Mittel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhielt. Die 1942 erfolgte Aufwertung des Ahnenerbes zum „Amt A“ im Stab des Reichsführers SS bedeutete zudem eine finanzielle Entlastung, da es nun über das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt finanziert wurde. Neu ist auch der Blick auf die Liegenschaften des Ahnenerbes in Berlin-Dahlem, die es sich zum Teil durch dubiose Geschäftspraktiken aneignete und dabei auch von „Arisierungen“ profitierte. (S. 270–287).
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs stellte das Ahnenerbe vor ernste Probleme, denn seine geisteswissenschaftliche Ausrichtung ermangelte jeglicher „Kriegswichtigkeit“. Die Folge war, dass Sievers nach neuen Forschungsschwerpunkten suchte, um seinen Bestand zu sichern. Diese erblickte er auf dem Gebiet der „Wehrwissenschaften“, denen ein eigens dafür zu gründendes „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ entsprechen sollte. Beim Aufbau der neuen Strukturen ging Sievers allerdings keineswegs systematisch vor, sondern ließ sich von Zufällen und persönlichen Interessen Himmlers leiten. Doch war die medizinische Schwerpunktlegung nicht unbegründet, denn neben der Behandlung von Kriegsverletzungen zwangen vor allem hygienische Probleme an der Front und in den Konzentrationslagern zu neuen Wegen medizinischer Prophylaxe. Allerdings blendet Reitzenstein aus, dass Sievers kaum andere Alternativen offenstanden, als sich auf dem Gebiet der medizinischen Wehrforschung zu etablieren, da die kriegs- und rüstungsrelevante Forschung von den auf Hochtouren laufenden Netzwerken der Hochschul- und Ressortforschungsbereiche bereits abgedeckt war und das Ahnenerbe aufgrund seiner bis dahin einseitigen Ausrichtung schlichtweg den Anschluss verpasst hatte.
Im Mittelpunkt des Buches stehen die zehn Abteilungen des IWZ, wobei sich Reitzenstein weniger auf die im Institut betriebenen Forschungen, als vielmehr auf den Auf- und Ausbau seiner Abteilungen, seine Vernetzungen und die damit zusammenhängenden SS-internen Entscheidungsprozesse konzentriert. Kaum eine der Abteilungen – von denen faktisch nur sechs arbeiteten – produzierten „verwertbare Ergebnisse“. (...) Siehe Redaktionsnotiz. Gleichwohl fördert er neue, wichtige Befunde zu Tage: So holt er nicht nur die Opfer der Lost-Versuche Hirts aus der namentlichen Anonymität (S. 135–139), sondern skizziert auch die Hintergründe, die zur Entstehung der berüchtigten „Schädel- und Skelettsammlung“ an der Reichsuniversität Straßburg führten (S. 114–117, 126f.).
Insgesamt gelangt Reitzenstein in zum Teil nicht ganz schlüssiger Anlehnung an neuere theoretische Konzepte zur „neuen Staatlichkeit“ des NS-Systems Vgl. Rüdiger Hachtmann / Winfried Süß (Hrsg.), Hitlers Kommissare. Sondergewalten in der nationalsozialistischen Diktatur, Göttingen 2006; Sven Reichardt / Wolfgang Seibel (Hrsg.), Der prekäre Staat. Herrschen und Verwalten im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2011. zu dem Befund, dass Sievers einer jener „Schnittstellenmanager“ des NS-Wissenschaftssystems war, die ihrer Führung eilfertig zuarbeiteten und dabei eine zum Teil mörderische Dynamik freisetzten. Der „strukturelle Erfolg“ bei der Etablierung des IWZ sei „in seiner Personalisierung auf die Person Sievers’ begründet“ gewesen und habe den Ausschlag dafür gegeben, dass sich das Institut Ende 1944 „auf einem guten Wege“ befand, „eine etablierte Forschungseinrichtung“ zu werden. Durch seine Kompetenzen als Sonderkommissar Himmlers habe sich damit gleichzeitig Sievers’ „Machtposition innerhalb der SS“ soweit ausgedehnt, dass er sich nicht nur gegenüber seinen Konkurrenten Oswald Pohl und Ernst-Robert Grawitz, sondern sogar gegenüber Himmler und der SS „emanzipiert“ habe. Dies sei nicht zuletzt darauf zurückzuführen gewesen, dass Sievers seit 1943 auch „einflussreiche“ Ämter außerhalb des Ahnenerbes – so etwa im Reichsforschungsrat (RFR) – eingenommen und auf diese Weise schließlich die „Wehrforschung des Deutschen Reiches“ koordiniert habe (S. 261, 302–307).
Diese Sicht bedarf jedoch einer deutlichen Korrektur. Schon einleitend überzeichnet Reitzenstein die Bedeutung des Ahnenerbes, wenn er schreibt, dass „dessen Ideologisierung zur Radikalisierung einer ganzen Generation“ beigetragen habe (S. 10). Sievers war auch kein „weit über das Ahnenerbe hinaus mächtiger Wissenschaftsmanager“ (S. 41). Zwar verfügte Sievers über enge Beziehungen zum DFG-Präsidenten und Amtschef Wissenschaft im Reichserziehungsministerium, SS-Brigadeführer Rudolf Mentzel. Aber daraus ist kaum abzuleiten, dass er den Reichsforschungsrat „mit geführt“ (S. 256) habe. Die Ernennung Sievers’ zum „Vize-Chef des Reichsforschungsrates“ war vielmehr ein Zugeständnis des Reichserziehungsministeriums an Himmler, um die Position Mentzels im RFR abzusichern, dessen eigene Machtstellung zwischenzeitlich zur Disposition stand. Tatsächlich war das Ahnenerbe von der Gunst Mentzels abhängig, der Himmlers Forschungsgemeinschaft und damit auch Sievers zur Absicherung seiner eigenen Machtstellung (be-)nutzte. Reitzenstein konstatiert selbst, dass Sievers lediglich „im Vorzimmer der Macht“ gesessen habe (S. 51).
Die Beispiele Karst- und Züchtungsforschung sowie Pflanzengenetik machen deutlich, dass das IWZ als Konstrukt diente, Forschungen und Forschungsstätten des Ahnenerbes das Etikett „kriegswichtig“ zu verleihen. Das hatte eine institutionelle Aufblähung des Ahnenerbes zur Folge, dass bis 1945 fünfzig Forschungsstellen umfasste (S. 82). Da einige seiner Abteilungen bereits vor der offiziellen Gründung des Instituts bestanden, entsteht vielmehr der Eindruck, dass das Institut lediglich einen virtuellen Dachverband darstellte, unter dem die wehrwissenschaftlichen Abteilungen des Ahnenerbes zusammengefasst wurden. Dies würde auch erklären, warum Sievers nie zum Direktor des IWZ ernannt wurde (S. 349, Anm. 745).
Problematisch ist Reitzensteins Behauptung, dass Sievers nie letale Humanversuche gefordert und „‚nur‘ an zwei Stellen“ potentiell todbringende Maßnahmen forciert habe (S. 61). Entgegen der Aussage: „Es gibt keinen Hinweis, dass Sievers Menschenversuche gefordert hätte, sofern es Alternativen gab“ (S. 223), finden sich in Reitzensteins Buch zahlreiche Belege dafür, dass Sievers letale Humanversuche forcierte, koordinierte und finanzierte (S. 89f., 92, 120f., 122f., 129f., 150, 155f.) und sogar einigen Versuchen persönlich beiwohnte (S. 173, 177f.). Der Befund, dass mit dem Ausscheiden von Sigmund Rascher aus dem Ahnenerbe „keine letal angelegten oder besonders grausamen Versuche“ im IWZ dokumentiert sind, muss nicht zwingend mit der Person Sievers’ zusammenhängen. Himmler selbst hatte am 15. Mai 1944 verfügt, „dass ärztliche Versuche, welche in Konzentrationslagern durchgeführt werden, mit sofortiger Wirkung ausnahmslos“ seiner persönlichen Genehmigung bedurften, was Sievers’ autonomes Handeln weitgehend einschränkte. Rundschreiben des Reichsführers-SS, 15.05.44, BArch Berlin, R 26 III/729, unp.
Ungewollt belegt das Buch „Himmlers Forscher“ die in ihrer wissenschaftspolitischen und fachlichen Bedeutung stark limitierte Wirkung des „SS-Ahnenerbes“ im NS-Wissenschaftsbetrieb, das mit seinen im IWZ durchgeführten Versuchen, „wirtschaftliche Mangelgüter“ herzustellen und damit das Prestige Himmlers zu steigern, nicht reüssierte. Die Forschungen über Steppenpferde, Insekten, Rostschutzmittel, Kartoffelbrei, Impfstoffe, Blutstillmittel, Lost- und Phosgen-Therapien gingen nicht auf eine stringente Planung zurück. Die Ergebnisse der Forschungen waren mehr als bescheiden und wurden namentlich im Falle von Hirt, Rascher, Bickenbach und Haagen – allesamt Aushängeschilder des Instituts – mit verbrecherischen Menschenversuchen erzielt.
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Citation:
Sören Flachowsky. Review of Reitzenstein, Julien, Himmlers Forscher: Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im „Ahnenerbe“ der SS.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2016.
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