Joseph Mileck. Zum Exodus der RumÖ¤niendeutschen. Banater Sanktmartiner in Deutschland, Ö?sterreich und Ö?bersee. New York: Peter Lang, 1999. 367 S. DM 118,00 (gebunden), ISBN 978-0-8204-4446-8.
Reviewed by Rainer Ohliger (Humboldt-Universität Berlin)
Published on HABSBURG (August, 2000)
Minderheit und Migration:
Im Prozess der ethnischen Entmischung Ostmittel- und Osteuropas im Laufe des 20. Jahrhunderts spielte die Abwanderung, Flucht und Vertreibung der deutschen Minderheiten eine bedeutende Rolle. Im historischen Gedaechtnis der Deutschen ist das unmittelbare Nachkriegsgeschehen, die Flucht und Vertreibung von ca. 12 Millionen Deutschen und Angehoerigen deutscher Minderheiten aus den ehemals deutschen Ostgebieten, aus der Tschechoslowakei, aus Jugoslawien, aus Polen und aus Ungarn schon aus innenpolitischen Gruenden ein nicht zu uebersehender Faktor. Die politische, soziale und kulturelle Praesenz der Vertriebenen und Fluechtlinge war in der (bundes)deutschen Gesellschaft von Anfang an unuebersehbar. Nicht zuletzt die Organisation der Vertriebeneninteressen in Parteien und Verbaenden seit der fruehen Nachkriegszeit bestimmte die Wahrnehmung der Oeffentlichkeit.
Diese Binnenperspektive wie auch die Beruehrungsaengste der deutschen Oeffentlichkeit nach 1945 mit dem Thema deutsche Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa verdeckte allerdings, dass es trotz Flucht und Vertreibung auch noch nach 1945 eine gewisse Kontinuitaet deutscher Minderheitenexistenz gab. Dies traf insbesondere fuer die Sowjetunion und Rumaenien, zum Teil auch fuer Polen zu. Waehrend die deutschen Minderheiten der UdSSR allerdings 1941/42 innerhalb der Sowjetunion deportiert und dann zum groessten Teil zwangsassimiliert wurden sowie jenen Polens bis 1990 die Anerkennung von Minderheitenrechten vorenthalten wurde, lag der Fall Rumaeniens anders. Trotz ethnischer Diskriminierung, Enteignung und interner Zwangsmassnahmen wurde in diesem Fall eine staerkere Kontinuitaet gewahrt, da - zwar unter den ideologischen Vorgaben und der Kontrolle des kommunistischen Staates, aber dennoch - ein gewisses Mass an kultureller Autonomie der deutschen Minderheiten (Schulwesen, Presse, Vereine und Kirchen) bestehen blieb. Siebenbuerger Sachsen und Banater Schwaben, die beiden bedeutenden deutschsprachigen Minderheiten Rumaeniens, konnten auch nach 1945 einen Teil ihrer Traditionen, ihrer Kultur und ihrer Sprache bewahren.
Aus dem Schatten des Vergessens traten diese deutschen Minderheiten erst wieder mit ihrer zunehmenden und endgueltigen Aufloesung, sprich mit der Auswanderung aus Rumaenien, Polen und der UdSSR bzw. deren Nachfolgestaaten in den letzten 25 Jahren. Seit Mitte der siebziger Jahre stieg die Zahl der als Aussiedler in die Bundesrepublik zuwandernden Personen kontinuierlich an. In den 70er Jahren nahm erst die Zahl der Zuwanderer aus Rumaenien, seit Mitte der 80er die der aus Polen und seit Beginn der 90er Jahre vor allem jener aus der UdSSR bzw. ihrer Nachfolgestaaten drastisch zu, so dass sich die Gesamtzahl der deutschstaemmigen Zuwanderer zwischen 1975 und 1999 auf knapp 3,3 Millionen Personen belief.[1]
Der Auswanderung der Rumaeniendeutschen, die ca. 11,5 Prozent (380.000 Personen) der in diesem Zeitraum in die Bundesrepublik eingewanderten ethnischen Deutschen ausmachten, widmet sich das vorliegende Buch von Joseph Mileck Zum Exodus der Rumaeniendeutschen. Anhand einer Mikrostudie des banat-schwaebischen Dorfes Sanktmartin unweit der rumaenisch-ungarischen Grenze wird der Aufloesungs- und Auswanderungsprozess anhand von insgesamt 44 Einzelfaellen retrospektiv aufgezeigt. Die Studie bildet den (bislang) letzten Teil der vierbaendigen Geschichte des Dorfes, die seit den fruehen achtziger Jahren von Auswanderern selbst geschrieben wurde.[2] Sie reiht sich also in den Zyklus einer gross angelegten Heimatgeschichte ein, wie sie allerorten von Heimatvereinen, gutwilligen Volksschullehrern im Ruhestand und anderen Vertretern der petty intelligentsia fuer ein meist lokal recht begrenztes Publikum mit entsprechenden legitimatorischen Beduerfnissen verfasst wird.
Der vorliegende Band hebt sich von dieser Art meist unbedarfter Heimatgeschichtsschreibung wohltuend ab. Er ist zwar von einem Betroffenen, naemlich einem in die USA emigrierten Banater Schwaben aus Sanktmartin verfasst worden, doch bringt der Autor als renommierter Literatur- und Sprachwissenschaftler der University of California, Berkeley ein hohes Mass an Expertise und vor allem die noetige kritisch- wissenschaftliche Distanz mit, um die Untiefen einer hagiographischen Darstellung geschickt zu umschiffen.
Dies zeigt sich gleich zu Beginn des Buches, in der siebzigseitigen Einfuehrung, in der die Geschichte der Migration der deutschen Minderheit aus Sanktmartin in den internationalen Kontext gestellt wird und eine zwar im Inhalt nicht neue, dafuer aber insgesamt gelungene Gesamtdarstellung von der Ansiedlung der Banater Schwaben im 18. Jahrhundert bis zur Auswanderung im 20. Jahrhundert geliefert wird. Mit Rueckgriff auf die juengste Migrationsforschung und ihrer Publikationen wird dabei eine Analyse der Situation geliefert, die zwar der sozialen Wirklichkeit durchaus gerecht wird, von Angehoerigen deutscher Minderheiten und von Aussiedlern oft dennoch nicht geteilt wird: Die Zuwanderung von Aussiedlern wird hier nicht als Spezialfall, sondern im Zusammenhang der deutschen Einwanderungsgeschichte und der deutschen Einwanderungsgesellschaft betrachtet. Die amerikanisch gepraegte Perspektive des Autors ist dabei unverkennbar.
Im Detail laesst sich allerdings ueber einige Aussagen in der Einfuehrung des Autors streiten. Vor allem terminologisch herrscht eine gewisse Unschaerfe vor, die sich wohl aus dem Standort des Betrachters als in die USA ausgewanderter Banater Schwabe, der seit Jahrzehnten nicht im deutschen Sprachraum beheimatet ist und als Sprachwissenschaftler, der der professionellen Migrationsforschung eher fern steht, erklaert. So werden die in die Bundesrepublik zugewanderten Aussiedler einmal irrtuemlich unter die sieben Millionen Auslaender bzw. Arbeitsmigranten gezaehlt (S. 1), ein anderes Mal werden die sieben Millionen Auslaender richtigerweise separat von Aussiedlern ausgewiesen, so wie es die deutsche Statistik und Gesetzeslage vornimmt (S. 30). Oder es wird behauptet, dass die meisten Asylbewerber in den 90er Jahren in Deutschland verblieben (S. 31), was nachweislich nicht zutrifft.
Auch an anderer Stelle wuenschte man sich gelegentlich eine etwas modernere bzw. weniger quellennahe Sprache, so etwa wenn Begrifflichkeiten wie "Rassenpolitik" (S. 21) fuer die ungarische Assimilationspolitik des 19. Jahrhunderts, die ueberholten Topoi der "Sprachinsel" (S. 15) sowie der "Umvolkung" (S. 18) oder die essentialistischen Termini "Volksstamm" oder "Deutschtum" in einer zwar nicht ideologischen, aber dennoch wenig reflektierten Art und Weise gebraucht werden. Gleiches gilt fuer die Wassermetaphorik, die der Autor verwendet, um das internationale Migrationsgeschehen der 90er Jahre zu beschreiben ("Voelkerwanderung", "Ueberschwemmung", "Flut" usw.). Ein behutsames Lektorat - sicher ein Fremdwort bei einem Verlag wie Peter Lang, der sich als Druckerei mit angeschlossenem Vertrieb versteht - haette dem Buch in dieser Hinsicht gut getan. Auch haetten dann manche unbeholfen und hoelzern wirkenden Formulierungen bzw. die sich durch die Einleitung hindurchziehenden sprachlichen Inkorrektheiten und Fehler vermieden werden koennen.
Diese Kleinigkeiten trueben zwar die Lesefreude ein wenig, tun aber dem positiven Gesamteindruck des Buches keinen Abbruch, zumal der zweite Teil des Buches, der die Lebensgeschichten der Migranten praesentiert, sprachlich eleganter gearbeitet ist. Dieser Hauptteil des Buches versammelt die schriftlichen Darstellungen von banat-schwaebischen Auswanderern, die zwischen 1940 und 1994 nach Deutschland, Oesterreich, in die USA oder nach Kanada flohen bzw. auswanderten. Dabei entfallen 31 der Lebensberichte auf Auswanderer nach Deutschland, vier auf Oesterreich, sieben auf Kanada und zwei auf die USA, wobei die Grundgesamtheit der Interviewten nach Alter, Geschlecht, sozialem Status und vor allem auch Zeitpunkt der Auswanderung eine durchaus repraesentative Auswahl darstellt, so dass ein breites Panoptikum des Migrationsgeschehens zwischen Rumaenien und den jeweiligen Ziellaendern geliefert wird. Die Konjunkturen der Auswanderungsmoeglichkeiten sowie ihrer Verhinderung, die politischen Zwangslagen, die dabei auftraten, wie auch die alltaeglichen, durchaus spannend zu lesenden Erfahrungen und Probleme der Migranten werden dabei ueberaus anschaulich.
Aus den Lebensberichten entsteht eine buntes und detailgetreues Gesamtbild der Minderheitenlage in Rumaenien seit Mitte der 40er Jahre, wie auch der Probleme, die sich aus der Integration der Zuwanderer in den Ziellaendern ergaben. Allerdings muss man einige der Berichte doch stark gegen den Strich lesen, da sie die sehr persoenlich gepraegten Erfahrungen der Betroffenen in der Herkunfts-und Zielgesellschaft unzulaessig verallgemeinern. Daraus entsteht allerdings wiederum ein interessanter Ansatz zur Mentalitaetsgeschichte dieser Form ethnischer oder auch ethnisch privilegierter Migration. Die typischen Integrationsprobleme der Zuwanderer werden in der Rueckschau der Befragten sehr deutlich. So manchem Bericht ist die deutliche Desillusionierung ueber die deutsche Gesellschaft bzw. die Enttaeuschung ueber die Divergenz von Erwartung und Wirklichkeit eingeschrieben. Vor allem die als Stigmatisierung empfundene Bezeichnung als Rumaene oder gar Zigeuner - das Nichtwissen der Bundesdeutschen ueber die Geschichte und Gegenwart deutscher Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa ist ein Leitmotiv vieler Berichte - stoesst bei den Erzaehlenden auf heftige Abwehr und Unverstaendnis.
Der Autor und Bearbeiter des Buches waehlte eine alltagsgeschichtliche Form der Untersuchung und Praesentation. Allerdings erhebt er nicht den Anspruch, methodisch und theoretisch in der Tradition der oral history bzw. der Durchfuehrung narrativer oder lebensgeschichtlicher Interviews zu stehen, zumal da die Lebensberichte nicht muendlich, sondern schriftlich erhoben wurden. Mit einem professionellen Blick auf das Buch wuenschte man sich, dass ein wenig mehr Informationen zum Vorgehen und zur Methode der Untersuchung geliefert worden waeren. Leider legt Mileck nicht offen, inwieweit die Befragung durch Leitfragen vorstrukturiert wurde. Beim Verstaendnis und der Interpretation dieser Lebensberichte haetten solche Informationen ein vertieftes Verstaendnis ermoeglicht. Ueberhaupt ist die Interpretation der Berichte merkwuerdig abwesend. Hier wird Geschichte in guter alter Manier als das begriffen, was in den Quellen steht bzw. was die in diesem Fall befragten Zeitzeugen zu Papier brachten. Ein staerker interpretativ ausgerichteter Zugang zu den Texten waere durchaus reizvoll gewesen. Er haette, die fachliche Kompetenz des Autors in Rechnung gestellt, auch durchaus im Bereich des intellektuell Moeglichen gelegen. Allerdings waere das Buch dann vermutlich nicht mehr adressatengerecht gewesen bzw. haette sich an ein anderes, staerker wissenschaftlich und migrationshistorisch orientiertes Publikum gewendet.
In der vorliegenden Form ist das Buch eine gelungene Mischung von Dokumentation, Narration und partiell auch Analyse. Es laesst sich als ansprechende Heimatgeschichte gehobener Form lesen, geht aber darueber hinaus. Fuer all jene, die an der Geschichte von Minderheitenexistenz und Migration von Minderheiten bzw. ethnischer Entmischung von Bevoelkerung in Suedosteuropa interessiert sind, liefert es einen vertieften und exemplarischen Einblick in die Strukturen und die Prozesse dieses Geschehens anhand der historischen Erfahrung von Betroffenen.
Hilfreich zum Verstaendnis des Buches ist, dass ihm insgesamt zehn Karten beigegeben wurden, die die Migrationsgeschichte der Banater Schwaben veranschaulichen und den Leser mit der raeumlichen und geographischen Situation des Banats wie auch der Zielgebiete der Migranten vertraut machen. In einigen Faellen, naemlich in jenen der historischen Karten, waere es allerdings wuenschenswert gewesen, wenn historische Grenzen und nicht die der gegenwaertigen Nationalstaaten eingezeichnet worden waeren, um die Komplexitaet von ethnischer und politischer Zugehoerigkeit und die Instabiliatet bzw. die Aenderung von Grenzen als das eigentliche Kontinuum in diesem Raum zu verdeutlichen.
Das Buch von Mileck ist insgesamt ein guter, allgemein verstaendlicher Beitrag zur historischen Migrationsforschung mit alltagsgeschichtlichen Mitteln. Man hofft, dass es eher der Anfang, denn das Ende solcher Forschungen ist und sowohl in der professionalisierten als auch in der eher heimatgeschichtlichen Forschung rezipiert wird. Fuer letztere koennte es den modernen Standard zukuenftiger Forschung setzen.
Anmerkungen
[1]. Fuer den juengsten Forschungsstand und weitere Literaturhinweise zu den Themen deutsche Minderheiten in Ostmittel-und Osteuropa, Flucht und Vertreibung sowie Aussiedler siehe: Klaus J. Bade und Jochen Oltmer (Hg.), Aussiedler: Deutsche Einwanderer aus Osteuropa (Schriften des Instituts fuer Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universitaet Osnabrueck 8, Osnabrueck: Rasch, 1999); Barbara Dietz und Peter Hilkes, Russlanddeutsche. Unbekannte im Osten. Geschichte, Situation, Zukunftsperspektiven (Geschichte und Staat 292, 2. Auflage Muenchen: Olzog, 1993); dieselben, Integriert oder isoliert? Zur Situation russlanddeutscher Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland (Geschichte und Staat 299, Muenchen: Olzog, 1994); Dierk Hoffmann und Michael Schwartz (Hg.), Geglueckte Integration? Spezifika und Vergleichbarkeiten der Vertriebenen-Eingliederung in der SBZ/DDR (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte fuer Zeitgeschichte, Sondernummer, Muenchen: Oldenbourg, 1999); Rainer Muenz und Rainer Ohliger, "Privilegierte Migration: Deutsche aus Ostmittel- und Osteuropa", in Tel Aviver Jahrbuch fuer deutsche Geschichte 27 (1998), S. 401-444; Philipp Ther, Deutsche und polnische Vertriebene. Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945-1956 (Goettingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1998).
[2]. Heimatbuch der Gemeinde Sanktmartin im Arader Komitat. Bd. 1, hrsg. von Anton Karl und Anton Peter Petri (Altoetting: Geiselberger 1981), Bd. 2, hrsg. von Anton Karl und Joseph Mileck (Simbach/Inn, 1993) und Joseph Mileck, Samatimerisch: Phonetik, Grammatik, Lexikographie. Geschichte der Mundart der deutschen Gemeinde Sanktmartin am noerdlichen Rand des rumaenischen Banats (Berkeley models of grammars 3, New York, Bern u.a.: Peter Lang, 1997).
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Citation:
Rainer Ohliger. Review of Mileck, Joseph, Zum Exodus der RumÖ¤niendeutschen. Banater Sanktmartiner in Deutschland, Ö?sterreich und Ö?bersee.
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August, 2000.
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