Martin Schaad. Dann geh doch rüber - Über die Mauer in den Osten. Berlin: Ch Links Verlag, 2009. x + 208 pp. EUR 4.95 (paper), ISBN 978-3-86153-516-4.
Reviewed by Christiane Grieb (University College London)
Published on H-German (March, 2015)
Commissioned by Shannon Nagy
Stasiobjekt “Mauer”: Menschen im Konflikt zwischen Mauer und Souveränität
[Editor's note: This review was originally commissioned in 2012 and appears here with delay due to no fault of the reviewer. The editors of H-Net Reviews believe that its contribution to German Studies continues to be relevant.]
Die Berliner Mauer fand sich schon in vielen "Geschichten," und wie der deutsche Historiker Martin Schaad nun zeigte, auch in solchen des grenzübergreifenden Alltäglichen. Bisher hatte die Mauer als Kunst- und Kultobjekt als auch als Stein des Anstoßes für politische Rhetorik und als Tatort in den Mauerschützenfällen den Beweis des menschenverachtenden "totalen Machtanspruchs" (S. 8) des kommunistischen Systems zu liefern. Schaad diskutiert die Mauer als alltagsgeschichtliches Objekt, das Manche vom Westen her zu überwinden suchten. Persönliche Interessen am "Ostbesuch" und der darin ausgetragene internationale Systemkonflikt sind ebenso Teil dieser Mauerhistorie wie auch die DDR-internen Machtansprüche der Stasi, die durch die Schicksale an der Mauer in Frage gestellt wurden. Schaad zeigt, wie die Stasi auf Mauerspringer reagierte, wie sie Entscheidungen traf und dabei Interpretationen fern jeglicher juristischer oder tatsächlicher Einzelfallgestaltung konstruierte. Der Autor weist nach, wie die internationale Selbstrepräsentation der DDR während des Kalten Krieges durch die Mauer mitgeprägt wurde und sich dabei eigenen Wandlungen unterzog.
Die Unerheblichkeit, die Mauerspringer den Konsequenzen des "Grenzdurchbruchs" (§ 213 StGB-DDR) beimassen, ist treffend in der Wahl des Titels reflektiert. Dem einer aus der Stammtischlaune heraus gefassten Entschluss mal im Osten dem westlichen Alltag zu entfliehen ("Dann geh' doch rüber") wurde von der Stasi rein subversive und daher souveränitätsmissachtende Bedeutung beigemessen. Schaad stellt der unbeschwerten Kneipenkultur die politische Zwangskultur gegenüber, und schafft es den politischen Systemkonflikt des Berliner Alltags bis in die Ecken der Berliner Zivilgesellschaft hineinzuverfolgen. Was des Einen ein Besuchshindernis ist, ist des Anderen ein antifaschistischer Schutzwall.
Die Mauerspringerfälle reflektieren diese Täterunbeschwertheit, und in einigen Fällen pure Dummheit, die im Getriebe des ostdeutschen, politischen und sicherheitsorganisatorischen Systems beantwortet wurde. Während die Volkspolizei als "Freund und Helfer" der Grenzer oftmals die Verbringung der beim Grenzdurchbruch verletzten "Straftäter" kostenfrei ins Armeekrankenhaus übernahm, und mit der Übergabe der Angelegenheit an die Stasi ihre strafverfolgungsbehördlichen Aufgaben zur Aufklärung von Taten des DDR-Strafrechts nicht wahrnahm, gingen die für derart geheime Vorgänge ausgewählten Ärzte mit der Versorgung der Verletzten nur ihren hippokratischen Aufgaben nach. Es oblag allein der Stasi, das Objekt Mauer und Mauervorfälle als einzelfallgetragene Systemauseinandersetzung zwischen Ost und West auszunutzen--oder eben auch nicht. Die von Schaad in Stasiakten recherchierten Geschichten machen deutlich, wie die Stasi als Organ des Grenzregimes, und nicht die Armee als Staatsverteidigungs-organ oder die Volkspolizei als Strafverfolgungsorgan, die Herrschaft über die Mauerfälle ausübte.
Die gewählte chronologisch-zeithistorische Gliederung der Lebensgeschichten entlang der Mauer, erlaubt es dem Leser in den sich ändernden Stasiinterpretationen die Wandlungen der deutsch-deutschen Politisierungen des Observierungsobjekts "Mauer" über die Jahrzehnte hinweg zu identifizieren. Schaad lässt durchaus unterhaltsam, und dennoch wegen der Wesensart der gewählten Fallbeispiele, überzeugende Argumente zur Richtigkeit seiner These folgen, dass die Mauervorfälle, egal wie harmlos, im Systemkonflikt für politische Zwecke missbraucht wurden und sich die Stasi dadurch selbst ein "umfassendes organisatorisches Psychogramm" (S. 25) ihrer Institution innerhalb der DDR-Machtverhältnisse aktenkundig machte. Die Fälle zeigen, dass die Mauer nicht nur für DDR-Flüchtlinge die letzte Station ihres gescheiterten Einvernehmens mit der DDR-Realität war. Vielmehr war die an der Mauer ausgetragene Konfrontation auch Anlass für DDR-intern ausgetrage Machtansprüche über die Sicherheit des Staates zu entscheiden; ein Anspruch, der von der Stasi und dem totalen Führungsanspruch der Partei gleichermassen geltend gemacht wurde.[1] Schaad zeigt, wie die tatsächliche Herrschaft über die Mauer auch zur Verfechtung der ultimativen Autorität über die ideologische Repräsentation des Staates durch Stasi und Partei instrumentalisiert wurde.
Inwieweit die Auswahl der Fälle repräsentativ ist, kann aufgrund der acht Fallbeispiele nicht gesagt werden. Wissenschaftlich repräsentative Aussagen waren aber offensichtlich nicht Anliegen des Autors. Schaad versuchte vielmehr ein ernüchterndes und dennoch kurzweiliges Lesewerk zur Kehrseite--vor allem der Westseite--der Berliner Mauer anzubieten. Dies ist durchaus gelungen. Die geschichtliche Zeitreise, währendwelcher sich die Motive des Grenzdurchbruchs ändern, sind wohl auch eher als beispielhaft für jede Periode gedacht gewesen. Es sind diese sich ändernden Motive, die der Gesamtkonzeption des Buches seine besondere menschliche Note geben.
Die herausgearbeitete Natur der unvorhersehbaren individuellen Entscheidungen führt dem Leser die Sinnlosigkeit dieses Grenzregimes deutlich vor Augen. Interessanter-weise, waren die Motive der Mauerspringer aus dem Westen seit etwa 1970 im Grunde dieselben, wie die der Republikflüchtlinge aus dem Osten, nämlich die ökonomische und politische Ablehnung eines Systems, die sich in persönlicher Unzufriedenheit und schliesslicher Flucht ausdrückten. Für beide Konstellationen war eigentlich DDR-Strafrecht (§ 213 DDR-StGB) und nicht das launige ad-hoc- Recht der Stasi anwendbar. Es waren aber gerade die emotionsgeladenen Motive der Westler, die die Vergänglichkeit eines eingemauerten Staates aus der westlichen Perspektive heraus zunehmend bestätigten. Die unterschiedlichen Reaktionen der Stasi offenbarten, dass die Stasi als oberster Dienstherr der Staatssicherheit nicht versuchte Angriffe auf die Souveränität der DDR abzuwehren, sondern sich vielmehr darauf konzentrierte zu beweisen, dass es eine solche Souveränität tatsächlich gab. Nicht die Interpretation des Straftatbestandes, sondern die retrospektiv und willkürlich gewählte Hineininterpretation einer politischen Bedeutung der Tat, bestimmte die Wahrnehmung der staatssicherheitsrechtlichen Aufgaben an der Grenze. So wurde der Betrunkene, der sich auf die Westseite verirrte und in den Osten zurück wollte (und somit eigentlich rechtlich im Zustand der Schuldunfähigkeit handelte) zu drei Jahren strenger Haft verurteilt, während der Wetteinlöser aus dem Westen und damit vorsätzlich Handelnde, sich bald wieder in Freiheit befand, um politisches Gespöt der Westpresse zu vermeiden. Die Reaktion der Stasi war nicht der Grenzverletzung, sondern der Abwehr jener damit assoziierten Zweifel am System der DDR verpflichtet. Nein, nicht der tatbestandliche Mauerdurchbruch, sondern das in-Frage-stellen der Souveränität war das Subversive der Mauerspringerfälle. Und wie zunehmend subversiv diese Demonstration des Subversiven gedeutet wurde, ist in der Auswahl und chronologischen Abfolge der von Schaad gewählten Fälle nachvollziehbar.
Die bereits unter dem Kontext "Unrechtsstaat" weit erforschte und publizierte Praxis der Stasi, Geschichten über den Verbleib getöteter Mauerofer, die ihren vorsätzlichen Grenzübertritt wegen der Mauer nicht überlebten, zu erfinden, werden mit Schaads Beispielen Geschichten aus dem Leben mit der Mauer zur Seite gestellt, die der Stasi oftmals eine ebenso blühende Phantasie zur Rechtfertigung ihres Wirkens gegen Westeindringlinge abrang. Zur Mauererfahrung als Ort der Unterdrückung in der Geschichtsschreibung, gesellt sich somit die Mauererfahrung als Ort der damals gegenwärtigen, willkürlichen Alltagsgeschichtenschreibung der Stasi. Die Stasi erfand nicht nur Geschichten um ihr eigenes Unrechtsunwesen im Osten zu decken, sondern wurde von den alltäglichen Umständen, die die Mauerspringer aus dem Westen zur Mauer trugen, gezwungen, dies auch für die banalsten Grenzdurchbruchfälle der Westler zu tun, um glaubhaft zu bleiben. Schaad gelang es beiden bevorzugt in der Diskussion des DDR-Unrechtsstaates bemühten Unterdrückungsinstrumenten--Stasi und Mauer--relativierende Bedeutung beizumessen, indem er aufzeigt, dass selbst die Stasi dann nicht wusste wie sie diese Elemente der Repression anwenden sollte, wenn Mauer und Stasi wegen ihrer wechselseitigen Beziehung gleichermassen in Frage gestellt wurden.
Indem Schaad konkrete Menschenschicksale auf beiden Seiten der Konfrontation, nämlich in den Motivationen der Mauerspringer und der Stasi-Entscheidungsträger, zum Kern seiner Analyse machte, widmete er sich auch dem oftmals in der Erinnerungskultur Berlins und der Mauer abwesenden Aspekt des menschlichen Einzelschicksals auf der Westseite der Mauer. Es wird deutlich, dass die Mauer nicht nur das Leben der Ostdeutschen beeinflusste, sondern auch das Leben Derer im Westsektor. Sie wurde benutzt, um Betroffenheit von ihrer Existenz auf westlicher Seite zu demonstrieren, womit das Leben an der Mauer auch seine westdeutschen Anmahnungen im Alltag Berlins fand. Letztendlich war es die deutsche Teilung, deren Ost- und Westfixierte Interpretationen in der politischen Rhetorik eine gesamtdeutsche Vergangenheitsbewältigung verschleppte und stattdessen Parallel-geschichten mit eigenem Mauerunrecht schufen. Schaads Rückschau auf die Mauerspringer bietet somit Gelegenheit, die Mauer auch als betongewordene deutsche Teilung zu verstehen.
Das bevorzugt in Museen und Dokumentationsprojekten bediente cliché der Ostdeutschen als alleinige Opfer der Mauer ist damit widerlegt. Ganz so wie die Nachkriegsgeschichte Deutschlands, so hatte die Mauer eine Seite im Osten und eine im Westen, und beide Seiten, wie auch ihr Fall, wurden von Menschen geprägt. Die sorgfältig entwickelte Analyse des Banalen in den Motivationen der westdeutschcen Grenzverletzer als auch in Stasi-Reaktionen, spiegeln wieder was sich letztendlich am 9. November 1989 manifestierte: die Überwindbarkeit und Überflüssigkeit der Mauer, sobald sie als Juxobjekt missachtet oder ihres systempolitischen Kontextes durch menschlichen- Entscheidungsdrang entzogen wurde. Für Ersteres standen die Mauerspringer, für Letzteres die eskalierende Grenzsituation im Herbst 1989, in der sich die Hilflosigkeit der ostdeutschen Führung endgültig offenbarte und mit dem Mauerfall dann auch das "Stasiobjekt Mauer" fiel. Als die Ostdeutschen im August 1989 einfach in Ungarn über die Grenze nach Österreich liefen (S. 184) fiel bald auch die Mauer in Berlin eigener Überflüssigkeit zum Opfer. Warum noch die Mauern gewalttätig durchbrechen oder zu ihrem internationalen Bepinkeln ("international pee in") am Checkpoint Charlie einladen, wenn die Westdeutschen der Mauer schon immer Missachtung und nun auch die Ostdeutschen dem betongewordenen Souveränitätsanspruch ihre volle Ignoranz zollten? Alles in Allem produzierte Schaad eine nachdenkliche wie auch sarkastisch-amüsante Lektüre, die nie das Menschenverachtende der Mauer aus den Augen verliert.
Anmerkungen
[1]. "Die Partei, die Partei, die hat immer Recht" war der Titel eines Liedes, mit dem sich die SED auf ihren Parteitagen bevorzugt selbst besungen hat.
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Citation:
Christiane Grieb. Review of Schaad, Martin, Dann geh doch rüber - Über die Mauer in den Osten.
H-German, H-Net Reviews.
March, 2015.
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