Digitaler Atlas politischer Raumbilder zu Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert. Tübingen: Verbundprojekt „Digitaler Atlas politischer Raumbilder zu Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert“ (DAPRO), 19.04.2012-20.04.2012.
Reviewed by Lucas Frederik Garske
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2012)
Digitaler Atlas politischer Raumbilder zu Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert
Am 19. und 20. April 2012 fand das dritte Treffen des Verbundprojekts „Digitaler Atlas politischer Raumbilder zu Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert“ (DAPRO) in Tübingen statt. Beteiligt an dem vom Senatsausschuss Wissenschaft finanzierten Projekt sind vier Institute der Leibniz Gemeinschaft: das Herder-Institut in Marburg, welches das Projekt koordiniert und leitet, das Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig, das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig sowie das Institut für Wissensmedien in Tübingen. Der Projektverbund konzipiert und implementiert einen digitalen Atlas als Forschungsinstrument, mithilfe dessen es möglich ist Karten und andere Formen der Raumvisualisierung zu dekonstruieren und hierdurch neue Formen des Austausches über Raum zu ermöglichen.
Konventionellen Definitionen nach ist ein Atlas eine Sammlung von Karten, die in unterschiedlichen Kontexten als Wissensspeicher eingesetzt wird. Einer abstrakteren Definition von Daston und Galison zufolge ist der Atlas dagegen zunächst einmal ein Kompendium von Darstellungen, aufgearbeitet mit der Intention, „die Natur zu einem sicheren Gegenstand der Wissenschaft zu machen”. Lorraine Daston; Peter Galison, Das Bild der Objektivität. In: Peter Geimer (Hg.), Ordnungen der Sichtbarkeit. Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie, Frankfurt am Main 2002, S. 29-99, hier S. 36. Ausgehend von einer solchen Definition erscheint der Umgang mit Atlanten gleich in mehrerer Hinsicht problematisch: in Bezug auf die Darstellung und die mit jeder Auswahl verbundene Kanonisierung der Inhalte, vor allem aber auf die Naturalisierung – im konkreten Fall der dargestellten Räume.
Im Bewusstsein dieser Problematik soll der "Digitale Atlas politischer Raumbilder" das Moment raumbezogener Wissensproduktion thematisieren und über den Einsatz neuer Medien Visualisierungsformen generieren, die alternative Formen des Umgangs mit Raumbildern erlauben. Die exemplarische Auseinandersetzung mit Karten zu Ostmitteleuropa dient hierbei der Auslotung von Mitteln und Wegen der Metakartierung. Indem gewissermaßen das Kartographieren kartiert wird, werden eingespielte Sehgewohnheiten gestört und hierdurch neue Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand, aber auch für einen Transfer zwischen Forschung und Lehre geschaffen.
Das dritte Treffen des Verbundes, welches die erste konzeptionelle Arbeitsphase beschloss und das zweite Projektjahr einläutete, war zum einem dem gemeinsamen Austausch und der Diskussion erster Quellenerhebungen sowie deren möglicher Nutzung innerhalb des Atlas gewidmet. Darüber hinaus diente das Treffen einer Erweiterung der Bandbreite methodischer und theoretischer Ansätze, in die die gemeinsame Arbeit am Atlas eingebettet ist. Hierzu fanden neben einer Vorstellung des Gesamtprojekts drei parallel stattfindende Workshops statt, in denen die durch unterschiedliche Sehgewohnheiten bedingten Perspektiven auf ausgewählte kartographische Quellen diskutiert wurden. Die Workshops beschäftigten sich mit Kartensprachen, Kartenkarrieren sowie mit der symbolischen Hybridität von Karten. Darauf folgend diskutierten Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen eine Reihe projektbezogener Themen:
HANS DIETRICH SCHULZ (Berlin) hielt einen Abendvortrag zum Thema „Grenzen suchen, finden, setzen”. In diesem widersprach er Ansätzen zur Geschichte der Nationalstaatsbildung, welche zwischen einem französischen Modell und einem mitteleuropäischen Modell unterscheiden, wobei sich ersteres nach der Willensbekundung zur Staatsbürgerschaft richte und letzteres die kulturell-sprachliche Dimension zum Ausgangspunkt der Staatsbildung wähle. Demgegenüber argumentierte Schulz, dass von frühen Ikonen der Nationalbewegung bis hin zu führenden Wissenschaftlern des 20. Jahrhundert die Vorstellung natürlicher Grenzen eine zentrale Rolle spielte. Gleichzeitig stellte er in seinem Vortrag heraus, wie in der Vergangenheit Ansprüche auf Raum über das Reden von natürlichen Grenzen entwickelt und in politische Handlungsformen übersetzt wurden.
PETER WEICHHART (Wien) beschäftigte sich in seinem Vortrag vor allem mit dem für das Projekt zentralen Begriff des Raumbilds. Dieser erscheine im Alltag unproblematisch, stelle sich jedoch bei genauerer Betrachtung als „bösartiges Wortungeheuer“ heraus, mit hohem Potenzial zum Missverständnis. Zur Ordnung der zahlreichen, unterschiedlichen Bedeutungsvarianten schlug Weichhart die Frage nach Pragmatik und Leistung der jeweiligen Raumvorstellung vor, sowie - daran orientiert - eine Gliederung in fünf Klassen. Da sich die Bedeutung eines Wortes nur im Gebrauch in der Sprache ergebe, sei es – so Weichhart – nicht möglich bestimmte Bedeutungen losgelöst vom Kontext zu disqualifizieren. In diesem Sinne sprach er sich gegen ein besonders in der Vergangenheit populäres „Containerraumbashing“ aus. Für die Auseinandersetzung mit Raumbildern in Bezug auf Karten schlug Weichhart eine Unterscheidung zwischen Raumbildern vor, die sich an individuellen Bewusstseinszuständen orientieren, jenen, die in Bezug zu sozialen Interaktionsprozessen stehen und solchen, die zum Zweck der Verwirklichung eines bestimmten Raumes intentional entworfen werden.
FRANK HEIDMANN (Potsdam) sprach in seinem Vortrag über „Tangible Maps“, Karten deren Anziehungskraft vor allem in der ihnen innewohnenden Ästhetik liegt. Thematisch griff er hierbei den anhaltenden Trend einer sich beschleunigenden Gesellschaft auf, mit kreativen Mitteln Prozesse und Strukturen mit neuen Medien zu visualisieren. Visualisierungen ermöglichten es dabei einerseits Strukturen kognitiv zu kreieren und hierdurch thematisierbar zu machen. Gleichzeitig finde im Zuge der bewussten Ästhetisierung eine Überformung statt, durch welche der Gegenstand zugleich an Attraktivität, Zugänglichkeit und Überzeugungskraft gewinnt. In diesem Sinne hob Heidmann nicht nur die Problematik neuer „charismatischer” Karten hervor, sondern unterstrich gleichzeitig das darin liegende heuristische Potenzial.
VADIM OSWALT (Gießen) setzte sich mit der Vermittlung von Räumen nach dem spatial turn auseinander und wies in diesem Kontext auf die Notwendigkeit einer Umsicht im Umgang mit dem Raum hin. Im Besonderen kritisierte Oswalt, dass man Schülern ein sehr niedriges intellektuelles Niveau zumute, wenn man sie in einer nach wie vor gängigen Praxis mit einem simplizistischen und „fertigen“ Raumbild konfrontiere. Durch die Trennung von historischen Problemen und historischer Erkenntnis würde die notwendige Raumreflexion als zentrale Kompetenz aus dem historischen Lernen ausgeblendet. Dagegen warb er dafür räumliche Aspekte direkt an Fragen historischer Erkenntnis anzuschließen, indem in Unterricht und Bildungsmedien die imaginativen, narrativen und medialen Dimensionen eines historischen Raumbewusstseins herausgearbeitet werden.
PETER JORDAN (Wien) beschäftigte sich mit der Rolle geographischer Namen als Ausdruck menschlicher Raumaneignung und -strukturierung. Indem sie den Raum strukturieren, beschreiben, markieren und emotionale Bindungen herstellen, erfüllen geographische Namen nach Jordans Argumentation unterschiedliche Funktionen der Vermittlung zwischen sozialer Gruppe und Raum. Auf diese Weise unterstützen sie raumbezogene Identitäten und helfen zwischen dem „Eigenen“ und dem „Anderen“ zu differenzieren. Jordan wies darüber hinaus auf den hybriden Charakter der Benennung geographischer Entitäten im Kontext von Fremd- und Selbstbeschreibung hin und markierte dies als Moment des Austausches zwischen sozialen Gruppen.
Der Versuch sowohl theoretische als auch praktische Perspektiven aus unterschiedlichen Blickrichtungen anzusprechen und produktiv miteinander zu verbinden, stellte sich insgesamt als gelungen, gleichwohl als sehr ambitioniert heraus: In den Diskussionen sowohl im Rahmen der Workshops als auch der Vorträge zeichneten sich wiederholt diziplinbedingte, voneinander abweichende Interessensbereiche ab, die das Projekt - weniger was die Inhalte, als die Zielsetzung im allgemeinen betrifft - in unterschiedliche Richtungen führen. Es erscheint sinnvoll diese (im positiven Sinne) konfliktträchtigen Debatten fortzuführen und zu vertiefen. Weniger mit dem Anspruch eine Synthese herbei zu führen, denn mit dem Ziel unterschiedliche Ansätze als Heuristik zu verstehen und zugänglich zu machen, um den gewohnten Blick auf Raumvisualisierungen zu stören und alternative Sichtweisen zu vermitteln. Der Digitale Atlas kann hierbei als Instrument dienen, dem breiten Spektrum möglicher Fragestellungen an Raumbilder ein entsprechendes Spielfeld zu geben.
Konferenzübersicht:
Begrüßung und Impulsreferat Peter Haslinger (Marburg/Gießen)
Workshops: kollaborative Besprechung ausgewählter Karten an Kartentischen
Öffentlicher Abendvortrag: Hans Dietrich Schultz (Berlin): Grenzen suchen, finden, setzen Deutschlandbilder der Geographie
Peter Weichhart (Wien): Raumkonzepte und ihre Viabilität
Frank Heidmann (Potsdam): Tangible Maps. Interaktive Karten und Geovisualisierungen zur Exploration und Kommunikation komplexer Daten in sozialen, ökonomischen und ökologischen Kontexten
Vadim Oswalt (Gießen): Räume vermitteln nach dem ‚Spatial turn‘ – Elaborierte Konzepte zu einer basalen Dimension geschichtlichen Denkens?
Impuls Peter Jordan (Wien): Geographische Namen als Ausdruck menschlicher Raumaneignung und -strukturierung
Zusammenfassung und Schlussdiskussion Anna Veronika Wendland (Marburg/Jena)
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Citation:
Lucas Frederik Garske. Review of , Digitaler Atlas politischer Raumbilder zu Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2012.
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