Martin Loiperdinger. Early Cinema Today: The Art of Programming and Live Performance. New Barnet: John Libbey Publishing, 2011. VI, 152 S. $28.00 (paper), ISBN 978-0-86196-702-5.
Reviewed by Horst Claus
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2012)
M. Loiperdinger (Hrsg.): Early Cinema Today
„Fiction Film 1900–1906“ – unter diesem Titel veranstaltete die Fédération Internationale des Archives du Film (FIAF) Ende Mai 1978 im südenglischen Seebad Brighton ein Symposion, das Filmgeschichte gemacht und verändert hat. Angeregt vom damaligen Kurator des National Film Archivs London, David Francis, sichteten Filmarchivare und -wissenschaftler aus allen Teilen der Welt fast 550 in den ersten sechs Jahren des vorigen Jahrhunderts entstandene Filme mit Spielhandlung. Die Schätze, die sich ihnen dabei (in restaurierten Fassungen) auf der Leinwand offenbarten, veranlassten ein Umdenken und eine Neubewertung der Entwicklung des frühen Kinos. Was bis dahin abwertend als ‚zappelnde Bilder‘, bestenfalls als primitive Versuche eines in den Kinderschuhen steckenden, nach seinen sich später ‚linear‘ entwickelnden Ausdrucksmitteln strebenden neuen Unterhaltungsmediums verstanden worden war, entpuppte sich optisch wie inhaltlich als qualitativ eigenständige Kunstform. Diese Neubewertung führte zur Gründung von „Domitor“, einem internationalen Zusammenschluss von wissenschaftlichen Enthusiasten, deren besonderes Interesse der Mediengeschichte des frühen Films gilt. Weitere Informationen zu Domitor, in: Domitor. An International Association Dedicated to the Study of Early Cinema, <http://www.domitor.org/en/indexe.html> (30.04.2012). Zu den wortstarken Befürwortern der neuen Sichtweise gehört eine Gruppe von Filmwissenschaftlern und Filmwissenschaftlerinnen um das von Frank Kessler, Sabine Lenk und Martin Loiperdinger ab 1992 herausgegebene deutschsprachige „Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films“ KINtop, das sein Erscheinen 2006 hauptsächlich aus finanziellen Gründen einstellen musste. Index zu den KINtop-Bänden 1992-2006, in: KINtop-Jahrbuch, <http://www.uni-trier.de/index.php?id=23576> (30.04.2012); der vorliegende neue Band enthält u.a. eine Übersicht über alle englischsprachigen Beiträge, die in diesen Jahren in KINtop erschienen sind. Mit dem vorliegenden Band und einer neuen Nummer eins meldet es sich jetzt auf Englisch zurück.
Dem Engagement ihrer Herausgeber und Autoren entsprechend konzentriert sich der Neuanfang auf zwei zentrale Fragen des Forschungsgebiets: Inwieweit lassen sich Kinoerfahrungen von Zuschauern vor hundert Jahren nacherleben/rekonstruieren? Und: Wie findet bzw. begeistert man durch 3D-Multiplex-Erlebnisse verwöhnte Kinobesucher zu Beginn des 21. Jahrhunderts für ein für sie fremdartiges, von Nichtkennern häufig immer noch herablassend als primitiv charakterisiertes Filmerlebnis?
Die Antworten basieren auf praktischen Erfahrungen und Recherchen anerkannter Kuratoren, Programmgestalter und Filmwissenschaftler, die sich mit der Filmvorführung und dem Kinoerlebnis der Jahre 1906 bis 1912 beschäftigen – jener Periode, in der sich die Projektion ‚lebender Bilder‘ in speziell für diesen Zweck errichteten Gebäuden etabliert hat. Parallel zu dieser Entwicklung kristallisierte sich ein aus bis zu zwanzig Kurzfilmen bestehendes Programmschema heraus, das in früheren, häufig anekdotischen Erinnerungen meist als wahllos und bunt zusammen gewürfelt erscheint. Dessen Zusammenstellung ist jedoch – wie Analysen überlieferter Programmzettel belegen – weder simpel noch zufällig, sondern weist eindeutig Strukturen auf, die darauf abzielen, Atmosphäre und Spannung zu schaffen. Nicht der einzelne kurze, zwischen einer und circa 15 Minuten lange Film ist wichtig, sondern ein aus verschiedenen Genres zusammengesetztes, abwechslungsreiches Potpourri, das den Betrachter durch die Erzeugung sorgfältig kalkulierter, abwechselungsreicher Stimmungsmomente fesselt. Gefördert wird die Interaktion zwischen Leinwandgeschehen und Publikum durch Zwischentitel (die die Interpretation der Bilder durch den Zuschauer steuern) und vor allem vom Kinoerzähler, der den Betrachter mit seinen Kommentaren und seinem Darstellungsstil zu Reaktionen auf das Filmgeschehen (und auf seine Person!) herausfordert. Ähnliches gilt für den ebenfalls ‚live‘ auftretenden Klavierspieler, den häufig im Zuschauerraum stehenden, geräuschvoll klappernden Projektor sowie die architektonische Gestaltung und Ausstattung des Raumes, in dem die Vorführung stattfindet.
Wirklich nacherleben lässt sich das Kinoerlebnis der 1900er-Jahre selbstverständlich nicht. Trotzdem gibt es vielerorts konkrete Bemühungen, die frühen kurzen Filme einer breiteren Öffentlichkeit nahe zu bringen. Dabei setzt die einfachste Art der Programmgestaltung auf den dokumentarischen und historischen Inhalt der Streifen und orientiert sich an bestimmten Themen (historische Ereignisse, Produktionsfirmen, Landschaften, usw.). Darbietungen dieser Art führen allerdings meist dazu, dass dem heutigen Betrachter die Experimentierfreude der damaligen Filmemacher entgeht, sie den Unterhaltungswert und das (nicht nur ästhetische) Vergnügen nicht erkennen, mit dem die Kurzfilm-Programme einst aufgenommen wurden. Das Material wird hier eher zur historischen Kuriosität, zum audiovisuellen Hilfsmittel oder zum aufwendig zu bewahrenden Museumsstück. Um dem entgegenzuwirken, bieten engagierte Veranstalter die Filme heute als etwas Besonderes – als ‚Event‘ – an und vermeiden bewusst, sie in offiziellen kulturellen Einrichtungen (zum Beispiel in Filmmuseen) oder in Bildungsstätten zu zeigen. So hat die Brüsseler Cinematek Filmabende beispielsweise in eine Bildhauerwerkstatt verlegt und mit einem nächtlichen Rundgang über einen Friedhof eingeleitet, in der Absicht, den Teilnehmern die ästhetischen Beziehungen zwischen Friedhofskunst und der Darstellung von Heiligenfiguren im frühen Kino zu verdeutlichen.
Zu einer völlig anderen Art von ‚Filmereignis‘ führte die Entdeckung und Restaurierung der „Mitchell & Kenyon Collection“ in Nordengland. Die über 800 Rollen umfassende Sammlung besteht aus vor dem Ersten Weltkrieg von Wanderkinobesitzern zu Werbezwecken für ihre Filmvorführungen an ihren jeweiligen Auftrittsorten aufgenommenen Streifen. Der lokale Charakter der Filme gestattet es, heutige Programmzusammenstellungen auf die Städte abzustimmen, in denen die Wiederaufführungen stattfinden. In vielen Fällen werden die Streifen an ihren Dreh- oder ursprünglichen Aufführungsstätten gezeigt. Dabei kommen die Aussicht und das Erlebnis, möglicherweise eigene Vorfahren oder Landschaften so zu erleben, wie sie früher einmal ausgesehen haben, dem der Kinoerfahrungen vor 100 Jahren ziemlich nahe und haben (verbunden mit geschickter Werbung und durch die Einbindung lokaler Persönlichkeiten) den Vorführungen zu durchschlagenden Erfolgen verholfen.
Auf die theatralischste Form eines erfolgreichen ‚Kintop-Revivals‘ haben sich die Veranstalter der „Crazy Cinématographe“-Darbietungen auf dem alljährlich in der zweiten Sommerhälfte stattfindenden Luxemburger Schueberfouer-Jahrmarkt mit dem Nachbau einer Rummelplatz-Kinobude eingelassen, mit der sie seit 2007 unter Einbeziehung von Ausrufern, Kinoerzähler, Klavierspieler, Filmvorführer und kurzen Stummfilmen versuchen, sich gegen den sie umgebenden Lärm und die Konkurrenz heutiger ‚Fun Fair‘-Attraktionen durchzusetzen. Statistischen Angaben zufolge sind sie dabei durchaus erfolgreich; denn das Publikum füllt auch dann noch ihr Zelt, wenn bei Filmprogrammen, die Chirurgen vor hundert Jahren bei der Arbeit zeigen, Papiertüten verteilt werden für den Fall, dass den Zuschauern beim Anblick detailliert-drastischer (ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit gedachter) Schwarz-Weiß-Aufnahmen übel werden könnte. Gut ein Drittel des vorliegenden Bandes (mit ausführlicher Beschreibung, Filmografie und einer Zusammenstellung aller Filmprogramme) ist dem „Crazy Cinématographe“-Projekt gewidmet.
Für Leser, die keine Möglichkeit haben, die zahlreichen Wiederaufführungsansätze hautnah mitzuerleben, enthält der Band über 50 (meist aus den Filmen herauskopierte) Bilder, die die durchweg anregend, auch für Nichtspezialisten eingängig geschriebenen Beiträge ergänzen und einen lebendigen Eindruck von der Vielseitigkeit des überlieferten Materials vermitteln. Besonders erfreulich ist die (bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen meist vernachlässigte) hohe Qualität der Reproduktionen in Schwarz-Weiß und Farbe auf Hochglanzpapier, bei deren Anblick allein das einfache Blättern zum Vergnügen wird: ein Buch wie eine bunte Abenteuerreise, nicht nur für Filmwissenschaftler oder Freunde des frühen Kinos, sondern für alle, die einen einmal anderen Sprung in die Zeit vor hundert Jahren wagen wollen. Ein gelungener Neubeginn: Many happy returns!
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Citation:
Horst Claus. Review of Loiperdinger, Martin, Early Cinema Today: The Art of Programming and Live Performance.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
May, 2012.
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