Astrologers and their Clients in Medieval and Early Modern Europe. Erlangen: David Juste/Wiebke Deimann, Internationales Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung, Erlangen, 29.09.2011-30.09.2011.
Reviewed by Hans-Christian Lehner
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2012)
Astrologers and their Clients in Medieval and Early Modern Europe
In Erlangen richtete das Internationale Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF) unter organisatorischer Leitung von David Juste und Wiebke Deimann am 29. und 30. September 2011 eine Konferenz aus, die sich mit Astrologen und ihren Auftraggebern in Mittelalter und Früher Neuzeit befasste.
Den ersten Konferenztag eröffnete CHARLES BURNETT (London). In seinem Beitrag stellte er den Liber Introductorius des Michael Scotus als Beispiel für das literarische Genre der ‚Astrologischen Einführung‘ in der Tradition des Abu Ma’schar vor. Auch wenn hier nicht – wie etwa bei vergleichbaren islamischen Texten – ein Hinweis auf etwaige Prüfpraktiken gegeben sei, so seien doch astrologische Novizen die Adressaten und die Einführungen stellten dadurch eine primäre Quelle dar, um zu verstehen, wie astrologisches Wissen vermittelt und erlernt werden konnte.
BENJAMIN DYKES (Minneapolis) versuchte der Einstellung des berühmten Astrologen Guido Bonatti zur astrologischen Praxis auf Grundlage von dessen überlieferten Kommentaren habhaft zu werden. Dabei entstand das Bild eines Mannes, der stets bemüht war, Astrologie als nüchternes Werkzeug gegen Aberglaube und Demagogie einzusetzen und damit sogar seelsorgerische Wirkung zu erzielen.
JEAN-PATRICE BOUDET (Orléans) stellte die gerichtliche Verteidigungsschrift des Erzbischofs von Aix-en-Provence, Robert de Mauvoisin, von 1316 vor, in der eine Disputation zwischen einem jüdischen und einem christlichen Astrologen dokumentiert ist, die dazu dienen sollte, die tatsächliche Harmlosigkeit von Roberts eigenem astrologischen Betreiben zu zeigen. Damit wurde auch ein Licht auf die von Misstrauen gegenüber jeglicher Form von Vorhersage geprägte Atmosphäre am Papsthof in Avignon unter Johannes XXII. geworfen.
Die Rolle der Astrologie in der Cronica des Florentiners Giovanni Villani aus dem 14. Jahrhundert stand im Mittelpunkt des Vortrages von ROBERT HAND (Washington DC), der in Abwesenheit von Meira Epstein vorgetragen wurde. Wie insbesondere das Beispiel der Analyse der Großen Konjunktion zwischen Jupiter und Saturn im Jahre 1345 zeigt, verfügte Villani über ein (für einen Laien) ungewöhnlich detailliertes astrologisches Wissen. Dies werfe ein neues Licht auf die Verbreitung dieses Wissens im Italien des 14. Jahrhunderts.
Ein weiterer einflussreicher Astrologe des Spätmittelalters stand im Zentrum des Vortrages von WIEBKE DEIMANN (Erlangen): Johannes Lichtenberger, bekannt durch sein auflagenstarkes Hauptwerk, die Pronosticatio aus dem Jahr 1488. Ausgangspunkt dieses Textes sei zwar eine astrologische Vorhersage, im Ganzen handle es sich jedoch eher um eine Kompilation astrologischen und auch prophetischen Schrifttums. Trotz seiner insgesamt als gering einzustufenden astrologischen Qualität erlangte das Werk eine große Popularität.
MONICA AZZOLINI (Edinburgh) beleuchtete in ihrem Vortrag die Art und Weise, in der Astrologen an italienischen Renaissance-Höfen auftraten und welche Dienste sie anboten oder anzubieten hatten, wobei vor allem auch die Medizin eine wichtige Rolle spielte. Azzolini unterstrich in diesem Zusammenhang die besondere Bedeutung der zahlreichen noch unedierten archivalischen Quellen für die Erforschung astrologischer Praxis.
Die Gattung des Manuscript Booklets stellte LÁSZLÓ SÁNDOR CHARDONNENS (Nijmegen) anhand eines konkreten Beispiels dieser Form der Fachliteratur aus der Sammlung des Elias Ashmole vor. Darin finden sich etliche Notizen zu Astrologie und auf Astrologie basierender Medizin. Diese Manuskripte bieten, vor allem wegen der zahlreichen persönlichen Bemerkungen ihrer wechselnden Besitzer, einen interessanten Einblick in einen alltäglichen Gebrauch astrologischen Wissens. Am vorgestellten Beispiel wurde deutlich, dass solche Kompilationen keinen eindeutigen Einblick in die historische Praxis erlauben.
Den zweiten Konferenztag eröffnete STEPHAN HEILEN (Osnabrück) mit einer detaillierten Prüfung der Verwendung der Mathesis des Firmicus Maternus durch Paul von Middelburg in dessen Schrift über die Konjunktion von Jupiter und Saturn im November 1484. Daran anknüpfend diskutierte Heilen die Frage nach der Bedeutung von Plagiaten und wissenschaftlicher Originalität.
Mit der Analyse der Interpretation des Horoskops des Cosimo I. de‘ Medici durch den angesehenen Astrologen Guliano Ristori aus dem Jahre 1537 konnte DARREL RUTKIN (Stanford) nicht nur die Kommunikation eines bedeutenden Renaissance-Herrschers mit seinem astrologischen Berater anschaulich darstellen, sondern auch Aufschluss über den Rang und den praktischen Wert von Astrologie in einer frühneuzeitlichen Gesellschaft geben.
DAVID JUSTE (Sydney) präsentierte mit einer profunden Analyse der Nativität des Astrologen Wilhelmus Misocacus für den Mechelner Bürger Joannes Sillyers aus dem Jahr 1566 ein Beispiel individueller astrologischer Praxis. Im konkreten Fall kannte der Astrologe wahrscheinlich seinen Klienten nicht einmal persönlich und die Nativität weist im Ganzen lediglich zwei bestimmte Vorhersagen zum Leben des Kunden auf (Todesdatum und beruflicher Aufstieg), wohingegen die übrigen Berechnungen eher zu das allgemeine Befinden betreffenden Urteilen führen.
Im letzten Vortrag der Konferenz stellte KATRIN BAUER (Erlangen) Johannes Kepler in seiner beratenden Rolle als Mathematicus am Hof der römisch-deutschen Kaiser Rudolf II. und Matthias vor. In den Blick rückten dabei verschiedene Dokumente astrologischen Inhalts, an denen sich punktuell Einflussnahmen und Zielsetzungen Keplers in seiner Rolle als astrologischer Berater ausmachen ließen.
Die Konferenz zeigte eindrucksvoll, wie vielfältig und historisch ertragreich der Blick auf die konkrete historische Praxis sein kann. In der abschließenden Diskussion wurden – neben der Notwendigkeit weiterer spezifischer Einzeluntersuchungen dieser Art – weitere Desiderata für die Erforschung der Astrologiegeschichte und ihrer Protagonisten formuliert: Zahlreiche einschlägige Schriftquellen liegen weitgehend unberücksichtigt in den Archiven, zudem mangelt es an entsprechenden Katalogen und kritischen Editionen jenes Materials.
Konferenzübersicht:
Charles Burnett (Warburg Institute, London) Astrology in the Court and the University in Italy in the 13th Century
Benjamin Dykes (Independent Scholar, Minnesota, USA) Practice and counsel in Guido Bonatti
Jean-Patrice Boudet (Université d’Orléans) The Archbishop and the Astrologers: A Robert de Mauvoisin's questio in 1316
Robert Hand (Catholic University of America, Washington DC) Giovanni Villani and the Great Conjunction of 1345
Wiebke Deimann (IKGF Erlangen) Johannes Lichtenberger. Divination between Prophecy and Astrology
Monica Azzolini (University of Edinburgh) Astrology at Italian Renaissance Courts: Locating Clients, Investigating Practices, ca. 1450-1550
László Sándor Chardonnens (Universiteit Nijmegen) The Life and Afterlife of Medieval English Booklets of Astrological Medicine
Stephan Heilen (Universität Osnabrück) Paul of Middelburg's use of the 'Mathesis' of Firmicus Maternus
Darrel Rutkin (Stanford University) Astrology and Politics in 16th-century Florence: Giuliano Ristori’s Extensive Judgment on Cosimo I's Nativity (1537)
David Juste (University of Sydney; IKGF Visiting Fellow) The Judgement on the Nativity of Joannes Sillyers by Wilhelmus Misocacus (1566)
Katrin Bauer (IKGF Erlangen) Johannes Kepler between two Emperors
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Citation:
Hans-Christian Lehner. Review of , Astrologers and their Clients in Medieval and Early Modern Europe.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2012.
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