Metropolität in der Vormoderne. Konstruktionen urbaner Zentralität im Wandel. Internationale Jahrestagung des Forums Mittelalter der Universität Regensburg. Regensburg: Forum Mittelalter, 24.11.2011-26.11.2011.
Reviewed by Andrea Hofmann
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2012)
Metropolität in der Vormoderne. Konstruktionen urbaner Zentralität im Wandel. Internationale Jahrestagung des Forums Mittelalter der Universität Regensburg
Vom 24. bis 26. November 2011 veranstaltete das Forum Mittelalter, ein interdisziplinärer mediävistischer Forscherverbund an der Universität Regensburg, seine inzwischen achte internationale Jahrestagung. Konzepte und Inhalte der Tagung standen in diesem Herbst im Zeichen des geplanten Regensburger Themenverbundes „Urbane Zentren und europäische Kultur in der Vormoderne“. Für die Tagung„Metropolität in der Vormoderne. Konstruktionen urbaner Zentralität im Wandel“ erweiterte das Forum Mittelalter deshalb seine mediävistische Perspektive um die antike und frühneuzeitliche Epoche. Renommierte Referenten mit unterschiedlichen Epochenschwerpunkten und Teildisziplinen stellten sich einer fachwissenschaftlichen Öffentlichkeit. Veranstaltet wurde die Tagung vom Sprecher des Forums Mittelalter, Prof. Dr. Jörg Oberste. Finanzielle Unterstützung leistete wie in den Vorjahren die Universitätsstiftung Hans Vielberth. Die Vorträge werden in diesem Jahr wieder in einem dazugehörigen Tagungsband (Verlag Schnell & Steiner) publiziert.
Zur Begrüßung betonten Thomas Strothotte und Jörg Oberste die Bedeutung von Metropolen durch die Zeit hindurch. Sie unterstrichen die Einzigartigkeit und den Wert des Forums Mittelalter für die Städteforschung sowie die Profilbildung und die internationale Sichtbarkeit der Universität Regensburg. Zum Auftakt der Tagung erläuterte HARALD A. MIEG (Berlin) den modernen Metropolenbegriff und seine Historisierung. Zur Begriffseinführung stellte er drei Definitionsansätze für Metropolen vor: Eine Metropole könne durch ihre Qualität als Referenzort (relational), ihre Größe (quantitativ) oder ihre Rolle in einem globalen Kontext (funktional) bestimmt sein. Anschließend ging er auf die geschichtliche Entwicklung von Metropolen ein: Beginnend bei der griechischen Kolonisation, über die Spätantike, den europäischen Kolonialismus und die Stadtplanung im frühen 20. Jahrhundert bis hin zur aktuellen Entwicklung der Stadt als funktionalem Verdichtungsraum. In diesem Zusammenhang ging er auch auf die Definition der Termini ‚Global Cities’, welche als Knotenpunkte der Weltwirtschaft fungieren, und ‚Metropolregionen’, welche räumliche und funktionale Standorte darstellen, ein. Dem Vortrag schloss sich eine rege Diskussion über die verschiedenen Theorieansätze zur Entstehung und Begründung von Metropolen an.
Den Freitagmorgen eröffnete REINHARD SENFF (Athen) mit seinem Vortrag über Milet, einer Metropole der Antike. Er zeigte dabei die Entwicklung dieser imposanten Stadt, die ihre Blütezeit im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. hatte, auf und veranschaulichte anhand archäologischer Zeugnisse die zahlreichen beeindruckenden Prachtbauten, Heiligtümer und Tempel. Auch auf das einzigartige rasterförmige Straßennetz, das als hippodamisches System bezeichnet wird, ging Reinhard Senff ein. Die positive wirtschaftliche Entwicklung der Seehandelsstadt sei durch ihre günstige Lage auf der Halbinsel des latmischen Golfes zu begründen. Vor allem die qualitativ besonders hochwertigen Ton- und Terrakottawaren konnten als milesischer Exportschlager nachgewiesen werden. Das Einflussgebiet dieser antiken Metropole erstrecke sich über den gesamten Mittelmeerraum sowie das Schwarzmeergebiet, was sich an den über 90 milesischen Tochterstädten zeige.
PETER HERZ (Regensburg), ebenfalls ein Vertreter der Alten Geschichte, ging in seinem Vortrag auf den etwa 300 Jahre lang dauernden Prozess des Niedergangs der Metropole Rom ein. Die Verlegung des Kaisersitzes nach Mailand, Ravenna und Trier und die daraus resultierende Abwanderung von politischer Führung, Verwaltung, Militär, etc., führte nach Peter Herz zu einer sinkenden Bevölkerungszahl, einer starken Reduzierung der Kaufkraft und der Bautätigkeit und somit zu einem langsamen wirtschaftlichen Niedergang der Stadt. Peter Herz zeigte in seinem Vortrag jedoch auch auf, dass Rom weiterhin ideologisch bedeutend blieb, vor allem als Kulisse für politische Selbstinszenierung und das aufsteigende Papsttum.
In seinem Vortrag zum mittelalterlichen Paris ging JÖRG OBERSTE (Regensburg) zunächst auf die ‚longue durée’ dieses Zentrums ein: Über einen langen Zeitraum entwickelte sich Paris ausgehend von der antiken Besiedlung der Ile de la Cité zur Königsstadt der Merowinger. Zwar verlor Paris unter den Karolingern an Bedeutung, doch gelang im 11. Jahrhundert unter den Kapetingern der erneute Aufstieg zur Hauptstadt. Anschließend erörterte der Historiker unter der Fragestellung „Paris – Eine Metropole?“ die verschiedenen Kriterien für eine solche Klassifizierung. Dazu zählen Bevölkerungsgröße, Multifunktionalität, Zentralfunktion, Innovationspotential, Migration und Urbanität. Anhand verschiedener Beispiele machte er deutlich, dass diese Kriterien für die Stadt Paris nachgewiesen werden können. Eine zusätzliche Erscheinung der Metropole Paris sei zudem ihr Hang zu einer gewissen Unbeherrschbarkeit und Diversität. Durch die großen kirchlichen Immunitätsbezirke verlor der König jedoch ab dem 12. Jahrhundert zunehmend die Möglichkeit der direkten Machtausübung in der Stadt und verlagerte deshalb seinen Herrschaftssitz nach Versailles.
DORIS BEHRENS-ABOUSEIF (Kairo/ London) referierte zum Thema „Die Straßenperspektive als Ausdruck der Metropolität im vormodernen Kairo.“ Zur Zeit des europäischen Mittelalters sei Kairo mit etwa einer halben Million Einwohnern eine der größten Städte der Welt gewesen. Seit der Gründung im Jahre 641 war Kairo ständige Hauptstadt Ägyptens, weshalb sie sich konkurrenzlos zu einer Metropole entwickeln konnte. Unter den Mameluken charakterisierte sich auch das typische Stadtbild Kairos heraus. Alle Gebäude, sogar Moscheen und Mausoleen, richteten sich nach der Straßenführung aus und wichen sogar teils leicht von der Ausrichtung nach Mekka ab. Diese Unterordnung der religiösen Aspekte unter die weltlichen Anforderungen stelle ein wesentliches Kennzeichen von Metropolität dar.
Den Auftakt zum Freitagnachmittag gestaltete ALBERT DIETL (Regensburg) mit seinen Ausführungen zum Kult um die Heilige Agnes im visconteischen Mailand. Dieser geht zurück auf die Schlacht bei Desio, am 21. Januar 1277, in der Ottone Visconti die Stadtherrschaft der Familie della Torre brach und zum Erzbischof von Mailand ernannt wurde. Der 21. Januar, der Tag der Heiligen Agnes, wurde zum Ausdruck der Legitimation seiner Herrschaft. Gezielt wurde der Agneskult gefördert, sie wurde zur neuen Stadtheiligen erhoben und ihr zu Ehren wurde ein neuer Feiertag eingeführt. Den bildlichen Ausdruck dieses Kultes veranschaulichte der Referent anhand der monumentalen Wandfresenken in der Sala di Giustizia in Angera und zahlreichen Bildbeispielen aus Mailand zwischen dem Ende des 13. und 15. Jahrhunderts. Ob auch schon vor der Eroberung Mailands durch die Visconti ein Agneskult existierte, sei in der Forschung noch nicht geklärt.
GIORGIO CHITTOLINI (Mailand) widmete sich in seinem Vortrag Stadtgeographien und politischen und wirtschaftlichen Expansionsräumen im 14. bis 16. Jahrhundert. Zunächst unterstrich er die große Diversität der Städtelandschaft des abendländischen Europas im Mittelalter. Auf der Suche nach einheitlichen und objektiven Kriterien für die Untergliederung dieser verschiedenen Stadttypen hätten Historiker früher vor allem auf Kriterien demographischen Charakters zurückgegriffen. Darauf ginge beispielsweise die deutsche Unterteilung in Großstädte, Mittelstädte und Mindeststädte zurück. In diesem Zusammenhang betonte Giorgio Chittolini jedoch die unzureichende Aussagekraft reiner Zahlenwerte für die Beurteilung einer Stadt und demonstrierte dies an Beispielen aus Italien, Deutschland und Flandern. Dabei ging er vor allem auf die spezifische italienische Situation ein, die durch ein System von einheitlich verfassten Stadtstaaten im Verbund mit ihrem jeweiligen Contado (Umland) gekennzeichnet waren. Zum Abschluss verwies der Referent auf den engen Zusammenhang von Stadt und Gesellschaft. Ändere sich eine Gesellschaft, so ändere sich auch Form und Entwicklung der Stadt. Die Verschiedenheit von Städten beruhe nicht zuletzt auf der Verschiedenheit ihrer Bevölkerung.
Den Abschluss des zweiten Tages gestaltete CAROLIN WIRTZ (Bonn) mit ihrem Beitrag zum wirtschaftlichen und kulturellen Austausch der beiden urbanen Zentren Köln und Venedig vom 14. bis 16. Jahrhundert. Bereits im 13. Jahrhundert avancierte Köln zu einem der bedeutendsten Goldschmiedezentren nördlich der Alpen, das seine Waren in große Teile Europas exportierte. Die Goldschmiede, die in ihrer Heimatstadt hohes Ansehen genossen, waren meist auch als Händler tätig. Die hohe Qualität der Kölner Erzeugnisse fand unter anderem in Venedig großen Anklang, was im Laufe des 15. Jahrhundert zur Niederlassung vieler Kölner Goldschmiede in Venedig führte. Ihre Werke hatten nach Carolin Wirtz großen Einfluss auf die Goldschmiedekunst der Venezianer, die den „gusto tedesco“ sehr schätzten. In diesem wechselseitigen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch manifestiert sich Carolin Wirtz zufolge ein weiteres Kennzeichen von Metropolität: die überregionale Bedeutung einer Stadt.
Am Samstagmorgen verwies HARM VON SEGGERN (Kiel) auf die Bedeutung fremder Kaufleute für die mittelalterlichen Handelsmetropolen in Flandern. Die Anwesenheit solcher Gäste in einer Stadt werde als Merkmal der Zentralität gewertet. Fern- und Großhandel ließen Städte zu überregional bedeutsamen Metropolen heranwachsen. Im Zuge dessen widmete Harm von Seggern seine Ausführungen besonders dem Vergleich zweier Tuchproduktions-Städte: Gent und Brügge. Beide gehörten noch um 1100 zu den eher unbedeutenden Städten des Landes und avancierten sukzessive zu wichtigen Zentren der Tuchproduktion und dominierten ihr Umland. Während Gent seine Bedeutung jedoch nicht über die Region hinaus ausweiten konnte, machte sich Brügge mit dem florierenden Fernhandel einen Namen. Die Stadt verfügte ab 1134 über eine direkte Verbindung zum Meer und wusste diese für sich zu nutzen. Die fremden Kaufleute aus ganz Europa erhielten in der Stadt Privilegien, wie beispielsweise eigene Anlegestellen, das Recht eigene Altäre aufzustellen, sich in Bruderschaften zu organisieren usw. So bildeten diese bald eine völlig eigenständige rechtliche Gruppe innerhalb der Metropole. Allerdings sei es den Gästen verboten gewesen, direkt mit ihren Waren zu handeln, weshalb sich ein System von Zwischenhändlern etablierte, aus dem sich später die neuzeitliche „Börse“ entwickeln sollte.
Anschließend widmete sich HANS-JÜRGEN BECKER (Regensburg) in seinem Vortrag bedeutenden Aspekten der Territorialpolitik der Reichsstädte Frankfurt am Main und Nürnberg. Hier stellte er anschaulich die relativ parallel verlaufenden Entwicklungen dieser beiden Städte dar: Beide wurden spät gegründet, verfügten ursprünglich über keine kirchlichen Strukturen, entstanden aus kleinen Pfalzen und erhielten bald Marktrechte. Nürnberg wurde im 13. Jh. freie Reichsstadt, Frankfurt im 14. Jh. In beiden Städten gründete sich ein Patrizierrat um die städtische Selbstverwaltung zu gewährleisten. Die herausragende Bedeutung der beiden Städte manifestiere sich vor allem durch den Handel und ihre politische Bedeutung als Orte der Reichsversammlungen. Was die Herausbildung eines möglichst großen zusammenhängenden Territoriums um die Stadt herum beträfe, scheiterten jedoch beide Städte an den angrenzenden Herrschaftsbereichen. Diese umliegenden fremden Territorien verhinderten nach Hans-Jürgen Becker eine Metropolbildung.
In der Abschlussdiskussion rekapitulierte JÖRG OBERSTE nochmals den Metropolenbegriff. Er betonte die moderne Prägung des Begriffes ‚Metropole’ mit seinen vielfältigen Differenzierungen. Für die Übertragung in die Antike, das Mittelalter und die Vormoderne sei dieser jedoch nicht geeignet. Dagegen sei die Verwendung des Metropolenbegriffes für die Zentren einer bestimmten Epoche – nicht zwingend quantitativ, sondern auch qualitativ betrachtet – durchaus treffend. In einer regen Diskussion kristallisierten sich als bedeutsame Kriterien für Metropolität heraus: die Bedeutung des direkten Umlandes, die Hauptstadtfunktion, die Zentralisierung der Wirtschaftsprozesse, die autokratische Organisation, der Stellenwert des Fernhandels und auch historisch gewachsene Standortvorteile und ideelle Faktoren. Die Diskutanten einigten sich zum Abschluss der Tagung darauf, dass eine abschließende Definition von ‚Metropole’ und ‚Metropolität’ nicht geleistet werden könne. Es seien jedoch vielfältige Anstöße zu weitergehenden Forschungen aus der internationalen Jahrestagung des Forums Mittelalter hervorgegangen.
Konferenzübersicht:
Einführung / Grußwort: Jörg Oberste (Sprecher des Forums Mittelalter, Regensburg) / Thomas Strothotte (Rektor der Universität Regensburg)
Eröffnungsvortrag:
Harald A. Mieg (Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung, Berlin): Der moderne Metropolenbegriff und seine Historisierung
Reinhard Senff (Deutsches Archäologisches Institut, Athen): Milet – Metropole Ioniens in der archaischen Zeit
Peter Herz (Universität Regensburg): Rom in der Spätantike. Der Niedergang einer ehemaligen Hauptstadt
Jörg Oberste (Universität Regensburg): Eine Metropole – vielerlei Städte? Das mittelalterliche Paris zwischen Zentralität und Diversität
Doris Behrens-Abouseif (University of London): Die Straßenperspektive als Ausdruck der Metropolität im vormodernen Kairo
Albert Dietl (Universität Regensburg): Kommunizierende Heilige. Zentralisierung und Heiligenkult im visconteischen Mailand
Giorgio Chittolini (Università degli Studi di Milano): Stadtgeographien und politische und wirtschaftliche Expansionsräume in Mittel- und Oberitalien (14.-16.Jh.)
Carolin Wirtz (Bonn):Wirtschaftlicher und kultureller Austausch zweier urbaner Zentren des 14.-16. Jahrhunderts: Kölner Goldschmiede und Goldschmiedewerke in Venedig
Harm von Seggern (Universität Kiel): Spätmittelalterliche Großstädte als Dienstleistungsgesellschaften? Zur Anwesenheit fremder Kaufleute (Gäste)
Hans-Jürgen Becker (Universität Regensburg): Ansätze zur Bildung urbaner Zentren im Alten Reich. Zur Territorialpolitik der Reichsstädte Frankfurt am Main und Nürnberg
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Citation:
Andrea Hofmann. Review of , Metropolität in der Vormoderne. Konstruktionen urbaner Zentralität im Wandel. Internationale Jahrestagung des Forums Mittelalter der Universität Regensburg.
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