Federico Morelli. L’archivio di Senouthios Anystes e testi connessi: Lettere e documenti per la costruzione di una capitale. Berlin: de Gruyter, 2010. IX, 281 S., 1 Faltkt., 1 Tafelbd. $225.00 (cloth), ISBN 978-3-11-022887-8.
Reviewed by Patrick Reinard
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2012)
F. Morelli (Hrsg.): CPR XXX. L’archivio di Senouthios
Unter dem Kalifen Omar drangen die Araber im Jahr 634 erstmals in Hoheitsgebiete des oströmisch-byzantinischen Staates ein. Durch die denkwürdige Schlacht am Jarmuk wurde im August 636 der Verlust Syriens für Byzanz zur Gewissheit. In den Jahren 639/40 gelangte ferner das oströmisch-byzantinische Mesopotamien in arabische Hände. Zugleich fiel 639 der arabische Militärführer Amr ibn al-As in das bis dahin unter oströmisch-byzantinischer Herrschaft stehende Ägypten ein. Zwei Jahre später wurde durch einen Vertrag, den Kyros, der Patriarch von Alexandria, auf Anraten der Kaisermutter Martina für Byzanz ausgehandelt hatte, der Übergang Ägyptens in arabischen Besitz festgeschrieben. Am 12. September 642 verließen die letzten oströmisch-byzantinischen Truppen Alexandria und am 29. des gleichen Monats zog Amr ibn al-As in die Nilmetropole ein. Zwar konnte der oströmisch-byzantinische Heerführer Manuel 645 nochmals kurzzeitig Alexandria besetzen, jedoch wurde er bereits im folgenden Jahr von Amr ibn al-As geschlagen und musste Ägypten, das fortan endgültig in arabischer Hand war, wieder verlassen.
Aus jener Zeit des Übergangs, deren Folgen bis in die Gegenwart von Bedeutung geblieben sind, lagen lange Zeit keine umfangreichen Quellen dokumentarischer Art vor. Dem wird nun durch die neuen Papyrustexte, die im Corpus Papyrorum Raineri 30 zur Edition gekommen sind, Abhilfe geschaffen: Federico Morelli, der als hervorragender Kenner des spätantik-byzantinischen und früharabischen Ägyptens ausgewiesen ist Verwiesen sei hier nur auf folgende Arbeiten: Olio e retribuzioni nell’Egitto tardo (V–VIII d.C.), Firenze 1996; ‚Nuovi‘ documenti per la storia dell’irrigazione nell’Egitto bizantino. SB XVI 12377, P.Bad. IV 93, SPP X 295–299 e altri, in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 126 (1999), S. 195–201; Martelli, grasso, senape e altro ancora in un registro dell’VIIIp: P.Heid.Inv. G 530 + 2926, in: Analecta Papyrologica 12 (2000), S. 243–256; Corpus Papyrorum Raineri XXII, Griechische Texte XV: Documenti greci per la fiscalità e la amministrazione dell’Egitto arabo, Wien 2001; Tessuti e indumenti nel contesto economico tardoantico: i prezzi, in: Antiquité Tardive 12 (2004), S. 55–78. , veröffentlicht im 30. Band der Reihe Corpus Papyrorum Raineri (CPR) 32 neue griechische Texte aus dieser Epoche. Die Papyri – hauptsächlich handelt es sich um Briefe – stammen bis auf wenige Ausnahmen, deren Provenienz unbekannt ist (30/12, 21[?], 22, 23), aus dem Hermopolites und datieren zumeist in die ersten Jahre nach der arabischen Einnahme Ägyptens (643/44). Sämtliche Texte konnten als zu einem Archiv zugehörig identifiziert werden, das Morelli nach Senouthios benannte, einem Vertreter des Pagarchen des Hermopolites, der innerhalb der Papyri am häufigsten in Erscheinung tritt. Die vorgelegten Texte befinden sich allesamt im Besitz der Wiener Sammlung.
Eröffnet wird der Band durch eine inhaltliche Einführung (S. 1–47), in welcher Morelli verschiedene Themen- und Problemfelder der 32 Papyrustexte anspricht. Morelli führt hier etwa die Zugehörigkeit der Papyri zu einem Archiv ausführlich vor, bearbeitet umsichtig die erwähnten Personen und erörtert die Datierung. Bis auf wenige Texte, die lediglich in das 7. Jahrhundert, aber in die Zeit nach der arabischen Eroberung zu setzen sind (30/12, 21, 22, 23), kann allen Papyri eine Datierung auf 643/44 angezeigt werden. Gewinnbringend sind auch die klaren Ausführungen zur Adressenangabe auf der Rückseite der Briefe Vgl. Federico Morelli, Der Briefschreiber an der Arbeit: Aus der Praxis der Epistolographie, in: Claudia Kreuzsaler / Bernhard Palme / Angelika Zdiarsky (Hrsg.), Stimmen aus dem Wüstensand. Briefkultur im griechisch-römischen Ägypten, Wien 2010, S. 85–91. sowie die Überlegungen zu Form und Funktion der Episteln.
Unter den 32 dokumentarischen Papyri, deren Hauptthema die Anforderung und Requisition von Baumaterialien darstellt, ist besonders der erste Papyrus von großer Bedeutung (CPR 30/1). Es handelt sich um den längsten Text des Bandes. Die ersten siebzig Zeilen bieten eine Auflistung von Materialien (Kalk, Ziegel und Pferdemist). Dabei wird jeweils die exakte Menge der Güter aus einzelnen kómai, epoikía oder tópoi wiedergegeben. Kontextualisiert wird diese Liste durch einen amtlichen Brief (Zeile 71–76), der der Inventarliste nachgestellt ist und Anweisungen und Richtlinien für das Einladen der besagten Güter auf Schiffe bzw. Kähne beinhaltet. Die restlichen Zeilen (77–99) befinden sich auf dem Verso. Hierbei handelt es sich um eine Auflistung der Dörfer samt einer Angabe der beförderten Ladungen. Die ausführliche Kommentierung des Textes (S. 49–138) lässt sowohl sprachlich-philologisch Auf einige Monita, die jedoch den Wert der Edition nicht schmälern, wurde bereits an anderer Stelle von Amphilochios Papathomas hingewiesen, in: BMCR 2011.06.05 <http://bmcr.brynmawr.edu/2011/2011-06-05.html> (02.01.2012). als auch inhaltlich keinerlei Wünsche offen und gewinnt durch den gezielten Einsatz von Tabellen und Karten an Übersichtlichkeit. Diese Güte der Kommentierung findet sich freilich auch bei allen übrigen Texten.
Der erste Papyrus erlaubt tiefgehende Einblicke in die logistische Planung der Baumaßnahmen sowie die praktische Umsetzung von Requisition und Transport verschiedener Güter. Bestimmungsort der Materialien war das östlich des Nil gelegene Babylon, welches in der arabischen Frühzeit zur neuen Hauptstadt Kairo (al-Fustat) aus- bzw. aufgebaut wurde. In dem Abschnitt „L’area geografica di 1 e lo skelos settentrionale dell’Ermopolite“ erfolgt eine umsichtige und ausführliche Bearbeitung der im Text aufgelisteten Orte, die nördlich von Hermopolis zu lokalisieren sind (S. 96–117). Zudem identifiziert Morelli in dem kurzen Abschnitt „Il centro amministrativo dello skelos e la sede di Senouthios“ (S. 112) den Hauptaufenthaltsort des Archiv-Namengebers und Vertreters des Pagarchen überzeugend mit Tlethmeos und eruiert die infrastrukturelle Anbindung.
Informationen über die Requisition von Baumaterialien werden nicht nur in dem faszinierenden Text CPR 30/1, sondern auch in zahlreichen weiteren Papyri ersichtlich: In dem amtlichen Brief CPR 30/3 wird beispielsweise die Herstellung von Ziegeln thematisiert, während der Absender des Briefes CPR 30/5 anordnet, Schiffe mit Getreide und nicht mit Ziegeln und Balken zu beladen. Auch die Requisition von menschlichen und tierischen Arbeitskräften ist Thema der Papyrusbriefe: So erteilt das amtliche Schreiben CPR 30/28 ein Verbot der Requisition von Ziegeln, Tieren und Arbeitern und befiehlt zugleich die Freilassung bereits eingezogener Tiere und Arbeiter. Zudem beinhaltete der Band Briefe, die eher in den privaten Bereich situieren (CPR 30/18, 20, 21). In diesen Schreiben, die man der Gattung der Empfehlungsbriefe zurechnen darf, wird jeweils darum gebeten, bestimmte Personen nicht nach Babylon zu verpflichten.
Insgesamt bieten die Dokumente, die hier nur punktuell angesprochen werden können, einen eindrucksvollen Einblick in die inneren Strukturabläufe der Administration in der Frühzeit der arabischen Herrschaft. Diese ist frei von einer kulturell-religiöser Färbung sowie von Konflikten zwischen der christlichen Bevölkerung und der arabischen Obrigkeit; vielmehr wird ersichtlich, wie an bestehende und weiterhin funktionierende Verwaltungsstrukturen des spätantik-byzantinischen Ägyptens angeschlossen worden ist. Ferner ist interessant, dass die neue arabische Obrigkeit in den Dokumenten kaum in Erscheinung tritt. Nur in wenigen Fällen werden Araber direkt erwähnt; so handelt der Brief CPR 30/11 davon, dass dem arabischen Briefüberbringer Schiffe zur Verfügung gestellt werden sollen.
Abgerundet wird der Band durch ein ausführliches Register sowie einen hochwertigen Tafelteil. Es darf resümiert werden, dass Morelli eine mustergültige Edition vorgelegt hat, deren Papyri neue Einblicke in eine Zeit des politischen Übergangs ermöglichen. Zukünftige Forschungen zum frühen arabischen Ägypten sowie im Speziellen zur Frühzeit Kairos werden daher den 30. Band des CPR überaus gewinnbringend nutzen können. Da die vorliegende Edition aber noch nicht sämtliche dem Archiv zugehörigen Texte beinhaltet, darf man auf eine Fortsetzung hoffen.
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Citation:
Patrick Reinard. Review of Morelli, Federico, L’archivio di Senouthios Anystes e testi connessi: Lettere e documenti per la costruzione di una capitale.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2012.
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