Das Erzgebirge im 16. Jahrhundert. Gestaltwandel einer Kulturlandschaft im Reformationszeitalter. Annaberg-Buchholz: Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V., Dresden, 14.10.2011-15.10.2011.
Reviewed by Lutz Vogel
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2012)
Das Erzgebirge im 16. Jahrhundert. Gestaltwandel einer Kulturlandschaft im Reformationszeitalter
Die aktuelle Diskussion über eine mögliche Bewerbung des Erzgebirges um den Weltkulturerbe-Status hat das öffentliche Interesse an dieser Region neu entfacht. Die daraus entstandenen Impulse griffen Historikerinnen und Historiker verschiedener Fachdisziplinen auf der im Kulturhaus „Erzhammer“ in Annaberg-Buchholz veranstalteten Tagung auf. Ziel dieser Annäherung an das Erzgebirge war es, intensiver über Akteure und historische Prozesse nachzudenken, die diese Gebirgslandschaft insbesondere im 16. Jahrhundert maßgeblich geformt und geprägt haben. Allein die beiden Stichworte „Reformation“ und „Silberbergbau“ waren Grund genug, das 16. Jahrhundert als wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Erzgebirges zu betrachten. In der Zeit nach 1500 wurden der frühmoderne Staat und seine neuen Behörden auf- bzw. ausgebaut, im Zuge des „zweiten Berggeschreys“ wuchs die Bevölkerung und neue Städte sowie eindrucksvolle Kirchenbauten entstanden. Durch den Bergbau reich gewordene Fürsten und Adlige errichteten Renaissanceschlösser. Bedeutende Humanisten wie Paulus Niavis, Johannes Rhagius Aesticampianus oder Stephan Roth wirkten im Erzgebirge und trugen maßgeblich zur Verbreitung von Bildung bei. Und zudem kam es im 16. Jahrhundert auch zu einer beträchtlichen Gewerbeentwicklung in Stadt und Land: All dies waren Prozesse, die teilweise bis heute Spuren hinterlassen haben. Im 16. Jahrhundert hatte sich jedenfalls das Erzgebirge vom verschrienen „Böhmerwald“ zu einem der bedeutendsten Landesteile innerhalb des wettinischen Herrschaftsbereichs entwickelt.
MARTINA SCHATTKOWSKY (Dresden) eröffnete mit einem einführenden Referat die Tagung. Sie umriss die vielfältigen Themenfelder, an denen der „Gestaltwandel einer Kulturlandschaft im Reformationszeitalter“ greifbar wird: Das zweite „Berggeschrey“ als Grundlage der prosperierenden Entwicklung Sachsens in der Frühen Neuzeit, die Auswirkungen der Reformation auf das Gebiet, das durch die Leipziger Teilung auch in konfessioneller Hinsicht bis 1539 gespalten war, oder auch auf das Engste mit der Reformation verknüpfte Entwicklungen im Bildungswesen seien wesentliche Prägekräfte jener Zeit gewesen, die nachhaltige Wirkung auf das Erzgebirge entfalteten. Damit in Zusammenhang standen auch der massive Ausbau der staatlichen Verwaltung und die immer stärker werdende Einbindung des Erzgebirges in die Verwaltungsstrukturen des sächsischen Territorialstaats. Ebenfalls durch den Bergbau bedingt, kam es überdies zu einem Aufblühen von Handel und Gewerbe sowie zu einer verstärkten Ausdifferenzierung der Rechtspflege. Vieles sei bereits von der historischen Forschung ergründet worden, dennoch aber gebe es weiterhin große Desiderate, wie zum Beispiel im Hinblick auf die Bildungs-, Verwaltungs- und Alltagsgeschichte. Gleichzeitig verwies Schattkowsky darauf, dass im Rahmen der Tagung nicht allein nach historischen Prozessen, sondern explizit auch nach den Akteuren, nach den gestaltenden Kräften, zu fragen sei.
Im Anschluss daran stellte HELMUTH ALBRECHT (Freiberg) die aktuellen Vorbereitungen für die im Jahr 2013 angestrebte Bewerbung der „Montanregion Erzgebirge“ zur Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe vor. Er umriss das Antragskonzept, welches im Montanwesen die prägende Kraft der gesamten Entwicklung der Erzgebirgsregion sieht und beiderseits der deutsch-tschechischen Grenze im Laufe der Jahrhunderte eine einzigartige Kulturlandschaft hervorgebracht habe. Albrecht verwies in seinem Vortrag insbesondere auf die Bedeutung der aus dem 16. Jahrhunderts stammenden „Objekte“ für den gesamten Antrag. Gerade in der gemeinsamen Antragstellung Sachsens und Tschechiens liege die große Chance, die sich aus der Bewerbung um den Welterbe-Status ergebe – und genau jener grenzüberschreitende Blick sei es, der von der historischen Forschung zukünftig stärker als bisher berücksichtigt werden müsse.
Der umfangreichen Verwaltungsmodernisierung Sachsens in der Frühen Neuzeit, die unter anderem auch aufgrund der enormen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes notwendig wurde, widmete sich MICHAEL WETZEL (Zwönitz) in seinem Referat über den „Erzgebirgischen Kreis im Ausgestaltungsprozess des frühmodernen albertinischen Territoriums“. Er ging insbesondere auf die Bedeutung der Ämterverfassung für die staatliche Entwicklung auf lokaler Ebene ein und zeigte dabei, welchen Stellenwert der Erzgebirgische Kreis im Sachsen des 16. Jahrhunderts einnahm. So wurde der Oberhauptmann für den „Gebirgischen Kreis“ als erster nach Inkrafttreten der Kanzleiordnung vom 5. August 1547 berufen und die Stelle mit einem engen Vertrauten von Kurfürst Moritz von Sachsen besetzt. In der Ausgestaltung der Verwaltung auf lokaler Ebene sieht Wetzel denn auch die Absicht des frühmodernen Staates zur Integration aller Untertanen in sein Staatsgebiet.
Auf das wiederholt diskutierte Bild vom renitenten erzgebirgischen Bergvolk ging FRANZISKA NEUMANN (Dresden) in ihrem Beitrag „‚Denn zwei heren were nicht wol zu dynen.‘ Konfliktformulierung und -regulierung im Schneeberger Kondominat zur Reformationszeit“ ein. Sie zeigte anhand eines konkreten Fallbeispiels, den lokalen Auseinandersetzungen um einen reformatorischen Pfarrer, die Mechanismen der Konfliktlösung im städtischen Rahmen unter den besonderen Bedingungen der Stadt Schneeberg, die gemeinsam von Albertinern und Ernestinern verwaltet wurde. Sie arbeitete dabei die Kontinuität tradierter städtischer Strukturen heraus, denn obgleich die Auseinandersetzungen religiöser Natur waren, wurden sie doch im städtischen Kontext bewältigt. Daher sollte die Prozesshaftigkeit derartiger Konflikte von der Forschung stärker als bislang in den Blick genommen werden, um die Formen frühneuzeitliche Machtansprüche und der Aushandlung städtischer Herrschaft zu hinterfragen.
WINFRIED MÜLLER (Dresden) zeigte in seinem Beitrag „Annaberg 1496 – 1696. Stadtjubiläum und protestantische Erinnerungskultur“ die protestantische Aneignung des altkirchlichen hundertjährigen Jubiläumszyklus und dessen Umformung zum profanen historischen Jubiläum. Am Beispiel Annabergs, wo 1696/97 anscheinend das erste Stadtjubiläum überhaupt begangen wurde, wies er auf den durch die Reformation ausgelösten Transformationsprozess hin, in dessen Rahmen der religiöse Jubiläumszyklus verweltlicht und auch auf die Daten der eigenen Geschichte – wie eben Stadtgründungen – angewendet wurde. Mit dieser „Übersetzung“ altkirchlicher Tradition wäre es möglich gewesen, im Sinne einer gesellschaftlichen Identitätskonstruktion die kulturelle Überlieferung und darüber hinaus das damit verbundene Wertesystem darzustellen.
Den ersten Tag beschloss dann der Vortrag von STEFAN BÜRGER (Dresden) über „Die Annaberger Annenkirche. Besonderheiten der Architektur als Zeichen für kulturellen Wandel“. Er bettete die Entstehungsgeschichte dieser Kirche, die zwischen 1499 und 1525 errichtet wurde, in die allgemeine Entwicklung der noch jungen Bergstadt ein und zeigte anhand dieses Beispiels die gezielte Interessenlenkung und die Integrationsleistung frühmoderner Stadtentwicklung. Das Aufeinandertreffen von soziopolitischen, städtebaulichen und architekturspezifischen Leistungen sowie die stete Einbeziehung neuer Bautechniken in den fortschreitenden Bau sei am Kirchenbau der Annaberger Annenkirche deutlich abzulesen.
MARTIN ARNOLD (Dresden) eröffnete mit seinem Beitrag zum „Adel im sächsisch-böhmischen Grenzraum. Lebenswelten im Spannungsfeld konfessioneller und politischer Gegensätze“ den zweiten Veranstaltungstag. Er zeigte anhand erster Ergebnisse seines an der Technischen Universität Dresden angesiedelten Dissertationsprojekts, dass die sächsisch-böhmische Landesgrenze in der Frühen Neuzeit keineswegs nur als staatliche Trennlinie, sondern vielmehr als Optionsraum und Kontaktgebiet wahrgenommen und genutzt wurde. Die adlige Migration im 16. Jahrhundert sei somit nicht nur als Folge äußerer Zwänge zu betrachten, sondern diente auch zum Machterhalt und -ausbau einzelner Familien.
Wesentliche Grundlage für den Aufschwung des Erzgebirges im 16. Jahrhundert war der Bergbau. FRIEDRICH NAUMANN (Chemnitz) widmete sich in seinem Vortrag dem „Aufbruch zu neuen Technologien im Berg- und Hüttenwesen“ in jener Zeit. Er verdeutlichte den technologischen Schub im Montanwesen, der sich aus der Verwissenschaftlichung des Themengebiets und der vielfältigen Ausdifferenzierung der im Bergbau angewendeten Techniken und Methoden ergeben habe.
Die zeitgenössischen Urteile über die im Erzgebirge tätigen Bergleute stellte ANDREA KRAMARCZYK (Chemnitz) in einem Vergleich der Werke von Paulus Niavis („Schneevogel“) und Georgius Agricola vor. Wenngleich der humanistische Schriftsteller Niavis ein literarisches Werk in Dialogform verfasste und Agricola demgegenüber ein wissenschaftliches Fachbuch über den Bergbau schrieb, waren sie sich doch in ihren Urteilen über die Bergleute weitgehend einig: Sie zollten ihnen Respekt aufgrund ihres technischen Know-hows und wünschten sich beide den „klugen“ Bergmann, der mehr dem Verstand als übersinnlichen Dingen wie der Wünschelrute gehorche.
Auf das Wirken von Frauen im erzgebirgischen Bergbau ging KATERINA MATASOVÁ (Dresden/Ústí nad Labem) in ihrem Referat „Nicht nur Barbara Uthmann. Frauen als Gewerkinnen in Revieren um Annaberg und Joachimsthal“ ein. Sie zeigte, dass Frauen nicht nur durch Geschenke oder Erbschaften in den Besitz von Bergwerken gelangen konnten, sondern verwies auf die Bedeutung sozialer Netzwerke sowie darauf, dass auch der eigenständige Erwerb von Bergwerken durch Frauen möglich gewesen war. Zwischen 1560 und 1580 seien etwa fünf Prozent aller Bergwerke in den beiden Revieren in weiblichem Besitz gewesen.
PHILIPP RÖSSNER (Leipzig) befasste sich in seinem Beitrag mit „Spannungsfeldern“ mitteldeutscher Münzentwicklung und deren globaler Einbettung. Anhand der sächsischen Münzordnung aus dem Jahr 1500, die er als zentrales prozessuales Element im Entstehungsprozess der Moderne betrachtete, ging er auf insgesamt drei derartiger Spannungsfelder näher ein: erstens auf den Markt für den Münzstoff Silber, zweitens auf das bisweilen widersprüchliche Verhältnis zwischen Währungsstabilität für die Bevölkerung und Münzgewinn für den Münzherrn bzw. Münzpächter sowie drittens auf die wechselseitigen Interaktionen von Münzherren und Staaten. Damit verdeutlichte er die globale Dimension, die sich durch vielfältige Kapitalverflechtungen jener Zeit ergeben habe.
Abschließend stellte KARSTEN RICHTER (Chemnitz) in seinem Beitrag zu Eisenhammerwerken im Mittweidatal ein lokales Beispiel für die prägende Kraft des Bergbaus auf die strukturelle Entwicklung des Erzgebirges im 16. Jahrhundert vor. In seinem Beitrag, der diese Entwicklung im Spiegel der Schriften des Scheibenberger Pfarrers und Chronisten Christian Lehmann (1611-1688) verfolgte, zeigte Richter die wohl einzigartige Konzentration von insgesamt sieben Hammerwerken im Mittweidatal und leitete die davon ausgehenden Einflüsse auf die Entwicklungsmöglichkeiten und das Sozialgefüge vor Ort ab. Diese Hammerwerke würden gleichsam mit ihrem Aufkommen im 15./16. Jahrhundert, dem technischen Wandel um 1600, der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg bis hin zum endgültigen Niedergang dieses protoindustriellen Wirtschaftszweigs im 19. Jahrhundert stellvertretend für die Entwicklung der gesamten Eisenverhüttung im westlichen Erzgebirge stehen.
Die Tagung bot einen vielfältigen Einblick in die unterschiedlichen Facetten des Gestaltwandels der Kulturlandschaft Erzgebirge im Reformationszeitalter. Einige der im Eingangsreferat von Martina Schattkowsky benannten Forschungslücken werden – wie die Tagung zeigte –in naher Zukunft durch derzeit entstehende Qualifikationsarbeiten geschlossen werden, andere Themenbereiche harren weiterhin einer eingehenden Bearbeitung. Die Tagung in Annaberg-Buchholz war jedoch ein wichtiger Schritt zu einer differenzierten und umfassenden Analyse des Erzgebirges im 16. Jahrhundert. In einer 2012 erscheinenden Publikation werden die Ergebnisse der Tagung zusammengefasst.
Konferenzübersicht
Martina Schattkowsky (Dresden): Das Erzgebirge im 16. Jahrhundert. Akteure, Strukturen und Prozesse
Helmuth Albrecht (Freiberg): Das Weltkulturerbe-Projekt „Montanregion Erzgebirge“ und seine Objekte des 16. Jahrhunderts
Michael Wetzel (Zwönitz): Der Erzgebirgische Kreis im Ausgestaltungsprozess des frühmodernen albertinischen Territorialstaates
Franziska Neumann (Dresden): „Denn zwei heren were nicht wol zu dynen.“ Konfliktformulierung und -regulierung im Schneeberger Kondominat zur Reformationszeit
Winfried Müller (Dresden): Annaberg 1496–1696. Stadtjubiläum und protestantische Erinnerungskultur
Stefan Bürger (Dresden): Die Annaberger Annenkirche. Besonderheiten der Architektur als Zeichen für kulturellen Wandel
Martin Arnold (Dresden): Adel im sächsisch-böhmischen Grenzraum. Lebenswelten im Spannungsfeld konfessioneller und politischer Gegensätze
Friedrich Naumann (Chemnitz): Aufbruch zu neuen Technologien im Berg- und Hüttenwesen des 16. Jahrhunderts
Andrea Kramarczyk (Chemnitz): Bergleute im gelehrten Urteil bei Paulus Niavis und Georgius Agricola
Katerina Matasová (Dresden/Ústí nad Labem): Nicht nur Barbara Uthmann. Frauen als Gewerkinnen in Revieren um Annaberg und Joachimsthal
Philipp Rössner (Leipzig): Die (proto)globalen Spannungsfelder und Verflechtungen mitteldeutscher Münz- und Währungspolitik um 1500. Das Beispiel der sächsischen Talerprägung
Karsten Richter (Chemnitz): Die Eisenhammerwerke im Mittweidatal im Spiegel der Schriften Christian Lehmanns (1611–1688)
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Lutz Vogel. Review of , Das Erzgebirge im 16. Jahrhundert. Gestaltwandel einer Kulturlandschaft im Reformationszeitalter.
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