Die Fiktionalität des nachklassischen Artusromans. Trier: Martin Przybilski / Nikolaus Ruge, Trierer Historisch-Kulturwissenschaftliches Forschungszentrum (HKFZ), 23.09.2011-24.09.2011.
Reviewed by Katharina Hanuschkin
Published on H-Soz-u-Kult (December, 2011)
Die Fiktionalität des nachklassischen Artusromans
Welche Möglichkeiten fiktionaler Weltentwürfe lassen sich im ‚nachklassischen‘ Artusroman nachzeichnen? Im Rahmen der Tagung unter dem Titel ‚Die Fiktionalität des nachklassischen Artusromans‘ sollte Fiktionalität nicht als vermittelte Größe, als nachgeordneter Wissensraum in den Blick genommen werden, sondern die Möglichkeiten fiktionaler Weltentwürfe jenseits von faktitiver Stringenz, Kohärenz oder Kontingenz. Die Tagung stand im Kontext des Projekts ‚Die Welt als Entwurf von Möglichkeiten. Der Raum des fiktionalen Handelns im sogenannten nachklassischen höfischen Roman‘, das von den beiden Veranstaltern, Martin Przybilski und Nikolaus Ruge, im Rahmen des Trierer Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrums (HKFZ) bearbeitet wird und sich mit der spezifischen Fiktionalität epischer Texte des 13. Jahrhunderts befasst.
In seiner Einführung gab Mitveranstalter NIKOLAUS RUGE (Trier) einen Überblick über die Thematik der Tagung. Den kritisch gesehenen Begriff ‚nachklassisch‘ bezog er dabei auf die Artusdichtung nach ‚Erec‘, ‚Iwein‘ und ‚Parzifal‘, in denen es nicht mehr um die Frage nach Faktizität und Fiktionalität der Dichtung gehe, ebenso wenig um reine gegenüber funktionaler Fiktionalität, sondern um die Konstellationen von Fiktionalität. Damit gehe eine Heterogenität von ‚nachklassischen‘, ‚späten‘ Artusromanen des 13. Jahrhunderts einher.
FRITZ PETER KNAPP (Heidelberg) stellte seinem Vortrag zur aktuellen Fiktionalitätsdebatte drei Bedingungen voran: 1) Eine Autorintention ist immer gegeben, muss vom Dichter aber nicht angegeben werden. Die Interpretationsfreiheit von Texten ist eine Erfindung der Neuzeit. 2) Der Autor ist von seiner Zeit und Umwelt geprägt, was der Interpret stets berücksichtigen muss. 3) Mittelalterliches Erzählen ist auf Lückenlosigkeit angelegt, auch wenn sich Brüche nicht immer vermeiden lassen. Wichtigster Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit dem Artusroman sei Chrétien de Troyes, der in seinem Werk weder Wahrheitsbeteuerung noch Berufung auf ein Gleichnis vornimmt. Sinn vermittle allein der Roman. Auch das Märchenhafte bleibe unerklärt, weil es keiner Erklärung bedarf. Das Publikum erwartete Fakten und dazu gehörten im 12. Jahrhundert auch Wunder, die ihren festen Platz in der Vorstellungswelt des Mittelalters hatten. Bezugnehmend auf Jutta Emings Jutta Eming, Funktionswandel des Wunderbaren. Studien zum Bel Inconnu, zum Wigalois und zum Wigoleis vom Rade (Literatur - Imagination - Realität 19), Trier 1999. Begriff vom Wunderbaren, konstatierte Knapp einen erweiterten Wirklichkeitsbegriff. Emings entrationalisiertem Zauberei-Begriff stellte er eine Magie mit ganz eigener Ratio entgegen. Statt Magie von der christlichen Erfahrungswelt des mittelalterlichen Publikums zu trennen, betonte Knapp, dass Gott seine Macht gerade darin zeige, dass er im Gebet um ein Wunder gebeten werden könne, das sich wie im ‚Wigalois‘ oftmals durch die Gewährung magischer Requisiten darstelle. Damit werde im ‚Wigalois‘ nirgends eine Grenze des Realistischen gezogen. Im ‚Maultier ohne Zaum‘, welches in direkter Nachfolge chrétienscher Intention gedichtet wurde, ist die Handlung gänzlich vom Wunderbaren bestimmt. Die Welt wird gezeigt als spielerischer Entwurf des Unmöglichen, wo zuvor nur der Entwurf des Möglichen angestrebt wurde.
JULIA RICHTER (Utrecht) thematisierte im ‚Prosa-Lancelot‘ eine Verknüpfung von Gral und ritterlicher Bewährungsfahrt, der Aventiure. Aventiuren seien Zeichen und Wunder des Grals und damit auf das Göttliche bezogen. Somit bestimme der Gral die Natur der Aventiuren und die Gralsfindung bedeute das Ende aller weltlichen Aventiuren. So wie der Gral in seiner Eigenschaft als Abendmahlskelch die wunderbare Eigenschaft der Speisung besitze, gehörten die Aventiuren zu einem Speisungsritual des Artushofes: Man setzt sich erst zum Essen nieder, wenn sich eine Aventiure ereignet hat. Im Kulturraum ‚Hof‘ werde die Speisung mit der Aventiure verknüpft. Die fiktionale Welt des Artushofes speist sich aus Aventiuren. Darüber hinaus werden die Aventiuren im ‚Prosa-Lancelot‘ schriftlich fixiert, was eine Quellenfiktion im Rahmen der Handlung bilde. Durch das Zusammenwirken von Inhalt und Struktur offenbare sich Fiktionalität. Im ‚Prosa-Lancelot‘ sei der Gral das movens sowohl der inhaltlichen als auch der strukturellen Ebene, was den Blick des Rezipienten auf die Gemachtheit des Werkes lenke.
Im öffentlichen Abendvortrag richtete FRIEDRICH WOLFZETTEL (Frankfurt am Main) den Blick auf den späten französischen Artusroman. Dieser sei der Versuch einer Utopie der Abkoppelung von Realität. Daraus ergebe sich ein Legitimationsproblem. Artusromane spielten mit Chrétiens Konzept des Beinahe-Scheiterns. Es handele sich um eine solipsistische Gattung, bei der nur Steigerungen und Variationen und das Recycling von Textbausteinen möglich seien. Parodistische Tendenzen könnten vom Publikum nur erkannt werden, wenn der Artusroman ein geschlossenes Weltbild ohne Anfang und Ende präsentiere. Durch die Verdrängung der Realität werde die Illusion einer sich selbst die Regeln gebenden Welt geschaffen, die keine Veränderung brauche. Chrétien selbst versuche im ‚Cligès‘ und im ‚Conte du Graal‘ aus seinem eigenen Konzept zu fliehen. Dem arthurischen Schema werde das genealogische entgegengestellt. Der Gralshof entwertet den Artushof, wobei die Melancholie zur neuen Pose werde. Der Ritter vergesse über das Grübeln die eigene Identität, was zu einer Handlungslähmung führe. Das Nachdenken über die eigene Konstitution des Artusromans werde ins Grübeln der Protagonisten eingebettet. Die Gralssuche sei der Ausdruck des Ungenügens der arthurischen Welt. Die ‚epigonalen‘ Artusromane zwischen 1210-35 seien eine zum Stillstand verurteilte Gattung, der episierende Tendenzen entgegenwirkten. Der Handlungsrahmen wurde beispielsweise um die Kreuzzugsthematik erweitert, die Zentralmacht des Artushofes in Frage gestellt und die gattungsspezifische Isolation durch die Rückführung der arthurischen Welt ins Reale aufgehoben, indem epische Elemente der pseudohistorischen Darstellung hinzugefügt wurden. Die Artuswelt werde Teil des internationalen Kräftemessens und so in die Weltgeschichte integriert.
CHRISTIAN SCHNEIDER (Heidelberg) untersuchte den Begriff ‚Fiktionalität‘, indem er die Frage aufwarf, ob es sich um eine linguistische, durch Textstrukturen bestimmte, oder literaturwissenschaftliche, aus der Rezipientenhaltung ableitbare, Größe handle. Er kam zu dem Schluss, dass Fiktionalität dynamisch aus dem Wechselspiel der Struktur und der Rezipienten entstehe, letztlich aber vom Hörer und Leser bestimmt werde. Schneider untersuchte den ‚Lanzelet‘ nach Techniken der Vergegenwärtigung, die in einem fiktionalen Text, der für wahr gehalten werden sollte, Wahrheit kreieren. Indem für wahr gehaltene Vergangenheit beschworen werde, stelle sich Erfahrungshaftigkeit, im Sinne einer quasimimetischen Evokation lebensrealer Erfahrung, ein. Durch wechselndes Erzähltempus werde der Vorgang des Erzählens im Text durch den Gebrauch des Präsens vergegenwärtigt und da Zeitadverbien sowohl auf Erzählgegenwart und erzählte Gegenwart wirken, fielen beide zusammen. Die Handlung werde durch eine Semantik der Sichtbarkeit als aktuell in der Zeit der Erzählung geschehen dargestellt, wodurch erzählte und reale Welt auf eine Ebene gelegt würden.
MATTHIAS MEYER (Wien) machte den Einfluss von Romanwelten auf die Fiktionalität zum Gegenstand seines Vortrages. Damit die Rezipienten der Handlung folgen könnten, müssten Figuren und Setting gut dargestellt werden. Romanwelten müssten handlungsorientiert und an die reale Welt angelehnt sein. Im Artusroman gebe es Welten, die die Erzählung hemmen, und solche, die sie fördern. Das Wasser sei im klassischen Artusroman eine klar abgegrenzte Welt mit eigenen Regeln, eine reine Frauenwelt und Ort der Erziehung des Helden, die nur durch ihn in Kontakt mit der Artuswelt komme. Wasser sei eine fiktionale Welt, die die Erzählung hemme. Im nachklassischen ‚Wigamur‘ dagegen seien die Wege zwischen den Welten offen. Die Wasserwelt sei für den Erzähler sekundär und bleibe unspektakulär. In der ‚Crône‘ sorge das Feuer für eine Änderung in der Atmosphäre des Artusromans. Schaffe das Feuer zunächst an einem nun winterlichen Artushof einen heimeligen Raum, werde es im Laufe des Romans zum Requisit einer immer irrealer werdenden Welt. In den Wunderketten zerstöre es immer wieder die bekannten Welten des ‚klassischen‘ Artusromans und hebe gleichzeitig die Grenze zwischen Realität und Fiktion auf. Weder Protagonist noch Rezipient wüssten, ob es sich um reale oder Traumwelten handele.
Mitveranstalter MARTIN PRZYBILSKI (Trier) näherte sich der Fiktionalität im ‚Daniel vom blühenden Tal‘ als autopoetischem Artusroman. Obwohl im Roman auf das arthurische Narrativ ausdrücklich hingewiesen werde, bediene sich der Stricker anti-arthurischen Eigenschöpfungen und fülle den Roman mit Personal, das nicht in die Artuswelt gehöre. Die Möglichkeitsräume literarischer Texte werden nur im Artusroman mit possibilitärer Fiktionalität gefüllt. Durch die fiktive Quellenberufung im Prolog, kennzeichne der Stricker seinen Roman als fiktionales Spiel. Daniel selbst sei ein neuer Typ Artusritter: die hybride Figur eines nachdenklichen Grübler-Ritters, der durch seine Klugheit siegt. Damit habe der Stricker das Potenzial der arthurischen Narration voll ausgeschöpft: Das Genre Artusroman ist frei, sich jeder Bestimmtheit zu bedienen, die es potentiell enthält.
KATHARINA PHILIPOWSKI (Paderborn) und BJÖRN REICH (Göttingen) gingen der Frage nach, wie der Artusroman Geschichtlichkeit herstellt und welche Rolle Feenfiguren dabei spielen. Das Geschichtsbild im Artusroman sei dreigeteilt: 1) heroisch, 2) heilsgeschichtlich, 3) genealogisch. Die Artusritter seien eingespannt in ein Netz von Verwandtenbeziehungen, wobei Artus selbst isoliert bleibe. Seine Eltern und Nachkommen werden nicht thematisiert. Die Fee ist eine Figur ohne Vergangenheit und Vorfahren, die ihre Identität an einem Unort verborgen hält und als Figur der Zukunft neue Genealogien begründet. Im Artusroman könne die Fee ebenfalls als herkunftslos angesehen werden, da sich der Erzähler über ihre Abstammung ausschweige. Jedoch sei sie nicht Begründerin einer neuen Genealogie, sondern Ziehmutter des Helden und trage deutlich vermenschlichte Züge. Das Feenreich sei keine unvereinbare Gegenwelt zur Artuswelt. Im Artusroman gebe es somit Feen, die kaum über Feenattribute verfügten. Sie seien nur als hilflose, höfische Damen in die Hofgesellschaft integrierbar, deren Rahmen sie sonst sprengen würden. Darüber hinaus erfüllten sie eine Schwellenposition. Wigalois kann als Feensohn die dem Untergang geweihte Artuswelt verlassen. Feen seien im Artusroman keine märchenhaften Figuren, sondern dienten als Hinweise auf arthurisches Erzählen.
BRIGITTE BURRICHTER (Würzburg) beschäftigte sich mit dem letzten französischen Artusroman ‚Le chevalier au papegau‘, in dem Artus selbst aufbricht und auf seiner Reise bekannte Aventiuren von Artusrittern bestehen muss. Sie verfolgt die These, dass der späte Roman die Bekanntheit der Artusromane beim Publikum voraussetze und somit ein freies Spiel mit der Fiktionalität treibe. Durch die große Intertextualität und dem Spaß an der Erzählung als genannter Sinn des Romans, sei der ‚Chevalier au papegau‘ ein gewollt fiktionales Werk ohne tieferen Sinn, in dem es nur darum gehe, möglichst viele Aventiuren zu recyceln. Der Papagei, der Artus begleitet, habe die Funktion einer allwissenden Erzählerfigur, der alle Geschichten kennt. Er selbst weist auf die Fiktionalität der Erzählung hin.
Die Beiträge gaben aus germanistisch- und romanistisch-mediävistischer Perspektive neue Denkanstöße für die Fiktionalitätsdebatte. Sowohl unter linguistischen als auch literaturwissenschaftlichen Fragestellungen befassten sich die Vortragenden mit den Möglichkeiten der fiktionalen Narration als Mittel, Handlungsräume innerhalb der erzählten Welt zu schaffen.
Konferenzübersicht:
Grußwort Michael Embach (Direktor der Stadtbibliothek Trier)
Nikolaus Ruge (Trier): Einführung in das Tagungsthema
Fritz Peter Knapp (Heidelberg): Die Welt als Entwurf des Möglichen oder des Unmöglichen. Die alternativen Wege des höfischen Romans nach Chrétien de Troyes
Julia Richter (Utrecht): Der Gral als metatextuelle Chiffre? Gral, Gralssuche und Fiktionalität im ‚Prosa-Lancelot‘
Öffentlicher Abendvortrag: Friedrich Wolfzettel (Frankfurt am Main): Gattungsmischung und Epigonalität im Artusroman
Christian Schneider (Heidelberg): Fiktionalität als Rezeptionsproblem. Erfahrung und Erzählen im Lanzelet Ulrichs von Zatzikhoven
Matthias Meyer (Wien): Wasser- und Feuerwelten. Zur Verschränkung ‚fiktionaler‘ und ‚realer‘ Räume im nachklassischen Artusroman
Martin Przybilski (Trier): Möglichkeitsräume in Strickers ‚Daniel von dem blühenden Tal‘
Katharina Philipowski (Paderborn) und Björn Reich (Göttingen): Geschichte ohne Herkunft: Die Fee im Artusroman
Brigitte Burrichter (Würzburg): Die Inszenierung der Fiktionalität im ‚Chevalier au papegau‘
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Citation:
Katharina Hanuschkin. Review of , Die Fiktionalität des nachklassischen Artusromans.
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December, 2011.
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