Der Immerwährende Reichstag im 18. Jahrhundert. Bilanz, Neuansätze und Perspektiven der Forschung. Salzburg: Arno Strohmeyer / Michael Rohrschneider, Forschungsprojekt „Klientelpolitik und Patronageverhältnisse am Immerwährenden Reichstag: Österreich und Preußen, 1740-1763“, Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg, 23.09.2011.
Reviewed by Stephanie-Christina Kaiser
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2011)
Der Immerwährende Reichstag im 18. Jahrhundert. Bilanz, Neuansätze und Perspektiven der Forschung
Der Immerwährende Reichstag im 18. Jahrhundert gelangte in den letzten Jahrzehnten verstärkt in das Blickfeld der Historiker, und es wurden neue Forschungsansätze entworfen, welche das überholte Bild dieser Institution revidierten. Dazu zählen zum Beispiel Einflüsse der kulturalistischen Wende, kommunikationsgeschichtliche und prosopografische Ansätze, Untersuchungen zu den beiden konfessionellen Corpora oder auch Fragen der internationalen Wahrnehmung des Reichstagsgeschehens. Dennoch bestehen nach wie vor gravierende Forschungsdefizite.
Ziel des am 23. September 2011 an der Universität Salzburg veranstalteten, vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanzierten Workshops war es, erstens die bisherige Forschung kritisch zu hinterfragen, zweitens die neuen Methoden der jüngsten Forschung zu diskutieren und drittens zukünftige Forschungsperspektiven zu erarbeiten.
Zu Beginn vermittelte MAXIMILIAN LANZINNER (Bonn) einen Überblick über die verschiedenen Arbeitsfelder zum Immerwährenden Reichstag im 18. Jahrhundert. Problematisch sei vor allem die getrennte Betrachtung des periodischen und des Immerwährenden Reichtags, wodurch viele Erkenntnischancen ungenützt blieben. Generell fehle es an vergleichenden Arbeiten. So sei auch ein europäischer Vergleich bisher noch kaum gezogen worden. Dieser könnte auch Aufschluss über die in der Forschung kontrovers diskutierte Frage geben, ob der Immerwährende Reichstag als erstes stehendes Parlament Europas angesehen werden könne. Diese Frage wurde in der anschließenden Diskussion einstimmig verneint. Auch die Rolle des Immerwährenden Reichtags im Hinblick auf Krieg und Frieden sei noch nicht ausreichend geklärt. Klar sei jedoch, dass der Reichstag nach 1740 an Macht verlor und sich die beiden Großmächte Habsburg und Preußen immer wieder gegenseitig blockierten. Dass das Zeremoniell einen wichtigen Aspekt des Immerwährenden Reichtags ausmachte, sei mittlerweile bekannt, aber zu seiner Einbettung in das kommunikative Gesamtgeschehen fehlen noch vergleichende Arbeiten. Die Rolle des Zeremoniells wurde in der Diskussionsrunde ausgiebig behandelt. Es wurde dafür plädiert, Zeremoniell und Politik getrennt zu behandeln, deren gegenseitigen Einfluss aber dabei nicht zu vernachlässigen.
KARL HÄRTER (Darmstadt/Frankfurt am Main) veranschaulichte, dass der Immerwährende Reichstag zwar im 20. und 21. Jahrhundert besser erforscht und auch weitaus differenzierter analysiert wurde als in der älteren Forschung, dass trotzdem aber einzelne Institutionen und Akteure sowie deren Kommunikation bisher kaum Beachtung fänden. Sehr vehement zeigte er die Grenzen der Sichtweise des Immerwährenden Reichtags als „Spiegel der Gesellschaft“ auf. Dieser Blick lasse den Reichstag zu passiv erscheinen und vernachlässige völlig, dass es sich dabei um eine eigenständige Institution mit einem Eigenleben handle. Trotzdem konnte auch der Reichstag zum Beispiel Friedensschlüsse nicht wesentlich beeinflussen; er stellte aber ein wichtiges Forum für Verhandlungen dar. Auch hier zeige sich, dass ein großer Mangel an vergleichenden Arbeiten – vor allem im Hinblick auf Verfahren, Mediation und Kommunikation – vorherrsche. Allein die Gesandten seien zum Teil untersucht.
Einen Einblick in den Schriftverkehr aus dem Umfeld des Immerwährenden Reichtags geben die im Jahr 1703 abgefangenen Briefe des Prinzipalkommissars Johann Philipp von Lamberg. SUSANNE FRIEDRICH (München) schilderte, wie diese Korrespondenzen dem Kurier ganz gezielt entwendet wurden. Dies stelle sich aber als Glücksfall für die Geschichtswissenschaft heraus, da die Briefe bis heute erhalten und uns dadurch – gewissermaßen als Momentaufnahme – die Kommunikationspartner des Prinzipalkommissars bekannt sind. Lambergs Netzwerk sei breit gefächert gewesen; er schrieb sowohl dem Kaiser und dessen Ministern, aber auch seiner Familie und seinen Bediensteten.
Dass die Politik am Immerwährenden Reichstag oftmals zu „groß“ für Reichsstädte wie Bremen und Hamburg und daher für die konkreten Probleme der Städte ungeeignet gewesen sei, veranschaulichte ANDRÉ KRISCHER (Münster). Sie wandten sich daher direkt an den Kaiser bzw. seine Minister. Mit Geschenken erkauften sie sich deren Aufmerksamkeit. Da diese „Korruption“ Erfolg zeigte, etablierte sich eine „Bestechung auf Dauer“, das heißt, die zuständigen Behörden wurden regelmäßig mit Geschenken versorgt. Die Städte Bremen und Hamburg schickten nun keine Gesandten mehr nach Regensburg, unterhielten aber dafür einen Vertreter in Wien. Dieser konnte dort auf einen enormen sozialen Aufstieg hoffen, der ihm beim Reichstag nicht möglich gewesen wäre. Im Anschluss wurde eingewendet, dass es sich bei Hamburg und Bremen um Ausnahmen handle; andere Reichsstädte wie etwa Frankfurt am Main hätten durchaus Vertreter in Regensburg gehabt. Denn obwohl die Reichsstädte am Reichstag nie die Bedeutung gehabt hätten wie die anderen Reichsstände, konnten sie schon allein wegen ihres Stimmrechts nicht ignoriert werden.
Die österreichische Reichstagspolitik Franz’ I. und Maria Theresias zu untersuchen, stellt Historiker aufgrund der Quellenlage vor eine Herausforderung. Wie MICHAEL ROHRSCHNEIDER (Köln/Salzburg) erläuterte, sei es nur begrenzt möglich, die diesbezüglichen Entscheidungen des Kaisers nachzuvollziehen, da Maria Theresia nach dem Tod ihres Gatten Teile seines Nachlasses entfernen ließ. Der oberste Repräsentant des Kaiserhofes in Regensburg war der Prinzipalkommissar; er wurde von einem Konkommissar unterstützt. Um die Vorstellungen des Kaisers bzw. Maria Theresias mit Erfolg umzusetzen, hätten beide an einem Strang ziehen müssen, was aber nicht immer der Fall gewesen sei. Generell hätten die drei habsburgischen Gesandtschaften in Regensburg (Prinzipalkommission, österreichische Gesandtschaft und kurböhmische Gesandtschaft) immer wieder mit Koordinationsproblemen zu kämpfen gehabt. Der österreichisch-preußische Dualismus förderte nach 1740 die Mobilisierung eigener Klienten und Parteigänger, wobei die Grenze zwischen beiden oft fließend verlief. Dies sei jedoch bisher nur sehr wenig erforscht.
Mit den Gesandten am Immerwährenden Reichstag beschäftigt sich LUPOLD VON LEHSTEN (Bensheim) im Rahmen seiner prosopografischen Forschungen. Die Gesandten standen in einem Spannungsfeld von Öffentlichkeit, Familie, Fürst und Auftrag. Sie hielten sich unterschiedlich lange in Regensburg auf, und auch ihre Einflussmöglichkeiten variierten. Für die Gruppe der Reichstagsgesandten würde es sich auf den ersten Blick förmlich anbieten, eine Typologie zu entwerfen, aber bei näherer Betrachtung zeige sich, dass ihre Biografien dafür viel zu unterschiedlich seien, was Lehsten mit Beispielen veranschaulichte. Dennoch wurde in der Diskussion eine solche Typologie als wünschenswert erachtet.
Wie Frankreich den Immerwährenden Reichstag in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für die eigene Politik nutzte, zeigte GUIDO BRAUN (Bonn). Ziel der Franzosen sei es gewesen, eine einheitliche Fraktion in Regensburg gegen den Kaiser aufzubauen. Obwohl Frankreich kein Sitz- und Stimmrecht am Reichstag hatte, beorderte Versailles Gesandte nach Regensburg, die dort jedoch nicht gerne gesehen waren. Sie fanden kaum Kontakt zu anderen Reichstagsgesandten und wurden von diesen auch nicht als gleichwertig anerkannt. Ihre Aufgabe habe vor allem darin gelegen, Informationen zu beschaffen und Charakterisierungen der anderen Gesandten zu erstellen. Als der französische König schließlich erkennen musste, dass sich eine antikaiserliche Fraktion nicht aufbauen ließ, verlor er das Interesse am Reichstag. Frankreich habe den Reichstag als Ort des österreichisch-preußischen Gegensatzes wahrgenommen, wobei kein Unterschied zwischen den Interessen des Kaisers und Österreichs gemacht worden sei. Die Entscheidungsfindung sei auf französischer Seite als langsam und schwerfällig empfunden worden. Obwohl der Immerwährende Reichstag praktisch ohne Unterbrechung tagte, wurde er von Frankreich nicht als immerwährendes Gremium betrachtet.
Anschließend an den Vortrag von Braun beschäftigte sich SVEN EXTERNBRINK (Marburg/Heidelberg) mit den französischen Reichstagsgesandten zwischen 1756 und 1786. Eine diesbezügliche Zäsur stelle der Beginn des Siebenjährigen Krieges dar, in dessen Gefolge eine neue Generation von Diplomaten in den Dienst getreten sei. Frankreich habe sich generell als diejenige Macht gesehen, welche die Balance des Heiligen Römischen Reichs von außen überwachte. Daher sei es auch das erklärte Ziel gewesen, sich das Vertrauen jener zu sichern, die sich keinesfalls auf die Seite des Kaisers stellen würden. Eine intensivere Erforschung verlange dahingehend noch die Ausbildung und Vernetzung der Gesandten.
In seinem abschließenden Kommentar fasste MICHAEL KAISER (Köln) noch einmal wichtige Punkte des Workshops zusammen. Erstens: Die Periodisierung des Reichtages sei nicht einfach. Eventuell mache eine Binnenperiodisierung Sinn. Allerdings sei aus den Vorträgen klar erkennbar, dass die zeitliche Einteilung je nach Akteur bzw. Thema variiere. Zweitens: Ein Vergleich mit außerdeutschen Mächten sei wünschenswert. Zudem müsse man Abschied von dem Bild des Reichstags als reiner „Spiegel anderer Konflikte“ nehmen, da dies den politischen Eigenwert dieser Institution schmälere. Drittens: Interne Abstimmungen spielten in der politischen Realität eine große Rolle. Dazu gehörten auch Klientelpolitik, Korruption und Bestechung. Es stelle sich hier die Frage, inwieweit diese einfach zum System dazugehörten und daher gar nicht als problematisch wahrgenommen wurden. Abschließend bemerkte Kaiser noch, dass die Quellenlage zum Immerwährenden Reichstag im Prinzip sehr gut sei; er sprach sogar von einem „Zuviel“ an Quellen, was im Hinblick auf eine Quellenedition problematisch sei. In der anschließenden Diskussion plädierten trotzdem viele zumindest für eine Teiledition, und zwar ausgehend von einem kleinen, inneren Bereich, der im Laufe der Zeit erweitert werden könnte.
Dieser Workshop war schon deshalb von großer Relevanz für die Forschung, weil es sich um die erste Tagung zu diesem Thema handelte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass trotz des zunehmenden Interesses der Historiker am Immerwährenden Reichstag im 18. Jahrhundert und den von den Referenten schon geleisteten Arbeiten immer noch große Forschungsdefizite bestehen, welche aufgrund des immensen Quellenmaterials noch weitere Generationen von Wissenschaftlern beschäftigen werden.
Konferenzübersicht:
Arno Strohmeyer: Begrüßung
I. Der Immerwährende Reichstag als Gegenstand der neueren Forschung
Maximilian Lanzinner: Arbeitsfelder und Forschungsfragen zum Immerwährenden Reichstag
Karl Härter: Der Immerwährende Reichstag (1663-1806) in der jüngeren Historiographie (20./21. Jahrhundert)
II. Der Immerwährende Reichstag im 18. Jahrhundert: Neuere Ansätze der Forschung
Susanne Friedrich: Der Kurier des Kardinals. Abgefangene Briefe vor dem Hintergrund der Kommunikationsgeschichte des Immerwährenden Reichstags
André Krischer: Reichsstädte und Reichstag im 18. Jahrhundert. Befunde aus Bremen und Hamburg
Michael Rohrschneider: Strukturgegebenheiten und Vernetzungen der Reichstagsgesandtschaften Franz‘ I. und Maria Theresias (1745-1763): Ein Problemaufriss
Lupold von Lehsten: Möglichkeiten und Grenzen prosopografischer Forschungen zum Immerwährenden Reichstag im 18. Jahrhundert
III. Zur Außenwahrnehmung und zu den auswärtigen Gesandtschaften des Immerwährenden Reichstags im 18. Jahrhundert: Das Beispiel Frankreich
Guido Braun: Der Immerwährende Reichstag aus französischer Sicht in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Sven Externbrink: Nach der „Diplomatischen Revolution“. Funktion und Aufgaben der französischen Reichstagsgesandtschaft 1756-1786
Michael Kaiser: Kommentar und Schlussdiskussion
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Citation:
Stephanie-Christina Kaiser. Review of , Der Immerwährende Reichstag im 18. Jahrhundert. Bilanz, Neuansätze und Perspektiven der Forschung.
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