Sandrine Kott. Histoire de la société allemande au xx. siècle: III La RDA 1949-1989. Paris: Editions La Decouverte, 2011. 126 pp. ISBN 978-2-7071-6911-2; EUR 9.50 (paper), ISBN 978-2-7071-6906-8.
Reviewed by Thomas Lindenberger
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2011)
S. Kott: Histoire de la société allemande
Sandrine Kott, zweifellos die beste Kennerin der DDR-Geschichte in der frankophonen scientific community, Sandrine Kott, Le communisme au quotidien. Les entreprises d’État dans la société est-allemande. Paris, Berlin 2001, demnächst auf Englisch bei University of Michigan Press. legt in diesem Textbook eine kompakte und übersichtliche Gesamtdarstellung der ostdeutschen Gesellschaft unter kommunistischer Herrschaft vor. Das Bändchen ist Teil einer dreiteiligen „Geschichte der deutschen Gesellschaft im 20. Jahrhundert“. Marie-Bénédicte Vincent, Histoire de la société allemande au XXe siècle, t. 1: Le premier XXe siècle 1900-1949 (Collection Repères), Paris, La Découverte 2011; Alain Lattard, Histoire de la société allemande au XXe siècle, t. 2: La RFA 1949-1989 (Collection Repères), Paris, La Découverte 2011.
Kott überzeugt durch eine kluge Gliederung, indem sie in einem Einstiegskapitel die Phase der kommunistischen Herrschaftsdurchsetzung und der gewaltsamen sozialen Transformation behandelt und mit dem Mauerbau endet. Dann lässt sie die eigentliche Gesellschaftsgeschichte der DDR beginnen – eine überzeugende Vorgehensweise, die auf die extreme Instabilität und den provisorischen Charakter der frühen DDR abhebt. Erst nach der gewaltsamen Abschottung kann, so Kott im Anschluss an Lüdtke, von der „durchherrschten Gesellschaft“ gesprochen werden.
Die folgenden vier, den Hauptteil der Darstellung ausmachenden Kapitel sind vier verschiedenen Dimensionen des Verhältnisses von Gesellschaft und Partei-Staat gewidmet. Im zweiten Kapitel analysiert Kott die Parteiherrschaft im engeren Sinne, die sich – was in landläufigen Darstellungen häufig vernachlässigt wird – ebenso sehr auf die Herrschaft im Innern der Partei wie auf die Mobilisierung der Gesellschaft insgesamt stützt und in erster Linie in der Arbeit und im Betrieb verankert ist. Am Ende dieses Kapitels charakterisiert Kott die Rolle der Stasi in einem etwas zu kurzen Abschnitt als Ausführungsorgan der umfassenden Kontroll- und Repressionspolitik der SED, das sich der Gesellschaft als „Instrument und Ort der Kontrolle“ bedient (S. 44) – eine interessante Formulierung, die auf die soziale Distanz zwischen Partei-Staat und DDR-Gesellschaft Bezug nimmt, zugleich aber die Alltäglichkeit und Allgegenwart der Zusammenarbeit mit der Stasi nicht nur durch IMs, sondern auch „offizielle“ Zuträger herausstreicht. Das dritte Kapitel zeichnet die Entwicklung der Klassenstruktur der DDR mit ihrem Spannungsverhältnis zwischen Egalitarismus und Aufstiegsmobilität der frühen und Herausbildung neuer Ungleichheitsstrukturen in den mittleren und späten Jahrzehnten nach. Das vierte Kapitel ist dem „sozialistischen ‚Subjekt‘“ gewidmet und damit den unablässigen Versuchen der Partei, „neue“ Menschen zu schaffen. Das betrifft vor allem die Erziehung der Jugend und die Frauenpolitik, beides Bereiche, die zugleich für die Verschränkung von privater und öffentlicher Sphäre stehen. Während in diesen beiden Kapiteln grosso modo der mainstream gesellschaftlicher Beziehungen geschildert wird, gelingt Kott mit dem Kapitel „Die Ränder: Politische und soziale Ausschließung“ eine genuin gesellschaftsgeschichtliche Annäherung an die repressive Seite der SED-Herrschaftspraxis. Die Abschnitte über den staatlichen Umgang mit Ausländern und „Asozialen“, mit Dissidenten und ihrem politischen Widerstand als „Abweichung“ sowie über die Perhorreszierung der „Jugend als innerem Feind“ leuchten den Übergangsbereich zwischen alltäglicher, sich auf die Mitwirkung der Gesellschaft stützender und auf Konfliktvermeidung ausgerichteter Sozialkontrolle und dem Arsenal der repressiven, gegen den Einzelnen gerichteten „harten“ Sanktionen aus. Ein Schlusskapitel über die rasche Auflösung der DDR-Gesellschaft und ihr Verschwinden rundet die Darstellung ab.
Kott hat gezeigt, dass man auch auf 126 Seiten eine konzentrierte, zugleich aber – was nichtdeutschen Leser/innen entgegenkommt – immer noch hinreichend anschauliche Gesellschaftsgeschichte schreiben kann, die den beachtlichen internationalen Forschungsstand kreativ zu verarbeiten weiß. Angesichts dieser Leistung auf engstem Raum fällt es schwer zu kritisieren. Als deutliches Manko ist das Zurücktretenlassen der politisch-ideologischen Zäsuren der Parteigeschichte zu vermerken, die unmittelbar die Gesellschaftspolitik der SED veränderten. Dazu gehören Schlüsselereignisse wie die 2. Parteikonferenz 1952, der V. Parteitag 1958, das Kahlschlagplenum 1965 oder der Übergang zu Honeckers ruinöser „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, Wegmarken und Merkpunkte, die für eine Gesellschaftsgeschichte der DDR unverzichtbar sind. Ungeachtet dieser Einschränkung präsentiert Kott eine konzise und elegante Überblicksdarstellung, die ohne größeren Aufwand in gut lesbares Deutsch zu übersetzen wäre. Deutsche Gesellschaftsgeschichte muss also keineswegs in der deutschen Leser/innen nur allzu vertrauten Sackgasse von ausufernden und teutonisch-unübersetzbaren Strukturanalysen enden.
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Citation:
Thomas Lindenberger. Review of Kott, Sandrine, Histoire de la société allemande au xx. siècle: III La RDA 1949-1989.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2011.
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