Qualitätssicherung von Wissenschaft im Wandel. Berlin: Jürgen Kocka; Hildegard Matthies; Dagmar Simon; Projektgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, 01.06.2006-03.06.2006.
Reviewed by Hildegard Matthies
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2006)
Qualitätssicherung von Wissenschaft im Wandel
Evaluationen sind zurzeit in aller Munde – nicht zuletzt auch im deutschen Wissenschaftssystem. Damit mehrt sich auch die Kritik, und die Stimmen derjenigen nehmen zu, die Evaluationen – kaum eingeführt – am liebsten gleich wieder abschaffen wollen. Jürgen Kocka, Hildegard Matthies und Dagmar Simon (Projektgruppe Wissenschaftspolitik) waren die Initiatoren einer Konferenz am WZB (1.-3- Juni 2006), die an diese Debatte anknüpfte. Ziele, Verfahren und Kriterien von Evaluationen wurden aus international vergleichender und historischer Perspektive reflektiert und im Hinblick auf ihre intendieren, nicht-intendierten und latenten Effekten betrachtet.
Die Prüfung und Bewertung wissenschaftlicher Leistungen spielt eine Rolle, solange es organisierte Wissenschaft gibt. Das gilt insbesondere für die Evaluierung von Wissen und Erkenntnisansprüchen der Wissenschaft. Ebenso war Wissenschaft immer schon durch Konformitäten geprägt. Die Einhaltung von impliziten Normen und Verhaltenserwartungen kennzeichnet ein wichtiges Identität stiftendes Merkmal von Wissenschaft, wie etwa Robert Merton in seinen Analysen zum Ethos der Wissenschaft konstatiert.
Die Diskussionen um die Leistungen der Wissenschaft als auch die Verfahren zu ihrer Kontrolle haben sich verändert. Ein Ausdruck dieses Wandels ist die Einführung von Evaluationen als flächendeckendes Verfahren der Leistungsbewertung in der Wissenschaft. Historisch betrachtet kann diese Entwicklung als Versuch der modernen Gesellschaft gelesen werden, bisher eher implizite Qualitätssicherungsverfahren durch Einführung von systematisierten Indikatoren und Bewertungsmodi expliziter und transparenter zu machen und damit auch die Verfahren der Bewertung von Wissen zu effektiver zu gestalten.
Derlei an Evaluationen geknüpfte Rationalisierungserwartungen könnten insbesondere für die Wissenschaft problematisch sein. Sie führen nicht nur zu überzogenen Erwartungen an das Instrument der Bewertung, sondern lassen in Evaluationsverfahren oftmals auch den Gegenstand der Bewertung unscharf werden: Geht es beispielsweise um die Bewertung von Erkenntnissen im Hinblick auf ihre wissenschaftliche Güte oder ihre gesellschaftliche Relevanz, oder geht es um die effiziente Organisation der Erkenntnisproduktion, also um Fragen der Steuerung von wissenschaftlichen Institutionen im Hinblick auf den effizienten Einsatz von Ressourcen und um eine Optimierung ihres Ertrags.
Die unterschiedlichen Ziele, vor allem die nicht intendierten Effekte und latenten Funktionen, kritisch zu beleuchten, war das zentrale Anliegen - sei es aus dem Blickwinkel der Wissenschaftstheorie, der Evaluationsforschung oder der Evaluationspraxis, das die Teilnehmer und Teilnehmerinnen dieser Tagung zusammengeführt hat. Das Spektrum reichte von der Forderung, Evaluationen gänzlich abzuschaffen, da sie nur unnötige Kosten verursachten (Bruno Frey, Universität Zürich) bis zu Vorschlägen, die Verfahren zu verbessern und ihrem Gegenstand angemessener zu gestalten (u.a. Thomas Widmer, Universität Zürich).
Rüdiger vom Bruch (Humboldt Universität zu Berlin) betrachtete aus einer historischen Perspektive die Qualitätsmaßstabe bei der Forschungsmittelvergabe in Bezug auf das 20.Jahrhunderts insbesondere das Verhältnis von politisch-ideologischen Steuerungsvorgaben und innerfachlichen Referenzsystemen. Im Zentrum von Jürgen Enders’ (Universität Twente) historisch-analytischen Überblick über die Strukturen und Mechanismen der Nachwuchsförderung standen die Etappen der deutschen Universitäten vom historischen Erfolgsmodell über die „Krise des wissenschaftlichen Nachwuchses“ bis zu den Chancen und Risiken systematischer Leistungskontrollen und -bewertungen, nicht nur in diversen Nachwuchsstadien, sondern auch im Blick auf das Professoren-Dasein.
Im Blick auf die latenten Funktionen sowie die unintendierten Effekte von Evaluationen wurden die Fragen aufgeworfen, ob durch Evaluationen Disziplinierungseffekte zu befürchten sind, indem bspw. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kritische Themen meiden und es vorziehen, ihre Forschungsthemen am Mainstream wissenschaftlicher Erkenntnis auszurichten (Martina Röbbecke, Wissenschaftsrat Köln) und ob im Zuge des Evaluationsgeschehens zunehmend Moden das Geschäft in der Wissenschaft bestimmen (Dagmar Simon, WZB)? Peter Weingart (Universität Bielefeld) machte auf die Tendenz einer Medialisierung der Wissenschaftslandschaft aufmerksam, bei der sich Wissenschaft als Folge einer Fremdsteuerung und externen Bewertung zunehmend an einem nicht wissenschaftlichen Publikum orientiert, und wies auf die Gefahr hin, dass durch die „Evaluitis“ (Frey) die Möglichkeit der Selbstbeobachtung der Wissenschaft verloren gehe. Eingerahmt wurden diese empirischen Beobachtungen wurden durch theoretische Reflexionen über das Phänomen nicht-intendierter Effekte (Dietmar Braun, Lausanne) sowie eine philosophische Annäherung an eine Wissenschaftstheorie der Evaluation an (Marcel Weber, Universität Basel).
Die Konferenz zeigte vor allem dreierlei: erstens die Notwendigkeit, differenzierte Verfahren und Kriterien zu entwickeln, dies insbesondere auch mit Blick auf die unterschiedlichen Disziplinen (Wim Blockmans, NIAS, Wassenar), zweitens den Bedarf einer verstärkten Auseinandersetzung mit den Grenzen einer externen Steuerung der Wissenschaft sowie dem Verhältnis von Selbst- und Fremdsteuerung und damit auch einer stärkeren Zusammenführung von Wissenschafts- und Evaluationsforschung. Last but not least sind die Effekte einer zunehmenden Professionalisierung der Evaluationspraxis zu bewerten, in dessen Folge das Evaluieren zunehmend das Geschäft eigenständiger Evaluationsagenturen außerhalb der Wissenschaft wird.
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Citation:
Hildegard Matthies. Review of , Qualitätssicherung von Wissenschaft im Wandel.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
August, 2006.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=34509
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