Friedrich Knilli. Ich war Jud Süss: Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian. Berlin: Henschel Verlag, 2010. 208 S. (gebunden), ISBN 978-3-89487-340-0.
Reviewed by Horst Claus
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2011)
F. Knilli: Ich war Jud Süss
Der gut aussehende, charmant-populäre, trinkfeste Frauenschwarm und Bühnendarsteller Ferdinand Marian ist zwei Generationen nach Ende des Zweiten Weltkriegs vergessen. Eingegangen in die Geschichte ist sein allgemein als virulent antisemitisch empfundenes Porträt des den Beschreibungen nach gefährlich-kalkulierenden, lüsternen „Jud Süß“ in Veit Harlans gleichnamigem, von Joseph Goebbels 1939/40 in Auftrag gegebenen Propagandafilm. Immer wieder zitierte, aus ihrem Kontext herausgerissene Ausschnitte und optische Werbematerialien zu dem für öffentliche Vorführungen nicht zugelassenen Streifen haben Marians Darstellung zum Inbegriff bösartig entstellender, angeblich jüdischer Charakteristika werden lassen. Doch das vom Propagandaminister intendierte stereotype Image vom abstoßenden, Hass auslösenden jüdischen Volksfeind entspricht nach Ansicht von Friedrich Knilli nicht dem, was der Schauspieler auf der Leinwand darstellt. Der Medienwissenschaftler hat sich jahrzehntelang intensiv mit Antisemitismus, Holocaust und vor allem mit Ferdinand Marian beschäftigt. Letzterem ist er dabei so nahe gekommen, dass er in der vorliegenden Biografie nur von „Ferdl“ spricht.
Für Knilli zeigt Marian „einen geschlechtshungrigen Aufsteiger, der sich seiner jüdischen Herkunft schämt“ (S. 114) bzw. „einen jüdischen Liebhaber, dessen einzige Schuld es ist, Deutscher sein zu wollen“ (S. 20) – eine tragische Figur, die keineswegs allen Zuschauern Anlass für antisemitische Protestausbrüche liefert. Entsprechend will er dem Schauspieler sein wahres Gesicht zurückgeben, das dieser hinter dem auf seiner Erscheinung basierenden Bild vom „ewigen Juden“ verloren habe. Gleichzeitig plädiert er für einen posthumen Freispruch für Marian und dessen Jud-Süß-Darstellung sowie für eine posthume Verurteilung des nach dem Krieg zweimal der Verbrechen gegen die Menschlichkeit freigesprochenen Regisseurs Harlan, weil Marian von ihm und den Nationalsozialisten zu einer (auch von der Auslandspresse gefeierten) menschlich überragenden Darstellung missbraucht worden sei. Obwohl der Schauspieler sich ursprünglich geweigert hat, die Rolle zu übernehmen, habe er sich später mit ihr identifiziert und sie dermaßen überzeugend gespielt, dass er am Ende als Mensch an ihr zerbrochen sei.
Knilli beginnt seine Ausführungen mit einer knappen Übersicht über die mediengeschichtliche Evolution der historischen Persönlichkeit zum „Prototyp des jüdischen Sittenverderbers“ und seiner Umsetzung auf der Bühne und im Film. Da keiner der Darsteller (nicht einmal Conrad Veidt) theatergeschichtlich mit der Rolle identifiziert werde, ist Marian für ihn eindeutig der überzeugendste Interpret des Joseph Süß Oppenheimer. Wie es dazu gekommen ist, entwickelt er aus einer Untersuchung der persönlichen und beruflichen Entwicklung des Schauspielers sowie der Rollen, die er im Lauf seiner Karriere vor dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Ereignisse gespielt hat.
Als (im schulischen Bereich mittelmäßiger) Sohn einer Operettensängerin und eines Hofopernsängers der zweiten Garnitur wuchs Ferdinand Marian im gutbürgerlichen Wiener Milieu des Vielvölkerstaats Österreich auf. Knilli notiert, das „gespaltene Muttersöhnchen“ (S. 55f.) habe bereits seinen Eltern mit sehr viel Fantasie – als liebes Kind und als Frechdachs – eine Doppelrolle vorgespielt. Nach erfolglosen Anläufen in anderen Berufssparten begann seine Schauspielerlaufbahn ohne formelle Ausbildung in der späteren österreichischen Hochburg des Nationalsozialismus Graz. Die ständig wechselnden Rollen am dortigen Stadttheater verlangten schnelles Lernen und Routineauftritte; häufig handelte es sich um Stücke, die von deutsch-nationalen Gruppen zu Propagandazwecken genutzt wurden. Rechtsradikales Gedankengut dominierte ebenfalls in vielen Werken, in denen er anschließend auf Bühnen im Rheinland und im Ruhrgebiet zu sehen war. Zur wahren Schauspielkunst gelangte Marian laut Knilli vermutlich erstmals 1932 in Hamburg mit der Rolle des Lustmörders Kreuzhalter in Richard Billingers damaligem Hit „Rauhnacht“, in der er eigene sadistische Gefühle und Tendenzen entdeckte. Vom Publikum enthusiastisch gefeiert markiert dieser Auftritt am Thalia Theater den Beginn seiner Karriere. In der Folgezeit übernahm Marian häufig Lustmörder, Opfer und eindeutig antisemitische Rollen. Er vertiefte sich in jene dermaßen, dass er sich in ihnen nach eigenen Aussagen kaum wiedererkannt hat. Wesentliche Impulse bei dem Versuch, sich selbst zu entdecken, erhielt er 1933/34 von dem bedeutenden Schauspiellehrer und Leiter der Münchener Kammerspiele Otto Falckenberg. Seine Entwicklung zum Bühnenstar verdankte er ab 1936 nicht zuletzt auch dem Theater- und Filmregisseur Erich Engel, mit dem ihn verschiedene, nicht verwirklichte Filmprojekte verbanden.
Dem für das Verständnis von Marians Person zentralen Thema – der schicksalhaften Bedeutung der Rolle des Jud Süß für den Menschen und Schauspieler Ferdinand Marian – widmet Knilli etwa ein Drittel seines Buchs. Seine ausführliche Darstellung von „Ferdls“ Versuchen, sich der Rolle zu entziehen, lässt den Leser die Situation des darstellenden Künstlers im nationalsozialistischen Staat hautnah nachempfinden. Wer von dem Film nur kurze Ausschnitte kennt, dem liefert Knilli eine detaillierte, einfühlsame Interpretation dessen, was Marian – im Widerspruch zu späteren Beschreibungen – aus der Rolle gemacht hat. Besonders deutlich wird dies in seiner modellhaften Analyse der komplexen sexuellen Beziehungen zwischen dem jüdischen sozialen Aufsteiger Süß, der notfalls über Leichen geht, um sein Ziel zu erreichen, und der jungfräulichen schwäbischen Landschaftskonsulantentochter Dorothea. Bei dieser geht es eben nicht nur um die gern zitierte, brutale Vergewaltigungssequenz, sondern auch um die körperliche Anziehung und Erregung, die in Marians Zusammenspiel mit Kristina Söderbaum deutlich zu spüren ist.
Selber in der Steiermark aufgewachsen, zeichnet Knilli ein überzeugendes Bild des Milieus, in dem „Ferdl“ als Schulkind mit seinen Eltern die Sommerferien verbracht und als Schauspieler erstmals auf der Bühne gestanden hat. Sein mit seinem Protagonisten auf „Du und Du“ stehender Ansatz, seine umfassenden, detaillierten Kenntnisse, die sich in zahlreichen Verweisen auf mediale und personelle Vernetzungen ausdrücken, und nicht zuletzt seine gelegentlich derb-drastische Ausdrucksweise machen diese Biografie zu einer fesselnden Lektüre – nicht nur für am Film wissenschaftlich Interessierte oder Filmfans, sondern für alle, die sich ernsthaft mit der Situation und dem Verhalten von Künstlern in menschenverachtenden, autoritären Staaten auseinandersetzen. Indem Knilli auf Fußnoten und Anmerkungen verzichtet, gewinnt seine Arbeit den Charakter einer Ersatz-Autobiografie, dessen nach Ruhm und Ansehen strebender Autor bemüht ist, die Gründe für seine Verstrickungen mit dem nationalsozialistischen System zu verstehen.
Das so entstandene, sich hohler Betroffenheitsklischees enthaltende Porträt war bei seiner Erstveröffentlichung vor circa zehn Jahren wegen seines revisionistischen Charakters nicht unumstritten. Die um ein neues Vorwort erweiterte (ansonsten aber unveränderte) Neuauflage ist Oskar Roehlers Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ zu verdanken, dem das Buch als Vorlage gedient hat. Mit der Wiederveröffentlichung untermauert Knilli seine (berechtigten) Einwände gegen vom Filmteam mit Blick auf filmische Wirkungen und Effekte vorgenommene Verfälschungen historischer Fakten, die von dem Kernthema seiner Arbeit – der „Verantwortung des Künstlers und jedes Einzelnen in der NS-Zeit […] und der Verantwortung der Medien in der Diktatur“ (S. 10) – ablenken.
Leser, die sich weiterhin mit der von Knilli angeschnittenen Problematik auseinandersetzen möchten, seien auf die (im Buch nicht erwähnte) etwas umständliche, leider nach 2006 nicht weitergeführte „Online-Referenz“ verwiesen. Dort sind unter anderem Fußnoten, ein (auf der Erstausgabe basierender) Index, sowie Hinweise auf von Knilli benutztes Quellenmaterial zu finden. Online-Referenz zu Friedrich Knilli, Ich war Jud Süß. Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian, Berlin 2000: <http://www.ich-war-jud-suess.de/index.html> (22.05.2011).
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Citation:
Horst Claus. Review of Knilli, Friedrich, Ich war Jud Süss: Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2011.
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