Peter Pichler. Acht Geschichten über die Integrationsgeschichte: Zur Grundlegung der Geschichte der europäischen Integration als ein episodisches historiographisches Erzählen. Innsbruck: StudienVerlag, 2011. 324 S. ISBN 978-3-7065-4944-8.
Reviewed by Christian Henrich-Franke
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2011)
P. Pichler: Acht Geschichten über die Integrationsgeschichte
Die Geschichte der europäischen Integration – was immer auch darunter verstanden wird – gehört zu den beliebtesten Feldern der historischen Forschung. Im Gegensatz zu den Politik- und Wirtschaftswissenschaften weist die Geschichtswissenschaft jedoch eher ein Defizit in der theoretischen Durchdringung des Themas auf, wenngleich es auch durchaus Versuche gegeben hat, die historische Diskussion systematisch zu erfassen. Aus diesem Theoriedefizit der europäischen Integrationsgeschichtsschreibung zieht der Grazer Rechtshistoriker Peter Pichler den Schluss, dass der historische Diskurs zur europäischen Integration einer systematischen Bestimmung und Reflexion der Paradigmen und Konzepte bedarf, die seine Struktur kennzeichnen. Genau dies setzt er sich mit dem hier zu besprechenden Titel zum Ziel. Gleich in der Einleitung formuliert Pichler hohe Ansprüche, strebt er doch danach, Ratschläge zu geben, um die Qualität und Effizienz der Arbeit von Historikern an der „Drehbank der europäischen Integrationsgeschichtsschreibung“ (S. 9) zu verbessern. Sein Anliegen ist nicht mehr – aber auch nicht weniger – als „die fundamentalen Grundlagen einer Geschichtsschreibung der europäischen Integration“ auszuleuchten, um darauf aufbauend einen „neuen Theorievorschlag zur Geschichte der europäischen Integration zu präsentieren“ (S. 13). Damit lehnt sich der Verfasser weit aus dem Fenster und weckt hohe Erwartungen.
Der methodische Zugriff des Buches, das 2008 an der Universität Graz als Dissertationsschrift eingereicht wurde, besteht im episodischen historiographischen Erzählen, mit dem eine neue Form geschichtlicher Repräsentation dargeboten werden soll. Multiperspektivität und das Nebeneinander pluraler Erzählstränge bilden den Kern dieses Ansatzes. Pichler ist davon überzeugt, dass diese Art des Erzählens, die einen bewussten Bruch mit einer linearen Erzählstruktur eingeht, für die historische Integrationsforschung voller Chancen und Möglichkeiten steckt. Störend wirkt hingegen, dass der Autor gar nicht müde darin wird, seinen eigenen Ansatz als ‚innovativ‘ zu preisen.
Gleich in seinen einleitenden Bemerkungen unterstellt Pichler der geschichtswissenschaftlichen europäischen Integrationsforschung einen „konsensuell gültigen ereignis- und politikgeschichtlichen Konsens“ mit Fixierung auf die Geschichte der Europäischen Union, gegen den er sich wenden und den er aufbrechen möchte. Ob man der historischen Forschung einen solchen Konsens unterstellen darf, kann derweil bezweifelt werden. Eine Vielzahl größerer Forschungsprojekte und Forschungsnetzwerke belegen eher das Gegenteil, wobei hier exemplarisch auf die Forschungsverbünde ‚Tensions of Europe‘ und ‚Inventing Europe‘ verwiesen werden soll, die beiden aus einer technik- und kulturhistorischen Perspektive sich dem Thema nähern und wahrhaftig nicht dem resümierten ‚Konsens‘ entsprechen. Hat der Verfasser derartige Projekte nicht wahrgenommen – was erstaunlich wäre –, oder hat er diese nicht wahrgenommen, um seinen eigenen Ansatz aufzuwerten?
Um das angestrebte Ziel zu erreichen, nimmt Pichler in einem ersten Schritt eine Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Erforschung der Integrationsgeschichte vor. Dass diese nicht erschöpfend sein kann, ist dem Autor wohl bewusst, und so erhebt er auch gar nicht erst den Anspruch darauf. Vielmehr möchte er die zentralen Stränge der aktuellen Debatte erfassen und strukturieren. In seinen hierzu gebildeten Schwerpunkten – im Buch als Debattenachsen bezeichnet – besteht eines der großen Verdiente des Werkes. Aufbauend auf der Auswertung eines umfassenden Korpus von Beiträgen zur europäischen Integrationsgeschichte filtert er fünf für ihn zentrale Debattenstränge heraus: (1) die Suche nach dem integrationshistorischen Gegenstand, (2) die Wahl des geschichtstheoretischen Paradigmas, (3) die Suche nach der historischen Kontinuität, (4) die Bestimmung des integrationshistorischen Sinns und (5) die nationale Färbung der Integrationsgeschichte. Überzeugend stellt er dar, wie die integrationsgeschichtliche Debatte sich in den letzten Jahren zu einer Diskussion entwickelte, die er als ‚polydirektionale Diskursbewegung‘ bezeichnet. Diese wird laut Pichler durch drei Perspektiven vorangetrieben, die sich für die jüngste Dynamik der Debatte verantwortlich zeichnen: das zentral- und osteuropäische transition-Narrativ, das türkische containment-strategy-Narrativ und postmoderne Perspektiven. Ob man Pichler in seinen Überlegungen zur Strukturierung der Integrationsgeschichtsschreibung zustimmt, sei einmal offen gelassen. Gewinnbringend zu lesen sind die Ausführungen allemal. Immerhin unternimmt er den bisher eher selten gewagten Versuch, die Fülle an Beiträgen zur europäischen Integrationsgeschichte überhaupt zu strukturieren und auszuwerten.
Im nächsten Schritt erarbeitet sich Pichler acht Bausteine für seine angestrebte europäische Vereinigungshistoriographie, wobei er vier integrationstheoretische (Historischer Institutionalismus, Mult-Level Governance, Sozialkonstruktivismus und Integration durch Recht) sowie vier geschichtstheoretische (Neue Kulturgeschichte, medien- und Kommunikationsgeschichte, Historische Anthropologie, Globalgeschichte) Bausteine unterscheidet. Pichler klammert dabei sehr bewusst die Ereignis-, Politik-, Diplomatie- sowie die Wirtschafts- und Sozialgeschichte aus, da diese den von ihm gegeißelten Traditionskonsens der bisherigen Debatte konstruieren. Ob dies sinnvoll ist, kann durchaus bezweifelt werden, ist doch die Europäische Integration – insbesondere wenn man diese wie Pichler eng auf die Europäische Union bezieht – im Kern ganz wesentlich ein wirtschaftliches und politisches Projekt. Eine wirklich überzeugende Begründung für ihre Ausblendung nennt Pichler jedenfalls nicht. Abschließend verdichtet Pichler seine gewonnenen Erkenntnisse, um hierauf aufbauend zu seinem zentralen Anliegen zu gelangen, nämlich seinen „neuen Theorievorschlag zur Geschichte der europäischen Integration zu präsentieren“: das episodisch historiographische Erzählen.
Für den Rezensenten bringt die Lektüre die – wenig neuartige – Erkenntnis, dass historische Teildisziplinen und deren jeweils spezifische Betrachtungsweise des Phänomens ‚Europäische Integration‘ komplementär und interdependent sind. Ob man für diese Erkenntnis aber einen neuen Ansatz braucht, erscheint dem Rezensenten eher fragwürdig. Ebenso erscheint es ihm fraglich, ob das episodisch historiographische Erzählen den Blick auf die Integrationsgeschichte tatsächlich zu verändern vermag. Vielmehr wirkt das Buch wie ein solider und durchaus interessant geschriebener Überblick über den Forschungstand, der einige interessante Anregungen und Aspekte beinhaltet. Leider wirken Sprache und Terminologie des Buches sperrig und unnötig verkompliziert. An einigen Stellen ist das Buch derart mit Metaphern überfrachtet, dass der Verfasser vergisst, es mit Inhalt zu füllen. Wie dieser Ansatz der Integrationsgeschichte einen Beitrag liefern soll, um das Theoriedefizit der Integrationsgeschichte sinnvoll zu überwinden, ist dem Rezensenten verborgen geblieben.
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Citation:
Christian Henrich-Franke. Review of Pichler, Peter, Acht Geschichten über die Integrationsgeschichte: Zur Grundlegung der Geschichte der europäischen Integration als ein episodisches historiographisches Erzählen.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2011.
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