Johannes Sachslehner. Schicksalorte Österreichs: Band 2. Wien: Styria, 2010. 283 S. ISBN 978-3-222-13278-0.
Reviewed by Harald Gröller
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2011)
J. Sachslehner: Schicksalsorte Österreichs, Band 2
„The past is never dead, it is not even past“ – diesem Zitat von William Faulkner Sachslehner führt dieses Zitat einleitend in seinem Plädoyer bez. „Gegenwart und Erinnerung“ (vgl. S. 7ff.) an. sowie dem Umstand, dass die Erinnerungsorte einer Nation, so sie im topo- bzw. geographischen und nicht im umfassenden Sinne Pierre Noras verstanden werden, nicht zwingend innerhalb der sich ohnehin des Öfteren verändernden Staatsgrenzen liegen müssen, trägt Johannes Sachslehner im zweiten Band seiner „Schicksalsorte Österreichs“ Rechnung, indem er sich hinsichtlich der zu behandelnden Orte, „die sich unauslöschlich in den Mythenschatz der rot-weiß-roten Nation eingebrannt haben“ (Klappentext), zum einen jener Erinnerungsorte annimmt, die sich außerhalb der Grenzen der heutigen Republik Österreich befinden, zum anderen deren „Rezeptionsgeschichte“ bzw. Nachwirkungen bis in die Gegenwart aufzeigt.
Wie bereits der erste folgt dieser zweite Band einer chronologischen Ordnung jener Ereignisse, durch die die jeweiligen Orte eben zu jenen „Schicksalsorten“ wurden, deren Darstellung sich der Autor zur Aufgabe gemacht hat und die im Vergleich zum ersten Band verhältnismäßig etwas umfangreicher ausgefallen ist. Hatte Sachslehner seinem ersten Band noch die provokante Frage „Erinnern wir uns zu viel?“ vorangestellt, so wird das vorliegende Buch mit einem Plädoyer bezüglich „Gegenwart und Erinnerung“ eröffnet, welches auf die Instrumentalisierung von Geschichte und auf die Perspektivität der Darstellung anhand konkreter historischer Ereignisse Bezug nimmt. An dieser Stelle wird auch kurz auf die Subjektivität der/des Historikerin/Historikers verwiesen, womit Sachslehner ein grundsätzliches Problem der Methodik der Geschichtswissenschaft anspricht, die, seit man erkannt hat, dass man der Vorstellung beispielsweise eines Leopold v. Rankes, in historischen Darstellungen Geschichtsereignisse vollkommen objektiv wiederzugeben und somit de facto das „Selbst des Verfassers auszulöschen“ Leopold v. Ranke, Französische Geschichte. Sämtliche Werke. Dritte Gesamtausgabe. 12. Bd., Leipzig 1877, S. 5. , nicht nachzukommen vermag, teilweise heftig diskutiert wird und zu der es inzwischen eine Reihe äußerst bemerkenswerter Denkansätze gibt, auf die der Autor jedoch zugunsten der Aufzählung seiner Schicksalsorte nicht näher eingeht.
Der erste vom Autor so charakterisierte Ort ist in der Schweiz, im Kanton Luzern gelegen, wo sich am 9. Juli 1386 die Schlacht von Sempach ereignete, in der die verbündeten Eidgenossen den Habsburgern eine empfindliche Niederlage zufügten. Daran schließt die Darstellung der im 16. Jahrhundert erfolgten „Ketzerverbrennung“ vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck an, womit der Autor seine selbst auferlegte Vorgabe, Orte außerhalb der Grenzen der heutigen Republik Österreich zu behandeln, für einmal außer Acht lässt. Dieser wird er im Folgenden wieder gerecht, indem er die Schilderung der „Schlacht am Weißen Berg“ 1620 – den Sieg der gegenreformatorischen Habsburger über den mehrheitlich protestantischen böhmischen Adel – folgen lässt, an die sich das Kapitel „Habsburgs blutige Rache“ über die Exekution von 27 Personen vor dem Altstädter Rathaus in Prag im Jahr 1621 anschließt. Des Weiteren schildert Sachslehner die Ereignisse rund um die Ermordung Wallensteins 1634, die „ungarische Tragödie“ von Eperies/Prešov 1687 (wo 24 protestantische Bürgerliche und Adelige im Zuge des Eperieser Blutgerichts hingerichtet wurden), das Gefängnis am Brünner Spielberg, in dem unter anderem politische Gefangene inhaftiert waren, die Schlacht von Königgrätz 1866, die Hinrichtung Kaiser Maximilians von Mexiko 1867, das Attentat von Sarajevo 1914, die Kämpfe am Uszok-Pass während des Ersten Weltkriegs, die Hinrichtung des ehemaligen Reichsratsabgeordneten Cesare Battisti als „Hochverräter“ 1916, die Sprengung des Gipfels des Pasubio 1918, die Unterzeichnung des Waffenstillstands in der Villa Gusti 1918 bzw. des Friedensvertrages von Saint-Germain-en-Laye 1919, das Hotel Lux in Moskau, in dem österreichische und deutsche kommunistische Emigranten lebten und von wo sie teilweise in den GULag verschleppt wurden, die Schlacht um Stalingrad sowie das Gefangenenlager in der Region Kolyma. Beschlossen wird das Buch durch eine kurze Literaturauswahl zum Themenkreis „Geschichte – Mythos – Erinnerung“, welche somit die den einzelnen Kapiteln angeschlossene die jeweilige Ereignis- bzw. (partiell) Rezeptionsgeschichte betreffende Literaturauswahl ergänzen soll.
Wie schon eingangs erwähnt, gibt der Autor in dieser Publikation der Schilderung der jeweiligen Ereignisgeschichte mehr Raum als in seinem ersten Band. Dies ist zum Teil dem Umstand geschuldet, dass Sachslehner auch vermehrt auf die entsprechenden Nachwirkungen der historischen Ereignisse, sei es hinsichtlich der unterschiedlichen Instrumentalisierung durch die jeweilige herrschende und somit die Hoheit über das Gedächtnis innehabende Instanz bzw. – je nachdem partiell bzw. nahezu vollständig damit kongruierend – dem entsprechenden Gedenken eingegangen ist. Diese Komponenten runden gewissermaßen die Schilderungen der historischen Geschehnisse ab und sind sicherlich als ein positiver Zugewinn zu werten. Hinzu kommt das von Sachslehner in bewährter Weise zum Einsatz gebrachte beeindruckende Illustrationsmaterial, welches erneut durch die hohe Qualität der Abbildungen besticht und abermals den Text in einem qualitativ sinnvollen Maß unterstützt. Besagter Text wurde von Sachslehner wieder adäquat gestaltet, da er stringent und kohärent die Leserin/den Leser zum steten Weiterlesen zu bewegen vermag und die von ihm auch expressis verbis formulierten „Leerräume und Bruchstellen“ (S. 9) der geschichtlichen Überlieferung auf seine Weise gekonnt überbrückt, wodurch der Autor seiner bereits im ersten Band der „Schicksalsorte Österreichs“ formulierten Intention erneut nachgekommen ist, nämlich „ein ebenso unterhaltsames wie informatives Lesebuch [zusammenzustellen], das Anstoß zu kritischer Erinnerungskultur und lebendigem Geschichtsbewusstsein geben möchte.“ Johannes Sachslehner, Schicksalsorte Österreichs, Wien 2009, Klappentext. Hinzu kommt, dass Sachslehner durch die breite Auswahl von sowohl bekannten als auch dem breiten Publikum sicherlich auch weniger vertrauten historischen Ereignissen eine gelungene Mischung gefunden haben dürfte, wodurch nicht zuletzt eine entsprechend große Nachfrage – ähnlich wie beim ersten Band – gewährleistet sein dürfte.
Dass natürlich bei der Vielzahl der behandelten historischen Ereignisse eine auch vom Autor selbst eingeräumte zwangsläufige Verknappung unausweichlich ist (vgl. S. 9), ist schon alleine einem ökonomisch sinnvollen Umfang des Buches geschuldet. Dennoch hätte man eventuell doch noch einige Aspekte im Rahmen dieses oder des Vorgängerbandes ansprechen resp. hinterfragen können: So zum Beispiel die Relativität und Veränderlichkeit von Staats- resp. Landesgrenzen; ein Umstand, der nicht zuletzt die Zusammenstellung der im vorliegenden Band ausgewählten „Schicksalsorte“ geprägt hat. Möglicherweise hätte man auch die Überlappung bzw. unterschiedliche Interpretationen einzelner nationaler Gedächtnisse Erwähnt sei hier nur beispielsweise die (vieldiskutierte) Erörterung des Wiener Heldenplatzes bzw. der Türkenbelagerung Wiens im Werk über die deutschen Erinnerungsorte, welches von Etienne François und Hagen Schulze herausgegeben wurde. oder die Problematik „künstlicher“ Gedächtnisorte Man denke hier z.B. an die Gedenkstätte Heldenberg bei Kleinwetzdorf oder die Walhalla bei Donaustauf. thematisieren können, aber wie bereits erwähnt, ist der naturgemäß begrenze Umfang einer derartigen Publikation zu berücksichtigen.
Im Ganzen ist Johannes Sachslehner ein gut leserlicher und interessant geschriebener zweiter Band seiner „Schicksalsorte Österreichs“ gelungen, dem zu wünschen ist, dass er das vom Autor deklariert angestrebte Ziel erreicht, nämlich „aufzurütteln und neugierig zu machen, Anstoß zu geben, wieder einmal selbst genauer nachzulesen, was sich hinter dem Mythos, hinter den Legenden und Halbwahrheiten über so manchen österreichischen ‚Schicksalsort’ verbirgt.“ (S. 9)
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Citation:
Harald Gröller. Review of Sachslehner, Johannes, Schicksalorte Österreichs: Band 2.
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May, 2011.
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