Das soziale Gedächtnis und die Gemeinschaft der Überlebenden: Bergen-Belsen in vergleichender Perspektive. 2. Internationale Bergen-Belsen Konferenz 2011. Hannover / Gedenkstätte Bergen-Belsen: Kooperationsprojekt „Erinnerte Gemeinschaften“, Historisches Seminar, Leibniz Universität Hannover; Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, 03.02.2011-05.02.2011.
Reviewed by henrike illig
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2011)
Das soziale Gedächtnis und die Gemeinschaft der Überlebenden: Bergen-Belsen in vergleichender Perspektive. 2. Internationale Bergen-Belsen Konferenz 2011
An der Entwicklung der Erinnerungsorte an die nationalsozialistischen Konzentrationslager seit 1945 haben die Überlebenden wesentlichen Anteil. Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Displaced Persons organisierten sich in unterschiedlichen Gruppen, Netzwerken und Verbänden und wirkten so auf die nationalen und transnationalen Formen des Erinnerns ein. Die Erinnerungsgemeinschaften der Überlebenden, ihre sozialen Praktiken, Bedingungen und Strukturen sowie die Möglichkeiten zur Partizipation an der Erinnerung sind bislang kaum untersucht worden. Welchen Gestaltungsspielraum besaßen Erinnerungsgemeinschaften der Überlebenden? Wie prägten die unterschiedlichen Überlebensbedingungen die Erinnerungen der sozialen Netzwerke der Zwangs- oder Notgemeinschaften? Entlang dieser Fragestellungen orientierte sich die Struktur der II. Internationalen Bergen-Belsen Konferenz: Von der Konstituierung des Erinnerns an den Holocaust mit den verschiedenen nationalen Ausformungen über die verfassten Erinnerungen der Verbände hin zu den sozialen Dimensionen von Erinnerungsprozessen in Familien und Generationen bis zu den Erinnerungsbedingungen der Gegenwart.
HABBO KNOCH (Celle/Bergen-Belsen) wies auf die Bedeutung von Vergemeinschaftungsprozessen für die Erinnerung der NS-Verbrechen durch die Verfolgten selbst hin. „Soziales“ und „kollektives“ Gedächtnis seien als komplementäre Kategorien zu verstehen. Die Geschichtswissenschaft habe die Rolle der Überlebenden, ihrer Verbände und Erinnerungspraktiken bislang nicht ausreichend gewürdigt, ebenso weitere soziale Bedingungen wie Geschlecht, Generation und Familie vernachlässigt. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit erfülle eine kritische Funktion im Übergang von der moralisierenden Erinnerung an den Holocaust zur Universalisierung des historischen Geschehens einerseits, einer parallelen Nationalisierung von Gruppengedächtnissen andererseits.
In seinem Eröffnungsvortrag betrachtete CONSTANTIN GOSCHLER (Bochum) die Ära der „Vergangenheitsbewältigung“ als beendet; heute stehe die Repräsentation der Erinnerung im Vordergrund und damit die Frage, wer Opfer sei. Erkennbar seien eine Nivellierung des Opferbegriffs und eine internationale „Opferkonjunktur“. Goschler differenzierte den Opferbegriff semantisch in „victim“, „sacrifice“ und „survivor“. Eine zentrale Beobachtung in den nationalen Gedenkkulturen sei die zunehmende Dominanz der Heldenfigur gegenüber der des passiven Opfers und die Etablierung eines Märtyrerkults; diese Feststellung fand sich auch in mehreren Beiträgen und der Podiumsdiskussion wieder. Der ursprünglich negativ konnotierte Begriff des „survivor“ hätte sich mit der Verbindung der aktiven und passiven Elemente von „victim“, dem passiven Opfer, und „sacrifice“, dem Märtyrer, zu einem die heutige Erinnerungskultur prägenden Leitbild gewandelt, das nicht zuletzt durch das Internet weiterbefördert würde. Als Ausdruck der „Opferkonjunktur“ seien die Politik der Viktimisierung und das Entpolitisieren von Konflikten durch Opferdeklarierung zu beurteilen. Obwohl eine Angleichung der Opferbilder in Ost und West festzustellen sei, prägten die Bilder des „survivor“ und des „victim“ den Diskurs in Westeuropa, während in Osteuropa das Opferverständnis eher von der Vorstellung und dem Selbstverständnis des „sacrifice“ beeinflusst sei. Insbesondere für die Genese der Opfermythen in den östlichen Ländern bestünde nach Goschler weiterer Forschungsbedarf.
Von besonderer Bedeutung für die Ausformung der Erinnerungsmuster der Häftlingsgemeinschaften waren die unterschiedlichen Überlebensbedingungen im Lager. CLAUS FÜLLBERG-STOLBERG und ANDREA RUDORFF (Hannover/Berlin) wiesen diesbezüglich auf die Forschungslücke geschlechtsspezifischer Überlebensbedingungen in Konzentrationslagern hin. Sie zeichneten ein differierendes Bild der Mortalitätsraten bei Männern und Frauen. Besonders in Außenlagern seien die Überlebenschancen weiblicher Häftlinge deutlich höher gewesen. Ihre Erklärungsansätze unterschieden die Vortragenden in „harte“ (strukturelle Bedingungen) und „weiche“ (geschlechtsspezifische Sozialisationsbedingungen) Faktoren. Anhand von Egodokumenten verdeutlichte THOMAS RAHE (Bergen-Belsen), welche zentrale Rolle die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen für die jüdischen Menschen im DP-Camp Bergen-Belsen spielte. Über die von der historischen Forschung lange Zeit kaum beachtete Gruppe der Ultraorthodoxen im jüdischen DP-Camp Bergen-Belsen referierte HENRI LUSTIGER-THALER (New York). Während der Großteil der jüdischen Überlebenden die Gründung des Staates Israel forcieren wollte, beabsichtigten die Ultraorthodoxen vornehmlich, das Fundament ihrer traditionellen Religiosität wiederherzustellen und somit eine Zukunft für „Yiddishkeit” zu schaffen.
Eine öffentliche Podiumsdiskussion am Abend des ersten Konferenztages analysierte die Auswirkungen der politischen Wende von 1989 auf das Erinnern an den Nationalsozialismus. Nach 1989 sei es die primäre Aufgabe gewesen, Erinnerungsorte zu gestalten, so ATINA GROSSMANN (New York). Heute gelte es, international weiterzudenken und die Praxis des Opfergedenkens an den Nationalsozialismus auf andere Genozide zu transferieren. Entfernt von einer neuen Totalitarismusdebatte solle den Fragen nach Umgang und Lehren aus der Auseinandersetzung mit anderen Genoziden nachgegangen sowie deren Konsequenzen für die Gedenkstättenarbeit breit diskutiert werden. Für HANS-HEINRICH NOLTE (Hannover) bedeutete das Jahr 1989 die Öffnung und Zugänglichkeit eines Großteils der Archive der ehemaligen Sowjetunion. Trotz der Etablierung des Forschungszentrums der Russian Holocaust-Foundation in Moskau sei die russische Forschung in Deutschland aber noch immer unterrepräsentiert. Einen ähnlichen Paradigmenwechsel stellte GÜNTER MORSCH (Sachsenhausen) für die Entwicklung der Gedenkstätten seit 1989 fest. Im Westen habe es sich bis 1989 um marginalisierte Orte gehandelt, die zwar erkämpft, aber nicht wirklich öffentlich wahrgenommen wurden. Im Osten hingegen seien sie Orte des instrumentalisierten Gedenkens gewesen. In der Diskussion wurde anschließend bemerkt, dass die ostdeutschen Gedenkstätten nahezu jeden Tag mit der Bekämpfung des Rechtsextremismus ausgelastet seien und so gerade in kleineren Institutionen die Kapazitäten für andere Aufgaben fehlten. Für die Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit in den Niederlanden seit 1989 mochte PETER ROMIJN (Amsterdam) demgegenüber keine solche Zäsur erkennen. Nach wie vor sei dort die staatliche Dominanz über die nationale Erinnerung gegeben und durch ein verbreitetes Opferbewusstsein und das größtenteils heroische Gedenken an den Widerstand zu einer patriotischen Erzählung homogenisiert worden.
Dass die nationale Rahmung ein wesentlicher Faktor für die Konstituierung von Erinnerung ist, fand nicht nur in der Podiumsdiskussion besondere Beachtung. In einem eigenen Panel widmeten sich die Vortragenden der Wirkmächtigkeit nationaler Erinnerungsmythen und -politiken. So würde beispielsweise Polen sich in seiner Selbstwahrnehmung bis heute als unschuldiges Opfer des Faschismus und als Hort des Widerstands empfinden, wie JOANNA WAWRZYNIAK (Warschau) referierte. Der polnische Mythos vom Widerstand wirke auch noch nach 1989 systemstabilisierend und lasse wenig Raum für das Gedenken an die jüdischen Opfer. In Frankreich fände sich nach OLIVIER WIEVIORKA (Cachan) bis in die 1970er-Jahre eine ähnliche Entwicklung. Hier hätten sowohl Gaullisten als auch Kommunisten die Bildung eines nationalen Widerstands-Mythos befördert. Fragen nach Kollaboration und Deportation des französischen Judentums seien dagegen bis in die 1970er-Jahre ausgeklammert worden, seien aber anders als in Polen seither auch ein Thema des französischen Erinnerungsdiskurses.
Eine einflussreiche Position besaßen die Erinnerungsgemeinschaften der ehemaligen Häftlinge bei der Formierung und Gestaltung der Erinnerungsorte. Am Beispiel der KZ-Gedenkstätten Buchenwald, Mittelbau-Dora, Dachau und Flossenbürg wurde verdeutlicht, welche Rolle die Überlebendenverbände bei der Erinnerungsbildung spielten und wie sich die Politik der Verbände auf ihre Partizipation auswirkte. PHILIPP NEUMANN (Weimar) beleuchtete die Geschichte des politischen Erinnerungsaktivs „Internationales Komitee Buchenwald-Dora“. Seit seiner Gründung 1952 fungiere es nicht nur als Erinnerungskollektiv, sondern wirke aktiv an der Gestaltung des Gedenkens mit. Der Systemunterschied Ost/West und die entsprechend unterschiedlichen Praxen von Erinnerung, Gedenken und Teilhabe an Gestaltungsprozessen wurden bei der Darstellung der Organisation der Dachauüberlebenden von HAROLD MARCUSE (Santa Barbara/ CA) deutlich. Marcuse verwies auf das Desiderat der Geschichte vieler Überlebender und deren Organisationen nach Kriegsende sowie auf die vielfältigen und unbearbeiteten Nachlässe. Auf Pierre Noras Theorie rekurrierend erörterte JÖRG SKRIEBELEIT (Weiden) die Bildung von Erinnerungsorten (lieux de mémoire) und Erinnerungsgemeinschaften (milieux de mémoire) am Beispiel Flossenbürgs. Er zeichnete ein differenziertes Bild der Kontinuitäten und Brüche partikularer Erinnerungspflege von ehemaligen Häftlingen und deren Angehörigen. Die zeitliche Begrenzung und die Segregation der Gemeinschaften nach Nationalität und politischer Ausrichtung sei bemerkenswert.
Die Erinnerung an die Konzentrationslager wird in absehbarer Zukunft ohne Zeitzeugen auskommen müssen. Ein Mittel zur Kompensation dieses Verlusts für die Gedenkstättenarbeit bilden Interviews. CLAUS FÜLLBERG-STOLBERG und SHAUN HERMEL (Hannover) betonten in Bezug auf die Gedenkstätte Ahlem die gesteigerte Bedeutung der oral history für Forschung und Gedenkstättenarbeit. Für die „Israelitische Gartenbauschule Ahlem“ – zunächst eine Bildungseinrichtung für die jüdische Auswanderung, später Judenhaus, Sammelstelle für die Deportationen und Gefängnis, heute Gedenkstätte – existierte bislang keine explizite Erinnerungsgemeinschaft. Das Gefühl „Ahlemer“ zu sein und der Kontakt der Überlebenden untereinander entstünde mitunter erst im Zuge der Interviews. STEFFI DE JONG (Trondheim) bot einen Überblick der Einsatzmöglichkeiten von Zeitzeugeninterviews. Die Verwendung von Videointerviews interpretierte de Jong als Zeichen für den Übergang von individueller Erinnerung in das kulturelle Gedächtnis und als eine Folge des Verstummens der Überlebenden.
Außergewöhnliche Erinnerungsgemeinschaften bildeten die in den Konzentrationslagern inhaftierten Familien und Kinder. Auf ihre Erinnerungen wirken sowohl generationelle Erfahrungshorizonte als auch Familienbeziehungen ein. Im KZ Bergen-Belsen überlebten hunderte Kinder, wie KENNETH WALTZER (East Lansing/MI) berichtete. Die rund tausend in Buchenwald befreiten Jungen, die „Buchenwald-Boys“, entwickelten zeitweise eine gemeinsame Erinnerung und bildeten heute eine der wichtigsten Gruppen von Zeitzeugen. Den Erinnerungsmustern der französischen Mütter und Kinder im Austauschlager Bergen-Belsen ging JANINE DOERRY (Hannover/Bergen-Belsen) nach. Dominiert würde die Erinnerung dieser Gruppe von der publizierten, aber nicht von allen Mitgliedern der Kindergeneration geteilten Meistererzählung einer französischen Familie. Die bedeutende Rolle der Mütter für das Überleben der Kinder sei, bei ansonsten durchaus divergierenden Ansichten über Gruppenbildungsprozesse im Lager, kommunikativer Konsens dieser Erinnerungsgemeinschaft. In die Entwicklung der Erforschung von Erinnerungen der Kinderüberlebenden in Bergen-Belsen gewährte DIANA GRING (Bergen-Belsen) einen Einblick: Welchen Prozessen waren die Kernfamilien aus der Perspektive der Kinder im Lager unterworfen? Den Faktoren von Beziehungen zwischen Kindern und Angehörigen und spezifischen Überlebensstrategien näherte sie sich durch die Sichtung und Interpretation von sechzig Video-Interviews.
Einen wesentlichen Faktor für die Erinnerung bildet die Geschlechterdifferenz im kollektiven Gedächtnis der Häftlinge. Männer und Frauen, die bis auf Ausnahmen getrennt voneinander in den Lagern inhaftiert waren, entwickelten geschlechtsspezifische Erinnerungen an die Konzentrationslager. Als Beispiel für die segmentierte Wahrnehmung von Geschlecht in der Erinnerung berichtete RAMONA SAAVEDRA SANTIS (Berlin) über die kommunikativen Erinnerungsmuster bei sowjetischen Häftlingsfrauen aus dem KZ Ravensbrück. Das weibliche Kollektiv der Häftlinge musste sich nach Kriegsende dem offiziellen Erinnerungskanon anpassen, um nicht in Kollaborationsverdacht zu geraten. Die verhältnismäßig kleine Gruppe der kriegsgefangenen Frauen dominierte gegenüber den Gruppen der Zwangsarbeiterinnen, Partisaninnen und ihren Unterstützerinnen den Erinnerungsnarrativ bis 1989, so Saavedra Santis. Die unterschiedlichen Perspektiven auf Geschlecht während der Haft in Bergen-Belsen thematisierte DOMINIQUE SCHRÖDER (Bielefeld). Anhand der Analyse von Tagebüchern stellte sie den Verlust der Relevanz des Geschlechterunterschiedes mit der zunehmenden Verschlechterung der Lebensverhältnisse dar. MAJA SUDERLAND (Gießen) betonte demgegenüber das Vorhandensein und die Funktion von geschlechtsspezifischen Handlungs- und Sichtweisen als Normalität suggerierenden Fixpunkt der Würde im Selbstbild der Häftlinge. Stereotype Konzepte, wie Vorstellungen von männlicher Ehre oder von weiblicher Fürsorge, mussten von den Häftlingen in ihrer Selbstwahrnehmung an die Bedingungen der Häftlingsgesellschaft angepasst werden.
Die Zukunft der Erinnerung an den NS und der Gedenkstätten ist einen stetige Herausforderung. Welche Hindernisse und Aufgaben auf die Gedenkstättenarbeit und -politik dabei zukommen und wie die deutschen und die österreichische Erinnerungspolitik darauf vorbereitet sind, wurde im letzten Teil der Tagung thematisiert. HEIDEMARIE UHL (Wien) formulierte nach einem historischen Abriss der österreichischen Erinnerungskultur die Notwendigkeit, das zeitlich absehbare Verstummen der Zeitzeugen durch eine legitimierte „Generation der Vermittler“ zu kompensieren. Daneben müsse die von den Organisationen der ehemaligen Häftlinge angemahnte Existenz der Gedenkstätten als bauliche Überreste der Verbrechen gesichert werden. Die deutschen Erinnerungsorte sah ERIK MEYER (Gießen) mit Blick auf die staatliche Gedenkstättenkonzeption für die Zukunft gut aufgestellt. Die Transformation der durch die Überlebenden und zivilgesellschaftlichen Geschichtsinitiativen getragenen Gedenkstättenarbeit in der Bundesrepublik hin zu einer staatlich geförderten Geschichtspolitik deutete Meyer als Zeichen für den Wandel vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis.
Den Wandel in der Erinnerungskultur aufgreifend skizzierte HABBO KNOCH (Celle/Bergen-Belsen) zum Abschluss mehrere Entwicklungen. So sei an die Stelle der „ursprünglichen Erinnerungslücke“ ein von Fachleuten und Erinnerungsnetzwerken getragenes Geschichtsbewusstsein getreten: von den memory natives zu den memory professionals. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, schlug Knoch vor, die jeweilige Beschaffenheit des umfassenden Geschichtsbewusstseins als analytische Kategorie zu nutzen. Weitere Entwicklungen seien die von „memory privileges“ zu „memory pluralities“: Erinnerungsträger könnten sich heute ein eigenes Forum schaffen, ein Beispiel sei das Internet. Das Phänomen des zunehmenden Einflusses der Gedenkstättenarbeit auf das Erinnerungsnarrativ charakterisierte Knoch als eine Entwicklung von „memory politics“ hin zu „memory conciousness“: Das politische Moment des Gedenkens trete vielfach hinter die Professionalisierung der Erinnerungsarbeit als Forschung und Bildung zurück.
Viele Vorträge der Konferenz beschrieben den Wandel der Erinnerungskultur: Die nationalen Mythen von Märtyrern und Kämpfern, welche im Gegensatz zur passiven Opferschaft standen, veränderten sich hin zu einer differenzierten Gedenkkultur. Die international besuchte Tagung bot viel Raum für den Austausch. Die wissenschaftliche Bedeutung der Analysekategorie „Geschlecht“ wurde durch ein eigenes Panel unterstrichen. Die Ausführungen über die größtenteils historischen Forschungsthemen wurden interdisziplinär durch soziologische Sichtweisen ergänzt. Insgesamt präsentierte die Tagung einen guten Querschnitt der Forschungsergebnisse zu den facettenreichen Entwicklungen von Erinnerungen, ihren Entstehungskontexten und Wirkungen.
Wie die Konferenz zeigte, entstanden vor und nach 1989 zahlreiche Formen von Erinnerungsgemeinschaften, die als gemeinsamen Bezugspunkt die Gewalterfahrung in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern hatten. Auf den Gedenkfeiern der Jahrestage der Befreiung der Konzentrationslager war in den letzten Jahren eine aktive Teilnahme der nachfolgenden Generationen der Überlebenden zu beobachten. Es bleibt zu hoffen, dass diese auch in Zukunft die Erinnerung an die deutschen Verbrechen aktiv mitgestalten. Die Notwendigkeit der Erforschung der Genese von osteuropäischen Erinnerungsgemeinschaften ist ein zentrales Ergebnis der Konferenz.
Konferenzübersicht:
Begrüßung: Habbo Knoch (Celle/Bergen-Belsen)
Eröffnungsvortrag: (Kommentar: Habbo Knoch, Celle/Bergen-Belsen)
Constantin Goschler (Bochum): Victims, Heroes, Survivors. Opfer-Semantik zwischen Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur
Panel I: Überlebensbedingungen und ihre Bedeutung für die Erinnerung
Kommentar: Atina Grossmann, New York
Claus Füllberg-Stolberg/Andrea Rudorff (Hannover/Berlin): Überlebensbedingungen in KZ-Außenlagern für Frauen
Thomas Rahe (Bergen-Belsen): Rückkehr in die Zeit – Erinnerung im Übergang vom Konzentrationslager zum jüdischen DP-Camp Bergen-Belsen
Henri Lustiger Thaler (New York): Rupture, Embodiment and Memory: The Ultra-Orthodox in the Bergen-Belsen Displaced Persons Camp
Öffentliche Podiumsdiskussion: Vom staatlichen Gedenken zum individuellen Erinnern? „1989“ und der Umgang mit den NS-Verbrechen
Leitung: Bernd Weisbrod, Göttingen
Atina Grossmann (New York), Günter Morsch (Sachsenhausen), Hans-Heinrich Nolte (Barsinghausen), Peter Romijn (Amsterdam)
Panel II: Nationale Narrative und Erinnerungspolitik
Kommentar: Jens Kroh, Essen
Joanna Wawrzyniak (Warschau): Survivors, Memory and Politics in Post-War Poland
Olivier Wieviorka (Cachan): To Exalt Heroes or to Commemorate Victims? The Evolution of the French Memory (1945–2011)
Panel III: Überlebendengemeinschaften und Verbandspolitik
Kommentar: Günter Morsch, Neuengamme
Philipp Neumann (Weimar): Das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos. Zur Geschichte eines politischen Erinnerungsaktivs
Harold Marcuse (Santa Barbara/CA): Die Organisationen der Überlebenden von Dachau
Jörg Skriebeleit (Weiden): Milieux de mémoire – Gemeinschaften auf Zeit. Kontinuitäten und Diskontinuitäten partikularer Erinnerungspflege am Beispiel Flossenbürg
Panel IV: Die Erinnerungen der Überlebenden und die Entwicklung von Gedenkstätten
a) Bergen-Belsen: Thematische Rundgänge und Einführungen
Martina Staats (Bergen-Belsen): Überlebende und Politik: Der Erinnerungsort Gedenkstätte Bergen-Belsen
Rolf Keller (Celle): Die Erinnerung sowjetischer Kriegsgefangener der Lager Oerbke, Wietzendorf und Bergen-Belsen
Bernd Horstmann (Bergen-Belsen): Einführung in das Namensverzeichnis der Häftlinge des KZ Bergen-Belsen – Möglichkeiten namensbezogener Recherche
b) Bergen-Belsen in vergleichender Perspektive
Kommentar: Thomas Kubetzky, Braunschweig/Bergen-Belsen
Claus Füllberg-Stolberg/Shaun Hermel (Hannover): Die Erinnerung an die Israelitische Gartenbauschule Ahlem in Israel
Steffi de Jong (Trondheim): Exhibiting Memory – Video Testimonies in Second World War and Holocaust Museums
Panel V: Familienbeziehungen und generationelles Gedächtnis
Kommentar: Ulrike Jureit, Hamburg
Kenneth Waltzer (East Lansing/MI): Child and Youth Survivors at Buchenwald and Bergen-Belsen
Janine Doerry (Hannover/Bergen-Belsen): Französische Frauen und Kinder von Kriegsgefangenen im Austauschlager Bergen-Belsen: Geschlechtsspezifische und generationelle Erinnerungsmuster
Diana Gring (Bergen-Belsen): Kinderüberlebende und Familienbeziehungen in Videointerviews mit Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen
Panel VI: Geschlechterdifferenz und kulturelles Gedächtnis
Kommentar: Insa Eschebach, Berlin/Ravensbrück
Ramona Saavedra Santis (Berlin): Unzugehörig. Kommunikative Erinnerungsmuster von Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück aus der Sowjetunion
Dominique Schröder (Bielefeld): Geschlechterperspektiven in Tagebüchern aus Bergen-Belsen
Maja Suderland (Gießen): Über ganze Männer, Untergrundgruppen, weibliche Intuition und Lagerfamilien. Der performative Diskurs über Geschlecht in den Häftlingsgesellschaften nationalsozialistischer Konzentrationslager
Panel VII: Identitätspolitik und kollektives Gedächtnis
Kommentar: Habbo Knoch (Celle/Bergen-Belsen
Heidemarie Uhl (Wien): Die Erinnerung der Überlebenden und die Zukunft des kulturellen Gedächtnisses
Erik Meyer (Gießen): Anmerkungen zur Entwicklung von Geschichtsinitiativen zu Gedenkstätten in staatlicher Trägerschaft
Schlussbemerkungen: Habbo Knoch (Celle/Bergen-Belsen)
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Citation:
henrike illig. Review of , Das soziale Gedächtnis und die Gemeinschaft der Überlebenden: Bergen-Belsen in vergleichender Perspektive. 2. Internationale Bergen-Belsen Konferenz 2011.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
May, 2011.
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