Modell Gotha. Wissenskulturen am protestantischen Hof um 1700. Gotha: Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt, 28.10.2010-30.10.2010.
Reviewed by Roswitha Jacobsen
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2011)
Modell Gotha. Wissenskulturen am protestantischen Hof um 1700.
Die auf dem Gothaer Schloss Friedenstein veranstaltete Tagung stellte die erste Sondierung eines Feldes dar, das bislang kaum bearbeitet ist. Weder hat sich die Forschung bisher eingehend mit dem Themenfeld der „Wissenskulturen am protestantischen Hof“ beschäftigt, noch mit dem hier in das Licht der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit gerückten speziellen Fall, den Hof von Sachsen-Gotha-Altenburg in den Jahrzehnten um 1700. Dass das Forschungszentrum Gotha seinen Sitz am Ort des ehemaligen Fürstenhofes hat, wo mit der unter anderem über eine reiche Sammlung von Literatur zur Geschichte des Protestantismus verfügenden Forschungsbibliothek und dem auf das herzogliche Archiv zurückgehenden Thüringischen Staatsarchiv Gotha die wichtigsten Quellen unmittelbar zur Verfügung stehen, ist ein günstiger Umstand, welcher die Themenfindung zweifellos inspirierte. Indes wird dieser pragmatische Gesichtspunkt nebensächlich angesichts der Tatsache, dass der Gothaer Hof seit Ernst dem Frommen (1601–1675) einer der Kristallisationspunkte des lutherischen Bekenntnisses war. Hier entstand Veit Ludwig von Seckendorffs „Teutscher Fürstenstaat“ (1655), der als Modell der Verwaltung eines protestantischen Kleinstaates rezipiert wurde und deutliche Parallelen zu seinem Urbild, dem sachsen-gothaischen Staat, aufweist. Auch die Nachfolger Ernsts des Frommen vermochten es, bedeutende Gelehrte an ihren Hof zu ziehen, darunter solche, die in der Geschichte der lutherischen Orthodoxie einen vorderen Rang besetzen wie Ernst Salomon Cyprian (1673–1745) oder berühmte Historiographen und Numismatiker wie Wilhelm Ernst Tentzel (1659–1707). Aber auch heute vergessene Schulmänner, Prediger und Gelehrte zählen zu dem Netzwerk von Wissensproduzenten im spannungsreichen Kraftfeld dieses Hofes an der Schwelle zur Aufklärung. Sie haben die ‚Wissenskulturen‘ ihrer Zeit über den regionalen Rahmen hinaus mitgeprägt. Als Fallbeispiel zur Erforschung von ‚Wissenskulturen‘ eignet sich der Gothaer Hof nicht so sehr wegen seiner Exklusivität – eine solche besaß er allenfalls kurzzeitig unter Ernst dem Frommen und seinem Versuch einer „Reformation des Lebens“. Vielmehr ist es gerade die „mittelgroße Durchschnittlichkeit“ (Mulsow) dieses Hofes um 1700, die ihm paradigmatische Qualität innerhalb der protestantischen Kleinstaatenwelt des Alten Reiches verleiht.
MARTIN MULSOW (Gotha), Direktor des Forschungszentrums Gotha, umriss in seinem Einführungsvortrag, wie das Thema zu verstehen sei. Ausgehend von einer Sicht des frühneuzeitlichen Fürstenhofes als eines „organisationsdurchwirkten Interaktionsraumes“ mit einer „Anwesenheitsgesellschaft“, in welcher permanent Aushandlungsprozesse stattfänden, in welcher es aber auch „Nischen“ gäbe, gehe es nicht um das Erstellen einer Gelehrtengeschichte im traditionellen Sinne, nicht um die isolierte Betrachtung einzelner Persönlichkeiten. Vielmehr seien Kontext und Mechanismen der Ideenfindung in einem bestimmten sozialen Raum in den Blick zu nehmen, zu dem außer dem Hof selbst auch die eng mit ihm verbundenen Institutionen zählten wie die Universität (Jena) und die (Gothaer und Altenburger) Gymnasien. Zu fragen sei nach den Interdependenzen von Macht und Wahrheit einerseits – nach den Wechselwirkungen von höfischer Gesellschaft und Gelehrtenwelt, nach dem Verhältnis von herrscherlicher Anweisung beziehungsweise Erwartung und ihrer (Nicht-)Erfüllung durch den Gelehrten – sowie nach der Kontinuität und der Kontiguität von Wissen andererseits. Zu fragen sei schließlich, ob die „Monarchisierung“ des Staates im betreffenden Zeitraum (unter Friedrich II., reg. 1691–1732) Einfluss auf den Modus der Wissensproduktion hatte. In seinem öffentlichen Abendvortrag gab Mulsow dann selbst ein Beispiel dafür, wie die praktische Erforschung der aufgeworfenen Fragen zu bewerkstelligen wäre. Unter dem Titel „Gelehrte Praxis und politische Direktive. Recht, Geschichte und Theologie im Kommunikationsraum des Gothaer Hofs 1675–1732“ befasste sich Mulsow mit dem heute nahezu unbekannten Juristen und Hofrat Tobias Pfanner (1641–1716), der mit zahlreichen Büchern, Aufsätzen und juristischen Gutachten ein beachtliches Werk hervorgebracht hatte und in dessen Wirken sich politische Kommunikation und enge Verbindung zu den Institutionen der Macht mit Gelehrsamkeit kreuzten. Der Vortrag demonstrierte die Produktivität einer Verbindung von Hof- und Protestantismusforschung.
Die übrigen Beiträge der Tagung waren nach folgenden Schwerpunkten geordnet: 1. Sammlung, 2. Bildung, 3. Religion, 4. Hof und Dynastie.
Zum Gebiet „Sammlung“ befassten sich drei Referate mit den für das Thema ‚Wissenskulturen‘ grundlegenden Institutionen des Hofes: Archiv, Bibliothek und Münzkabinett. MARKUS FRIEDRICH (Frankfurt am Main) verwies in seinem Beitrag über „Archiv und Herrschaft um 1700: Das Beispiel Gotha“ auf die immense Bedeutung der Verbreitung des Archivwesens in der Frühen Neuzeit. Die europäische Kultur habe dadurch eine Veränderung erfahren. Archive seien nicht nur Speicher von Texten, vielmehr bestehe ein direkter Zusammenhang von Archivbenutzung und Herrschaftsausübung. Das zeigte er unter anderem am Wirken von Caspar Sagittarius, der mit einem ,Forscherteam‘ diverse Landesgeschichten produzierte, verschiedene Wissensformen miteinander verbindend. Der von Martin Mulsow schon fokussierte Tobias Pfanner spielte auch in Markus Friedrichs Vortrag eine Rolle, denn als Samtarchivar in Weimar besaß er keinen geringen Einfluss auf die Verwaltung und Zirkulation des im Archiv gespeicherten Wissens.
KATRIN PAASCHs (Gotha) Beitrag, vorgetragen von Cornelia Hopf, informierte über die Bibliotheken Herzog Friedrichs II.: die Hofbibliothek mit vorrangig politischer Funktion, die zu Repräsentationszwecken prachtvoll gebundene Bibliotheca selecta sowie die Privatbibliothek des Herzogs. Besonders letztere mit ihrer stark protestantisch und regional geprägten Sammlung von aktuellen, das heißt nach 1700 erschienenen Theologica bezeugt das persönliche Interesse des Enkels Ernsts des Frommen als eines engagierten Repräsentanten des protestantischen Bekenntnisses.
WOLFGANG STEGUWEIT (Gotha/Berlin), durch viele Publikationen ausgewiesener Experte der Gothaer Münzgeschichte, sprach in seinem Beitrag „Gotha numaria – Weltsicht und Residenzkultur“ über ein anderes ausgeprägtes Interesse Friedrichs II.: die Münzsammlung und das dafür geschaffene Münzkabinett, nach Steguweit einer der schönsten Sammlungsräume für Münzen überhaupt (und heute noch nach aufwendiger Restaurierung in originalem Zustand vorhanden). Beides ist dokumentiert und in Buchform medialisiert durch das von Christian Sigismund Liebe (1687–1736) geschaffene monumentale Werk „Gotha numaria“ von 1730. Steguweit hob die Repräsentationsfunktion der bedeutenden Sammlung hervor, demonstrierte eindrücklich die ästhetische Qualität vieler Stücke und zeigte, wie sich in ihnen eine spezifische Sicht auf die Welt abbilde.
Den Schwerpunkt „Bildung“ eröffnete ANDREA THIELE (Halle/Saale). Ihr Vortrag beschäftigte sich unter dem Titel „Wahre Religion, Christliche Tugenden, Nützliche Wissenschaften“ mit den in der Gothaer Bibliothek überlieferten knapp drei Dutzend Büchern, die Magdalena Sibylla, die Gemahlin Herzog Friedrichs I., bei ihrer Übersiedlung von Halle nach Gotha mitgebracht hatte. Erwartungsgemäß finden sich unter diesen ganz offensichtlich Unterrichtszwecken dienenden ‚Schulbüchern ‘ Bibeln und erbauliche Schriften, nur zwei Poetica, interessanterweise auch ein Schulbuch von Andreas Reyher, welches belegt, das man am halleschen Hof die Schulbücher des gothaischen Gymnasialdirektors und Schulreformers benutzte. Für die Erforschung des Ortes der Fürstinnen innerhalb von ‚Wissenskulturen‘ am Hof sind deren Bücher- und sonstige Sammlungen ohne Zweifel aufschlussreich.
Zwei Beiträge befassten sich mit dem herzoglichen Gymnasium in Gotha um 1700. MIRIAM RIEGER (Gotha) untersuchte die Frage, ob es sich bei dieser Institution um eine „pietistische Schulungsstätte“ handelte und führte für die Zeit zwischen 1690 und 1710 gewichtige Argumente dafür an: eine gezielte Personalpolitik, Netzwerke des pietistisch orientierten Lehrpersonals, intensive Verbindungen zu dem aus Gotha kommenden Hermann August Francke und seiner Anstalt in Halle, während ab 1710 der pietistische Einfluss aus unterschiedlichen Gründen zurückging.
JENS NAGEL (Rostock) betrachtete den Geschichtsunterricht am Gothaer Gymnasium im Lichte der Entwicklung des protestantischen Schulwesens seit der Reformation. Er hob die Bedeutung der Geschichtsschreibung für den Protestantismus hervor, welcher eben dadurch ein Legitimationsproblem zu lösen versucht habe. Erst 1732, 30 Jahre nach Cellarius‘ bahnbrechender Einteilung der Geschichte in alte, mittlere und neue, wurde in Gotha erstmals dieses Modell gelehrt und damit auch hier die 4-Reiche-Lehre überwunden.
Die thematische Gruppe „Religion“ eröffnete DANIEL GEHRT (Gotha) mit seinem Vortrag „Sammeln, Edieren, Kommentieren. Arbeiten zur Reformationsgeschichte am Gothaer Hof um 1700.“ Er zeigte, dass Gotha – insbesondere zum Reformationsjubiläum 1717 – von der ernestinischen Dynastie bewusst zu einem protestantischen „Erinnerungsort“ gemacht wurde. Gelehrte wie Seckendorff, Tentzel und Cyprian schrieben dort an reformationsgeschichtlichen Werken und wussten die reichen Schätze in Bibliothek und Archiv zu nutzen.
ALEXANDER SCHUNKA (Gotha) sprach zu „Hofgeistlichkeit und protestantische Irenik am Gothaer Hof 1670–1740“. Ausgehend von der Feststellung einer Konjunktur der protestantischen Irenik um 1700 vertrat er die These, dass Gotha durchaus modellhaft hinsichtlich der hier herrschenden irenischen Auffassungen und Bestrebungen gewesen sei, geradezu typisch für einen mittelgroßen Hof, in keiner Weise herausragend, mit einer eher provinziellen, zu wenig vernetzten Hofgeistlichkeit. Ein Platz in der Geschichte der Irenik gebühre Gotha vor allem aufgrund der unter Ernst dem Frommen unternommenen Bemühungen, die, obgleich gescheitert, immerhin eine Reihe internationaler Kontakte hergestellt hätten. Gotha könne als eine Art „Sonde“ dienen, durch die sich das Widerspiel zwischen konfessioneller und internationaler Selbstbehauptung studieren lasse.
In der Gruppe „Hof und Dynastie“ waren drei Referate zusammengefasst. EVA BENDER (Marburg) untersuchte die Prinzenreise Herzog Friedrichs II. daraufhin, inwieweit sie als „Impuls für die Wissenskultur am Gothaer Hof“ gewirkt habe. Als Hauptziel der Reise des Prinzen und seines jüngeren Bruders in die Niederlande und nach England lasse sich, ungeachtet des strengen Unterrichts- und ausführlichen Besichtigungsprogramms, die Teilnahme an gesellschaftlichen Ereignissen bestimmen. Maßnahmen des späteren Regenten auf bestimmte Erfahrungen während der Reise zurückzuführen, sei allerdings schwierig.
STEFAN ANDERS (Osnabrück) berichtete unter dem Titel „Höfische Kulturräume in Mitteldeutschland – Kommunikation und Repräsentation im personalen Gelegenheitsschrifttum der Forschungsbibliothek Gotha“ über ein gemeinsames Projekt zwischen der Forschungsbibliothek Gotha und der Universität Osnabrück zum Gelegenheitsschrifttum. Unter den Medien höfischer Kommunikation spiele Letzteres eine wichtige Rolle. In diesen (und anderen) Texten finde die öffentlichkeitswirksame „strategische Produktion und Reproduktion des Hofes“ statt.
VOLKER BAUER (Wolfenbüttel) referierte über „Höfisches Wissen, Hofpublizistik und Mediensystem um 1700“. Er unterschied drei Ebenen, auf denen sich „Wissen am, vom und über den Hof“ manifestiere. Erstens die Ebene des Hofes als Ort der Interaktion der Herrschaftselite und der Orts- und Zeitgebundenheit von Ereignissen. Diese sei charakterisiert durch die „präsenzmediale Verfasstheit des höfischen Alltags“, in dem sich Wissen als Gebrauchswissen darstelle und interaktionsförmig erworben werde. Zweitens die Ebene der Druckpublizistik, die das Wissen vom Hof produziere und repräsentiere. Die Herrschaftsrepräsentation als Spirale permanenter Überbietung innerhalb der höfischen Gesellschaft Europas erfordere „Distanzmedien“ in Gestalt der druckgestützten Hofpublizistik, von den Höfen selbst jeweils kontrolliert und gesteuert. Davon unterscheide sich drittens die Ebene der „buchmarktgesteuerten Sekundärverwertung“ als Ressort privater und gewinnorientierter Verleger. Die Wissensproduktion insbesondere der zweiten Ebene werde hier zum Rohstoff für die zeremonialwissenschaftliche Literatur, welche das Hofleben nicht schlechthin nur beschreibe, sondern kritisch mustere und schließlich grundsätzlich in Frage stelle.
Die Tagung zeigte, dass das Thema ganz unterschiedliche Facetten umfasst, auf jeden Fall aber ergiebig und vielversprechend ist. Eine genauere Klärung des Begriffes ‚Wissenskulturen‘ wäre für künftige Studien sicher produktiv. Offensichtlich geht es nicht darum, unterschiedliche Wissensformen – Fachwissen, Herrschaftswissen, höfisches Alltagswissen – zu separieren, sondern ihre Interdependenzen freizulegen.
Konferenzübersicht
Martin Mulsow (Gotha): Hofforschung und Wissensgeschichte
Markus Friedrich (Frankfurt/Main): Archiv und Herrschaft um 1700: Das Beispiel Gotha
Kathrin Paasch (Gotha): Die Bibliothek Friedrichs II.
Wolfgang Steguweit (Gotha/Berlin): Gotha Numaria – Weltsicht und Residenzkultur
Martin Mulsow (Gotha): Gelehrte Praxis und politische Direktive. Recht, Geschichte und Theologie im Kommunikationsraum des Gothaer Hofs 1675–1732
Andrea Thiele (Halle/Saale): Wahre Religion, Christliche Tugenden, Nützliche Wissenschaften – eine Studie über die ‚Schulbücher ‘ Magdalena Sibyllas von Sachsen-Gotha (1648–1681)
Miriam Rieger (Gotha): Das herzogliche Gymnasium – pietistische Schulungsstätte?
Jens Nagel (Rostock): Geschichtsunterricht am Gymnasium in Gotha um 1700
Daniel Gehrt (Gotha): Sammeln, Edieren und Kommentieren. Arbeiten zur Reformationsgeschichte am Gothaer Hof um 1700
Alexander Schunka (Gotha): Hofgeistlichkeit und protestantische Irenik am Gothaer Hof, 1670-1740
Eva Bender (Marburg): Die Prinzenreise Herzog Friedrichs II. von Sachsen-Gotha und Altenburg als Impuls für die Wissenskultur am Gothaer Hof?
Stefan Anders (Osnabrück): Höfische Kulturräume in Mitteldeutschland – Kommunikation und Repräsentation im personalen Gelegenheitsschrifttum der Forschungsbibliothek Gotha
Volker Bauer (Wolfenbüttel): Höfisches Wissen, Hofpublizistik und Mediensystem um 1700
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Roswitha Jacobsen. Review of , Modell Gotha. Wissenskulturen am protestantischen Hof um 1700.
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