Claude Guillon. Notre patience est à bout :: 1792-1793, les écrits des Enragé(e)s. Paris: Éditions IMHO, 2009. 175 S. ISBN 978-2-915517-36-1.
Reviewed by Matthias Middell
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2010)
C. Guillon: Notre patience est à bout
Die Enragés waren eine kleine Gruppe radikal-demokratischer Revolutionäre, die sich in den Sektionen der französischen Hauptstadt und den Volksgesellschaften einiger Provinzstädte gegen eine vorzeitige Schließung der Sozialpolitik zugunsten der Begüterten, der Getreideaufkäufer und Spekulanten wehrten. Dies führte sie unweigerlich in einen Konflikt mit der Bergpartei, der sie mit ihrem hohen Engagement an der Basis der revolutionären Mobilisierung lange Schubkraft verliehen hatten.
Claude Guillon hat sich der Gruppe schon vor einigen Jahren mit einem Buch angenommen, das auch die herausragende Rolle der beiden revolutionären Republikanerinnen Pauline Léon und Claire Lacombe gewürdigt hat, nachdem zuvor vor allem der Priester Jacques Roux und sein Freund Jean François Varlet biographische Aufmerksamkeit gefunden hatten.
Nun legt Guillon eine Auswahl der Schriften aus den Jahren 1792 bis 1793 vor, die er drei Abschnitten über die direkte Demokratie, über die Sozialpolitik und über das Recht auf ein Existenzminimum sowie über den Kampf für die Frauenrechte zuordnet. Der Edition ist ein historiographischer Abriss vorangestellt, der die sowjetischen und ostdeutschen, australischen und nordamerikanischen Studien von Zacher, Markov, Rose und Slavin würdigt, aber leider nicht über Spekulationen zu den Gründen für deren Nichtübersetzung ins Französische hinauskommt. Man wüsste gern genauer, warum in diesem Bereich die Sprachbarrieren offensichtlich besonders hoch waren, obwohl die Autoren eng in einer Gruppe zusammenarbeiteten und sich im weiteren Sinne einem politischen Lager zuordneten, auch wenn ihre Vorstellungen über den und Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus in der internationalen kommunistischen Bewegung höchst unterschiedlich waren.
Um das Klima zu kennzeichnen, in dem die Texte der Enragés erschienen, trägt Guillon Auszüge aus Sektionsdebatten zusammen und systematisiert die Argumente in der jeweiligen Diskussion zur Form politischer Partizipation, zur Sozialpolitik und zu den Frauenrechten.
Liest man die Auseinandersetzung mit Fragen, die sich gerade erst im Verlauf der Revolution zum ersten Mal gestellt hatten, kann man die Faszination des Herausgebers nachvollziehen, der die politische Kreativität revolutionärer Emanzipationsphasen und das in solchen Momenten der Geschichte aufscheinende Alternativpotential hervorhebt. Wer die heutigen Debatten auf der politischen Linken verfolgt, die sich nicht mehr einer vagen Illusion hingeben, nach der kommunistischen Revolution würde sich das Problem von politischer und sozialer Demokratie einfach auflösen, sondern in der jeweiligen Gegenwart Lösungen suchen, versteht, wie aktuell eigentlich der Egalitarismus der Enragés ist. Ihre Texte wieder zugänglich gemacht zu haben ist deshalb kein geringes Verdienst dieses Bandes.
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Matthias Middell. Review of Guillon, Claude, Notre patience est à bout :: 1792-1793, les écrits des Enragé(e)s.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
August, 2010.
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