Matthias Tischer. Komponieren für und wider den Staat: Paul Dessau in der DDR. Köln: Böhlau Verlag Köln, 2009. 344 S. (broschiert), ISBN 978-3-412-20459-4.
Reviewed by Gerd Dietrich
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2010)
M. Tischer: Komponieren für und wider den Staat
Zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR „wird zusehends klar, dass sich unter der verhärteten Oberfläche der Diktatur ein kulturelles Leben von enormer Vielfalt verbarg“, heißt es im Klappentext. „Die Künstler und Intellektuellen, die in der DDR lebten und arbeiteten, waren mehrheitlich keine Regimegegner. Sie waren, nicht selten nach großen Enttäuschungen, der Idee eines sozialistischen deutschen Staates prinzipiell in kritischer Loyalität verbunden, wobei ihr Leben und Arbeiten in der ganzen Spannbreite zwischen Ratlosigkeit und Resignation von der schmerzlichen Einsicht geprägt war, dass sich ihre individuellen Vorstellungen von Marxismus, Sozialismus und Kommunismus mit denen der SED nur selten in Einklang bringen ließen.“ (S. 8) Der Musikwissenschaftler Matthias Tischer, der in München, Weimar und Berlin studierte, hat sich mit dieser Arbeit an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar habilitiert.
Zwar ist die Musik in der Geschichtswissenschaft noch nicht in gleichem Maße angekommen wie die Bilder, zwar spielt die Musik in der Geschichte der Künste der DDR noch eine eher nachgeordnete Rolle, aber schrittweise werden diese Lücken durch neue Arbeiten geschlossen. Matthias Tischer hat sich einer Jahrhundertfigur, dem großen alten Mann der DDR-Musikgeschichte Paul Dessau (1894-1979), zugewandt, der „in der frühen DDR menschlich wie künstlerisch eine herausragende Erscheinung war“ und ohne den – und seine Frau Ruth Berghaus und ihr offenes Haus in Zeuthen – „zahlreiche Künstler jüngerer Jahrgänge […] in der DDR künstlerisch nicht überlebt hätten“ (S. 5). Matthias Tischer hat neue Archivquellen erschlossen: bisher unbekannte Notenblätter, Tagebuchnotizen, kompositorische Entwürfe, Material aus den Debatten der Akademie und anderen ästhetischen Diskussionen, die Musikpublizistik analysiert und Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Dabei beschränkt er sich keineswegs nur auf die Zeit nach Dessaus Rückkehr aus dem Exil, sondern nimmt auch die Vorgeschichte in den Blick. Sinnbildhaft schon das Titelbild: jene Ecke in Dessaus Arbeitszimmer, wo die Mozart-Literatur stand, mit Bildern von Mozart, Lenin, Picasso und Dessaus Großvater Moses Berend Dessau (1821-1881).
Der bevorzugte Gegenstand der Untersuchung sind Paul Dessaus Kompositionen für Orchester. Das Buch will weder eine Biographie des Komponisten oder die Monographie einer Werkgruppe noch eine Gattungsgeschichte oder musikgeschichtliche Darstellung sein, dennoch spielen alle vier Herangehensweisen eine Rolle. Denn die Orchesterwerke werden in Beziehung gesetzt zu signifikanten Ausschnitten aus den politischen, kulturpolitischen ästhetischen und poetischen Diskursen in der DDR. Bei den ausgewählten Kompositionen, denen Matthias Tischer in konzisen Analysen nachgeht, handelt es sich um die „Orchestermusik Nr. 1“ von 1955, „In memoriam Bertolt Brecht“ von 1956/57, die „Bach-Variationen“ von 1963, die „Orchestermusik Nr. 2 – ‚Meer der Stürme’“ von 1967, die „Orchestermusik Nr. 3 - ‚Lenin’“ von 1969 und die „Orchestermusik Nr. 4“ von 1972. Mit Ausnahme von „In memoriam Bertolt Brecht“ durchweg Auftragskompositionen, die an exponierter Stelle des Musiklebens der DDR erklangen. Für diese Analysen hat Tischer sein musikwissenschaftliches Instrumentarium um literaturwissenschaftliche Theoreme Michail Bachtins (Dialogizität und Karnevalisierung) erweitert. Darüber hinaus wird die Analyse durch vier Exkurse zu „Webern in der DDR“, „Bach in der frühen DDR“, „Schoenberg n’est pas mort“ und „Beethoven 1970“ bereichert, und detailliert und kenntnisreich werden auch Dessaus Beziehungen zu Bertolt Brecht und Hanns Eisler wie sein großer Freundeskreis dargestellt, Hans Werner Henze, Luigi Nono und andere waren mehrfach in Zeuthen zu Gast.
Während in der offiziellen DDR und in der „Frontstadt“ Berlin die politischen Zuspitzungen des Kalten Krieges deutlich zu spüren waren, während in den kulturpolitischen Auseinandersetzungen „Formalisten“ und „Modernisten“ verteufelt wurden, hatte Paul Dessau keine Berührungsängste mit den Kollegen im Westen und trat geschickt und listig, zuweilen auch bissig und zornig, für die Anerkennung der Wiener Schule wie der modernen jungen Komponisten in der DDR ein. Der propagierten Doktrin des sozialistischen Realismus in der Tradition des 19.Jahrhunderts, „dem offiziell erwünschten klassizistischen Klangideal“, setzte „er mit seinem Polystilismus […] eine klare Position entgegen.“ (S. 199) Sein Anspruch, als Komponist uneingeschränkt am Aufbau des Sozialismus mitzuwirken, bedeutete auch, „dass er zusehends weniger bereit war, ästhetische Zugeständnisse an die Vorstellungen der Kulturbürokratie zu machen.“ Originaltext Dessau von 1961: „Jede falsche Konzession an den Geschmack der ‚Zwischennullen’ ist ein Verrat an der Arbeiterklasse.“ (S. 87) So gelingt es Matthias Tischer nicht nur aufzuzeigen, „wie sich die komponierten ,die schriftlichen und mündlichen Stränge des musikalischen Diskurses wechselseitig durchdrangen, sondern auch darzulegen, wie Kompromisse, Versteckspiel, Mimikry und halb echte, halb gespielte Naivität in Dessaus Wirken weniger als defizitärer Modus im Sinne einer Einschränkung der freien Äußerung und Schaffenskraft, sondern vielmehr als wesentlicher Aspekt seiner spezifischen Ästhetik und Poetik in der DDR zu verstehen sind.“ (S. 20)
Sein Resümee zu Paul Dessaus Orchesterkompositionen fasst Matthias Tischer in drei zentralen Thesen zusammen: 1. ging er von einem Komponieren „für und wider“ den Staat aus, das freilich zu bezweifeln ist. Welcher wirkliche Künstler könnte das? Auch Dessau komponierte aus seiner Tradition, seiner Erfahrung und seinem Können heraus, nicht für oder gegen die Ansichten irgendwelcher Funktionäre. Hier sollte die künstlerische Kreativität nicht mit den kritischen kulturpolitischen Positionen Dessaus und seiner prinzipiellen Loyalität gegenüber der DDR, die er verbessern wollte, verwechselt werden. Ihn in diesem Zusammenhang mehrfach als einen „gläubigen“ Sozialisten zu charakterisieren, scheint ihn eher zu unterschätzen. 2. anverwandelte Paul Dessau „verschiedene Aspekte der Brechtschen Poetik und Ästhetik seinem eigenen (instrumentalen) Komponieren“, und er bezog „kritisch reflexiv Stellung zu den Musikverhältnissen der Gegenwart im Gewande des Dialogs mit der Musikgeschichte, wie das auch bei seinen komponierten Bezugnahmen auf Arnold Schönberg, Anton Webern und Hanns Eisler deutlich wird.“ (S. 307) Und 3. war Dessaus Anspruch, auch in seinem instrumentalen Oeuvre, im weitesten Sinne politisch bekenntnishaft zu komponieren, ernst genommen worden. Er verstand sich als engagierter Musiker mit einer eigenständigen Konzeption avancierter Musik. Ein wesentliches Spezifikum der untersuchten Kompositionen Paul Dessaus dürfte sein, „dass die staatlich verordnete Inhaltsästhetik eine produktive Umdeutung hin zum Projekt eines äußerst vielschichtigen gesellschaftlich relevanten Komponierens erfahren hatte […] vielleicht stellt Dessaus Komponieren sogar einen Beitrag zu einer ‚anderen Moderne’ […] dar.“ (S. 309)
Dass die Künste in der DDR, gewollt oder ungewollt, zumindest seit den 1960er Jahren auch Aufgaben anderer gesellschaftlicher Bereiche übernahmen und zu einer Art „Ersatzöffentlichkeit“ wurden, kann mit dieser Studie wiederum nachgewiesen werden. Damit wird aber auch der künstlerische Diskurs zu einer „wesentlichen Quelle der DDR-Geschichte jenseits der ‚monologischen Rede’ der Einheitspartei“, unterstreicht Matthias Tischer zu recht. Es wäre den Zeithistorikern durchaus zu wünschen, dies hinsichtlich der Geschichte der DDR endlich stärker zu beherzigen und der traditionellen „Aktenguckerei“ einen neuen kulturgeschichtlichen Blick hinzuzufügen.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Gerd Dietrich. Review of Tischer, Matthias, Komponieren für und wider den Staat: Paul Dessau in der DDR.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
August, 2010.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=31049
Copyright © 2010 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.




